Heft 
(1878) 06
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um ihn freundschaftlich abzukanzelu. Beide kannten sich nur vom Sehen, ohne daß sie persönlich je ein Wort gewechselt, aber das hinderte den genialen Meister derSieben Raben" nicht, frank und frei seine Meinung zu sagen."

Nicht wahr, Sie sind der Piloty?"

Ja wohl, Herr Professor."

Schämen Sie sich denn nicht, so ein Kerl, wie Sie, kommt als Leichenbitter daher?" Das waren die Worte Schwinds; daß die Lehrer der Akademie sich tadelnd äußerten, schien natürlich, und ohne Zweifel wäre jede minder selbständige Natur wankend geworden, aber Pilotys zähe Kraft fühlte sich nnr gestärkt durch den Widerstand. Unbeirrt durch hohe wie durch niedere Kritik, führte er das gewaltige Bild zu Ende, das zuletzt einen wahren Sturm des Beifalls hervorrief und das noch heute der adäquateste Ausdruck für Pilotys künstle­risches Wesen ist. Es fand seinen Platz unter den Meister­werken der neuen Pinakothek, sein Besitzer ward König Ludwig I.

Viel konventioneller als dies Werk, das ganz aus der Initiative des Künstlers hervorging, war natürlich ein anderes Bild, das noch vor Sein vollendet ward und die Gründung der Liga darstellt. Es war für das Maximilianeum in München bestimmt und wenn auch der Stoff die ganze Sprödigkeit be­saß, die allen Haupt- und Staatsaktionen eigen ist, so war er doch aus jener Zeitperiode genommen, die Piloty geistig am nächsten stand. Denn wiederholt griff er selbst in späteren Jahren, als schon die Riesenbilder ans der römischen Geschichte vor ihm standen, in jene Tage des dreißigjährigen Krieges. Ein Bild, das nach Amerika bestimmt war, zeigt uns den Augenblick, da die Leiche Wallensteins aus dem Gemache getragen wird, auf einem anderen erhält der Winterkönig Friedrich von der Pfalz während eines Gelages die Kunde, daß die Schlacht am weißen Berge verloren sei; das bedeutendste aber, ein Meisterstück an Stimmung, stellt uns Wällensteins Zug nach Eger dar. Ueber- wältigend fühlt der Beschauer hier das ganze Verhängniß, dem Friedlands Sterne entgegen gehen.

Piloty war kein Künstler, der an der Scholle hing und der das Geheimniß der Kunst nur im eigenen Hanse zu finden glaubte; er wollte Länder und Völker sehen, er wollte in der Fremde lernen. Belgien mit seinen trefflichen Koloristen, Frank­reich mit seiner weit überlegenen Technik, Italien mit seinem Zauber der Antike, das mußten die Ziele sein, die ihm zunächst vor der Seele standen. 1858 ging er mit drei Begleitern, unter denen sich Lenbach befand, nach Rom; in Vicenza und in Venedig, in Siena und in Florenz, kurz in all den großen Heim­stätten der Kunst, an denen Italien so reich ist, ward Halt ge­macht und reiche Lehre gewonnen. Die eigentliche Frucht dieser Reise aber ist das riesige Bild des Nero, zu dem ein Zufall die Inspiration gab. Es war in Florenz, in der Werkstatt eines Bildhauers, dem Piloty seit lange befreundet war und vor den beiden Künstlern stand ein Korb mit allerliebsten marmornen Amoretten. Der Florentiner konnte nicht genug erzählen, wie viel Beifall und Gewinn er beim Publikum damit erziele; aber der deutsche Meister schüttelte voll Unmuth den Kopf und wollte nicht begreifen, wie man in Florenz derartige Kleinigkeiten machen könne.

Du lebst doch hier auf so großem klassischen Boden, warum machst Du nicht auch einmal etwas wirklich Großes?"

Lachend und leichtblütig sah der andere zu ihm empor. Gut, gib mir nur erst den rechten Stoff."

Das war nun freilich nicht das geringste, die Frage kam verblüffend; aber blitzartig erwiderte der Maler:Mach einmal Nero auf dem Schutte Roms, mit der Lyra in den Händen, zu seinen Füßen eine Gruppe gemordeter Christen!"

Er hatte früher noch nie an das Motiv gedacht; es war die Erfindung eines Augenblicks.

Willst Du, daß ich mich einsperreu lasse," erwiderte der Bildhauer lachend,wenn ich auf solche Weise den Triumph der Heiden über das Christenthum verherrliche? Nein, nein, mein Bester, mache Du nur das selber!"

Piloty ging von Florenz nach Rom aber der Funke, den er ausgeworfen, war auf ihn zurückgefallen und brannte

tiefer und tiefer in seiner Seele, Nero ward an ihm selber zum Tyrannen. Er mußte die Arbeit zuletzt in Angriff nehmen, allein er hatte sich schon so tief in ihre plastische Durchbildung hinein gedacht, daß es ihm schwer fiel, nnr mit Pinsel und Stift ans Werk zu gehen. Als er die nöthigen Studien nach der Natur vollendet, ging er zurück nach Deutschland und begann das kolossale Bild.

Es war anfangs nicht so gedacht, wie es sich später ent­wickelte, sondern es sollte, den Räumlichkeiten entsprechend, für die Gras Palffy es bestimmt, zwei Seitenflügel erhalten, auf denen verurtheilte Christen sich um Petrus und Paulus scharten; das riesige Mittelblatt gab der Entfaltung cäsarischer Welt­macht Raum. Erst später ward die Zusammenfassung des ge­waltigen Stoffes in ein einziges Feld beschlossen. Der schweren Klippen, einen Stoffrealistisch" zu behandeln, den man sich unwillkürlich streng stilisirt denkt, war sich der Künstler wohl bewußt; er sah den Lärm der Gegner voraus, aber es war nun einmal so seine Ueberzeugung und es gebrach ihm nie an jenem Muthe, ohne den ein echtes Talent undenkbar ist.

Während der Arbeit, als er kaum sein Atelier in der Akademie bezogen, kam Kaulbach zu ihm, begleitet von Petten- kofer, und der Eindruck, den diese erste Unterredung mit dem gewaltigenMaler der Weltgeschichte" auf Piloty gemacht, ist noch heute in demselben lebendig. Kanlbachs Stimmung war wechselvoll; er konnte schroff und ablehnend sein, daß mail darüber erschrak, aber wenn er liebenswürdig sein wollte, dann war er es in einer Weise, die etwas Hinreißendes besaß. So war es an jenem Tage; er hatte sich erschöpft im Lobe über die Komposition und ihre einzelnen Details und immer wieder betonte er, mit dem Finger auf die Leinwand deutend:Schutt, Schutt, das ist das einzige Piedestal für Nero." Bis ins kleinste ward der Gegenstand und seine mögliche Behandlung besprochen, und Piloty war begeistert über die glänzende Fassungskraft, womit der berühmte Meister jeden Gedanken, den er selber nur andeutungsweise aussprach, sofort begriff und weiter gestaltete ; noch nie hatte er sich so in seinem künstlerischen Wollen ver­standen gesehen; noch nie hatte er so über einen künstlerischen Plan gesprochen. Allein die Unterredung, die mehrere Stunden gedauert, erhielt ein unerwartetes Nachspiel; auch Kaulbach war von ihr in solchem Maße angeregt, daß er sich alsbald all die Arbeit machte und ebenfalls ein Nerobild begann, den großen Karton, der später durch die Photographie bekannt ward. Pilotys Oelgemälde, dem die verdiente Anerkennung nicht fehlte, befindet sich jetzt im Nationalmusenm zu Pest.

In die Epoche, da Nero entstand, fällt indes ein Ereig- uiß, das für die persönliche und künstlerische Wirksamkeit unseres Meisters vom höchsten Belang war, das der Kraft, die in ihm ruhte, erst volle Bahn schuf. Das war seine Berufung zum Lehramt. Schon gegen Ende der fünfziger Jahre, da Piloty noch ganz auf sein Atelier in der Karlstraße beschränkt war, hatte sich ein kleiner Kreis von Schülern um ihn gesammelt; denn es schien ja unmöglich, daß ein so eminenter Berus, wie ihn Piloty zum Lehrer hat, erst des äußeren Rufes bedürfte, um sich zu bethätigen. Auch wenn er niemals zumProfessor" berufen worden wäre, hätte er doch die Schule gefunden, die er heute sein eigen nennt; allein das mindert nicht das Verdienst der Regierung, wenn sie die Sache des Talents zu ihrer eigenen macht. Es war der Minister von Zwehl, der dafür die ersten Schritte that, und seine Initiative erscheint um so dankens- werther, da es an Widerstand von allen Seiten nicht fehlte. Am tiefsten aber war Piloty selbst erregt über den Antrag, der ihm zugegangen, sein feuriges Herz schlug den großen Zielen entgegen, die damit seinem Leben gegeben wurden, aber seine Gewissenhaftigkeit sträubte sich, zu herrschen und so manchen begabten Jünger auf andere Wege Zu leiten. Denn dessen war er sich wohl bewußt, daß es neue Bahnen waren, die erging/ daß et die Tradition durchbrochen, die für so viele der einzige Halt und der Ersatz der schöpferischen Selbständigkeit isll Für ihn selber war dieser neue Weg gewiß das Rechte, darüber war er sich völlig klar, und auch den wenigen Schülern gegenüber, die ihn selbst zum Lehrer gewählt, ohne daß er ein Lehramt hatte, fühlte er sich von jeder Verantwortung frei; aber anders