87
sind denn doch die persönlichen Eigenschaften des einzelnen. Wenn es Ihnen übrigens recht ist, so kehren wir jetzt um."
Auf dem Rückwege fragte der Graf nach Alices Schul- frenndinnen, nach den Familien, in denen sie verkehrt, endlich auch nach den jungen Leuten, mit denen sie getanzt hatte. „Ich muß doch herausbekommen," dachte er, „ob die Kleine schon verliebt ist." Seine freundliche Art bewirkte, daß Alicen das Herz ausging. Sie erzählte lebhaft und gestikulirte dabei so sehr, daß sie fast vom Pferde gefallen wäre. Es war ihr eine Wohlthat, endlich wieder einmal so recht von der Leber weg plaudern zu können und sie fühlte sich dem Grafen gegenüber schon ganz vertraut. „Nein," dachte der Graf, „sie hat noch nie geliebt; glücklich der Mann, für den einmal dieses Herz in Liebe erglühen wird."
Als sie im Schloßhofe vom Pferde stiegen, hatten beide das Gefühl, einen schönen Abend verlebt zu haben. „Wir müssen recht oft spazieren reiten," sagte der Graf.
„An mir soll es nicht fehlen," lachte Alice.
Der Graf begab sich zu seiner Frau. Ihm war frisch und fröhlich zu Muthe, aber diese Stimmung verließ ihn, nachdem er eine Weile bei ihr zugebracht hatte. Frau Ina hatte vom Weinen geröthete Augen und verhielt sich, wie er fand,
sehr theilnahmlos. Er sprach von diesem und jenem, aber sie ging auf kein Gespräch recht ein. Es war das ja natürlich, denn sie war krank, aber es war nicht gerade sehr unterhaltend. Der Graf verstummte endlich auch, und beide saßen schweigend neben einander. Der Graf war sehr müde, und im Zimmer war es sehr still, so sann er denn erst darüber nach, wovon er wohl seine Frau unterhalten könnte, dachte dann an das Gespräch mit Alice und au den alten Heinersdorf, und träumte endlich, daß er mit Alice nach Nowaja Derewnä (ein Ort bei Petersburg) ritt. Sie saß auf einem wunderschönen schneeweißen Zelter, und alle Spaziergänger blieben stehen und blickten ihr nach.
Plötzlich fuhr er zusammen und erwachte. Die Gräfin lag noch immer auf der Couchette und hatte die Augen geschlossen. Sie hatte, Gottlob, offenbar gar nicht bemerkt, daß er eingeschlafen war. Er erhob sich leise und ging auf den Zehen der Thüre zu. Dort wandte er sich noch einmal nur und blickte zurück. Die Gräfin bewegte kein Glied.
Er ging hinaus.
Und doch hatte Frau Ina alles gesehen, ach, und wie gesehen! Georg schlief in ihrer Gesellschaft ein.
(Fortsetzung folgt.)
persönliche Erinnerungen aus den Jahren 1848—1850.
IV.
Selbstverständlich war mit der deutschen Proklamation ein neues Moment in die nächste Entwickelung ausgenommen und man darf dies nicht ignoriren, wenn man anders den Verlauf richtig darstellen und verstehen will, indem man anstatt der bisherigen zwei Nuancen fortan mit deren vier zu rechnen hat, nämlich außer mit den Bürgerlich-Constitntionellen und der mehr republikanisch gefärbten Arbeiterpartei auch noch mit „deutschen Patrioten" und „preußischen Partiknlaristen". Freilich gingen diese verschiedenen Pärteidenominationen und Bestrebungen damals noch wüst durcheinander und ich habe wiederholt enragirte preußische Partiknlaristen dort gefunden, wo ich es am wenigsten vermnthete.
Die nächste Frage, bei welcher die Parteien ihre Kräfte maßen, war die Bestattung der Tvdten und insbesondere die Frage, ob die Bestattung der Todten von Civil und Militär eine gemeinschaftliche sein solle.
Das aus den städtischen Behörden zusammen getretene Kommittee sprach sich für die Gemeinsamkeit aus und erließ durch öffentlichen Anschlag folgenden Aufruf: „An alle Preußen! Bürger! Im Kriege ist jeder Bürger Soldat! Soldaten! Im Frieden ist jeder Soldat Bürger! Bürger und Soldaten! Umarmen wir uns als Brüder desselben Vaterlandes und erweisen wir unseren gefallenen Mitbrüdern gemeinschaftlich die letzte Ehre. Ein Friedhof umfasse die Leichen der Gefallenen und ein einiger Trauerzug, Bürger und Soldaten Arm in Arm fei ihr Geleite. Derselbe Frieden, der die Gefallenen im Grabe vereint, möge die Lebenden umschließen. Das Kommittee für die Bestattung unserer Todten: L. Becker, Stadtverordneter. Dove, Professor an der Universität. W. Ermler, Kommerzien- rath. Hedemann, Stadtsyndikns. Karger, Buchdrucker. Lewald, Justizkommissar. Otto Schomburgk. Schulze, Stadtschulrath".
Obschon dieser Aufruf von verschiedenen Seiten unterstützt wurde, behielten doch die „Unversöhnlichen" zunächst die Oberhand. Man witterte in jenen versöhnlichen Bestrebungen bereits militärische Reaktion und verlangte die gesonderte Bestattung der Todten vom Civil, um die „Feier zu einer rein bürgerlichen, das bürgerliche Heldeuthum verherrlichenden zu machen."
In Folge dessen fand die Beerdigung der bürgerlichen Leichen am 22. März gesondert auf dem Friedrichshaiu statt und zwar wurden zunächst von dem evangelischen Prediger Sydow, dem katholischen Kaplan Rnlandt und dem jüdischen Rabbiner Sachs auf dem Platze vor der neuen Kirche die sogenannten Weihreden gehalten. Die Rede auf dem Kirchhofe selbst hielt Herr Sydow und schloß dieselbe mit folgender Prophezeiung: „In dem Denksteine, der diese Stätte zieren wird, welche die Gebeine der Märtyrer unserer Freiheiten und Rechte
umschließt, wird eine Seele heiliger Erinnerung wohnen. Künftige Geschlechter sollen zu ihm pilgern und er wird ihnen von den großen Zeichen berichten, die Gott der Herr in diesen schweren Zeiten gethan, und er wird Kindern und Kindeskindern zur Waruung und zur Lehre, zu Trost und stolzer Freude von den Leiden und Thaten ihrer Väter und Mütter erzählen." Der Redner hat selbst noch erlebt, in wie weit diese Prophezeiung eingetroffen.
Nachdem der Bischof Neander den Segen gesprochen, hielt der Assessor Jung noch eine nicht ans dem Programm stehende Rede, in welcher unter anderem folgender, auch für die Gegenwart nicht uninteressanter Passus vorkommt: „Fort auf ewig in die Nacht der Vergessenheit mit allen Scheidemauern der Menschen, tragt sie ab die Barrikaden Eures Herzens, nachdem Ihr die des Kampfes abgetragen habt. Es gibt keinen Pöbel, keine rohen Haufen, kein Gesindel mehr, denn wir, so sprechen die Todten, haben mit unserem Blute Euren Bürger- und Freiheitsbrief besiegelt." Heute stimmt dies nicht mehr ganz.
Inzwischen war es das eifrigste Bestreben der Berliner Bürgerschaft, eine bewaffnete Bürgerwehr in das Leben zu rufen, und wenn hierbei auch zuerst die Komik einige Nahrung fand, wenn man den Professor unter Führung eines Studenten die Wache beziehen, den Wirklichen Geheimen Rath unter dem Kommando eines Subalternbeamten Patrouillendienst thun und den alten Minister von Kamptz mit der schwarz-roth-goldenen Kokarde Schildwache stehen sah, so muß man doch anerkennen, daß in Ermangelung der bisherigen Polizei- und Militärgewalt die Bürgerwehr, welche wenigstens in der ersten Zeit die mangelnde Qualifikation durch großen Eifer zu ersetzen bemüht war, für die Erhaltung von Ruhe und Ordnung immerhin beachtenswertste Dienste leistete und sich namentlich fast zum Fanatiker erhob, wenn es galt, die „inneren Feinde", die „Aufwiegler" zu entdecken und zu verhaften.
Sehr wesentlich fiel es hierbei in das Gewicht, daß alle diejenigen, welche sich der Bürgerwehr einverleiben ließen, wenigstens selbst keine Ruhestörungen mehr bewirkten, sondern vielmehr sehr wohlgefällig auf ihren vermeintlichen Lorbeeren ruhten, indem sie meinten: „Wir haben ja alles, was wir wollen; wir sind jetzt selbst am Regiment und wer soll uns unsere Freiheit wieder nehmen."
Freilich war die Ruhe doch keine ganz ungetrübte. Einmal bildeten sich neben der eigentlichen sogenannten Bürgerwehr andere selbständige Korps, wie zuerst die Schützengilde, welche die bürgerliche Leibgarde des Königs bildete; ein Veteranen-Jägerkorps; eine National-Scharfschützenkompagnie; Bürgerwehr-Kavallerie und -Artillerie; die fliegenden Korps der Mitglieder der Universität, der Akademie der Künste und des