Heft 
(1878) 01
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Der Graf und die Gräfin suchten die Eltern zu längerem Verweilen zu veranlassen, diese aber blieben fest.Ich muß heute noch an Paul schreiben," bemerkte die Baronin.

Wann kommt Paul?" fragte der Graf.

In spätestens vierzehn Tagen. Er ist jetzt wieder in Wien."

Diese Reise ist auch mir eine rechte Erholung. Paul schreibt so köstlich frisch und seine Schilderungen sind so ent­zückend, daß ich alter Mann, wenn ich irgend noch Berge be­steigen könnte, selbst zu ihm eilen wurde. So muß ich mich freilich darauf beschränken, ihn im Geiste zu begleiten. Nun, in vierzehn Tagen kann ich ja meinen Jungen wieder ans Herz drücken und mir mündlich all das Herrliche schildern lassen, das er gesehen hat."

Der Graf ging nun ins Haus, um einen Diener nach dem Stall zu schicken, und auch der Baron erhob sich, und ging zwischen den Blumenbeeten auf und nieder.

Es wird alles darauf ankommen, daß Du der jungen Dame gleich von vornherein die rechte Stellung anweift," sagte unterdessen die Baronin zu ihrer Tochter.Laß Dich vor allen Dingen nicht zu viel mit ihr ein, ehe Du sie kennen gelernt hast und weißt, wie weit Du mit ihr gehen kannst. Sei jeden­falls anfangs kühl bis ans Herz hinan."

Der Graf kehrte zurück.Ich habe die Absicht, die Eltern zu Pferde bis zur Fähre zu begleiten," sagte er,reitest Du mit, Ina?"

Heute nicht, Georg. Die Kinder müssen gleich znrück- kehren und ich muß für morgen noch einige Anordnungen treffen."

Als der Wagen vorfnhr, forderte die Baronin den Grafen ans, mit ihnen im Wagen Platz zu nehmen und sein Reitpferd durch den Reitknecht nachbringen zu lassen. Alle drei saßen schon im Wagen, als die Gräfin ansrief:Du könntest die Gelegenheit benutzen und Ahlbach sein Taschenbuch mitbringen. Wer weiß, ob er es nicht vermißt, und Du kommst so wieder einmal nach Sergen."

Du hast Recht Pardon, meine Lieben, daß ich warten lasse." Der Graf sprang aus dem Wagen, eilte ins Haus und kehrte gleich darauf mit dem Taschenbuch zurück, das sein Nach­bar am Vormittag auf seinem Schreibtisch hatte liegen lassen.

Adieu, adieu!"

Die Pferde zogen an.

Unterwegs kam das Gespräch unwillkürlich wieder auf das neue Unternehmen des Grafen. Dieser war nämlich im Be­griff, eine große Domäne, die zwischen feinen Gütern lag, für eine lange Reihe von Jahren zu pachten. Die Baronin that immer wieder neue Fragen, und der Graf beantwortete sie mit großem Eifer.

An der Fähre verabschiedete sich der Graf und blieb auf der linken Seite des Stromes zurück, während seine Schwieger­eltern sich übersetzen ließen. Die Baronin blieb im Wagen, der Baron stieg aus und zündete sich eine Cigarrette an. Welch ein köstlicher Abend!" rief er, indem er stromaufwärts nach dein grünen Dach auf dem Schlosse seiner Väter hin­überblickte.

Es war in der That ein Abend, wie der alte Herr ihn liebte. Die Lust war hier auf dem Strom noch besonders mild und weich, und die Oberstäche des Wassers wurde nur bewegt, wenn ein kleiner Fisch sich über dasselbe emporschnellte. Dann entstanden kleine Ringe, die immer weiter und weiter wurden, bis die Strömung sie sanft aber schnell mit sich fortriß. Hin und wieder scharrte einer der Hengste ungeduldig auf dem Bretterboden der Fähre oder ließ ein leises Wiehern hören, worauf der dicke langbärtige Kutscher ein beruhigendesFoi, foi!" ausstieß.Sieh!" rief der Baron, als die Fähre sich dem rechten Ufer genähert hatte, und wies auf eine Lerche hin, die sich laut singend langsam erhob.Wie schade, daß Ina nicht hier ist! Wer da mit hinauf könnte!"

Die Baronin warf einen flüchtigen Blick auf die Lerche und begann dann:Das muß ich sagen, in Bezug ans Georg habe ich mich geirrt!"

Ja, meine Liebe," erwiderte der Baron und blickte seine

Frau mit seinem gutmüthigsten Lächeln an,in Bezug auf Georg hast Du Dich erfreulicherweise gründlich geirrt."

Ich hätte nie geglaubt," fuhr die Baronin fort, als spräche sie zu sich selbst,daß sich je aus diesem oberflächlichen, leichtsinnigen jungen Menschen ein so tüchtiger, so umsichtiger Mann entwickeln würde. Ich irre mich selten in einem Men­schen, sehr selten; aber in diesem Falle habe ich mich geirrt."

Georg war immer ein lieber prächtiger Junge, liebe Frau."

Ja, was Ihr so einenlieben prächtigen Jungen" nennt. Du kannst doch nicht leugnen, lieber Leopold, daß auch Du ihm nur ungern unsere Tochter gabst?"

Das kann ich allerdings nicht leugnen, aber ich wüßte auch wahrlich niemand zu nennen, dem ich unser herrliches Mädchen gern gegeben hätte."

Der Baron warf seine Cigarrette mit einer heftigen Be­wegung ins Wasser und stieg in den Wagen. Der Gedanke, daß er seine Tochter hatte weggeben müssen, schien ihm noch jetzt nach zehn Jahren wehe zu thun.

Hätte ich gewußt, daß Georg einmal so werden würde, wie er geworden ist," fuhr die Baronin fort,so hätte ich auch nicht einen Augenblick geschwankt. Er wird als steinreicher Mann enden. Du hättest Dir seine Anschläge ansehen sollen, Leopold! Sie sind mit wahrhaft erstaunlicher Sorgfalt und aller erdenklichen Umsicht gearbeitet. Ich wünschte, wir hätten viele solche Landwirthe wie ihn. Rotenhof ist eins der best- bewirthschafteten Güter, die ich kenne."

Ich meinestheils halte mich mehr daran, daß unsere Ina eine der glücklichsten Frauen ist, die ich kenne."

Die Fähre hatte das Ufer erreicht, die Pferde galoppirten die steile Böschung hinauf und eilten dann in raschem Trabe dem nahen Campbellshof so hieß das Gut der Camp- bells zu.

II.

Der Graf war unterdessen am linken Flußnfer zurück­geblieben und wartete auf den Reitknecht, der ihm sein Pferd bringen sollte. Als die Fähre sich in Bewegung gesetzt hatte, kam die Frau des Fährmanns aüs ihrer Hütte und küßte dem Grafen die Hand.

Nun, wie geht es der Kuh?" fragte dieser.

Gott sei Dank, gnädiger Herr, sie ist wieder gesund. Sobald ich ihr die Tropfen, die der gnädige Herr mir mit­gab, unter die Tränke goß, wurde sie sichtlich gesunder. Tau­send Dank dafür!" .

Sie wollte dem Grafen wieder die Hand" rüsten, aber dieser entzog sie ihr und klopfte ihr ein paar Mal freund­schaftlich auf die Schulter. Er sah ihr dabei in die Angen und er fand, daß sie hübsche blaue Augen hatte und überhaupt eine hübsche junge Frau war.

Wie geht es denn sonst?" fragte er, indem er sich nach einem flachen Stein bückte und diesen über die Wasserfläche schnellen ließ. Der Stein sprang weit und hüpfte fünf, sechs Mal.

Gut, gnädiger Herr! Wir kommen vorwärts."

Nun? Und mit Eurem Manne seid Ihr auch zufrieden?"

Ganz und gar, gnädiger Herr!"

Der Reitknecht war unterdessen herangekommen und führte dem Grafen das Pferd zu.Na, bei Euch ist alles in Ord­nung," sagte dieser lachend, klopfte der erröthenden Frau auf die Wange, schwang sich aufs Roß und sprengte davon.

Die junge Frau schützte ihre Augen mit der Hand gegen die Strahlen der untergehenden Sonne und blickte ihm lange nach.Es ist doch ein Vergnügen, ihn nur zu sehen," dachte sie.

Der Graf ritt in kurzem Galopp die Straße entlang. Er war meist heiter und guter Dinge, aber heute Abend war er ganz besonders fröhlich. Das Lob, das seine Schwieger­mutter seiner wirthschaftlichen Tüchtigkeit ertheilt hatte, die Ueberzeugnng, daß das neue Unternehmen ein lohnendes sei, der köstliche Abend, zu guterletzt noch das Gespräch mit dem hübschen jungen Weibe das alles hatte ihn in die beste Laune versetzt. Dazu galoppirte der neue Grauschimmel, den