Heft 
(1878) 06
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denden Donners und das Rauschen und Plätschern des Regens, der noch immer in Strömen fiel. Frau Ina bewegte von Zeit zu Zeit den Kopf wie eine Kranke, der ein nagender peinigender Schmerz nicht Ruhe halten läßt.Georg," flüsterte sie leiden­schaftlich,Georg, liebst Du mich?" Hätte Frau Ina diese Frage vor acht Tagen gethan, so hätte ihr Mann nach bestem Wissen und GewissenJa!" sagen können; denn damals hielt er noch die Freundschaft und Dankbarkeit, die er für sein Weib empfand, für Liebe. Er sagte auch jetzt:Gewiß, Ina, ich liebe Dich, so sehr nur ein Mann sein Weib lieben kann!" Aber eine Blutwelle schoß ihm dabei heiß zu Kopf, denn er sprach die Unwahrheit, und er wußte, daß er die Unwahrheit sprach.

Frau Ina raffte sich auf.Vergib, mein Liebling," sagte sie, indem sie ihr von Thränen überströmtes Gesicht zu ihn: erhob,vergib; ich bin krank und die schwüle Lust hat meine Nerven angegriffen."

Als sie ihm in die Augen sah, in die Hellen leuchtenden Augen, die sie so liebte, da kam ihr der Gedanke, ihm jetzt offen zu sagen, wie es um ihr Herz stand; aber sie verwarf ihn wieder. Liebte er sie wirklich, wie er sagte, so war keine Gefahr, und wenn er sie nicht liebte, nicht mehr liebte was lag dann daran, den Bruch hinanszuschieben.

So dachte sie, während sie mit einem Blicke voll heißer Liebe auf Georg sah und in ängstlicher Spannung den Aus­druck seines Gesichtes, seines Auges beobachtete. Sie fand in ihnen die alte warme Liebe.Nein, ich liebe Dich nicht mit der Liebe, die Du in mir glaubst," dachte der Gras,und ich habe Dich nie mit ihr geliebt; aber was thut das? Achte ich Dich nicht hoch, liebe ich Dich nicht als mein kluges, sanftes, herrliches Weib, als meiner Kinder Mutter? Und werde ich Dich nicht immer so lieben? Nein, ich durfte doch aussprechen, was ich vorhin sagte."

Die beiden saßen so eng umschlungen wie sonst und küßten sich wie sonst, und doch war alles anders geworden, und sie fühlten es beide, obgleich sie es nicht aussprachen.

Der Graf, der keine Ahnung von den Empfindungen hatte, die Frau Ina erfüllten, suchte seine Frau zu zerstreuen. Er erzählte ihr ausführlich von seinen Geschäften, von den ge­sellschaftlichen Begegnungen, die er gehabt, und von den kleinen Skandalen, die gerade die Klatschmäuler der Stadt in Be­wegung setzten. Die Gräfin ging auch darauf ein, fragte nach diesem und jenem und schien sich sichtlich wohler zu fühlen. Sie legte sich wieder auf die Couchette und ließ sich durch Amalie eine Tasse Thee bringen. Der Graf verließ sie auf einen Augenblick und kehrte dann in Begleitung eines Dieners, der eine Anzahl Schachteln und Schächtelchen trug und sie im Boudoir der Gräfin Amalie zum Weitertransport übergab, zu­rück. Der Graf kam nie aus der Stadt nach Hause, ohne für jeden Hausgenossen etwas mitzubringen, und er Pflegte aus dem Mitgebrachten immer erst eine kleine Ausstellung für seine Frau herzurichten.Das ist für Dich," sagte er, indem er eine prachtvolle Robe aus der Schachtel hob und sie der Gräfin hiuhielt. Es war hellblau und weiß gestreifte Seide, der Rock breit, der Ueberwurf schmal gestreift, letzterer mit Rosetten aus­genommen, wie es damals eben Mode wurde.

Dazu kamen noch ein Paar reizende hellgraue, nach russischer Art reich mit Silber gestickte Pantöffelchen. Die kleinen Mäd­chen erhielten allerlei für ihre Puppen, die Gouvernante ein paar hübsche kleine Berliner Vasen, Amalie einen Plaid, die Dienerschaft Kleider, Westen, Halstücher.

Die Gräfin dankte ihrem Gemahl mit einen: Kuß und war mit allem wohl zufrieden. Eine Schachtel war noch nicht ausgepackt.

Nun noch eine Bitte, Jnachen. Du warst ja, glaube ich, dabei, als wir mit der Kleinen vom Reiten sprachen. Ich glaube, sie wollte nicht recht daran, weil sie kein Reitkleid hatte. Da habe ich ihr nun eins für Dich mitgebracht. Das mußt Du ihr schenken."

Der Graf war, während er diese Worte sprach, damit beschäftigt, die Schnur, mit welcher die Schachtel umwickelt war, zu losen; er bemerkte es daher nicht, daß seine Frau er­

bleichte und unwillkürlich die Hand aufs Herz legte. Die Gräfin wollte in diesem Augenblicke nicht zu Amalie Hinüberblicken, aber sie konnte nicht anders, und Amaliens Gesicht war so finster, als wäre die Katastrophe, die sie kommen sah, schon vor der Thür. Die Gräfin wandte sich nach der Wand hin und seufzte schwer.

Der Graf fuhr auf.Hast Du Schmerzen, Ina?" fragte er, indem er an die Couchette Herantrat.

Die gnädige Frau hat starke Schmerzen," erwiderte Amalie für ihre Herrin.

Sollen wir Dich allein lassen, Ina?"

Die Gräfin nickte. Der Graf beugte sich zu ihr herab, küßte sie auf die Stirn und ging dann leise aus dem Zimmer.

Im Saal fand er die Kinder und die Gouvernante. Die Freude darüber, ihn wiederzusehen, sprach so deutlich aus allen dreien, daß er sich auf das angenehmste davon berührt fühlte. Er selbst war nie krank und fast immer heiter; Krankheit und Thränen waren ihm daher im höchsten Grade zuwider. So war er froh, wieder in lachende Augen sehen zu können, und war bald in der besten Laune. Er schickte endlich einen Diener ab, um die bei Frau Ina zurückgebliebenen Geschenke zu holen. Als Amalie diese zusammenraffte, griff sie auch nach dem Rcitkleid.

Was willst Du damit?" fragte die Gräfin.

Das kann der Herr ihr selbst abgebeu."

Die Gräfin fuhr von der Couchette auf.Was unter­stehst Du Dich!" rief sie mit leuchtenden Augen.Lege die Schachtel sofort wieder hin."

Amalie gehorchte schweigend.

Im Saale herrschte große Freude. Die Kinder tanzten jubelnd umher, und auch Alice zeigte deutlich, daß sie auf das angenehmste überrascht war.

VIll.

Der Graf ritt am folgenden Morgen sofort nach Camp- bellshof, um den Arzt über den Zustand der Gräfin zu be­fragen. Dieser gab nur schlechten Trost: es sei leider nicht un­möglich, ja nicht einmal ganz unwahrscheinlich, daß bei der Gräfin ein zwar ungefährliches, aber langwieriges und schmerz­liches Nebel in der Entwickelung sei. Die Patientin müsse jeden­falls nach jeder Richtung hin sorgsam geschont und vor jeder Anstrengung oder Aufregung behütet werden.Na ja, letztere ist freilich in diesem Falle nicht zu befürchten," fügte der Doktor lachend hinzu.Ich wüßte wahrhaftig nicht, worüber Ihre Frau Gemahlin sich aufregen sollte." Der Graf dankte dem Doktor, bat ihn um Entschuldigung, daß er ihn habe wecken lassen, und ritt davon. Bald nahmen ihn die Tagesgeschäfte so in Anspruch, daß er darüber die traurigen Aussichten für den Gesundheitszustand seiner Frau vergaß. Auch zu Hause hatte er nicht die Zeit, mit der Familie zu frühstücken, und mußte sich schließlich in aller Hast umkleiden, um nur recht­zeitig an der Mittagstafel erscheinen zu können. Er war müde und hatte in hohem Maße das Bedürsniß, sich zu zerstreuen.

Als er den Speisesaäl betrat, trat Alice auf ihn zu.Ich muß Ihnen, Herr Graf," sagte sie,für die freundliche Ver­mittelung des hübschen Geschenkes danken, durch welches Ihre Frau Gemahlin mich in so liebenswürdiger Weise überrascht hat."

Der Graf blickte mit großem Wohlgefallen auf ihr durch eine gewisse Schüchternheit noch verschöntes Gesichtchen herab O bitte, mein Fräulein," erwiderte er,ich verdiene Ihren Dank nicht. Das Kleid kommt ja nicht von mir, sondern von meiner Frau, und ich werde überdies für meine geringe Mühe schon dadurch belohnt werden, daß ich künftig meine Spazier­ritte in Ihrer Gesellschaft werde machen können. Du wirst ja leider in diesem Sommer jedenfalls auf das Reiten verzichten müssen, Ina."

Allerdings. Fräulein Heinersdorf hat übrigens keine Ursache, damit unzufrieden zu sein, da auf diese Weise meine Stute frei wird."

O bitte, gnädige Frau! Ich würde cs nie wagen, Ihre Stute zu besteigen. Es war, denke ich, die Rede von einem ehrwürdigen alten Herrn, einem Schimmel, wenn ich nicht irre."