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„Ich wußte durch Deinen Brief, daß Du vermuthlich heute zun: Wort gelangen werdest," nahm die Gattin das Wort, „und ich will Dir nur gestehen: dies war der Hauptbeweggrund zu meiner Reise. Ich kenne meine Pflicht und will Dir nahe sein, mich in Deiner Nähe fühlen an dem Wendepunkte Deines Lebens!"
„Ich verstehe Dich nicht ganz, Minchen — an dem Wendepunkte meines Lebens? Wie meinst Du dies? Ich denke, Kind, wir haben schon eine ganze Menge Geburtstage mit einander verlebt?"
„Lieber Adolf, ich begreife Dich nicht; ich meine den Wendepunkt Deines geistigen Lebens!"
„Wie so, Minchen, wollte sagen Helminchen?"
„Mit Deiner nicht ohne Schwierigkeiten erlangten Wahl zum Landtagsabgeordneten hast Du den ersten Schritt zur öffentlichen staatsmännischen Wirksamkeit gethan! Der Weg ist nun geebnet, Dein Schicksal in Deine Hand gelegt! Aber ich werde Dir treu zur Seite stehen!"
„Ich verstehe Dich wirklich nicht ganz, liebe Frau."
„Ich habe Ehrgeiz, glühenden Ehrgeiz für Dich! Ja, für Dich, für mich, für Gleichen. Mit Deiner Wahl zum Landtagsabgeordneten ist Deiner Thätigkeit ein neues, weites, glänzendes Feld eröffnet, lieber Adolf."
Aus Herrn von Stolps breiter Brust löste sich ein Seufzer.
„Die träge Ruhe des Privatmannes ist dahin," fuhr die Gattin fort.
„O weh, meine süße Ruhe! Es sollte mir leid sein um mein frisches fideles Krautjunkerthum! Aber Gott sei Dank, Minchen — ich meine, so schlimm ist's nicht!"
„Ja, Du hast Recht, ja, Du kannst während der Pansen Deiner staatsmännischen Thätigkeit immerhin der Ruhe pflegen. Dein Tusculum erwartet Dich; auch Bismarck hat ja sein Varzin!"
„Bismarck, was redest Du da? Hahaha! Wie meinst Du das, liebes Minchen?"
„Auch Bismarcks Thätigkeit begann klein und unbedeutend, der Bach wird erst allmählich zum Strome. Hast Du Hesekiels Buch nicht gelesen?"
„Doch!"
„Nun, auch Bismarcks staatsmännische Wirksamkeit begann als Mitglied des Landtags —"
„Bitte um Entschuldigung — des Provinziallandtags."
„Einerlei! Du willst alles besser wissen, lieber Adolf! Dann wandte er sich der diplomatischen Carriere zu. Ich würde Dir dies auch Vorschlägen, lieber Adolf, Paris, London, Petersburg, Konstantinopel, nein, Konstantinopel nicht."
„Warum nicht?"
„O, wenn ich Fürstin werden könnte, oder Gretchen Gräfin oder Prinzessin! Es wäre zu schön!"
„Ich glaube, ich muß ihr durch den Arzt den Puls fühlen lassen," brummte Herr von Stolp ärgerlich vor sich hin. Seine Gattin griff nach den vor ihm zur Seite geschobenen Zeitungen.
Herr von Stolp benutzte die Pause, um Gretchen zu- zuslüstern: „Laß Johann eine Flasche Rheinwein zu den Austern besorgen und zum Frühstück auf mein Zimmer setzen, Herzchen. Vielleicht bekomme ich wirklich Courage," setzte er zu sich selbst hinzu. „Wo steckt Johann?"
„Er wird sogleich hier sein, Papa, die Mama hat ihn zu einer Besorgung ausgesandt — in Wahrheit, wo bleibt er nur?" antwortete Gretchen.
„Vergiß es nicht, Kind!"
„Es wird sogleich geschehen, Papa!"
Herr von Stolp erhob sich und schritt einige Mal im Zimmer auf und ab. Plötzlich blieb er vor der lesenden Gattin stehen. „Wenn Du erlaubst, so ziehe ich mich auf eine halbe Stunde in mein Zimmer zurück," sagte er. „Ich muß meine Gedanken vor Beginn der Sitzung ein wenig sammeln."
„Geh, o geh, lieber Adolf! Wir wollen Dich Deiner staatsmännischen Kombination durchaus nicht entziehen, behüte Gott, das würde unverzeihlich sein! Und beunruhige Dich nicht um mich, ich werde einstweilen mit Lisette die Tvilettcnangelegen- heiten des heutigen Tages ordnen. Wir wollen Deiner würdig an Deiner Seite erscheinen."
III.
„Fräulein Gretchen, hier ist der Schlafrock des gnädigen Herrn," sagte Johann, zur Thür hineinlugend.
„Endlich! Du bist lange ausgeblieben."
„Ach, und ich bin ganz außer Athen: — das war eine ganz närrische Geschichte!"
„Was denn?" srug Gretchen.
„Der Schlafrock des gnädigen Herrn war aus einem Versehen des Verkäufers noch einmal verhandelt worden, und denken Sie sich, liebes Fräulein, an denselben Herrn, der Sie gestern Abend aus der Oper trug."
„Was redest Du da? Ich verstehe Dich nicht."
„Das macht, ich bin noch ganz außer Athen: von den weiten Wegen, die ich gemacht, erst nach der Leipzigerstraße, dann nach der Friedrichsstraße bis ans Höllische Thor und wieder zurück. Man läuft sich die Beine ab in diesen: vermaledeiten Berlin."
„Ich kann nicht klug aus Dir werden, rede vernünftig!" „Nun, ich bin selbst bei dem scharmanten Herrn gewesen, der — nun, Sie kennen ihn ja, gnädiges Fräulein! Er war aber der andere Käufer des Schlafrocks und zeigte anfangs wenig Lust sein Eigenthum abzutreten, bis er erfuhr, daß die Frau Baronin den Schlasrock für den gnädigen Herrn verlange. Dann war er wie um den Finger zu wickeln. Er fragte mich auch, wie es dem Fräulein gehe."
Mit von Minute zu Minute sich steigernder Spannung hatte Gretchen den etwas konfusen Bericht Johanns angehört. Ihre gute Auffassung hatte den Vorgang schnell begriffen.
„Der dunkelblonde Herr, nicht wahr, dunkelblond war er, Johann? Nein, mehr braun, kaffeebraun, nein kastanienbraun?" „Ganz richtig, Fräulein Gretchen — braun wie Kaffee." „Großen Bart, groß und schlank und sehr einnehmend," gab Gretchen das nöthige Signalement.
„Richtig, ganz richtig," bestätigte Johann. „Er läßt sich dem Fräulein sehr angelegentlich empfehlen," setzte er augenzwinkernd hinzu.
„Danke, Du kannst gehen," sagte Gretchen, das plötzlich hocherglühende Köpfchen abwendend.
Ein pommersches Landmädchen ist keine Philosophin, aber auch sie fing an, über das wunderbare Zusammentreffen, das eigentümliche Spiel des Zufalls, ihre Betrachtungen anzustellen.
„Auf solche Weise sollte er noch einmal an mich erinnert werden," sagte sie. „Sonderbar! Nun — so hat er doch noch einmal an mich denken müssen, bald wird er mich wohl vergessen haben! Wie herzlich er mit Papa plaudern konnte, gerade so, wie es dieser gern hat, und — ich auch! Ich fürchtete mich gar nicht vor ihm wie vor den andern jungen Herren, die mich auf der Straße anstarren, als ob ich ein Wunderthier sei, Mama sagt, das machen die rothen Backen — ob die in Berlin nicht Mode sind? Den Schlafrock hat er also besessen, auch getragen? Wohl noch nicht, er ist so neu und schmuck! Da sieht ein Papier hervor, vermuthlich die Rechnung —"
Gretchen hatte bei diesen Worten in die Tasche gegriffen und ein zusammengeknittertes Blatt hervorgezogen. Neugierig faltete sie es auseinander.
Röthe und Blässe wechselten plötzlich auf dem lieblichen Gesichtchen, aber eine freudige Röthe behielt zuletzt die Oberhand.
„Was sehe ich — ein Gedicht? Und die Aufschrift heißt „an Margarethe" — das bin — ich, ohne Zweifel!" Sie las:
„Ich saß im Saale unter tausend Kerzen,
Und sah hinab in all' den bunten Schein —
Und Sphärenklang sprach durch das Ohr zum Herzen,
Er fand es arm und einsam und allein.
Da flog die Thnre auf. Im Hintergründe Des Elternpaars erblickt ich Deine Spur,
Und näher trat, damit das Herz gesunde,
Zur hehren Kunst die holdeste Namr!
„Die „Natur" bin ich sicherlich wieder. Es ist hübsch, daß ihm die Natur so gut gefällt — mir auch! Aber ich will weiter lesen: Ich sah mit Wonne sich den Geist entfalten,
Du hattest kaum ins Leben noch geblickt —
Und in dem Arm dürft' ich Dich Engel halten,
Dem jungen Vogel gleich, dem erster Flug mißglückt.