Heft 
(1878) 12
Seite
200
Einzelbild herunterladen

200

Bildungsformen seiner Zeit zu brechen darf kein gebildetes Familienleben versuchen wollen. Um so mehr bedarf es ge­wisser Bürgschaften, welche die bezeichneten Gefahren verhüten oder verringern können. Die erste und nächste ist strengste Aus­wahl des Besten und Edelsten, statt des Selbstlesens das Vorlesen, am besten der Eltern, die einzelnes auch unterdrücken können und Maß halten werden. Orientirende und leitende Worte verringern die Gefahr blos leidenschaftlicher Aufnahme.

Bei der Auswahl wird man vor allem darauf sehen müs­sen, daß auch tiefere Bildungselemente und belehrende Stoffe nicht fehlen, die den Geist anspannen und innerlich beschäftigen. Der historische Roman ist die Form, wo sich jene Forderungen am ersten verwirklichen. Es ist hier der Möglichkeit vorzu­bauen, daß von der zuhörenden Jugend die erotischen Einlagen als der Kern, die geschichtlichen Vorgänge nur als Schale und zufällige Einkleidung angesehen werden. Gerade in Deutsch­land reichen sich heute gründliche Geschichtsforschung und dich­terisches Vermögen die Hand, um große historische Bilder zu schaffen; Bilder mit breitem Pinsel gemalt, die denen zumal die Vergangenheit unseres Volkes zu vergegenwärtigen vermögen, welche nicht an den ersten Quellen trinken können. G. Freytags Ahnen werden fast zum Nationalepos in Romanform, V. Schef­fels Ekkehard ist ein prächtiges Gewebe ans Romantik und Quellenkunde, F. Dahns Kampf um Rom ein Buch, das bei aller Spannung Helle Lichter auf ein großes und tragisches Stück unserer Volksgeschichte wirft; v. Uechtritz's Albrecht Holm (um nur eines seiner Werke hervorzuheben) ist der höchst bedeutende Roman der Reformationsepoche. Sie alle gehören recht eigent­lich in eine Hausbibliothek. Ich spreche hier nur von Einzel­beispielen, an eine nur annähernd vollständige Aufzählung denke ich nicht. Von älteren Schöpfungen sind noch immer die Novellen von H. Steffens, besonders Malkolm und die Vier Norweger, für ein höher gerichtetes Familienleben warm zu empfehlen. Freilich stehen sie der Realistik unserer Tage fern, aber es schadet der anders gerichteten Gegenwart nicht, wenn sie auch einmal in eine solche schwungvoll ideale und schwär­merische Welt hineinschant. Aus der deutschen Gegenwart ist Jeremias Gotthelf (Bitzius), trotz einzelner Auswüchse ein Dichter, dem an originaler Gestaltungskraft und Tiefe der Le­bensansicht kaum einer zu vergleichen islldem deutschen Hause hochwillkommen. Die besten Schöpfungen Fritz Reuters sind längst norddeutscher Hausbesitz geworden. Von ausländischen Romanschöpfungen wird das deutscheFamilienleben immer noch auf einzelnes von Walter Scott, auf Manzoni's Verlobte zurückkommen, vor allen doch aus der neuenglischen charaktervollen und darum charakterbildenden Romanliteratur schöpfen. Sie hat in ihren besten Hervorbringungen neben den eben gerühmten Eigenschaften den höheren Vorzug, daß die zu Grunde liegende und sie beseelende Weltanschauung, ausgesprochen oder ahnungsweise, meist eine christliche ist, die von einem göttlichen Weltregiment, einer gött­lichen Gerechtigkeit weiß und das kämpfende Diesseits mit seinen Schatten und Gegensätzen unter das ewige Licht jenseitiger Lei­tung stellt. Und dies gilt nicht blos von Namen wie Ms. Beecher- Stowe und G. Kingsley, M. Aonge und M. Sewell, G. Elliot (Mrs. Evans-Lewes), sondern auch von der ersten Dichtergrößs Englands auf diesem Gebiete, von Charles Dickens. Denn nicht in erster Linie die humoristischen, sondern die tief ernsten Ro­mane dieses wunderbar begabten Mannes nenne ich seine besten Werke. Ich beschränke mich auf die Trias: die unvergleichlich liebliche Erzählung von dem Heimchen aus dem Heerde, diese tiefe und sinnige Apologie ehelicher, menschlicher Treue; die Bilder aus der französischen Revolutionszeit in den: Zwei

Städten, und, die Perle von allen, Copperfield, des Verfassers ideale Selbstbiographie in Wahrheit und Dichtung. Neben der einzigen Erzählungsgabe, die jüngst noch Dilthey geistvoll ge­würdigthat, steht eine großartige Erfindung, Feinheit psychologi­scher Enträthselung und eine ethisch religiöse Lauterkeit, die, ohne unmittelbar vom Christenthum zu sprechen, doch in ihren tiefsten Motiven durch und durch christlich ist. Weniger be­friedigt diese Feder in der Heranziehung geschichtlicher Stoffe, wo es dem Dichter an gründlicher historischer Bildung fehlt, deren Mangel auch die reichste Phantasie nicht überall zu decken vermag. So enthüllen jene Bilder aus der Revolution die dämonischen Kräfte der Katastrophe meisterhaft, die allgemeinen politischen Motive keineswegs ausreichend. Auf weitere Einzel­heiten der englischen Romanliteratur einzugehen, muß ich mir versagen, aber hier gerade liegen Schätze für unser Familien­leben, Ergänzungen für den deutschen Geist überhaupt; und daß es zum Theil Frauenhände sind, die hier schreiben, macht ihre Gaben für unfern Hauptzweck um so sicherer. Dem eng­lischen Reichthum gegenüber treten für unsere Zwecke franzö­sische Romane und Novellen weit zurück, wenn auch Sou- vestre, Töpffer und Olivier einzelnes bieten können.

Aber recht oft muß das Familienleben auch in seiner Ge­meinschaft den Boden der Wirklichkeit aufsnchen und auch in seinen Büchersammlungen hierfür Sorge tragen. Die vater­ländische Geschichte zieht vor allem an, und natürlich nicht blos die politische, sondern auch die kirchliche, Kunst-, Literatur- und Kulturgeschichte. In erster Linie auch in der Form von Biographien. Nichts fesselt von geschichtlicher Nahrung die Jugend und die Frauenwelt mehr als Lebensbilder bedeutender Persönlichkeiten. In keiner Hausbibliothek sollten Biographien unserer Hauptreformatoren, Aork's Leben von Droyßen, F. Perthes Leben, E. M. Arndt's Selbstbiographie und Wande­rungen und ähnliches fehlen. Auch dies sollen nur Beispiele sein, die sich unschwer verdoppeln ließen. Aus allgemeineren Geschichtswerken wird man sich meist auf ein answählendes Vorlesen beschränken müssen, aber Werke wie Giesebrechts Kaisergeschichte, Käufers deutsche Geschichte, Ranke's Refor­mation, G. Freytags Bilder aus der deutschen Vergangenheit liefern unter dieser Voraussetzung die gediegensten Stoffe und verdienen es vor vielen, auch in den Familienbesitz überzn- gehen. Auf knapperem Raume geben anziehende Geschichts­bilder, z. B. die Sybel'schen Vorlesungen über die Freiheitskriege und den Prinzen Eugen. Doch ich breche ab der Ueberfülle gegenüber. Nur Anregungen wollte und konnte ich hier geben. Entschließen sich deutsche Familien, Hausbibliotheken in dem bezeichneten Sinne anzulegen und weiter zu bilden, so haben sie einen bleibenden Schatz, eine Quelle der Freude und des Segens, vielleicht noch für Kinder und Kindeskinder gewonnen. Und sollte es meinem kurzen Wort gelungen sein, auch nur einzelne zu einem solchen Schritt zu ermuthigen, so meine auch ich einen kleinen Baustein zum innern Bau des deutschen Hau­ses herbeigetragen zu haben.

Inhalt: Ein Weihnachtsgruß vom Daheim. Gedicht von Karl Gerok. Das Kind des Landwehrmannes. Eine Weihnachtsgeschichte von Theodor Hermann Pantenius. O dn fröhliche Weihnachtszeit! Von R. K. Mit Illustration von Theuerkanf. Ein Weihnachts­abend auf der Lokomotive. Von B... Die Hochflut. Weihnachts­erzählung von der Küste von F. Meister. Am dritten Weihnachts­feiertage. Von Rudolf Kögel. Die Spielsachen unter dem Weih­nachtsbaum. Mit 9 Illustrationen. Am Morgen nach dem Weih­nachtsabend. Originalzeichnung von Karl Böker. Ein Wort über Hausbibliotheken. Von l). W. Herbst.

Jur: gefälligen WecrcHtung.

Mit der nächsten Nummer schließt das laufende Quartal des XIV. Jahrganges. Wir ersuchen unsere Abonnenten, besonders die der Post, die Bestellung auf das zweite Quartal sofort aufzugeben, damit keine Unterbrechung entstehe.

Daheim-Expedition.

Herausgeber: vr. AoSert Aoenig und Theodor Kerman» Pantenius in Leipzig. Für die Redaktion verantwortlich Kilo Klastng in Leipzig. Verlag der Daheim - ßrpeditio« (Melhagen t Kkastng) in Leipzig. Druck von N. H. UeuSner in Leipzig.