Heft 
(1878) 12
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So regt es sich allenthalben im deutschen Reiche, um die Spielwaaren zu verfertigen, die unter unserem Weihnachtsbaum liegen. Wie viel tausend fleißige Hände sind dazu nöthig, wie viel Handgriffe mußten gemacht werden, ehe alles fertig ist. Bei der Freude, die all diese schönen Dinge uns und unseren Kindern aber machen, wollen wir nicht vergessen, daß es meist

blutarme Menschen sind, die um kärglichen Lohn sie im Schweiße des Angesichts herstellten und die nun, am schönsten Feste der Christenheit, in der armen Hütte im verschneiten Gebirgsdorse oder in der kleinen Arbeiterwohnung der großen Industriestadt darüber nachträumen, wie sie für andere Schönes geleistet. Ver­gessen wir daher in der Freude der Armen nicht!

Gin Wort üöer Kausöibkiotheken.

Von V. W. Herbst.

Nachdruck verbotcn, Ges. v. 11./VI. 70.

Wohl manchem unserer Leser sind Goethes geflügelte Worte über das Lesen in jenen beiden humoristisch gehaltenen Epi­steln im Gedächtniß, worin er einem fragenden Freunde in heiterem Uebermuthe Antwort gibt, wie das deutsche Haus sich vor den Gefahren der Vielleserei wahren könne. Der Dichter tröstet den besorgten Volksfreund vorab mit dem freilich wohl­feilen Tröste, Bücher hätten ohnehin nicht die Kraft,des Menschen schon entschiedenen Hang und seine Neigung zu wenden". Nur bestärken könnten sie ihn in seiner Gesinnung oder den unentwickelten flüchtig erregen.

Sag' ich, wie ich es denke, so scheint durchaus mir, es bildet Nur das Leben den Mann und wenig bedeuten die Worte.

So Goethe. Und in der zweiten Epistel empfiehlt er den Hausvätern, die Töchter vollauf mit Hausarbeit zu beschäftigen.

Wahrlich! wären mir nur der Mädchen ein Dutzend im Hause, Niemals wär' ich verlegen um Arbeit, sie machen sich Arbeit Selber genug, es sollte kein Buch im Laufe des Jahres Ueber die Schwelle mir kommen, vom Biicherverleiher gesendet.

Es ist das natürlich keine Lösung, sondern eine schalkhafte Umgehung der Frage, die allerdings eine nationale Lebens­und Kulturfrage ist. Der starke Lesetrieb ist echt deutsch und ebenso eine Macht wie das Schriftthum, das ihn befriedigen will. Sollte die realistische Gegenwart je diesen charakteristischen Zug antasten, verwischen und beseitigen würde sie ihn gewiß nicht, sie würde ihn höchstens auf andere Gebiete geistiger Inter­essen hinüberlenken. Ist aber einmal dieser Lesetrieb so leben­dig vorhanden, so gilt es, ihn zu regeln und in gesunder Weise zu befriedigen. Der Goethesche Satz von der schließlichen Wirkungslosigkeit des geschriebenen und gedruckten Wortes ist doch nur halb wahr, und für werdende, unbefestigte Geister gibt ja auch der Dichter selbst jene Einflüsse zu. Aber auch das reifere Leben, wenn es stets in einer bestimmten Geistes­atmosphäre athmet, wird unvermerkt in diese Luft hinein ge­zogen, und das alte Wort, der Tropfen höhle den Stein aus, behält für Jung und Alt seine Wahrheit. Hierin liegt die geheime Macht der Tagespresse und der Parteiorgane, welche die Mehrzahl ihrer Leser wie mit eisernen Klammern oder mit dichten Netzen in Beschlag nehmen. Ist dies die Lage, so wird man um so gewissenhafter nach dem Was? und Wie? des Lesens fragen müssen. Ich suche die Frage von einer neuen Seite anzufassen, indem ich dem gebildeten deutschen Familien­leben die Anlage von Hausbibliotheken empfehle. Ein vor­nehmes Wort, das leicht abschrecken könnte. Man setze, wenn man will, statt des griechischen das bescheidenere heimische Bücherei", das noch im vorigen Jahrhundert von Dichtern wie Bürger, Voß, Herder gebraucht und in diesem z. B. von E. M. Arndt wieder aufgefrischt ward, sich aber auch, wie so manches kerndeutsche Wort, in die verwandte holländische Sprache zu dauernder Bewahrung hinübergeflüchtet hat. Es handelt sich keineswegs um den Vorschlag, hochragende Repositorien. mit einem bnntcn Gemisch von Büchern wie einen lästigen Ballast dem deutschen Hause aufzubürden. Das wäre nur ein neuer Schein, und gerade allem Scheinwesen möchte ich ent­gegentreten. Strenge Auswahl ist eine Feindin der Masse. Erinnern wir uns, daß das alte deutsche Hans von einiger Bildung und einigem Besitz, zumal vor der Schreckenszeit des dreißigjährigen Krieges, der so viel Blüte von unserm Volks­thum abstreifte, wohl wußte von einerBücherei" oderLie­berei", und heute noch Pflegen die meisten englischen Familien, und nicht blos die hochadelichen, ihre großen Bücherschätze, ihre

Hansbibliotheken. Was dort bei freilich ganz anderem Wohl­stand im großen möglich ist, das wird bei rechtem Verständniß und gutem Willen bei uns nach kleineren Maßstäben doch wohl nicht unmöglich sein. Oder sollte gerade hierfür, für die be­deutendsten Zwecke, kein Geld übrig sein?

Ansätze dazu finden sich freilich auch in Deutschland viel­fach, aber selten nach bestimmten oder vollends nach den rich­tigen Grundsätzen ausgebildet.

Und welches sind diese richtigen Grundsätze?

Sie werden sich am sichersten von den Zwecken herleiten lassen, die man dabei verfolgt. Und dieser Zweck kann kein anderer sein, als dem Familienleben die geistigen Mittel zu schaffen, die nicht blos einem oder dem andern, namentlich nicht allein den männlichen Mitgliedern, sondern als ein Gemeinbesitz des Hauses allen dienen sollen. Dies vor allem ist zu betonen, daß auch auf diesem Wege das Gemeinschaftsleben des Hauses gebaut, entwickelt und gepflegt werde. Es ist dabei selbstver­ständlich, daß namentlich der Hausvater und die erwachsenen Söhne wie ein Sondergebiet geistiger Interessen, so auch be­sondere Büchersammlungen haben. Aber dem Trennenden muß ein Einigendes gegenüber stehen, soll anders die Familie eine bestimmte Physiognomie erhalten, an deren Zügen sie kenntlich ist. Es wird dabei in erster Linie allerdings gemeinsames Lesen, Vorlesen vorausgesetzt, von dessen bauender und bin­dender Wirkung jeder Kundige zu sagen weiß. Aber auch, wo neben das gemeinsame Lesen das Einzellesen tritt, wie muß doch auch dies auf die Gemeinschaft belebend zurückwirken, wenn alle oder die meisten Familienglieder sich an den gleichen Stoffen genährt haben und sich nun im Austausch daran er­freuen und bilden können. Schon dies Bedürfniß allseitiger und treuer Aneignung, wo das Bedeutende nicht einmal, sondern wieder und wieder gelesen, genossen und in persön­lichen Geistesbesitz verwandelt wird, fordert ein eigenes Sammeln und Haben.

Jede Bibliothek in Privathänden, wenn sie nicht im Dienste hohler Eitelkeit steht, muß ein bestimmtes Gesicht haben, sie muß der charakteristische Ausdruck eines persönlichen geistig­sittlichen Lebens sein, dessen Geschichte zugleich man in und zwischen den Bücherreihen lesen und verfolgen kann. Und so soll eine Hansbibliothek, wie ich sie mir denke, den Charakter des Hauses, seine Gesinnungen und Strebungen widerspiegeln. Je mehr sie dies thut, um so brauchbarer und wirksamer wird sie sein. Hieraus folgt, daß man keine Mustersammlungen zum Hausgebrauch, etwa wie man kleine Mineralienkabinette oder Hausapotheken on nllniatrirs zum Verkauf auswählt, mechanisch zusammenstellen kann. Individuelle Neigungen und Richtungen haben ihr hohes Recht, aber gewisse Grundzüge von allgemeiner Gültigkeit werden sich doch ziehen lassen. Etwas ähnliches gilt ja von der Musik, dieser Familienknnst im eminenten Sinne. Nicht auf einmal, wie improvisirt, können und dürfen auch solche Sammlungen entstehen, sie müssen vielmehr werden und wachsen mit der wachsenden und sich entwickelnden Familie, um dann womöglich forterbend als ein eiserner Bestand zu ver­bleiben, so lange sie existirt. Wie jetzt die Dinge liegen, sind die Quellen geistiger Nahrung für das deutsche Familienleben noch so vielfach die Leihbibliotheken. Der Kundige weiß, wie ungesichtet auch die besten dieser Institute sind. Nicht ein be­stimmter verständiger Wille drückt ihnen das Gepräge auf, vielmehr das Allerweltsbedürfniß des vielverzehrenden Herrn Omnes. Sie sind darum die bedenklichen Schulen wähl- und