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Am folgenden Morgen kamen die Campbells, nm nach Frau Ina zu sehen. Die Baronin machte der Tochter, nachdem sie sich mit ihr begrüßt und sich nach ihrem Befinden erkundigt hatte, Vorwürfe, weil sie den Arzt dazu bewogen, der Baronin gegenüber von ihrer Erkrankung zu schweigen, schalt Amalie tüchtig aus, weil diese ihr nicht von sich aus Nachricht gegeben hatte und nahm dann auf einem an Inas Couchette herangerückten Sessel in ihrer Lieblingsauslage Platz, das heißt, sie lehnte sich weit zurück und legte beide Arme lang auf die Armlehnen des Sessels. Der Baron setzte sich auf das Fußende der Couchette und betrachtete seinen Liebling mit sorgenvollem Gesicht.
Man sprach von diesem und jenem, dann fragte die Baronin: „Nun und wie gefällt Dir denn die neue Gouvernante? Der Doktor ist ja ganz entzückt von ihr."
„Gar nicht, Mama."
„Das ist wenig, mein Töchterchen!" lachte der alte Baron.
„Wirklich? Gar nicht?" fragte die Baronin, den Kopf schüttelnd. „Und warum denn nicht?"
„Erstens ist sie noch ein vollkommenes Kind. Nun, Ihr werdet sie ja selbst sehen, macht Euch aber nur gleich auf einen Backfisch im langen Kleide gefaßt. Zweitens ist sie sehr unwissend. Ich wohnte vorgestern einer Rechenstnnde bei, und es erwies sich, daß diese seltsame Gouvernante nicht einmal mit benannten Zahlen zu dividiren verstand. Buchstäblich. — Drittens —"
„Aber, beste Ina," unterbrach sie der Baron, „das kann doch nur scheinbar gewesen sein. Du hast das junge Mädchen, durch Deine Gegenwart blöde geinacht und sie ist zerstreut geworden."
„Nun, sie ist, wie Ihr gleich hören werdet, nichts weniger als blöde. Drittens also —"
„Pardon, daß ich Dich unterbreche, Ina — behalte Dein Wort — aber sie hat doch ihr Gouvernantenexamen gemacht?"
„Wie sie das fertig gebracht hat, weiß ich nicht, Mama; aber was ich Euch erzähle, ist eine Thatsache."
Der Baron schüttelte den Kops, die Baronin blickte starr vor sich nieder und sagte: „Seltsam!"
„Ihr meint, sie sei durch meine Anwesenheit zerstreut worden," fuhr Frau Ina fort, „und das ist natürlich, da Ihr sie noch nicht kennt. Sie ist aber in Wahrheit viel zu wenig blöde. Neulich war der Aceise-Grünhof hier — er machte uns einen Besuch — und sie führte bei Tische das große Wort, als ob sie die Hausfrau wäre. Dazu kommt, daß sie für Herren, wie es scheint, einen Haken hat. Grünhvf war sichtlich entzückt, der Doktor ist entzückt. Wir können uns also daraus gefaßt machen, daß unser Haus demnächst um der Gouvernante willen der Sammelpunkt für die Herrenwelt des ganzen Kreises werden wird."
Das Gesicht der Baronin wurde immer nachdenklicher. „Das ist freilich schlimm," sagte sie „und es wird dadurch nicht besser, daß ich es, wie Du Dich erinnern wirst, voraus gesehen und voraus gesagt habe. Es taugt eben nichts, eine Standes- genossiu zur Gouvernante zu machen. Wäre sie bürgerlich, so konntest Du ihr jetzt einfach sagen: Sie gefallen mir nicht, mein Fräulein, setzen Sie gefälligst Ihren Wauderstab weiter; jetzt aber muß irgend eine anständige Form gefunden werden. Es wird kaum etwas anderes übrig bleiben, als daß Ihr die Mädchen für ein Semester in Pension gebt oder eine größere Reise macht."
„Wenn Fräulein Heinersdorf Dich indirekt dazu bewegen sollte, daß Du Dich endlich dazu entschließest, Dich für ein Paar Monate von Georg zu trennen und uns nach Italien zu begleiten, so würde ich jedenfalls ihr Andenken segnen," lachte der Baron im tiefsten Baß.
Zu Mittag speisten die Campbells mit den Kindern, um Fräulein Heinersdorf persönlich kennen zu lernen. Als sie das Schlafzimmer verlassen hatten, bemerkte der Baron: „Juachen muß auch fiebern. Bemerktest Du, wie hastig sie sprach, ganz gegen ihre Gewohnheit, und wie ihre Augen leuchteten?"
„Ina fiebert allerdings," erwiderte die Baronin, „aber nur wenig."
Alice gefiel den beiden Alten. Die Campbells gefielen ihr, und sie gefiel den Campbells. Diese fühlten ihr nach verschiedenen Richtungen hin, wie man sagt, auf den Zahn, anfangs schüchtern, nachher recht kräftig, aber sie bestand die Prüfung in Ehren. Der Baronin gefiel ihr bescheidenes Auftreten, der kunstfreundliche Baron wurde schon durch ihr Aeußeres bestochen. Als sie zu Frau Ina zurückkehrten, sagte die Baronin:
„Ich weiß nicht, was Du willst. Mir hat das junge Mädchen außerordentlich gefallen."
„Mir auch," fügte der Baron hinzu, „und was das Rechnen mit benannten Zahlen anbetrifft, so stehe ich Dir dafür, daß eben nur Zerstreutheit vorlag. Das kleine Persönchen hat sehr hübsche Kenntnisse, wenn sie auch noch nicht ganz verdaut sind."
Die Worte der Eltern gingen Ina wie Dolchstiche durchs Herz. Also selbst sie nahmen gegen ihre eigene Tochter Partei für die Fremde! Sie ließ sich übrigens nichts merken und brachte das Gespräch auf ein anderes Thema.
Als die Mutter für die Nacht dableiben wollte, widersetzte sie sich diesem Vorhaben auf jede Weise und bewog dieselbe schließlich wirklich dazu, nach Hause zu fahren. Sie hatte nur den einen Wunsch: allein zu sein, wie sie gestern allein gewesen war. Und so saß sie denn bald wieder allein und spann sich dichter und dichter ein in das Netz, gewoben von Liebe und Eifersucht, das ihr den gesunden Sinn mehr und mehr ein- schuürte. Nichts störte sie in diesem traurigen Beginnen. Im Zimmer war es so still, daß Amaliens Stricknadeln ein vernehmbares Geräusch machten, draußen strömte der Regen und rollte dazwischen der Donner. Allmählich wurde der Donner stärker und stärker, und die Dunkelheit sank so rasch herab, daß Amalie, die schweigend am Fenster saß, ihren Strickstrumpf bei Seite legte und hinausblickte. Blitz folgte auf Blitz, das Rollen des Donners nahm kein Ende. Amalie schellte und ließ die kleinen Mädchen rufen, die sich ängstlich neben der Mutter hinkauerten. „Gottlob, die Eltern müssen schon zu Hause sein," dachte Ina. „Wie schön, daß Georg nicht zu Hause ist. Wenn er jetzt draußen wäre!"
Ein weißer Blitz fuhr im Zickzack nieder, und der Donner erschütterte das Schloß in seinen Grundfesten. Die Fenster klirrten, als ob in nächster Nähe eine Explosion stattgefunden hätte.
„Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes!" sagte Amalie laut, stand auf und zündete die Kerzen aus der Toilette an.
Der Gräfin fuhr ein seltsamer Gedanke durch deu Kopf, ein wunderbarer unsinniger Gedanke, aber in gewissen Lebenslagen kommen uns solche Gedanken. Sie wollte eine Frage stellen an das Schicksal. Der Gras war jetzt in der Stadt, also fünfzehn Meilen von Rotenhof, und es war ziemlich gewiß, daß er erst am folgendeil Tage zurückkehren würde. Trat er nun doch jetzt gleich, noch während des Gewitters in ihr Zimmer, so sollte das ein Zeichen sein, daß er sie nicht mehr liebte, daß er die Gouvernante liebgewinnen würde.
Die Gräfin fuhr sich mit der Rechten über die Stirn, wie um den unsinnigen Gedanken zu verscheuchen, aber in demselben Augenblick schrieen die Kinder laut auf: „Papa, Papa!"
Die Gräfin machte eine Bewegung nach vorn, streckte die Arme weit aus und sank dann ohnmächtig zurück.
Der Graf war auf das höchste erschreckt. Die Diener hatten ihn zwar davon unterrichtet, daß seine Gemahlin krank sei, sie hatten aber gleich hinzugefügt, daß es sich nach dem Ausspruche des Arztes nur um ein vorübergehendes Unwohlsein handele. Er und Amalie bemühten sich nun, die Gräfin wieder zum Bewußtsein zu bringen, und es gelang ihnen bald. Als Frau Ina die Augen aufschlug, schlang sie ihre Arme um den Hals ihres Mannes, drückte ihren Kopf an seine Brust und brach in Thränen aus. Georg winkte Amalie, und sie verließ zugleich mit den kleinen Mädchen das Zimmer.
Georg blieb bewegungslos auf dem Rande der Couchette sitzen und strich nur zuweilen beruhigend mit der Rechten über das reiche Haar seiner Frau. Es war ganz still im Zimmer, man hörte nur das dumpfe Rollen des immer schwächer wer-