Gin „akademisches Wirrtet" vor der Leipziger Universität.
Es ist während des „akademischen Viertels." Eben hat die volle Stunde geschlagen. Wer es überhört haben sollte, wird durch das primitive Läuten der großen Lorridorglocke daran erinnert.
Die Auditorien entleeren sich und füllen sich aufs neue. Auf den Gängen herrscht ein munteres Gehen und Kommen.
Draußen aber vor dem Universitätsgebäude sammelt sich am Eingangsportal eine plaudernde, rauchende, promenirende Studentenschaar, die sich das Viertelstündchen zu Nutze macht, um frische Luft zu schöpfen, mit Commi- litonen sich zu unterhalten.
Oiuo, ouro uiio, ruft jener Studio einem andern zu, der den Tessiner Hut nach dem Hinterkopf geschoben, den lombardischen Kurzmantel um die Schultern geschlagen herbeikommt. Der Italiener erwidert heiter den Gruß und Handschlag.
luus vor ostu uoofts, umi§c>, verabschiedet sich dort mit feiner fast weiblicher Stimme ein schwarzäugiger Sohn Südamerikas, der Medicin studirt, von einem jungen deutschen Freund, der ihn zum Augusteum begleitet hat. Die Freunde geben sich ein Rendezvous für den Abend in der Spanischen Weinstube.
Aus dem Hofe des Augusteums tritt ein schlanker Ungar in die Hausflur, Freude leuchtet aus seinen dunklen Augen. Er erhielt eben auf dem Rentamt ein Stipendium ausbezahlt, wie er einem ihm entgegenkommenden starken Oesterreicher, dessen Heimath an der Militairgrenze ist, erzählt. BurL- tom, du kannst dich freilich freuen, Horuü Lo§ ouümü i soi svooi (wen Gott liebt, den lieben auch seine Heiligen) heißt es im kroatischen Sprichworts.
Mit einem „88u rvusoüo starorvss" trinkt weiter unten am Cafo fran- yais ein Moskowit einem vorübergehenden Landsmann, der sich ins russische Seminar begibt, in Kohlensaurem zu.
Der mit dem Fez dort ist ein christlicher Araber vom Libanon, den das grausame Blutbad, das die Drusen angerichtet, zur Waise gemacht hatte. Ein deutscher Orientalist, der Beirut besuchte, nahm den Knaben mit nach Deutschland, ließ ihn auf deutschen Schulen erziehen, und nun studirt er in Leipzig die Heilkunde, um sich als Arzt seinem Vaterlands nützlich zu machen.
Noch von weiter her kam jener zartgebaute tiefgebräunte junge Mann mit der koketten seidenen Tunica ohne Kragen. Es ist ein Reform-Hindu, der in Edinburg Humaniora studirt und dann sich zu naturwissenschaftlichen Studien nach Leipzig gewandt hat.
Jene Gruppe ist eine kosmopolitische „Estudiantina", die selbst auf dem fünften Welttheil, aus Australien, ein Mitglied aufzuweisen hat. Zwei Hamburger, ein Russe und ein Engländer von der australischen Colonie Victoria, fanden sich zusammen und studirten gemeinschaftlich philosophische und aesthe- tische Disciplinen neben ihren Fachcollegien. Der Australier ist musikalisch, er setzte daher die von dem einen Hamburger gedichteten sechs Studentenlieder in Musik und ließ sie im Stich erscheinen. Der andere Hamburger gab unlängst seine Doctorschrift über das Altbulgarische heraus, und jener andere hanseatische Musensohn erwarb sich außer dem medicinischen noch den Philosophischen Doctorhut mit einer Schrift über den Stoicismns als Ueber- gang zum Christenthume.
So schwirrt es und klingt es in der Studentenschaar in allen Zungen durcheinander, die ulmu wmtsr Isspsisusis erscheint als eine Art akademisches Babel. Ein Firmenich würde in Leipzigseine Studien über die deutschen Mundarten bereichern können. Sind doch alle Stämme deutscher Nation vertreten, von Nord und Süd, vom Aufgange bis zum Niedergange von den Preußen in erster Linie angefangen, bis zu den Waldeckern, Reußen u. den Lippischen herab sind Studirende aller Fächer in die Leipziger Matrikel eingetragen. Mit einer imposanter Zahl treten Preußens Söhne auf die
Scene. Von den Reichsangehörigen, die in Leipzig studiren, bilden sie die Mehrzahl.
Sogar die Sachsen aus dem Königreiche stehen ihnen an Zahl nach. Nächst den 1145 Preußen und 998 Sachsen kommen in weitem Zwischenräume 560 Studirende aus 20 verschiedenen Staaten des Reiches, darunter die Bayern, 75 an der Zahl, die Mecklenburger, 70, Baden und Württem- Lerger, je 25. Aus dem Großherzogthum Sachsen und aus den sächsischen Herzogtümern studiren 131 Landeskinder auf der Universität der alberti- nischen Linie.
Aber besonders charakteristisch für Leipzig ist die starke Frequenz der Hochschule durch wirkliche Ausländer aus Europa und den übrigen Welttheilen.
Die europäischen Staaten außerhalb des Reiches stellen ein Contingent von 254 Studirenden, voran Oesterreich-Ungarn mit 71, Rußland mit 61, die Schweiz mit 49 Musensöhnen. Beinahe den beiden europäischen Kaiserstaaten gleich thun es die Nordamerikaner, indem sie 67 Studirende nach Leipzig schicken, die meist in der Philosophischen Facultät immatriculirt sind. Canada im Norden, Mexiko, Chile, Brasilien, Bolivia, Columbia im Süden sind außerdem durch Studirende, meist angehende Mediciner, vertreten. Asien stellte der theologischen und wissenschaftlichen Facultät zwei Ostindier und einen Japanesen, Afrika zwei Studirende der Medicin.
Das ganze deutsche Reich hatte auf 21 Hochschulen im Wintersemester 1877/78 eine Gesammtziffer von 17863 immatriculirten Studirenden aufzuweisen. Aus Leipzig kamen davon 3036, auf Berlin 2834, auf München und Breslau 1360 und 1253. Reichsangehörige waren darunter im ganzen 16554. Preußens zehn Universitäten stellten dazu 8318, Bayern (Erlangen, München, Würzburg) 2559, Baden (Freiburg und Heidelberg) 653, Sachsen und die thüringischen Herzogthümer, Hessen, Elsaß, Mecklenburg und Württemberg auf ihren 6 Hochschulen noch 5024.
Besonders bemerkenswertst ist dabei die Thatsache, daß auf den letztgenannten Universitäten (Leipzig und Jena, Gießen, Straßburg, Rostock und Tübingen) zusammen 2674 Reichsangehörige, die nicht Landeskinder sind, studiren, ferner daß auf den bayerischen Hochschulen 357 Nichtbayern aus dem Reich inscribirt erscheinen, während auf den zehn preußischen Hochschulen nur 700 Reichsangehorige, die Nichtpreußen sind, in Baden endlich 356 Nichtbadenser aus dem Reich studiren. Jenen 700 „Reichsländern", die in Preußen studiren, stehen aber auf den 11 nichtpreußischen Hochschulen über 2500 auswärts immatrikulirte Preußen gegenüber*).
Ueber Leipzig gab es im später» Mittelalter einen lustigen Spruch, der verschieden lautet. Am häufigsten kommt er in den -Quellen vor wie in folgender Form:
„Wer von Jena und Leipzig kommt ohne Weib,
Von Wittenberg mit gesundem Leib,
Von Helmstedt ungeschlagen,
Der hat von großem Glück zu sagen."
Wittenberg verwahrte sich gegen das Paroemium in einem lateinischen gelehrten Programm, das vr Christian Gottfried Stengel 1737 drucken ließ. Leipzig hat den Spruch nicht angezweifelt. Warum auch? Sind doch Sachsens frische Landestöchter ebenfalls im Volksmunde sprichwörtlich geworden und statuirt nicht jenes Wort offenbar zugleich eine rühmliche Ausnahme von einem anderen deutschen Sprüchlein, das da lautet:
„Eine Studentenbraut wird selten getraut."
K. W. W.
*) Leipzig zählt deren 1145, Würzburg 246, Strapburg 255, Tübingen 147, Jena 144, München 143, Heidelberg 134, Freibnrg 99, Gieszen 63, Erlangen 55.
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Altdeutscher IVttz und Verstand.
Es ist Adams Rhetorik, die Schuld auf Andre schieden.
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Altdeutscher Witz und Verstand. Freundlich Angesicht ist halb Zugemüse.
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Witz und Verstand.
Reime und Sprüche aus dem iS. und 17. Jayryuudert.
^ür Liebhaber eines triftigen Sinnes in ungekünstelten Worten.
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dem sechszelmten und siebeuzeynten Jnhrpuudcrte.
Zusammeugestellt vom Verfasser des „Altdeutscher Witz und Verstand."
iS. preis 4 M., in feinstem lliebhaberyalbfrau; 7 M. Verhagelt 6t Wasing in Bielefeld und Leipzig.
Altdeutscher Witz und Verstand.
Mau soll nicht Bratwürste im Sundestalle suchen.
Linder soll mau strafe», daß der Apfel bei der Ruthe sei.
(Luthcr.)
Altdeutscher Witz und Verstand.
Es meint jede Frau, Vst Selig ist der Mann,
Ihr Lind sei ein Pfau. Der Serrcndicnst entrathen kan».