Heft 
(1878) 12
Seite
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Als 1650 das Friedensfest in Nürnberg abgehalten wurde, da ritten 1476 Knaben auf Steckenpferden und jeder von ihnen erhielt zur Erinnerung daran einen silbernen vier­eckigen Friedenspfennig, auf welchem ein Knabe ein Stecken­pferd reitend, dargestellt ist. Alte Kupferstiche und Bilder sind eine reiche Fundgrube, da auf ihnen die alten Maler die Kinder gerne in ihren Lieblingsbeschäftigungen darstellten, wie heute noch die Düsseldorfer Genremaler. So findet man in einem 1628 erschienenen holländischen Werke ein Bild, auf dem kleine Mädchen und Knaben sich auf alle Art belustigen. Im Vordergrund spie­lende Mädchen mit Puppen, Hausge- räthe aller Art, Kin­derwägelchen. Da­bei eine Schaar Knaben und Mäd­chen, welche Sol­daten spielen, mit den Waffen jener Zeit gerüstet. Dann einige, die blinde Kuh spielen; da­hinter Buben, die voltigiren, mit der Windmühle laufen, über das Seil sprin­gen, auf Stelzen gehen, Kegel spie­len, mit der Vio­line und einer ver­schiebbaren Kinder- scheere sich unter­halten. Andere, die Drachen fliegen las­sen, Reif treiben,

Purzelbäume schla­gen, den Kreisel peitschen, Seifenbla­sen machen, Rinds­blasen anfblähcn,

Steckenpferdreiter kurz, es zeigt dieses Blatt den Inbegriff vieler da­maliger und jetzi­ger Kinderspiele und dient zum Beweise, daß es mit diesen vor 250 Jahren ganz so, genau so wie heute beschaf­fen war. Aus dem vorigen Jahrhun­dert gewährt uns dasgermanische Museum" wieder mannigfache Anhaltepunkte. Nr. 3 der Abbildungen ist ein Zinnsoldat, ein Grenadier Friedrichs des Großen. Wenn wir uns erinnern, mit welchem Eifer in einem Hause, wie dem Goetheschen, der Verlauf der preußischen Politik und Schlachten verfolgt wurde, so begreifen wir, daß auch dieser Soldat die berühmten Schlachten jener Zeit im Kinder­spiele hat schlagen müssen. Und Mama hat dabei gesessen und genau so feierlich ausgesehen als die Puppe Nr. 4, die aus jener Zeit sich erhalten hat. Die Stücke 5, 6, 7, gute Holzfiguren Fichtels des Jüngeren (der Merkelschen Familien- stiftnng gehörig) führen uns in die Kämpfe mit Frankreich im Anfänge dieses Jahrhunderts. Nr. 5 ist ein französischer Re­volutionssoldat, ein Sansculotte, Nr. 6 ein Kosak zu Fuß und Nr. 7 ein Baschkire mit Bogen und Pfeil, wie er noch bei Leipzig gesuchten hat. Das Einsteckbild (Nr. 8), einen Garten

im Zopfstile vorstellend, ist auch ein Spielzeug aus der Zeit unserer Eltern; es wurde nach Belieben aus einzelnen in die Bretsalze gesteckten Kartons zusammengesetzt. Die Gegenwart vertritt ein Kaiserwagen (Nr. 9) aus der Zinncompositions- fabrik von Heinrichssen. Und damit wären wir bei den Nürn­berger Bleisoldaten angelangt, die friedlich in Schachteln ge­packt in ganzen Armeecorps zu tausenden verschickt werden, um auf den Tischen in Schlachtordnung auszuerstehen.

Die Bleisoldaten! Einem Sozialdemokraten dreht sich gewiß bei ihrem Anblick das Herz im Leibe um und er stellt

gewiß lieber seinen Kindern eine Guil­lotine ans den Weih­nachtstisch als die verthierten Söldner. Die Lust am Sol­datenspiel ist aber allen Knaben ange­boren und so lange der Weltfriede nicht verbürgt ist, so lange Kämpfe herrschen, wird auch unsere Jugend mit den zinnernen Lieblin­gen aus Nürnberg verkehren. Wenn das Kind spielen will und es muß spielen, so greift es zu Figuren und soll man ihm da etwa den Bürger im schwarzen Frack und Cylinderhut in Zinn gegossen übergeben? Da wird die Ar- muth des Kostüms, der Mangel an Farbe erst recht offenbar. Und so greift denn der zukünftige Vater- landsvertheidigerzn den prächtig ge­schmückten, farben­reichen Soldaten, an denen er seine Phantasie erregt, mit denen er die Schlachten des gro­ßen Krieges 1870 wiederholt und an denen er auch sei­ne Vaterlandsliebe weiter bildet. Wir mögen sie des­halb nicht missen diese kleinen Nürnberger Armeen mit ihren Kanonen, ja sie gehören da, wo Knaben sind, ent­schieden unter den Weihnachtsbaum. In Nürnberg werden auch Eisenbahnzüge, Lokomotiven, Waggons u. s. w., in 80 Klempnerwerkstätten, die weltberühmten Blechspielwaaren, in großen Massen prodnzirt. Wie viel Blech geht von hier in die Welt!

Jil dem Jahre 1871 lieferte ein Fürther Haus 5000 Groß Kindertrompeten, wozu allein 130 Kisten Blech ver­arbeitet wurden! Aus Nürnberg stammen auch die Spielsachen höherer Art wie Zauberlaternen, Schwimmvögel, Fische mit magnetischen Fangnadeln, Uhren, Kinderschmuck und Möbel wer könnte alles anfzählen? Was Nürnberg auszeichnet, das ist die Schönheit der Waare, die Solidität derselben, die Richtig­keit der Zeichnung.

Am Morgen nach dem heiligen Abend.

Originalzeichmmg von Karl Böker.