Ein deutsches Fmnilienlcktt nlit Illustentinnen.
Erscheint wöchentlich und ist durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 2 Mark zu beziehen.
Kann im Wege des Buchhandels auch in Heften bezogen werden.
-UM»
W
MN«
HM
XIV. Jahrgang. Ausgegrbrn «Ul 25. Ulli 1878. Der Jahrgang laust VSIN Wobei 1877 bis dahin 1878. 1878. 34.
Ktchanan, eine jüdische Mpstsage.
Nachdruck verboten. Ges. v. 11./VI. 70.
Nach mündlicher Ueberlieferung erzählt von G. H. Händler.
In einer stürmischen Septembernacht gegen die Mitte des elften Jahrhunderts, als Wind und Wetter draußen rasten und der Regen geg^en die Fensterscheiben peitschte, hatte sich eine Anzahl Bürger der Stadt Mainz in einem der Gasthöfe zusammengefunden, um allda beim Becher und Würfelspiel die unwirsche Nacht zuznbringen. Ein Theil war in einem Seitenzimmer um die Würfel geschart, während ein anderer rings um den großen Tisch in der Gaststube zechte und dabei in einer recht eifrigen lärmenden Unterhaltung über die Tagesereignisse begriffen war. Das Kannegießern war schon damals eine Lieblingsbeschäftigung des deutschen Bürgers, nur daß die Meinungsverschiedenheiten tiefgehender waren und die Erörterungen meistens in Streit und Thätlichkeiten ausarteten; so daß nicht selten zum Schlüsse mancher mit blutigem Kopfe heimging oder heimgetragen werden mußte.
Es wurde bei dieser Gelegenheit besonders viel und lebhaft verhandelt über die Zerwürfnisse des Kaisers (Heinrich IV) und der Fürsten des Reichs mit dem Papste. Man erging sich in allerlei Muthmaßungen über den Ausgang des Streites und stellte allerlei Prognostica auf, je nachdem man es mit der einen oder der andern Partei hielt. Immer mehr erhitzten sich die Gemüther, durch Wein und Widerspruch gereizt, immer wüster wurde das Geschrei und Gebrülle. Schon war es auf dem Punkte, in eine arge Rauferei auszuarten, womit in den damaligen rohen Zeiten die meisten derartigen Gelage zu endigen pflegten, als einer unter ihnen, sei es aus Schlauheit oder auch aus Bosheit ein Wort aus dem Stegreif über die Juden und ihre unrechtmäßig erworbenen Schätze in dieses Toben hineinschleuderte. Dies wirkte wie eine beschwörende Zauberformel und beschwichtigte auf einmal die erhitzten Gemüther. Im Nu hörte der Wortkampf auf, um einer gewissen Eintracht Platz zu machen. Jene Worte hatten, einem Blitzableiter gleich, die Leidenschaften der rohen Menschen auf einen andern Gegenstand gelenkt und zwar einen solchen, über den keine Meinungsverschiedenheit herrschte. Hier waren Saiten
XIV. Jahrgang. 34. I.
berührt worden, die bei allen widerklangen, nämlich die des Neides, des Hasses, der Habgier und des Fanatismus. Das Zungengefecht verstummte für einige Augenblicke, die schon geballten Fäuste und drohend ausgestreckten Arme sanken herab und alle fielen einstimmig über die „verdammten Juden" her und fingen an zu berathen, wie man diesen beikommen könnte.
Allerlei Vorschläge wurden laut, wie man ihrem durch Wucher und Aussaugung guter Christenbürger täglich zunehmenden Reichthum steuern müßte. Die einen, ziemlich milde gesinnt, waren für größere Beschränkung ihrer ohnehin schmalen Rechte und Freiheiten oder allenfalls für ihre Ausweisung ans dem Reiche. Andere hielten dies für ungenügend und meinten, man müsse ihnen zuerst ihre mit Unrecht erworbenen Schätze abnehmen, und nachdem man der Kirche den Löwenantheil zugewendet und auf diese Weise den Rest geheiligt, sei das übrige unter gute Christenbürger zu vertheilen. Noch anderen, die entweder blutdürstiger oder von größerem Eifer für die Kirche beseelt waren, erschien auch diese Maßregel noch zu milde; sie wollten das einzige radikale Mittel angewendet sehen, nämlich sie mit Stumpf und Stiel, Weib und Kind auszurotten und ihr Vermögen in Beschlag zu nehmen. Wieder andere, mehr auf die Zukunft der Kirche bedacht, hielten es für ge- rathen, wenigstens die Seelen der Kinder dem Verderben zu entreißen, und sie schlugen zu diesem Behufs vor, man solle die Kleinen zuerst taufen und sie dann in die Klöster vertheilen, um sie von den Mönchen oder Nonnen zu zukünftigen Streitern für die Kirche zu erziehen. Solche und noch manche andere mehr oder weniger unsinnige und unmenschliche Vorschläge wurden zum Besten gegeben und so dauerte dieser gelinde Streit tief in die Nacht hinein, bis endlich die meisten von Wein und Schlaf überwältigt, sich entweder nach Hause begaben oder dort, wo sie eben waren, sich auf Bänke hinstreckten und einschliefen.
Während sich dieses in einem Stadttheile ereignete, geschah das Entgegengesetzte in einem anderen.