Heft 
(1878) 10
Seite
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Damit ist sicher die dumme Ohnmacht gemeint, die mich so plötzlich überkam. Ach, und sie war so schön, wenigstens das Erwachen ich möchte alle Tage einmal ohnmächtig sein, um aus gleiche Weise erwachen zu können ! Also er, mein Ritter, hat wirklich an mich gedacht, wie ich tausendmal an ihn. Ja mehr, er hat mich besungen! Ach, es ist so hübsch, angesungen zu werden, man kommt sich plötzlich ganz eigen, so erhaben vor ja wirklich, ich fühle mich ganz erhaben! Ich will die Verse noch einmal lesen. Aber da ist ja die Mama bereits in voller Toilette!"

In Wahrheit erschien jetzt Frau von Stolp in schwerer Seidenrobe in der Thür. Sie war bereits zum Ausgehen gerüstet.Du bist noch nicht angezogen, Kind," sagte sie,willst Du mich wirklich nicht begleiten? Vorerst können wir noch einige Einkäufe besorgen. Aber was lasest Du so eben, um es ^ vor mir zu verbergen? Rede!"

O, es ist nichts ein unbeschriebener Zettel, ein leeres Blatt ich fand es zufällig."

Du liest einen unbeschriebenen Zettel? Kannst Du mir im Ernst eine so dumme Antwort geben? Was ist es? Du empfängst doch nicht etwa geheime Briefe?"

Ach Gott, wer sollte wohl an mich schreiben? Doch richtig, die Haushälterin wollte mir mittheilen, wenn die ersten Gänseküken aus dem Ei schlüpfen. Aber das braucht nicht ge­heim zu geschehen!"

Unsinn! Sage endlich, was es ist? Du weißt, ich dulde keine Geheimnisse in meinem Hause, ich muß alles wissen!"

Das ist wahr"

Sprich also!"

iNun, schilt nur nicht, Mamachen, der Zettel enthält ein

j Gedicht an mich.An Margarethe!"

Wirklich? So weit ist es bereits mir Dir gekommen, wer Hütte das geglaubt! Und wer ist der Absender?"

>Der hübsche schlanke Herr, der gestern mit uns zusammen

^ in der Loge saß und so treuherzig mit uns plauderte. Ich

> bin ihm von Herzen gut geworden, selbst die Ohnmacht ist mir versüßt, weil er mich dabei in den Armen gehalten hat."

!Ich erkenne Dich nicht wieder, ungerathenes Kind!"

Ach, ich erkenne mich selbst nicht mehr, Mama. Aber Du willst ja alles wissen, Mama, also muß ich Dir alles sagen."

Gib mir das Blatt!"

Hier ist es, aber schilt ihn nicht, ich mag es nicht hören. Und was ist denn Schlimmes dabei, daß er mich angesungen hat? Er hat doch auch Dir eine große Gefälligkeit erwiesen!"

Wodurch?"

Er hat Dir den Schlafrock abgetreten, den er selbst durch ein Versehen des Verkäufers nach Dir im Magazin erstanden hatte. Du siehst, wir haben beide Ursache, ihm dankbar zu sein!"

Auch sind die Verse am Ende so übel nicht," sagte jetzt Frau von Stolp," nachdem sie Assessors Winter Primaneropus gelesen. Vielleicht fühlte sie sich selbst in dem Töchterlein ein wenig geschmeichelt.Wer ist es denn aber, wie heißt er denn?"

Ja, wie heißt er denn? Daran habe ich noch gar nicht gedacht!"

Und hast Dich dennoch in ihn verliebt?"

Habe ich das wirklich? Ist das die Liebe?" frug Gretchen erbleichend und erschrocken.

Da sieht noch ein Zettel aus der Tasche hervor," sagte jetzt Frau von Stolp, die den verhängnißvollen Schlasrock von neuem betrachtet und die Qualität des Stoffes geprüft hatte. Vielleicht noch ein geheimer Liebesseufzer."

O, gib ihn mir, Mama, er ist gewiß nicht an Dich ge­richtet," bat Gretchen dringend.

Erlaube, daß ich ihn ffelbst vorerst lese, Fräulein Nase­weis," erwiderte die Mutter, indem sie die gleichfalls in der Tasche versteckt gewesene Wirthsrechnung Assessor Winters aus­einander faltete. Sie las:

Herr Kammergerichtsassessor Winter hat empfangen Monat Januar: 2 Flaschen Rum, chz Dutzend Flaschen Champagner, eine Gänseleberpastete vom Hoftraiteur, der Werth des beim Commers zerschlagenen Spiegels beträgt 50 Mark, der Lampe 18 Mark, der zerbrochenen Gläser 12 Mark Beim Himmel, Dein Anbeter scheint ein sauberer Patron zu sein, Gretchen!"

Ich bin selbst ganz erschrocken!"

Ich verbiete Dir hiermit, jemals wieder an ihn zu denken."

Das kannst Du nicht, Mama"

Ich werde Dich zwingen, meinen Befehlen Folge zu leisten!" (Schluß folgt.)

Uersönkiche Erinnerungen aus den Iayren 18481850.

Nachdruck verboten. Ges. v. 11./VI. 70.

IX.

Es wird nicht überraschen, daß die Steigerung der sozialen Agitation in Paris von einer analogen in Berlin begleitet war, und es hieße den Charakter der kleinen Straßenementen völlig verkennen, wollte man sie anders betrachten, denn als Vor­bereitungen und Vorübungen zu dem großen Schlage, den man in Aussicht genommen hatte für den damals noch nicht bezwei­felten Fall, daß der Pariser Arbeiter als Sieger ans dem Kampfe hervorgehen würde. Man kann deshalb auch die weitere Ent­wickelung der Dinge in Berlin nur dann richtig beurtheilen, wenn man dabei die Pariser Junischlacht und deren Rück­wirkung ans die soziale Bewegung überhaupt zu ihrem Rechte kommen läßt.

Außerdem ging nebenher die Entwickelung der deutschen Frage, anhebend mit dem sogenanntenwilden" oderStegreif­parlament", welches am 31. März im Kaisersaal des Römers eröffnet wurde und gleich beim Beginn seiner Berathungen die Frage: ob Republik, ob Monarchie? als eine offene zur Ent­scheidung stellte. Als Vertreter des republikanischen Gedankens traten gleich anfangs heraus: Gustav von Struve, Hecker und Robert Blum, wogegen diekonstitutionelle Monarchie" be­sonders durch Heinrich von Gagern, Welcker und Eisenmann vertreten wurde. Die Tendenz der Republikaner war keine andere als die:die halbe Revolution zu einer ganzen zu machen, die Monarchie abzuschaffen, Deutschland in eine Föderativ­republik zu verwandeln und hiermit sofort den praktischen An­fang zu machen, indem das Vorparlament bis zum Zusammen­treten eines frei gewählten Parlaments in Frankfurt zusammen­

bliebe und als deutscher Konvent mittels eines Vollziehuugs- ausschusses die Führung der öffentlichen Angelegenheiten in die Hand nähme". Freilich übersah man dabei, daß dem Vor­parlament nicht mehr als alles zu dieser Rolle fehlte, und zwar ebensowohl die Legitimation als die Qualifikation. Ueber- dies schien man nicht zu wissen, daß eine rechte oder ganze Revolution etwas mehreres verlangt und voranssetzt, als ledig­lich die republikanische Staatsform, daß sie vielmehr, um ihren Namen zu verdienen,entweder die moralische Ordnung der Dinge, das heißt die Religion, oder aber die materielle, das heißt die Eigenthumsverhältnisse ändern muß". Es ist dies der durchgreifende Unterschied der englischen und französischen Revolution, von denen eben die letztere, wenn sie auch nur bis an die Grenze des Sozialismus gelangte, doch ihre aus dem Feudalwesen überkommenen Eigenthumsverhältnissc in der radi­kalsten und nachhaltigsten Weise geändert und damit dem jetzigen Sozialismus die Wege gebahnt hat.

Da mir von den zunächst thätigen Personen nur Heinrich von Gagern persönlich bekannt geworden ist, so muß ich ans die Charakteristik der übrigen Verzicht leisten, kann aber, was den ersteren anlangt, nur den Ausspruch wiederholen, welchen er über sich selbst that, als er zu seinem Vater sagte:Welche Zeiten, welche Armuth, daß ein so mittelmäßiger Kopf wie ich zu solcher Rolle kommt." Dabei gab es indes wenig Menschen, welche ihre Mittelmäßigkeit mit solchem Aplomb geltend und ihre kleine Hilfsmittel überall so nutzbar zu machen verstanden wie er, und Johannes Scherr hat wohl nicht ganz unrecht, wenn er von ihm sagt, er sei nach Begabung, Bildung, Stim-