Heft 
(1878) 06
Seite
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Ein solcher ist allerdings vorhanden; aber nehmen Sie das Anerbieten meiner Frau nur an, der alte Herr wird Ihnen hoffentlich bald gar zu sanft erscheinen. Aber wir werden ja sehen. Friedrich, sage dem Reitknecht, er möge für das gnädige Fräulein den Schimmel und für mich den Wallach satteln. Er soll auch die Reitleine anlegen. Ich bin über­zeugt, mein Fräulein, daß Sie bald Lust am Reiten finden werden."

Sobald die Tafel ausgehoben war, zog sich Alice zurück, um das Reitkleid anzulegen. Der Graf umfaßte seine Frau, küßte sie und fragte zärtlich:Wie geht es, Ina?"

Ich danke Dir, ich fühle mich wohler," war die Antwort.

Als die Pferde vorgeführt worden waren, ging die Gräfin, obgleich sie heftige Schmerzen hatte, mit den Kindern hinab in den Hof und sah zu, wie diese die Pferde mit Brot fütterten, das sie ihnen aus der flachen Hand reichten. Der Graf hatte den Schimmel in der ersten Zeit ihrer Ehe geritten, und er erinnerte die Gräfin an manchen köstlichen Abend.Es möge kommen, wie es wolle," dachte sie,die Erinnerung an mein früheres Glück kann mir wenigstens niemand rauben." Als aber jetzt Alice erschien, frisch und reizend wie eine Rosen­knospe, als die Kinder, hingerissen von dem Liebreiz, der auf ihr lag, auf sie zueilten, sie umfaßten und ausriefen:Nein, wie reizend find Sie, Fräulein," als selbst der Stallknecht sie anglotzte wie ein höheres Wesen da lohte in Frau Ina die Eifersucht so jäh und wild auf, daß sie sich umwandte und rasch ins Haus schritt.

Der Graf begegnete ihr im Vorsaal.Wohin:" fragte er,Du mußt doch mit ansehen, wie die Kleine ihren ersten Reitversuch macht."

Die Gräfin eilte schweigend an ihm vorüber. Der Graf blickte ihr einen Augenblick verwundert nach und folgte ihr dann. Beste Ina," sagte er,fühlst Du Dich wieder unwohler?" Die Gräfin sank in einen Sessel, beugte ihren Kopf herab auf den Tisch und brach in Thronen aus.

Der Graf biß sich auf die Lippen, aber beherrschte sich: Ina war krank.Ich will Fräulein Heinersdorf sagen, daß Du Dich nicht wohl fühlst, und will bei Dir bleiben," sagte er freundlich und wandte sich zum Gehen.

Ich bitte Dich, thue es nicht. Ich flehe Dich an reitet!"

Der Graf ergriff ihre Hand.Laß mich bei Dir bleiben," bat er.

Nein, nein, nein! Auf keinen Fall! Ich bitte Dich, reitet nur aus."

Der Graf wandte sich rasch um und ging. Diese Nervo­sität, dieses ganz unmotivirte Pathos war unerträglich.

Als er den Hof betrat, glättete sich seine Stirn.Was für ein reizendes Mädchen," dachte er. Als er Alice in den Sattel geholfen und sie gelehrt hatte, wie ihr Händchen die Zügel halten müsse es ließ sich dabei nicht vermeiden, daß er das Händchen auch berührte war jeder Mißmuth von ihm gewichen.

Jetzt reiten wir anfangs ein wenig Schritt," sagte er, als sie sich in Bewegung gesetzt hatten, und amüsirte sich über den Ausdruck kindlichen Vertrauens und harmloser Wißbegierde, mit dem Alice zu ihm aufblickte,nachher reiten wir dann nur kurzen Galopp. Das ist für den Anfänger die bequemste Gangart."

So geschah es. Sobald sie den Park hinter sich hatten, gingen die Pferde in Galopp über. Alice wunderte sich selbst darüber, daß sie so muthig war; aber sie hatte das Gefühl, daß ihr in der Gesellschaft des Grafen unmöglich etwas zu­stoßen könne.

Der Graf seinerseits blickte mit Behagen auf das junge Mädchen.Die wird mit der Zeit eine tüchtige Reiterin werden," dachte er und freute sich schon darauf, wieder ein­mal in Gesellschaft einer Frau einen tüchtigen Ritt thun zu können.

So," sagte der Graf, als sie den Wald erreicht hatten, lächelnd,erschrecken Sie nicht, ich werde meinen Arm um Ihre Taille legen, damit Sie nicht herabfallen; wir wollen doch wieder etwas Schritt reiten."

Er zwang fein Pferd an das ihre heran, umfaßte sie und zügelte die Thiere. Als er sie so umfaßt hielt, lächelte er, während die Berührung durch seinen Arm in Alice ein wun­derbares Gefühl wachrief, über das sie selbst erstaunte. Ihre Bewegung entging dem Grafen nicht, und er amüsirte sich dar­über wie ein Manu, der als Knabe eifrig den Krammets- vögeln nachgestellt hat und nun im späteren Alter, da ihn die Drosseln nichts mehr angehen, eine solche in die Schlinge gehen sieht.Es ist gut, daß wir uns erst jetzt begegnet sind," dachte er,vor einem Dutzend Jahren wäre ich kein Kumpan für Dich gewesen."

Der Abend war wundervoll. Die Birken dufteten, die Vögel sangen, ein leiser Wind trieb den beiden die milde weiche Frühlingsluft ins Gesicht.

Sie sind wohl ganz in der Stadt erwachsen?" fragte der Graf.

Ja. Ich bin aber eine leidenschaftliche Freundin der Natur."

Wie gewöhnlich die Städterinnen. Lassen Sie den Zügel nur loser so aber Sie haben doch auch schon auf dem Lande gelebt?"

Ja, ich habe meine Ferien bei dem Grandenschen ver­lebt. Der Grandensche ist ein Bruder meiner verstorbenen Mutter."

Granden ist ein hübsches Gut? Plicht wahr?"

Es ist hübsch gelegen, aber das Wohnhaus ist recht alt und verfallen, und für den Garten kann mein Onkel nicht viel thun. Mein Onkel ist nicht reich er hat, als mein armer Vater Berghof verkaufen mußte, viel verloren."

Alice sah sehr traurig aus, als sie diese Worte sprach. Beides, ihre Trauer und ihr Vertrauen zu ihm, rührte den Grafen. Er wußte, daß der alte Heiuersdorf das Vermögen seiner Frau und das ihrer fämmtlichen Verwandten in kürzester Frist auf die schnödeste Weise verschlampt und verspielt hatte, wie er denn auch jetzt noch jeden Kopeken, den er sich irgend­wie und irgendwoher verschaffen konnte, in Speise und Trank umsetzte, die er heimlich, aber doch nicht ganz allein genoß, und darum rührte ihn derarme Vater" nur um so mehr.

Sie haben wohl eine recht schwere Jugend verlebt?" fragte der Graf weiter.

Ja und nein. Zn Hause war es ja oft recht einsam, und wir mußten uns ja sehr einschränken Papas Rente ist nur klein und das Leben in der Stadt jetzt sehr theuer aber ich habe doch auch viele Freundinnen gehabt, und mein guter Papa hat alles gethau, um mir eine frohe Jugend zu schaffen. Und dann" hier sah Alice den Grafen voll au Armuth schändet nicht, und unser Wappenschild ist rein und unbefleckt."

Du liebe Seele," dachte der Graf,wenn Du wüßtest, daß Deines PapasRente" in dem Gelde besteht,,das er sich zu Johannis alsBruder" zusammeubettelt; daß alles, was er für Dich gethan hat, darin bestand, daß er Deinen Ver­wandten erlaubte, für Dich zu sorgen; daß niemand Dein Wappenschild annähme, auch die nicht einmal, die überhaupt gar keins haben!" Als der Graf ferner daran dachte, daß sie das doch einmal erfahren könnte, fühlte er, wie sich sein Herz mitleidig zusammenzog.

Diese Gedanken gingen dem Grafen durch den Kopf; er sagte aber nur:Gewiß, mein Fräulein."

Diejenigen, die nicht adlig sind," fuhr Alice fort,be­haupten wohl, der Adel sei zu nichts da, als um seine Träger hochmüthig zu machen. Sie irren aber. Das Bewußtsein, aus einer Familie entsprossen zu sein, deren Glieder durch so viel Jahrhunderte immer ehrenhaft handelten, gewährt eine kräftige Stütze. Ich kann mir nicht denken, daß zum Beispiel jemand, der Heinersdorf heißt, je unedel handeln könnte. Ich denke mir, daß schon unser Name hinreicht, um jede Versuchung von uns fern zu halten."

Dem Grafen war die Wendung, die das Gespräch ge­nommen hatte, unendlich peinlich.Sie haben ganz recht, liebes Fräulein," sagte er rasch,aber mau muß den Werth der Familientraditivn auch nicht überschätzen. Die Hauptsachen