Genius seines Herrschers. Seine Tyrannei im Innern wird dem Imperator verziehen, weil er die alte Gesellschaft zerstört und eine neue unter dem Schutz seines Degens (ll l'udri 6s sou bpss) auf demokratischer Grundlage geschaffen. „II vsnuit," heißt es schon am Schluß der Revolutionsgeschichte, „8ous los korrasZ uioimrolligaos oonkinusr In rsvolukiou äans 1s inoiräs," und, setzt der Historiker hinzu: „In. lidsrts äsvuik vsilir NN sonr". In diesen Worten liegt der Kern seiner Auffassung jener Zeiten, eine Ansicht von dem Doppelbedürfniß seiner Nation nachinnerer und äußerer Bewegung.
Und mit diesen seinen Verdiensten als Geschichtsschreiber ist der Kreis seiner Bildungsinteressen keineswegs ganz umschrieben. Thiers war ein nicht gewöhnlicher Kunstsammler und Kunstkenner, ja er trug sich am späten Abend seines Lebens mit dem Plan eines kunstgeschichtlichen Werkes. Gewiß eine ganz seltene Anhäufung von Talenten, vielleicht einzigartig in unserer Zeit. Und es ist nur echt französisch, daß er wie in seinem öffentlichen Handeln, so auch in seinen Studien durchaus von Frankreich als dem Mittelpunkte beider ausgeht. Die universelle Wissenschaft, wie sie der deutsche Geist kennt und pflegt, ist eben nicht französisch.
Und unterstützt wurden diese seltenen Gaben des Handelns und der geistigen Produktion durch die gleichfalls ungewöhnliche Ausstattung zum persönlichen Verkehr, zur Konversation des Salons, bei unfern Nachbarn jenseits der Vogesen der unentbehrlichen Ergänzung des öffentlichen Lebens. Auch hier verließ den kleinen Mann mit der großen Brille, mit dem unschönen Aeußern, den uneleganten Manieren nie jene Heiterkeit des Geistes, die schon Voltaire vor allem dem französischem Staatsmanns anwünscht, nie die unverwüstliche Aufgelegtheit, die lieber selbst spricht, als andere zu Wort kommen läßt.
Deutschland nimmt heute zu dem Verstorbenen geradezu eine umgekehrte Stellung ein, als vor drei bis vier Jahrzehnten, und nicht blos darum, weil der Tod versöhnt. Damals sah es in Thiers den dreisten Gegner seiner nationalen Wünsche, seines gesicherten Besitzes. In und nach dem großen Kriege von 1870 und 1871 hat es den klugen und ehrlichen Staatsmann achten gelernt. Hat das Vertrauen zu ihm Bel-
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fort für Frankreich retten helfen, so hat sein Geschick auch die Erfüllung der Friedensbedingungen zu überraschend schnellem Ende geführt. Deutschland hat keinen Grund zu grollen, es ist frei genug, bei aller Kritik anzuerkennen, wenn es auch eine ausgleichende Nemesis darin erkennt, daß dieselbe Hand, die 1840 sich lüstern nach der Rheingrenze ausstreckte, 1871 den Vorfrieden mit dem Opfer von Elsaß-Lothringen unterzeichnen mußte. Möglich, daß er, wie er ein geschworener Feind der Einheit Italiens und ein Vertheidiger der weltlichen Papstherrschaft war und blieb, auch die deutsche Einheit trotz unserer robusten Kraftbethätigung nur als eine geschichtliche Episode ansah. Auch der Größte ist ein Sohn seines Volkes und seiner Zeit, und französischer Ruhm nährt sich gern von deutscher Zwietracht.
Und Frankreich? — Es wird seinen größten Staatsmann, nach Menschenurtheil den Mann der Lage, in den heranbrechenden Stürmen schwer vermissen. Allerdings — Persönlichkeiten wechseln, nur Ideen dauern; aber wenn diese znm Handeln drängen, so sind ihre persönlichen Träger unentbehrlich, unersetzlich. Um so rascher vielleicht werden sich die Geschicke erfüllen! Thiers war eine vermittelnde, keine gewaltsame Natur. Fehlt es an solchen die starren Gegensätze versöhnenden Kräften, so stoßen die Gegensätze selbst auf einander. Ob dann die Leidenschaften der Massen oder die Staatsstreiche der einzelnen die Oberhand behalten werden, das ist das Räthsel der Zukunft.
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Diese Sätze waren geschrieben und gedruckt, als das nachgelassene Manifest von Thiers, auch eine Stimme „ck'onirs- toirUs", erschien. Es enthält die Summe seines öffentlichen Lebens, und ist eben sowohl das Vermächtniß eines abgeschlossenen Wirkens wie ein Programm der Zukunft, ja eine Brandfackel in die hoch aufgeschichteten Zündstoffe der Gegenwart. Der Alte kämpft noch fort mit seinen Stichworten „nationale Souveränität, Republik, Freiheit, strengste Beachtung der Gesetze, Kultusfreiheit, Friede", und an dem Regime des Augenblicks werden diese Hiebe nicht ungefühlt und ohne Folgen ab- prallen. Es sind Worte, die sich leicht in Thaten umsetzen können.
Zeichen der Zeit in Konstantinopel.
„Der Sultan gab ein Diner zur Feier der Aufnahme eines Prinzen in den Islam und hatte dazu das diplomatische Corps eingeladen. Da diese Feier echt türkisch ist, so gab man uns auch ein echt türkisches Diner, natürlich ohne Messer und Gabeln und ohne Wein. Den Anfang der zahllosen Schüsseln machte ein gebratenes Lamm, inwendig mit Reis und Rosinen gefüllt. Jeder riß sich ein Stück ab und langte mit den Fingern hinein; dann folgte Helwa, eine süße Mehlspeise mit Honig, dann wieder Braten und ein süßes Gericht, bald warm, bald kalt, bald sauer, bald süß. Jede einzelne Schüssel war vortrefflich, die ganze Combination aber für einen europäischen Magen schwer begreiflich, und das alles ohne Wein. Das Eis wurde in' der Mitte der Mahlzeit gegeben; endlich forderten wir dringend den Pillaw, welcher stets den Beschluß der Mahlzeit macht. Dann wurde noch eine Schüssel Wuschaff oder ein Aufguß auf Obst auf die große runde Scheibe gestellt, an der wir aßen, und mit Löffeln geleert. Bor und nach der Mahlzeit wäscht man sich. Es sah sehr Possirlich aus, die Diplomaten in gestickten europäischen Uniformen an einer solchen Tafel zu erblicken. Man band jedem ein langes gesticktes Tuch um den Hals, als ob er barbirt werden sollte und überließ ihn dann seinem Schicksal."
Diese Schilderung der Tafel des Sultans stammt ans dem Jahre 1836, und der sie niederschrieb, ist kein geringerer Gewährsmann als Feldmarschäll Moltke. Wir wiederholen diese Beschreibung hier, nicht nur weil sie an und für sich interessant ist, sondern auch, um neben ihr den Gegensatz des heutigen türkischen Hoflebens zu konstatiren. Denn so viel sich auch das Alttürkenthum sträuben und wehren mag, seine Stunde hat geschlagen und unaufhaltsam dringt zu allen Poren ihm das abendländische Wesen in Haus und Hof, in die Familie, nur nicht in den Staat ein, denn so lange der Islam und der Koran in der Türkei gelten, wird von europäischen Reformen in unserem Sinne nie die Rede sein.
In Konstantinopel macht es gegenwärtig ungeheures Aufsehen, daß eine bürgerliche englische Dame, Frau Layard, vom Sultan Abdul Hamid zur großherrlichen Tafel gezogen wurde. Es ist dies ein Ereignis;, welches die rechtgläubigen Türken mehr beschäftigt, als die Kämpfe im Schipkapasse oder bei Plewna, und die Kritik auf den Straßen und in den Kaffeehäusern Konstantinopels ruht und rastet nicht.
An dem Diner nahmen der Sultan, der Großvezier, der Minister der auswärtigen Angelegenheiten, sowie eine Anzahl hoher Würdenträger Theil. Frau Layard wurde von ihrem Gemahl, dem britischen Geschäftsträger, eingeführt. Das Essen war vollständig in französischer Weise hergerichtet und der Sultan machte in der liebenswürdigsten
Am Kamitientrsche.
Weise den Wirth. Er selbst trank Scherbet, während für die christlichen Gäste Wein ans der Tafel stand. Se. Majestät erhob sich und schlug vor, das Wohl der Königin von England ausznbringen, die sich in so hervorragender Weise der türkischen Verwundeten angenom men und Frau Layard abgeschickt habe, damit diese die Bandagen, Charpie re. vertheile, eine Aufgabe, welcher diese Dame in vorzüglicher Weise nachgekommen sei.
Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht von diesem Diner des Sultans in Gegenwart einer christlichen Dame durch die Stadt. Man erinnerte sich, daß die früheren Sultane, die Paris und London besucht hatten, dort wohl neben den Kaiserinnen und Königinnen gespeist hatten — aber in Konstantinopel, im Serail eine europäische Dame an der Tafel des Sultans, das war noch nicht vorgekommen. „Gewiß," so tröstete man sich, speiste sie nur im Haremlyk, nicht im Selamlyk!" — „Nein, nein," lautete die positive Kunde, sie aß - o Schrecken! — im Selamlyk!"
Das Haremlyk ist, wie wir erklären müssen, die Abthcilung der Weiber und hier ist ja schon manche europäische Dame gastfreundlich ausgenommen worden; aber im Selamlyk, der Männerabtheilung des Hauses, und nun gar des großherrlichen Hauses, noch nie. Daher der Sturm! In jedem guten türkischen Hanse wird in der That des Mittagsessen in zwei verschiedenen Zimmern ausgetragen: einmal für den Hausherren und seine Gäste, dann in einem anderen für die Frauen und Kinder und diese Schwelle darf kern Fremder überschreiten.
Die Rechtgläubigen schütteln die Köpfe. Sollte Abdul Hamid ein Reformer sein? Man weiß, daß er Cigarretten aus der eignen Cigarrentasche seinen Gästen bietet, was noch nie ein Sultan that, daß er, was auch noch kein Großherr vor ihm that, mit seinen Ministern in denselben Wagen ausfuhr, daß er gelegentlich die Grüße seiner Unter- thanen erwidert und nicht mehr verlangt, daß ihm Begegnende vom Pferde steigen. Noch mehr. Abdul Aziz hatte ein vollgepfropftes Harem — Abdul Hamid hat nur ein Weib. Was soll da aus der Türkei werden? Th. M.
Inhalt: Unser Graf. (Fortsetzung.) Erzählung von Theodor Hermann Pantenius. — „Das Roß ist des Königs, der Reiter ist mein." Bild von I. Chelminski. — Unter der Linde. 1l. Lieder von Stieler. — Die tscherkessischen Sklavinnen in der Türkei. — Die Mnttergottes- erscheinungen in Dittrichswalde. Von einem Katholiken. — Thiers. Von 0. W. Herbst. Mit Porträt. — Am Familientische: Zeichen der Zeit in Kvnstantinopel.
Herausgeber: l)r. Robert Koenig und Theodor Kermann Rantenius in Leipzig. Für die Redaktion verantwortlich. Ktto Ktastng in Leipzig. Verlag der Daheim-Expedition (Kethagen L Ktastng) in Leipzig. Druck von U. H. Teubner in Leipzig.