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in dem beantragt wurde, mit Rücksicht darauf, daß die Seuche sich nunmehr auch ihrem Sitze nahe, den Mitgliedern einen dreimonatlichen Urlaub zu bewilligen und zugleich die Genehmigung zu ertheilen, das Gehalt im voraus erheben zu dürfen. Der Minister von Schuckmann reskribirte darauf: Bon der Cholera hätten sie nichts zu befürchten, sollte sich aber die Rinderpest ihrem Sitze nahen, so sehe er dem schleunigsten Berichte entgegen. Ueberdies hatte der Präsident an: folgenden ^ Tage den Abschied.
! Glücklicherweise war der damalige kommandirende General
f in Königsberg, der spätere Feldmarschall Graf Dohna, ein
! Mann, welcher das Wort Furcht nicht kannte und der überdies
!- Entschlossenheit und Uebersicht genug besaß, um stillschweigend
! auch die Civilverwaltnng der Provinz in die Hand zu nehmen,
^ und schließlich selbst feinen entschiedensten Feinden die Anerken-
^ nnng abzugewinnen, welche dem Mnth und der Treue niemals
i versagt wird.
! Mir ist damals aus guter Quelle die Mittheilung ge-
I worden, daß als die Ruffenfnrcht in Blüte war und man nament- lieh den Grafen Dohna als Korrespondenten des Kaisers Nikolaus ( beargwöhnte, eine Auswahl der Königsberger Demokratie unter
H Führung des Dr. Johann Jacoby die an das Generalkommando
H adressirten Briefe auf der Post in Empfang nahm und sich mit
j denselben in die Wohnung des Generals begab und dort ver-
- langte, daß die Briefe in ihrer Gegenwart geöffnet würden.
^ Der Graf Dohna erwiderte darauf sehr ruhig: „Sind Sie Brief
träger, meine Herren? Andernfalls kann ich die Briefe von Ihnen nicht annehmen. Ich bitte, selbige nach der Post zurückzubefördern und werde sie dort abholen lassen." Auf die Drohung mit Ruhestörungen erwiderte er mit dem einfachen Befehle an seinen Adjutanten: einen Zug Kürassiere anfsitzen zu lassen und zu sehen, was es gäbe.
Leider fand diese Entschlossenheit bei dem Kriegsminister von Rohr keine Nachahmung, vielmehr wußte dieser, als zuerst von der Zurückberufung der Truppen nach Berlin die Rede war, nichts weiter zu sagen als die Worte: „Und ich alter Mann muß meinen Kopf dafür hergeben."
Anlangend die nächste Entwickelung des Bürgerthums,
^ so trat, wie bereits bemerkt, schon in den ersten Stadien der Gegensatz von Bourgeoisie und arbeitendem Volk wenigstens theoretisch zu Tage, obgleich jener Gegensatz bei uns bis da- ; hin praktisch nicht bestand.
Diese Begriffe und Gegensätze können sich naturgemäß erst ! mit und ans der Zersetzung des Bürgerthums und Mittel-
! siandes entwickeln und es ist deshalb auch der neueren Zeit
; Vorbehalten geblieben, diese Gegensätze auch bei uns ans-
zugestalten. Es würde hier zu weit führen, die Ent- ^ Wickelung jener Zersetzung näher darznstellen und zu charak-
terisiren. Für den vorliegenden Zweck genügt es, die Bourgeoisie als denjenigen Theil des zersetzten Bürgerthums zu kennzeichnen, welcher, indem er je länger desto mehr alle Mittel ! der Arbeit an sich zieht und in seinen Händen konzentrirt,
^ dein nach unten verbleibenden Reste nur die Arbeit beläßt
und damit die arbeitenden Klassen als seinen Gegensatz hinstellt.
Damals gab es in Preußen noch keine „Bourgeoisie", und die betreffenden Rufe verklangen deshalb unverstanden in den Ohren einer Bevölkerungsklasse, welche noch zu sehr „Mittelstand" war, um bereits für die Rolle der „arbeitenden Klaffen" in Paris reif zu sein.
Nichts desto weniger hatten die wohlhabenden Bestandtheile der Berliner Bevölkerung schon damals das instinktive Gefühl, daß hinter ihnen eine drohende Macht sich erhebe und zwar eine Macht, die, wenn sie sich selbständig entwickele, selbst ihre politischen Errungenschaften in Frage stellen dürfte und die ihnen doch zunächst unentbehrlich fei, wenn sie anders den bisher herrschenden Elementen gegenüber als eine beachtenswerthe Macht auftreten wollten. Es war nämlich durchaus nicht von ungefähr, daß sich unter den Todten und Verwundeten der Märztage sehr wenig Mitglieder der besitzenden Klasse befanden. Abstrahirt man von den dreiunddreißig nicht rekognoszirten Leichen, so finde ich in der Todtenliste neben einigen wenigen Namen, welche der gebildeten Jugend und den Künftlerkreisen angehören,
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in der Hauptsache nur Namen, welche nach der heutigen Terminologie zur arbeitenden Klasse zählen, und es war keine ganz unverdiente Kritik, wenn die beginnende Karrikaturenliteratur das „bürgerliche Heldenthum" als im Bette liegend, mit der Zipfelmütze und der Frage darftellte: „Schießen sie noch?"
Die Aufgabe, welche sich hieraus für die leitenden Kreise des Bürgerthums ergab, war eine doppelte; nämlich einmal die arbeitenden Klassen nicht mißmuthig werden zu lassen und von sich zu entfernen und doch andererseits dafür Sorge zu tragen, daß dieselben nicht zu ernstlicher Geltung und wirklichem Einfluß gelangten.
Der erste Theil dieser politischen Taktik entwickelte sich prinzipiell am greifbarsten in den Anträgen, Versammlungen und Verhandlungen, welche sich schon damals mit der „sozialen Frage" und der Arbeiternoth beschäftigten; der andere aber in den verschiedenen Stadien, welche die Wahlgesetzfrage und das Bürgerwehrgesetz durchliefen.
Schon am 23. und 24. März erschien in der „Spenerschen Zeitung" ein damals vielgenannter Herr D. A. Benda mit Artikeln zur „Verständigung", in welchen besonders die Frage ventilirt wurde: „Was haben wir errungen und was zu thuu, das Errungene zu sichern und zu wahren?" Selbstverständlich ist hier die Darstellung der Errungenschaften überaus dithyrambisch. „Errungen," so lautet unter anderem die Antwort, „errungen haben wir die Erkenntniß und das Bewußtsein der absolut unüberwindbaren Macht jedes den Tod verachtenden Volkes im Kampfe um die heiligsten Güter des Lebens; errungen die Achtung und Liebe der Mitwelt, wenn wir treu ansharren und siegend bestehen den Kampf der Selbstüberwindung, der Mäßigung, der Beherrschung wild wüthender Leidenschaften, die so leicht mit Mord und Verwüstung enden; errungen die unverfälschteste Landwehr, das unveräußerbare Recht der Selbstbewaffnung, das heiligste aller Güter, freie Religions- Übung, freie Gewissen, Freiheit in Rede und Schrift; errungen haben wir das Zerbrechen und die Vernichtung des Pharisäismus, Pietismus, Jesuitismus in allen Verkappungen. Frei ist der Mensch, Freiheit sein Leben! Zerbrochen ist, vernichtet liegt der sich überlebt habende Polizeistaat. Es gibt nur eine gesicherte Herrschaft: Verdiente Liebe des Volkes! Alles für und durch das Volk!"
„Jetzt gilt es nun," so heißt es weiter, „das Errungene gegen äußere und namentlich gegen innere Feinde zu sichern, gegen die Anarchisten, die unter jesuitischer Maske der Freiheit Deutschland in Schmach und Schande zu stürzen, auf Leichen und Trümmer ihre scheußliche Herrschaft zu gründen trachteten und die heldenmüthigen Arbeiter Berlins als Schemel für ihre nichtswürdigen Pläne zu mißbrauchen strebten. Die schwerste Aufgabe aber sei, gegen jene edlen Jünglinge (die Studenten) zu kämpfen, die im Gefühle der Kraft und im Bewußtsein, daß ihnen die Zukunft gehöre, nur zu leicht geneigt seien, die Ereignisse zu überstürzen. Gegen diese seien jedoch nur Waffen der besonnensten Milde, Güte und Liebe anzuwenden, sie zu überzeugen, daß von einer absoluten Monarchie urplötzlich zu einer Republik überzufpringeu unmöglich sei; wahnsinnig aber wäre cs, Urwahlen sofort zu veranlassen und alle Volljährigen für Wähler und wahlfähig zu erklären."
Natürlich blieb diese Versvhnungspredigt, obschon sie von vielen Seiten unterstützt wurde, nicht ohne Erwiderung, und es war insbesondere die „Zeitungshalle" und deren damaliger Redakteur Julius, welcher den Kampf gegen die „Friedensprediger" und „Versöhnungsrufer" aufnahm. Jetzt sei nicht Zeit zum Ruhen, sondern zur Arbeit; wer jetzt den Frieden empfehle, der empfehle den Krieg; jetzt gelte es muthig den Verhältnissen in das Gesicht zu sehen; jetzt werde das Wort erfüllt: Zwischen uns sei Wahrheit. Besonders charakteristisch aber war der folgende Passus: „Die Wahrheit ist, daß auch bei uns — so gut wie in Frankreich, wie in England — der Bruch zwischen der Bürgerklasse und Arbeiterklasse schon vollendet ist. Nicht zwischen dem Königthum und der Republik ist Krieg, sondern zwischen den Besitzenden und den mit ihrer Arbeitskraft zum Besitze Drängenden. Unsere Bürger fühlen dies gar wohl und darum beginnen sie schon jetzt, schon nach