Heft 
(1878) 02
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leuchtend bevormundende Minister, eifersüchtig auf feine Stellung, zur den un- Jntrigue geneigt, arbeitete er manchmal heimlich gegen das, was er öffentlich hatte gut heißen müssen. Auch Thiers selbst ^llien- sich seiixn Staatsmännern an, er, der vielleicht alle die

Genannten an politischem Erfindungsgeiste, an dem Reichthum rnglrchen immer neuer Auskünfte und Mittel für die Ziele und Zwecke nng ehe- i^r Verwaltung übertraf. Er befaß als Minister und Kümmer­st. baut- redner freilich nicht die Würde und ruhige Sicherheit des ge- 1s plus borenen Aristokraten, er behielt noch lange die Unruhe des och diese emporkommenden Strebers. Seinem Talent ließ man bald, voll von seinem Charakter nicht immer Gerechtigkeit widerfahren. Die en, uns Gegner sahen nur den Ehrgeizigen, ja den Geldgierigen. Man wir sie zweifelte sogar und was heißt das in den Augen der Fran- can kann ^sen an seinem persönlichen Muthe. Das letztere ohne allen ) Aber Grund, denn Thiers hat zweifellose Proben größter Unerschrocken- inndob- ßbit gegeben. Auch war der Ehrgeiz, wenngleich eine starke, Million". so hoch keineswegs die Haupttriebfeder seines politischen Wirkens, sichichts- Ex wollte Ordnung und Freiheit, die Freiheit und den Ruhm Selbst- eines parlamentarischen Frankreichs, das Königthum auf der stemora- breiten Basis der Volkssouveränität; er wollte die Ideen von örtlicher 1789, wie sie vor allen fein großer ProvemMischer Landsmann gelt sich Mirabeau vertreten hatte. Er besaß den Staatssinn, der die ab, die Ordnung unter allen Umständen festhalten und dem Gesetz Ach- rsfe von joog schaffen will. Selbst vor den unpopulären September- auch in gesehen des Jahres 1835, die nach Fieschis grauenvollem Atten- ehalten, late unter anderem die Preßfreiheit fast auf das Niveau der der Er- Juliordonnanzen herabsetzten, schreckte er nicht zurück. Und nach wespon außen sollte Frankreich möglichst wieder die alte Rolle des - Wahr- leitenden Staates übernehmen. Er kannte seine Franzosen, die rn den ohne Gloire neben der Libertö. nicht leben können. Auch hier ^anze hatten die Minister mit der persönlichen Politik des Königs iährung und dessen dynastischer Selbstsucht zu kämpfen. Dieser wollte rtigung vor allem Befestigung seiner Dynastie, die ohne das entgegen- Form kommende Vertrauen der übrigen Großmächte undenkbar war. Autor, Daher seine fast unbedingte Friedenspolitik trotz der kriegs- ndlung, drohenden Fragen in Polen, Italien, Belgien, Spanien, der Schweiz, dem Orient.

>us ge Immer mehr bildete sich ein Gegensatz zwischen dem kon-

influß- stitutionellen Westen und den drei altkonservativen Höfen des

tanges, Ostens, den Staaten der heiligen Allianz heraus. DasHerz- Sinter- liche Einvernehmen" (sntorlls ooräiala) mit England, Talleyrands r zeich Werk, war der Anfang dieser Gruppenbildung, die im Sinne des Liberalismus nach außen zu wirken suchte. Der König aber iahnen, suchte, je länger je mehr, auch hinter dem Rücken seiner Mi-

sicrung nister eine Anlehnung an die sogenannten absolutistischen Höfe,

w Ge- Thiers lebte ganz in der bezeichneten Richtung, energischer als

vieder- irgend ein anderer Minister des Auswärtigen. Ihm stand

Auto- Frankreichs europäische Machtstellung über den Interessen der

sin un- Dynastie. Schon während seiner ersten Ministerpräsidentschaft

reihest (Februar bis August 1836) betrieb er eine bewaffnete spanische

utirten Intervention zu Gunsten der liberalen Königin gegen Don

egnern Carlos. In der elften Stunde scheiterte der Plan an dem

iparti- Widerstande des Königs.

erzehn Thiers nahm seinen Abschied, um im Frühjahr 1840 nach

; un- dem Sturz des Ministeriums Mols wieder an die Spitze des

ndung Kabinets zu treten. Bald ließ sich von neuem der kriegerische

nh hat Ton hören. Die Einholung der Asche des großen Soldaten-

ich die kaisers durch den volksthümlichsten Sohn des Königs, die Be­il und festigung von Paris, recht eigentlich Thiers Werk, und schon

r und 1833 von ihm geplant, waren die einleitenden Schritte. Es gab

w der keinen Punkt der auswärtigen Politik, worin sich alle Parteien

er der mehr eins wußten, als in dem Rufe nach der Rheingrenze,

lards, Dahin richtete Thiers nach der Niederlage der französischen

w ge- Politik in der Orientfrage die Augen der Nation. Der Chau- taats- vinismus ist nicht von heute und gestern, er bestand lange vor

Aber seinem Namen, er ist ein Erbübel der großen Nation, das jeder

Zolls- ihrer Staatsmänner wie eine einzulösende Schuld übernimmt,

't, der Aber auch hier trat des Königs Veto der vom Ministerium

enen) geforderten Kriegsrüstung entgegen, und Thiers, ohnehin dem

l ns Souverän wegen seiner Eigenmacht unbequem, trat abermals

d oft ^ das Privatleben zurück, in der Kammer auf die Seite der

gegen Opposition gegen das langjährige Ministerium Guizot. Er schien

der Mann des Tages zur Zeit der Februarrevolution 1848. Von seinem Schilde gedeckt, glaubte der König sich anfangs halten zu können. Da sich das als unmöglich erwies, rieth auch Thiers zur Thronentsagung, bereit, die Regentschaft der Herzogin von Orleans zu stützen. Aber wie mit einem Schwamm wurde diese episodische Dynastie von der Tafel der Geschichte weggefegt, die Republik proklamirt. Thiers nahm unter den Konservativen, den sogenannten Burggrafen, Theil an der Na­tionalversammlung, noch immer an eine Herstellung des Hauses Orleans glaubend. Das zweite Kaiserthum kam, das für Thiers, der von Anfang an in dem Neffen keine Wiederkehr des Onkels sah, keinen Platz hatte. Louis Napoleon ließ diesen gefähr­lichsten Gegner am Tage des Staatsstreichs verhaften, ins Aus­land verweisen. Zurückgekehrt, trat Thiers erst 1863 in den gesetzgebenden Körper. Die tiefe Noth seines Landes fand den Greis 1871 rathend, helfend, rettend, was zu retten war.

Seine in aller Gedächtniß lebenden Thaten bedürfen hier keiner Auffrischung. Es schien eine zweite Jugend über den Alten gekommen zu sein. Auf eigene Hand suchte er im Sep­tember 1870 die Intervention der großen Höfe nach, unter­handelte im Oktober über einen Waffenstillstand, wurde im Februar 1871 Haupt der vollziehenden Gewalt der Republik und Unterzeichnete im April die Friedenspräliminarien zu Ver­sailles. Die Zerstörungen der Pariser Commune trafen auch sein Wohnhaus an dem Platz St. Georges, das der Staat wieder herstellte. Im August 1871 ernannte ihn die Republik zu ihrem verantwortlichen Präsidenten. Sein Wirken in dieser höchsten Stelle, die das Vaterland zu vergeben hatte, im In­teresse der Wiederaufrichtung des Staates kann an die staats- männische Arbeit des Freiherrn vom Stein in dem gefallenen Preußen von 1807 bis 1809 erinnern. Er ward der Be­freier des Landes, der Hersteller des zerrütteten Staates. Im Mai 1874 trat er von diesem Amte zurück, um seitdem in literarischer Muße, aber auch dann das Orakel seiner)Partei, seine Stunde abzuwarten. An der Republik,der Partei Frankreichs.", hat er festgehalten trotz feiner staatsmännischen Antecedeuzien. Man wird doch glauben müssen: aus Ueber- zeugung, nicht aus Selbstsucht. Auch wenn sein bekanntes Wort, Frankreich habe nur einen Thron zu vergeben, und drei Prätendenten, und schon darum sei die Republik die einzig übrigbleibende und mögliche Staatsform, nicht ganz stichhaltig ist. Denn genau so lagen, äußerlich wenigstens, die Verhält­nisse in den Jnlitagen 1830. Aber interessant ist der Kreis­lauf seines politischen Denkens und Lebens. Seine Jugend wie sein Alter ist republikanisch; damals war es der enthusiastische und optimistische Traum einer erfahrungslosen Jugend, am Lebensabend die Resignation des pessimistischen Alters, gewiß ohne Glauben an die dauernde Lebenskraft einer französischen Republik. Thiers zweite große literarische Arbeit, die bände­reiche Geschichte des Konsulats und des Kaiserreiches, ein Er- zeugniß seiner Muße nach seinem letzten Ministerium unter Louis Philipp, schloß sich als natürliche Fortsetzung unmittelbar an die Revolutionsgeschichte an. Es ist das ungleich reifere Werk, reich an glänzenden Partien, überall von der gewachsenen staats­männischen Erfahrung zeugend. Meisterhaft z. B. werden die gesetzgeberischen Akte des Kaiserreichs behandelt. Ueberall die Farbe des Lebens und der Praxis. Es ist die Apologie des französischen Kriegsruhms. Klassische Schlachtenbilder, meist auf der Selbstschau des Terrains ruhend, wie das von Marengo, Austerlitz u. a., wo Thiers in seinem Elemente ist, sprechen von den militärischen Neigungen und der strategischen wie taktischen Einsicht des Autors, deren er sich nicht ohne Selbstgefälligkeit bewußt war, die ihm ein Admiral noch an seinem Grabe nach- rühmte. Freilich werden sie dem Gegner keineswegs überall gerecht. Denn einseitig ist auch dies Werk durch und durch. Die Kritik erreicht in der Regel nur dann den Kaiser, wenn er über jedes vernünftige Maß hinaus eine unhaltbare Welt­herrschaft anstrebt oder der Verbindung des Ruhms mit der Freiheit widerstrebt.

Was aber der Unterjocher gegen die übrigen Völker des Weltheils gefrevelt, das erscheint im ganzen als der natürliche Ausdruck französischer Ueberlegenheit und des überragenden