Heft 
(1878) 01
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einzelne Diebstähle und Betrügereien gegen einen anderen Dienst­herren zn Schulden kommen lassen, ein Jahr nach dem Brande ! 1870 ist er wegen Diebstahls und Betruges von dem Kreis-

!! gerichte zu Wanzleben mit 6 Wochen Gefängniß bestraft worden.

! Gesetzt auch den Fall, er habe mit jenem Diebstahl von einem

Vs Scheffel Mehl den ersten Schritt auf der Verbrecherlaufbahn ! gethan und den Entschluß des Selbstmordes gefaßt, so gab es

! doch ein viel einfacheres, schnelleres und sichereres Mittel er

! hatte einen Strick und Nägel gibt es in jeder Mühle! Statt

i dessen bindet er sich mit dem Stricke die Füße an den Knieen,

mit einem zerrissenen Vorhemd beide Hände auf dem Rücken zusammen und stopft sich als Knebel fein Taschentuch in den Mund, derartig, daß ihm die Luft vergeht und er, als er von den Zeugen gefunden wird, nach Entfernung des Knebels erst wieder durch Athemzüge ein schwaches Lebenszeichen von sich gibt. Wir fragen, wie in aller Welt hat er denn mit dem Taschentuch sich derartig den Mund verstopfen können? Man läßt es sich gefallen, daß er vielleicht mit Hilfe der Stiefel­absätze die Schleife um beide Hände fest zugeschnürt hat, aber dann mußte er doch jedenfalls das Taschentuch schon im Munde haben, denn nachdem er sich die Hände auf den Rücken ge­bunden, war dies nicht mehr möglich. Ist es nun aber glaub­haft, daß er mit dem Knebel im Munde, der ihm zum min­desten einen Theil der Luftwege verschloß, das immerhin ge­raume Zeit in Anspruch nehmende Zusammenbinden der Hände vorgenommen hat? Und wenn er es gethan, weshalb verstopfte er sich den Mund, da er ja mit der Mühle zusammen ver­brennen wollte! In diesem Zustande will er sich auf den Rücken geworfen und nun total die Besinnung verloren haben. Aber die Zeugen bemerken aus der Ferne, wie er ohne fremde Hilfe sich die Treppe herabkollert und unten nochumherhüpft".

Kanu das ein Mensch, dem total die Besinnung geraubt ist? Muß sich jemand, der 20 steile Stufen geknebelt und hilflos herabstürzt, nicht körperlich verletzen, oder hat er erst durch den Fall die Besinnung verloren? Die Zeugen finden ihn ohne solche und er bleibt fünf Stunden lang bewußtlos.

Als er seiner Sinne wieder mächtig wird, will er gehört haben, daß von den Umstehenden der Namen Schräder ausgesprochen wurde, und daran gedacht haben, daß Schräder in Verdacht gestanden, vor 2 Jahren die Mühle Könnickes angesteckt zu haben. Aber Könnicke bekundet eidlich, daß er wegen jenes Brandes den Schräder niemals im Verdachte gehabt und daß sowohl während als nach der Bewußtlosigkeit des Günther keine im Zimmer an­wesende Person den Namen des Schräders genannt habe. So­fort nach wiedergekehrtem Bewußtsein verlangt Günther nach dem Bürgermeister und erzählt eine halbe Stunde später, nach­dem er fünf Stunden bewußtlos gewesen, mit den kleinsten Einzelheiten ein überaus complicirtes Märchen, in welchem er einen ganz unschuldigen Menschen der schwersten Verbrechen wider besseres Wissen beschuldigt. Ist das psychologisch erklärbar?

Ist es möglich, daß die Wiederkehr in das Leben mit der größten und schändlichsten Lüge beginnt, oder sind cs Phan­tasiegebilde gewesen, die ihn umgaukelt haben? Aber er hält sieben lange Jahre daran fest, bis ihm endlich doch zu sehr das Gewissen schlägt und er sich selbst denunzirt. In dieser Zwischenzeit aber stiehlt und betrügt er, wird auch wegen Miß­handlung eines Menschen mit sechs Wochen Gefängniß bestraft und wandert aus einem Dienste in den anderen.

Wir sehen, wie in der Selbstanklage des Günther immer eine Uuwahrscheinlichkeit der anderen auf dem Fuße folgt. Es mag ja sein und es gehört ja nicht geradezu, wie dies auch durch das ihn verurtheilende Erkenntniß festgestellt ist, in das Bereich der Unmöglichkeit, daß Günther, um jenen kleinen Diebstahl zu verdecken, die Mühle in Brand gesetzt hat; es mag sein, daß er mit der Selbstfessclung eine Komödie auf­geführt hat, nicht um sich durch Feuer zu tödten, sondern um sich zu retten und in möglichst drastischer Weise die Spur des Verbrechens auf eine andere Fährte zu locken, aber der Knebel im Munde, seine eigene auf dem Rücken in Brand ge- rathene Kleidung, seine Lage unter den herabstürzendeu glühen­den Trümmern, seine fünfstündige Bewußtlosigkeit ...

Wer will es wagen, diesen Schleier zu heben?

Am Aamikientische.

Eine beruhigende Ehrenrettung.*)

Erlauben Sie einem langjährigen Abonnenten," schreibt uns Herr Meßmer ans Buffalo N. ?).,etliche Bemerkungen über den Coloradokäfer" im Anschluß an den betreffenden Artikel des Herrn Dr. Brauns in Nr. 43 Ihres Blattes. Die originelle Vertilgung der ersten Ankömmlinge desselben zn Mühlheim a. Rh. hat hier nicht wenig Stoff zn Witzen gegeben, und erst gestern las ich in einer hiesigen deutschen Zeitung denAufgefangenen Brief eines ausgeräuchertcn Coloradokäfers an seine Verwandten in Amerika", worin er aus eine ergötzliche Weise die schmachvolle Behandlung erzählt, die ihm im Lande der Denker zn Theil geworden sei, und ihnen den Rath gibt, ja zn Hanse zu bleiben rc. Doch abgesehen von solchen Witzen, wünscbt gewiß jedermann, daß die im alten Vaterlande angewendeten Maß­regeln ihren Zweck erreichen möchten, obgleich wir uns dabei eines leisen Zweifels nicht zu erwehren vermögen.

Aengstliche Gemüther mögen bei der furchtbaren Gefräßigkeit und Vermehrungskraft der kleinen Unholde bereits Hungersnot!) und Elend im Anzuge sehen. Ihnen znm Trost sei hier aus der Heimat des Coloradokäfers, wo er bereits unstreitig seine größten Thaten ver­richtet hat, die Nachricht, daß alle Anzeichen vorhanden sind, daß wir hier trotz allen Käfern eine geradezu ausgezeichnete Kartoffelernte haben werden. Nie sah ich die Kartoffelfelder schöner stehen; ganze Wagenladungen der schmackhaftesten Kartoffeln kommen täglich in die Stadt, und bereits ist der Preis auf ein Drittel ja ein Viertel des vorjährigen herabgesnnken.

Sie vermnthen vielleicht, daß der Coloradokäfer in hiesiger Gegend noch nicht, oder doch nicht zahlreich erschienen ist. Leider ist das Gegen- theil der Fall. Derselbe hat im vorigen Jahr die Kartoffelernte theil- weise zerstört. Doch gab es schon damals aufgeweckte Landwirthe, die durch rechtzeitiges Einschreiten einen Theil ihrer Ernte retteten und in den hohen Prersen vollkommenen Ersatz für den angerichteten Schaden fanden. Der hohe Preis war auch für die Majorität unserer Landwirthe eine zn große Lockung, als daß sie das Risiko nicht auf sich genommen hätten, trotz der Käfer ihre Aecker mehr als je zuvor mit Kartoffeln zu bestellen. Ganz besonders war es eine äußerst feine und schmack­

*) Die vorstehenden Mittheilungen des Herrn Meßmer, für die wir bestens danken, werden gewiß allseitig beruhigend wirken. Trotz­dem wird man gut thun, in seiner Aufmerksamkeit nicht nachzulassen, denn ein gefährlicher Gast bleibt der Coloradokäfer immerhin. D. R.

haste Frühkartoffel (Early Rose), die massenhaft angcbant wurde; und das nicht allein wegen ihrer Güte, sondern auch, weil ihre frühe Reife am meisten Garantie bot, sie vor dem Feinde zn retten. Zwar waren auch mit den ersten Keimen die Küfer da, aber nnn zog jedermann täglich zn Felde, den Feind durch fleißiges Ablesen zn schlagen. Das Resultat war wie oben erwähnt.

Ob dieses Ablesen allein dem Umsichgreifen der Plage Einhalt gethan hat, oder ob noch andere Ursachen mitwirktcn, ist schwer zu entscheiden. Nicht lange nach dem Wiedcrauftreten des Küfers hieß es, er sei nicht so schlemm und zahlreich wie im vorigen Jahr, ja man sprach davon, daß Läuse ihn tödten. In der That fand mein Nachbar-Kollege in North-Bnfsalo in Gemeinschaft mit einem Arzt bei einer mikroskopischen Untersuchung nicht weniger als 11 Läuse auf einem Käfer. So ist in dein großen Haushalte der Natur dafür ge­sorgt, daß auch solche Plagen wieder ein Ende finden, womit freilich der Gleichgiltigkeit und Trägheit nicht das Wort geredet sein soll.

Aehnlich scheint cs sich auch mit der Heuschreckenplage zn ver­halten. Während die einen von der Strenge des Winters, den Regen­güssen des Frühjahrs, ja von kleinen Milben, welche die Heuschrecken heimsuchen sollten, von Vögeln, die sie verzehrten, hoffnungsvoll das Ende der Plage erwarteten, verwiesen andere trübselig diese Er­wartungen ins Reich des Humbugs und prophezeiten angesichts der un­geheuren Brutstätten noch größeres Unheil als je zuvor. Gott sei Dank! Die Schwarzseher sind gründlich zn Schanden geworden. Fehlt es uns auch an einer eingehenden wissenschaftlichen Analyse, um die Ursache der Abnahme dieser schrecklichen Plage zn erklären, so besagt doch die einzige Thatsache, daß die bisher am meisten von den Hell­schrecken heimgesnchten Staaten: Minnesota, Iowa, Nebraska, Kansas und Missouri dieses Jahr 55 Millionen Bushel Weizen mehr zn Markt bringen werden als im vorigen, mehr als alle anderen. So möge denn niemand bei irgend einer Heimsuchung den Muth verlieren, son­dern durch Fleiß und Einsicht der Gefahr zn begegnen suchen, dann wird der Segen von oben nicht fehlen. _

Inhalt: Unser Graf. Erzählung von Th. H. Pantenius. Eine historische Fuge. Von Max Allihn. Zn dem Bilde von H. Kaulbach: I. S. Bach und Friedrich d. Gr. Unter der Linde. Lieder ans der deutschen Vergangenheit. 14. Von Carl Stieler. Die Hnn- gersnoth in Indien. Mit Uebcrsichtskärtchen. Der Prozeß Schräder- Günther. Von H. Engelcke. Das neueste Bild des Reichskanzlers. Am Familientische: Eine beruhigende Ehrenrettung. Von Meßmer.

Herausgeber: vr. Moöerl Koenig und tztzeo-or Kerum»» Aanteuius in Leipzig. Für die Redaktion verantwortlich: Htto Klasirrg in Leipzig. Verlag der Zlaheirn-Krpeditio« (Kelchagen H Ftlaiing) in Leipzig. Druck von M. H. Leugner in Leipzig.