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Km AamMerrtische.
In Sachen Robert Blums.
In dem Artikel „Persönliche Erinnerungen aus den Jahren 1848 bis 1850" in Nr. 10 des „Daheim" 1878 ist mehrfach der Name Robert Blums in einem Sinne erwähnt, welcher diesem Manne wohl nicht ganz gerecht wird. Schon S. 255, Sp. 2 gewinnt es den Anschein, als wolle der Verfasser Robert Blum als einen Anhänger jener Helden der Pfingstweide bezeichnen, welche die Frevel der Septembertage herbeiführten; denn der Verfasser spricht aus, daß Robert Blum „infolge der Auflösung der revolutionären Vereine und der Erklärung des Belagerungszustandes aus Frankfurt a. M. verschwunden" und nach Wien gereist sei. Wenn das die Auffassung des Verfassers wäre, so wäre sie unrichtig. Robert Blum ist mit eigener Gefahr feines Lebens den Feuerschlünden der Frankfurter Barrikaden entgegengetreten. Er hat in seiner Zeitung in Frankfurt und Leipzig, wie im Parlament selbst, die Emeute der Pfingstweide aufs entschiedenste ver- urtheilt. Ich besitze Briefe aus jener Zeit von Männern, die damals weit „röther" waren als Blum, z. B. von Arnold Rüge, die Blum aufs heftigste angreifen, weil er der Revolution der Septembertage so entschieden überall und mit allen Mitteln entgegentrat. Ueberhaupt ist es wohl eines der wesentlichsten und doch am wenigsten bekannten Momente zu einer richtigen Beurtheilung Robert Blums, daß dieser Führer der Frankfurter Linken jede bewaffnete Erhebung des Jahres 1818 vom ersten Hecker-Struveschen Aufstande au bis zu den Septembertagen in seinem Organ und im Parlament entschieden mißbilligt hat, und daß er in die bewaffnete Erhebung Wiens nur dadurch hinein gezogen wurde, daß Messenhaufer das Eliteeorps, dessen eine Kompagnie Robert Blum führte, wider die Abrede, statt nur zum inneren Ordnungsdienst, gegen die anstürmenden kaiserlichen Truppen verwendete.
Es bedarf hiernach kaum der Widerlegung der absolut unrichtigen Behauptung des Verfassers auf derselben S. 255, wonach Robert Blum in einer Rede in der Aula zu Wien „zum schonungslosen Morde aller inneren Feinde selbst aufgefordert" habe. Das hat Blum nie gethan. Selbst Helfert, der die Anklageakten des Kriegsgerichts wider Blum, seine Vernehmung und sein Todesurtheil wörtlich mitgetheilt hat, weiß von dieser Anschuldigung nichts zu sagen.
Ob schließlich solche Ausdrücke wie „kleiner Danton", „glücklicherweise war auch hier der Mund größer als das Herz" den Mann richtig beurthcilen, der in der Brigittenau tapfer fein Herzbück hiugab, weil Oesterreich in ihm den deutschen Parlaments- und Einheitsgedanken treffen und tvdten wollte, das mag die Geschichte beurtheilen. Ein Mann, der sich bisher in der Geschichte leidlich bewandert gezeigt hat, der Fürst Bismarck nämlich, weicht in seinem Urtheil über Robert Blum wesentlich ab von demjenigen des Herrn Verfassers. „Ihr Vater war sehr liberal," sagte er zu mir am 23. Mai 1870, „sehr liberal — aber auch sehr gut national."
Leipzig, 25. Januar 1878. Hans Blum.
Gescheidte Thiere.
Unter obiger Ueberschrift finden sich in Nr. 14 des Daheim zwei Erzählungen von Gänsen und einer Katze, welche deren Klugheit zeigen sollen. Die verehrliche Redaktion hat neben das dort erwähnte Denken der Katze in Klammern ein Fragezeichen gesetzt, meiner Ansicht nach mit vollem Rechte. Durch alle dahingehenden Beobachtungen bin ich zu der Ueberzeugung gekommen, daß das Thier zwar zufällige Erfahrungen machen und sich darnach richten kann, aber es vermag nicht Folgerungen daraus zu ziehen, also anch nicht zu denken oder Schlüsse zu machen. Wenn bei einem Handeln des Thieres ein solches kombi- nirendes Ueberlegen statt zu finden scheint, so entsteht meiner Erfahrung nach dieser Schein nur daher, daß wir die einzelnen zufälligen Erfahrungen nicht kennen, durch welche das Thier hierbei geleitet wird. Folgendes wird dieses erläutern.
Ich habe zwei Hunde, einen kleinen hochbeinigen Stnbenhnnd und einen ziemlich großen Hofhund. Unmittelbar an den Hof schließt sich der Garten an, in den man durch eine niedrige Lattenthür tritt, welche durch eine auf der Hofseite befindliche und durch einen Druck von unten nach oben sich öffnende Klinke geschlossen, außerdem aber noch durch eine auf der Gartenseite sich befindliche und an den Thürpfosten festgehakte Schnur gehalten wird. Hier nun konnte man, so oft man wollte, folgendes sehen. Sperrte man den kleinen Hund in den Garten und er wollte wieder heraus, so stellte er sich an die Pforte und bellte. Sofort lief dann der auf dem Hofe sich befindende große Hund herbei und hob mit der Nase die Thürklinke in die Höhe, während der kleine auf der Gartenseite in die Höhe sprang und die Schnur mit den Zähnen faßte und durchbiß; worauf dann der große die Schnauze zwischen Thür und Pfosten klemmte, die Thür zurückschob und den kleinen heraus ließ. Jedenfalls scheint doch hier bei den Hunden Ueberlegung zu walten. Dennoch aber und obgleich die Hunde hierzu ganz von selbst, d. h. ohne alle menschliche Anleitung gekommen sind, bin ich in der Lage nachzuweisen, daß sich das Ganze nur aus zufälligen Erfahrungen zusammensetzt, denen die Hunde, ich möchte sagen bewußtlos folgen. Der Hergang ist nämlich folgender. Als der große Hund noch jung war, wurde es ihm gestattet, gleich dem kleinen in den Garten zu gehen und deshalb war meistens die Thür nicht eingeklinkt, sondern
nur angelehnt. Sah er nun jemand hineingehen, so folgte er, indem er die Schnauze zwischen Thür und Pfosten zwängte und die Thür auf diese Weise bei Seite schob. Als er groß geworden war, verbot ich ihn mitzunehmen. Es wurde nun die Thür eingeklinkt. Natürlich wollte er nun folgen, wenn jemand hineinging, und versuchte auf die alte Weise zu öffnen, was aber nicht mehr anging. Da geschah es denn einmal bei diesen Versuchen, daß er mit der Nase etwas höher fuhr und von unten gegen die Klinke stieß, so daß diese sich aus dem Haken hob und die Thür aufging. Von da ab machte er immer die nämliche Kopsbewegung an der Thür und natürlich mit demselben Erfolge. Er verstand nun dis eingeklinkte Thür zu öffnen. Nun aber war der kleine Hund sals der ältere sein Lehrmeister in manchen Dingen gewesen, namentlich im Verfolgen von Katzen und im Fangen von Mäusen und Maulwürfen. Hörte er ihn irgendwo eifrig bellen, so eilte er sofort zu ihm. Geschah dieses Bellen im Garten, so öffnete er die Pforte, um hineinzukommen. Indem aber der kleine, welcher heraus wollte, sofort beim Aufgehen der Pforte zwischen seinen Füßen hindurch herauslief, so blieb er auch auf dem Hofe, und entstand so der Schein, als sei er hingelanfen mit der Absicht, ihn heraus zu lassen. Daß dieses nur Schein war, erhellte daraus, daß, wenn es dem kleinen Hund nicht gelang, sogleich heraus zu kommen, der große hineinlief und ihn suchend umkreiste, zum deutlichen Zeichen, daß er dort irgend eiwas erwartet hatte. Um nun dieses Oeffuen zu hindern, brachte ich auf der Gartenseite die Schnur an, welche straff gezogen die Thür fest gegen den Pfosten gedrückt hielt, so daß, wenn der Hund die Klinke hochhob und dann wieder nachließ, diese jedes Mal in den Haken zurück fiel. Das half denn anch eine ganze Zeit. Ta geschah es einstmals, daß ich von einem Spaziergange, auf welchem mich der kleine Hund begleitet hatte, durch den Garten zurückkehrte, und als ich durch die Thür ging, war dieser zurückgeblieben und wollte auch auf mein Pfeifen nicht kommen. Da es eben anfing zu regnen und ich wußte, wie unangenehm ihm das Naßwerden war, schloß ich die Thür, um ihn damit zu strafen. Ich hatte auch kaum die Hausthür erreicht, so stand er schon an der Pforte und fing, da auch der Regen stärker wurde, ganz jämmerlich an zu bellen und, zu schreien. Der große, welcher den Regen nicht achtet, war sofort bei der Hand und versuchte alles mögliche, die Thür zu öffnen, aber natürlich vergebens. Fast verzweifelnd biß der kleine inwendig in die Thür und sprang zugleich in die Höhe, ob er nicht etwa hinüber käme. Dabei kam ihm die Schurr zwischen die Zähne und riß, worauf anch die Thür aufging. Nun wußte er es und zerbiß die Schnur jedesmal, wenn er heraus wollte, so daß ich sie anders legen mußte. Daß übrigens der Hund, indem er die Klinke hoch hebt, nicht einmal weiß, daß die Klinke die Thür schließt und das Aufheben derselben die Thür öffnet, sondern nur ganz bewußtlos den einmal geglückten Stoß mit der Nase wiederholt, erhellt aus folgendem: Die Thür nach dem Strohstall ist ganz auf gleiche Weise wie die Gartenthür durch eine Klinke geschloffen, die nur ein wenig höher sitzt, doch so, daß er sie gut erreichen kann. Auch hier wird der kleine bisweilen cingesperrt, und wenn er bellt, macht der große Hund auf sein Bellen alle möglichen Versuche, die Thür zu öffnen; es ist ihm aber noch nie eingefallen, die Klinke hoch zu stoßen. Das Thier kann nicht Schlüffe machen, d. h. nicht denken.
Tremmen bei Nauen. Th. Schumann.
Ein literarischer Feinschmecker.
(Za dem Bilde auf Seite 309.)
Es ist ein Exemplar einer dem Anssterbcn nahen Rasse, die unser Künstler uns heute vorführt. Wer hat heutzutage uoch Zeit zum behaglichen Lesen! Wir studiren ein Buch oder wir durchblättern es - - eins von beiden. Nur selten findet sich noch einer, der hinter der Zeit zurückblieb und noch seine Freude hat am Lesen, einer von denen, für deren einst so zahlreiche Sippe Sterne und Swift und unser köstlicher Hippel schrieben. Ich stelle mir gern vor, daß unser alter Herr in den „Lebensläufen in auf- und absteigender Linie" liest, vielleicht gerade im Testament der Pastorin, das so viel Witz, Laune und Tiefsinn enthält, wie die ganze literarische Produktion des Jahres 1877 zusammen genommen, trotz ihrer mehr als 16,000 Nummern uoch lange nicht aufweist. Ein solches Lesen solcher Sachen gewährt freilich anch einen Genuß, wie es wenig andere gibt. Wie ganz erfüllt von Behagen und Heiterkeit ist unser alter Herr man kann ihn recht darum beneiden, ihn und den Autor, der diese Stimmung hervorrief.
Inhalt: Bor dem Sturm. (Fortsetzung.) Roman von Theodor ^ Fontane. — Der unterbrochene Spazierritt. Originalzeichnnng von ! Ernst Bosch. — Persönliche Erinnerungeu aus den Jahren 1848 — 1850. 1t. Abtheilung. V. — Von Weihnacht bis Pfingsten.
Gedicht von Rudolf Kögel. — In der alten Residenz der Sultane. ^ Reiseskizze von L. Rode. — Zur Geschichte des preußischen Feldpredigeramtes. Von Erich Schild. — Am Familientische: In Sachen ! Robert Blums. Von Hans Blum. — Gescheidte Thiere. Von Th. ; Schumann. — Ein literarischer Feinschmecker. Zu dem Bilde von G. Hackl. !
Herausgeber: I>r. Uovert Koenig und Theodor Kermami Airnteniils in Leipzig. Für die Redaktion verantwortlich Htto Ktastng in Leipzig. Verlag der Iahen» - K.rpediiioir (Yethagen L Klasing) in Leipzig. Druck von A. H. Teuöner in Leipzig.