Heft 
(1878) 12
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charakterloser, flüchtiger und entnervender Vielleserei, wenn wir von Schlimmerem schweigen wollen. Damit ist unbenommen, mitunter eine bedeutende Erscheinung des Tages, die man nicht alsbald anschaffen kann und will, auch aus dieser Quelle sich zu beschaffen, aber gewissenhafte Familien werden darin keinen Ersatz für das finden, was eigentlich noth thut.

Gutgeleitete Lesezirkel gehören noch immer zu den Aus­nahmen, das eigene Wollen und Wünschen kann dabei nur geringe Berücksichtigung finden, und auch sie bringen die Bücher nur auf kurze Zeit in unsere Hände. Zeitschriften aber, mit oder ohne Illustrationen, sind zwar heute fast unentbehrlicher Haus­bedarf geworden und setzen, im rechten Geiste geschrieben, aller­dings ein ziemliches Kapital von gegenwärtig wirksamen Inter­essen in Bewegung, aber diesem mehr flüssigen Elemente muß, wenn es nicht schädlich werden soll, um so mehr ein festes gegenübertreten. Sonst liegt auch hier eine Versuchung zu flüch­tiger und ungründlicher Vielwisserei. Soll ich nun auf be­stimmte Vorschläge eingehen, so können diese schon aus dem eben berührten Grunde nur ans Andeutungen bestehen. Einen Satz stelle ich voran. Dem deutschen Hause, das nach echter tiefer Bildung strebt, muß das Beste und Größte eben gut genug sein, aber es muß auch das Beste oft gelesen und inner­lich angeeignet werden. Denn es ist die Art alles Bedeutendsten, daß man es durch zunehmende Vertrautheit immer lieber ge­winnt. Und das Leben ist kurz, es bedarf ans allen Gebieten der Sichtung und der Abbreviaturen. Die einfachste Probe aber ans den Werth eines Buches ist bekanntlich die Neigung, es znm zweiten Male zu lesen. Der Schwerpunkt des Fami­lieninteresses liegt ohne Frage in Dichtung und Geschichte mit ihren vielverzweigten Formen, unter denen die Biographie für unsere Zwecke eine besondere Bedeutung hat. Die Natur­geschichte dürfte hier am füglichsten sich auf die gelegentlichen Notiznahmen in Reisebeschreibnngen beschränken. Vermißt man die Rücksicht auf das religiöse Interesse, so unterlasse ich es absichtlich, auf dies Bedürfniß, so weit es ein erbauliches ist, hier weiter einzugehen, nicht als ob ich dessen Befriedigung für entbehrlich, sondern weil ich sie in einem christlichen Hause für selbstverständlich halte. Lebensbilder aus der Kirchen­geschichte gehören daher recht eigentlich in den Bereich gemein­samer Hauslektüre.

Fragen wir, was besonders aus dem überreichen Garten der Dichtung in eine deutsche Hausbibliothek, die Söhnen und Töchtern offen stehen soll, zu verpflanzen sei, so ist auch hier wieder vor dem gedankenlosen Haschen nach falscher Voll­ständigkeit zu warnen. Nicht alles freilich eignet sich zu ge­meinsamem, manches nur zu einsamem Lesen, aber nichts darf bedenklich oder unwerth sein, überhaupt gelesen zu werden. So verträgt die Lyrik an sich weniger das Vorlesen. Wie sie in der modernen Welt meist monologisch entsteht, so spricht sie auch am lebendigsten zu der einzelnen Seele im gesammelten Allein­sein. Nur im Gesang drängt das Lied, gehoben durch die ge­sellige Kunst, zur Gemeinschaft.

Es versteht sich, daß neben den beiden großen Klassikern, von denen gleich die Rede sein soll: Novalis, Uhland, einzelnes von Schenkendorf, Eichendorf, Körner, Arndt, Rückert, Geibel, Gerok in einer wohlgeordneten Büchersammlung nicht fehlen dürfe. Weit über diese gewählte Schar hinauszugehen, empfiehlt sich kaum. Platen und Heine namentlich sind keine Poeten des deutschen Hauses. Das Drama verlangt seiner Natur nach Darstellung, Verkörperung, und läßt sich diese nicht auf den Brettern oder durch Meisterschaft eines Vorlesers erreichen, so mindestens durch gemeinsames Lesen in vertheilten Rollen. Hier findet der gesellige Zug des Familienlebens besondere Be­friedigung. Auch fordert das Drama am vielseitigsten die denkende Theilnahme heraus und gibt darum den reichsten Gesprächsstoff an die Hand. Es bleibt immer zu bedauern, daß in dem größten Dramatiker der christlichen Aera, in Shakespeare, so vieles, was sich aus der Sitte und dem Ge­schmack jener Zeiten erklärt, solcher Verwendung im Wege steht.

Ich zweifle, ob es einenFamilien-Shakespeare" gibt und geben kann, aber will man streng und konsequent sein, so würde eine Sammlung, wie wir sie im Auge haben, sich auf einzelne

Stücke des Dichters (Coriolan, Jul. Cäsar vor allem) beschränken müssen, anderes bleibt der Eiuzellektüre überlassen. Die Frage, wie sich eine Hausbibliothek zu unserer sogenannten klassischen Literatur, vor allem zu Goethe und Schiller zu stellen habe, ist, wie man sie nimmt, leicht oder schwer. Es versteht sich ja, daß auch das Haus das was die Schule gepflanzt, weiter pflegen muß, aber doch nur das wirklich bedeutende und lebensvolle, was noch heute lebt und wohl immerdar fortleben wird, so lange und so weit die deutsche Zunge klingt. Wie vieles von dem, was vor einem Jahrhundert groß und schein­bar unsterblich war, ist heute todt und nur ein Stück der Ge­schichte. Klopstock, dessen Pathos einst das gebildete deutsche Haus wie kein anderer durchtönte, gehört, soweit er überhaupt noch Rücksicht findet, jetzt in die Schule, nicht in das Haus; Lessing, Goethe, Schiller aber fallen nur mit einem Bruch- theil, die beiden erstgenannten nur mit einem verhältnißmäßig geringen, in das Interesse des Hauses und finden dort Ver­wendung. Man schaffe daher für diesen Zweck nicht die Sam­melwerke, sondern eine praktische Auswahl an, wie sie jetzt mehrfach vorliegen. Von Herder ist nur der Cid recht brauch­bar. Mitunter haben Männer zweiten Ranges für das Haus ersten Rang. So der Schweizer Hegner, so M. Claudius. Wenn ich diesen (in Auswahl natürlich) warm empfehle, so bin ich mir bewußt, nur insofern xro äorno zu reden, als ich für die wahrsten Interessen des deutschen H-auses rede. Uhlands Dramen in ihrer treuen Schlichtheit und unverfälschten histo­rischen Färbung sollte das deutsche Haus sich nicht entgehen lassen. Aus späteren Zeiten wüßte ich kaum Stücke zu nennen, die vor jener strengen Richtung Stich hielten. Um so stärker betone ich die Zulassung einzelner antiker Schöpfungen. Voß' Uebersetzungen der homerischen Epen, einzelne Stücke der drei großen attischen Tragiker in der Uebertragung von Droyßen und Donner sollten, dürften nicht fehlen, wo es auf tiefere Bildung und die Pflege des Schönen durch dessen edelste Ge­staltungen abgesehen ist. Es ist hierfür, wie die Erfahrung lehrt, auch die weibliche Jugend leicht zu gewinnen, ja zu be­geistern. Goethes Iphigenie z. B. ist die natürliche Brücke zur Antigone. Daß unsere Volksepen, Nibelungen und Gudrun in das deutsche Haus und seine Bücherei gehören, bedarf keiner Begründung.

Das moderne Epos ist der Roman. Wie sich zu die­sem das Haus und unser Thema zu stellen hat, ist eine be­sonders schwierige Frage. Nicht die besondere Schwierigkeit meine ich, daß sich gerade hier so viel moralischer Giftstoff ab- lagert, denn diese Gefahr läßt sich verhüten. Es ist vielmehr das allgemeine Bedenkengegen Romanleserei, das die Frage erschwert. Die ungezügelte Neigung dazu ist einer der ersten Schäden unseres Volkslebens, weil sie so leicht den Sinn für Wahrheit und Wirklichkeit, Sammlung des Geistes, Arbeitsliebe und Pflichttreue untergräbt. Frauen namentlich wie oft schwanken sie unstät zwischen den Extremen häuslicher Alltäglichkeit und traumhaften Illusionen der Romanlektüre, in welche sie sich vor jener flüchten. Nicht ohne Grund hat man von einer narkotischen Wirkung, ja von einem Opiumrausch gesprochen, den ein fortgesetztes Hingeben an diese erregende Seelennahrung mit sich führe. Eine blos Passive Haltung erzeugt naturnoth- wendig pathologische Zustände, denn echter Genuß, wirkliche Freude verlangt stets auch eine innere Anstrengung, Samm­lung und Aktivität der Seele.

Dabei liegt gerade in der weiblichen Natur, auch in der gereifteren, ungleich mehr die Neigung, sich mit den Gestalten und Zuständen solcher Phantasiebilder zn identifiziren, während der reife Mann doch nur selten aus dem Dualismus herausfallen wird, der ihm Kunst und Wirklichkeit auseinanderhält. Dies mit kurzem Wort die allgemeinen, nicht zu unterschätzenden Be­denken. Gleichwol kann die Hauslektüre so wenig wie die Hausbibliothek der Romanstoffe ganz entrathen. Es ist einmal die poetische Lieblingsform der Zeit; unsere bedeutendsten Dichter arbeiten in diesem Gebiet vor allem und gerade in den letzten Jahrzehnten haben wir Romane und Novellen erhalten, die sich den besten der hier so reichen und gediegenen englischen Literatur ebenbürtig an die Seite stellen können. Und ganz mit den