Heft 
(1878) 06
Seite
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Männer sein, welche damals an der Münchener Kunstschule wirkten und deren großartiges Schassen wir laut bewundern, deren Piloty selbst nur mit inniger Verehrung gedenkt aber ein großer Schöpfer kann nicht immer ein großer Lehrer sein, und keine Bewunderung kann seine Schüler über das Bewußt­sein innerer Gegensätze hinwegheben. Wer will es dem stür­mischen fünfzehnjährigen Jüngling verargen, daß ihm mancher Tag in finsterer Verstimmung verging, daß tiefer Widerspruch ihn bedrängte, daß er sich einsam fand.

Er verehrte ja seine Meister, er liebte seine Kunst, er lernte unermüdlich in seiner Schule, aber eines fehlte ihm; in einem Worte läßt sich vielleicht sein ganzes Leid von da­mals znsammenfassen er fühlte sich nicht verstanden. Er hatte keine Führerhand, die den Kampf um sein künstlerisches Werden nütkämpfte, wie er es einst an so manchem seiner Schüler that.

Cornelius war ganz mit der Vollendung seiner großartigen Fresken beschäftigt, und für ihn war es unmöglich, daß er der Entwicklung jedes einzelnen Schülers folgte; die Komponirklasse leitete Schnorr von Carolsfeld, und auch ans seiner Hand lag die Pflicht gewaltiger eigener Schöpfungen. Er war in hohem Maße liebenswürdig und zuvorkommend gegen seine Schüler, auch im Hanse desselben verkehrte Piloty viel, aber stets gefiel ihm der Meister selbst weit besser, als die Lehren, die er ihn: gab. Er zeichnete damals die Geschichte des barmherzigen Samariters, einen Karton, der ganz im strengen Stile der Zeit gehalten ward; Schnorrs Meinung war, er solle Kupfer­stecher werden.

Da riß ihn das Geschick mit einem Schlage ans dieser Bedrängniß, aus diesen unglücklichen Gefühlen empor; ein schweres wirkliches Unglück hatte ihn durch den unverhofften Tod seines Vaters getroffen, und dieser Lage gegenüber fand er rasch wieder jene mächtige Entschlossenheit, die so tief in seinem Wesen liegt. Seine Familie und die Anstalt seines Vaters waren mit einem Male verwaist, er war der älteste Sohn und auf seiner Thatkraft beruhte nunmehr die Existenz dee Seinen. Sein Weg war ihm gewiesen; ohne sich lange zu bedenken, verließ er seine Studien auf der Akademie und über­nahm als sechszehnjähriger Jüngling die Leitung der litho­graphischen Anstalt.

Nicht ohne schwere Kämpfe gelang es ihm, sich jene Stellung auch moralisch zu erobern, die ihm das Unglück seines Hauses thatsächlich aufgedrnngen. Es waren nicht so wohl die Kenntnisse, woran es ihm gebrach, auch rastlose Thätigkeit war ja immer sein eigen und darin kam er den besten seiner Arbeiter gleich; aber was ihm mangelte, und anfangs mangeln mußte, war das Ansehen bei seinen Untergebenen, war die Autorität. An Stelle des erfahrenen Mannes stand nun ein halbgewachsener Jüngling. Auch er selber fühlte gar wohl diese Lücke seines neuen Amtes und auf diesen Punkt warf sich bald seine ganze Energie; durch volle Tüchtigkeit erzwang er sich die Geltung, i die ihm seine Jugend zu versagen schien, er war der erste, der kam und der letzte, der ging, einen Gehilfen, der ihm den Gehorsam verweigerte, entließ er stehenden Fußes vor den Augen der anderen.

So war er seiner schwierigen Stellung bald in jeder Weise gewachsen, das angeborene Talent der Leitung, das ihm später so großen Erfolg gebracht, kam ihm hier schon zu statten, bevor er sich dessen noch selber bewußt war. Das freilich, was er innerlich dabei gelitten, sahen die anderen nicht; er fühlte es wohl, daß er den Weg verlassen, aus den ihn alle Sehnsucht zog, daß er das selbständige künstlerische Schaffen dahin ge­geben für den Kampf ums Dasein. Manch langen Tag, manch langes Jahr saß er vor den schweren steinernen Platten, aber ganz konnte er doch der künstlerischen Weise nicht entsagen, wie er sie einst geübt, und wenn sein Tagewerk vollendet war, dann zeichnete er oft bis Mitternacht an eigenen Entwürfen, und früh morgens um fünf Uhr ging er hinaus ins Grüne, die Staffelei selbst über der Schulter tragend, um nach der Natur zu malen. Natur sie war ja immer sein Ideal!

In diesen schlimmen Tagen war Karl Schorn, der ihm später verschwägert ward, seine treueste Stütze; er gönnte ihm

in seinem Atelier ein Plätzchen, wo Piloty in freien Stunden malte, aber ebenso sehr wie seinem Pinsel, bot er auch seinem Herzen Hilfe. Schorn war aus Düsseldorf nach München ge­kommen, wo er zu Cornelius in warmer Beziehung stand; sein Rath war hochgeachtet bei der gesammten Akademie, aber trotz der klugen Besonnenheit gebrach es ihm nicht an jener leben­digen pülsirenden Frische, an jenem Feuer, das allein Macht über die Jugend hat. Mit durchdringendem Verstände begabt, war er doch eine volle Künstlernatur, ja er bedeutete und er verkörperte in diesen Jahren der Entsagung für Piloty die Kunst;

durch Schorn allein blieb er in Fühlung mit seinen künf­tigen Zielen.

Endlich ging auch diese Zeit der Prüfung zur Neige, das Gedeihen der Anstalt war in einer Weise sicher gestellt, daß Piloty ihre Leitung in fremde Hände geben, daß er sich wieder ganz der eigenen Arbeit widmen konnte.

Eine neue Epoche seines Daseins begann; die schweren Tage, die er durchgemacht, waren zwar keine Schule der Kunst gewesen, aber sie waren eine Schule des Lebens, und als ge­stählter Mann trat er nun seiner Zukunft gegenüber. Sie sollte ganz und voll der Kunst gehören, mit eisernem Willen ging er ans Werk, um das Versäumte nachzuholeu; aber er wollte diesmal ganz seine eigenen Wege gehen und nur malen, was er selbst gesehen, was ihm selber das Herz bewegt.

Die ersten größeren Bilder, die aus diese Weise entstanden, waren diesterbende Mutter" und dann dieAmme"; beide hatten durchschlagenden Erfolg und das letztgenannte kann ge­wissermaßen als der erste Markstein aufPilotys künstlerischem Wege gelten. Das Motiv ist einfach genug, es zeigt uns den Besuch einer jungen Amme in dem Bauernhause, wo ihr eigenes Kind kümmerlich verpflegt wird, während das fremde Kind aus ihren Armen gedeiht; es zeigt den ganzen wehmüthigen Konflikt menschlicher Geschicke und darin wurzelt wohl die Macht, die es über die Menschen gewann. Man fühlte, es war nicht bloß ein Bild, es war ein Erlebniß.

Aber der rastlose Geist des jungen Künstlers drang weiter; an historischen Stoffen wollte er nun seine Kraft versuchen und vor allein an jener Gestalt, in die er sich mit einer fast grü­belnden Leidenschaft hineingedacht an der Geschichte Wallen- steins. Was ihn so seltsam fesselte an dieser düsteren Größe, das war deren riesige Thatkraft. Unablässig, ja mit verfolgen­der Gewalt stand das Bild des hageren Mannes vor seiner Seele, der Armeen aus der Erde stampfte, der sie vernichten i sah und wieder neue schuf, der mit dämonischer Macht auf die Seinen wirkte.

Piloty hatte damals sein Atelier in der Karlstraße ge­nommen; dort saß er abends bei der Lampe, wenn der Arbeits­tag vorüber war und las, aber er las wie er malte, mit jener energischen Phantasie, die aus jeder Zeile Gestalten zaubert; er starrte stundenlang auf das offene Buch, und durch den dämmernden Raum seiner Werkstatt zogen die Bilder im langen Reigen wie ein wildes Heer. Er las die Geschichte des dreißig­jährigen Krieges, er sah die Scharen Terzkys und Piccolominis, die zechenden Generale beim Mahl und Sems Gestalt, wie er dem Herzog das Horoskop stellt was mußte sich in Sems Zügen spiegeln, wenn er nun nach wenig Tagen vor die Leiche des großen Friedländers trat? Die Bilder jagten sich, aber dies Bild stand still vor seiner Seele, es blieb ihm kein Weg, sich von dem mächtigen Eindruck zu befreien, als daß er es malte. Dann trat es aus dem Innern in die Außenwelt, er mußte es mit dem Pinsel ans dem Herzen lösen.

Aber schweren Kampf sollte das Werk ihn kosten.Ich habe all meine Bilder der öffentlichen Meinung abgernngen," sagte Piloty oft,doch solche Schwierigkeiten hat mir kein anderes gebracht." Und das war begreiflich genug; es war zu Beginn der fünfziger Jahre, wo die Ereignisse Münchens sich noch ganz darauf beschränkten, was es in künstlerischer Be­ziehung leistete; da war es denn bald bekannt geworden, welch seltsamen Stoff sich der junge Maler gewählt, dessen Talent so viel versprach.Pfui, pfui!" rief ihm König Ludwig über die Straße zu;weiß schon, Sie malen eine Leiche pfui, pfui" und auch Meister Schwind vertrat ihm den Weg,