Heft 
(1880) 37
Seite
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William Harvey.

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gehoben zu werden kommt die gleich, welche sie auf die Therapie übte: auch diese ward, soweit sie auf den falschen Theorieen der Alten beruhte, von solchen befreit. Wie sehr sie der Krankenbehandlung neue Gesichtspunkte gab, geht vielleicht am schlagendsten daraus hervor, daß die Transfusion des Blutes, welch' letztere ja in unsrer Zeit nochmals so großes Aussehen machte und so große Enttäuschung brachte, ihr auf dem Fuße folgte. Als Folge seiner embryologischen Entdeckung muß man die heutige, so weit gediehene Entwicklungsgeschichte, aber auch die Gynäkologie und gynäkologische Operations­lehre betrachten.

Daß die Chirurgie, ganz besonders die Operationslehre, durch die Ent­deckung des Kreislaufs erst ihre vornehmsten wissenschaftlichen Grundlagen erhielt, dies anzuführen genügt, um deren Tragweite für dieses Gebiet wenigstens anzudeuten.

Sehen wir aber von weiteren Einzelnheiten ab und heben wir kurz zusammenfassend den allgemeinen Einfluß jener Lehre auf die ganze Entwicklung der Medicin hervor, so besteht derselbe hauptsächlich darin, daß von ihr aus die speculative Richtung der alten und die autoritative der mittelalterlichen Arzneikunde in Hintergrund treten, dagegen die neuere Auffassung der Medicin als einer in erster Linie beobachtenden und besonders experimentellen Wissen­schaft'ihren Anfang und Aufschwung nahm, als deren Consequenz wir die heutige Medicin auffassen müssen.

Haben wir früher die in der Entwicklungsstufe, welche Harvey vorfand, gelegenen, allgemeinen Anregungen betrachtet, so müssen wir nun noch mehrerer Besonderheiten gedenken, welche geeignet sind, die Entstehungsgeschichte von Harveys Entdeckungen zu vervollständigen.

Dieselben nahmen, wie schon kurz erwähnt worden, ihren Ausgang von den Untersuchungen des berühmten, durch die Erfolge seines größten Schülers wie kaum ein zweiter medicinischer Lehrer geehrten paduaner Professors Fabricius ab Aquapendente. Bereits während seiner Studienzeit muß Harvey den Gedanken gefaßt haben, die Untersuchungen des Genannten über das Herz zu ergänzen und diejenigen über die Entwicklungsgeschichte fortzusetzen und, wenn möglich, zum guten Ende zu führen.

Die Methode, welche Harvey bei seinen Untersuchungen anwandte, war vorzugsweise die inductiv-experimentelle, ohne daß er jedoch die deductive ganz unberücksichtigt ließ, im Gegentheil, er prüfte die eine durch die andere auf die Richtigkeit ihrer Ergebnisse. Zuerst stellt er die Lehren derer, die sich mit seinem Gegenstände vor ihm beschäftigt haben, in großen Zügen und, wenn uöthig, in's Einzelne gehend dar, wobei er zugleich die Stärken und Schwächen ihrer Begründung andeutet; dann widerlegt er sie durch die Ergeb­nisse seiner anatomischen und vivisectionistischen Forschungen und baut auf diese seine eignen Ansichten auf. Dabei läßt er auch die Gründe, welche aus dem Denken allein und vorzüglich, aus der matemathischen Deduction erwachsen, nicht außer Acht.