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Dieser Stadttheil bestand säst ganz und gar aus einer langen, engen und sinstern Gasse von vier- bis sünsstöckigen Häusern. Die sich gegenüberstehenden Gebäude standen so nah an einander, daß man sich aus den Fenstern beinah die Hände reichen und jedensalls recht bequem mit einander unterhalten konnte. Unrath und Schmutz lag überall auf der Gasse umher. Diese Hauptgasse (von den Juden „die Gasse" genannt) wurde in verschiedenen Richtungen von mehreren, womöglich noch engeren und schmutzigeren Gäßchen durchschnitten, aus welchen wieder Gänge in innere Hofräume führten.
In allen diesen Gassen wimmelte es von Leben. Kinder tummelten und trieben sich an allen Ecken und Enden herum; Frauen und Greise boten ihre Maaren im Kleinhandel seil, während die rüstigeren Hausväter die ganze Woche über ihren Geschäften auf dem Laude nachgingen, um erst am Freitag Nachmittag spät heimzukommen. Jedoch, so ärmlich und unscheinbar die meisten dieser Häuser von außen anzusehen waren und auf Armuth und Dürftigkeit im Innern schließen ließen, so war dem doch nicht so. Unter dieser äußern unscheinbaren Hülle barg sich in den meisten Fällen Wohlstand und Reichthum, ja nicht selten Ueberfluß. Manche der innersten Gemächer dieser Behausungen waren mit einer Pracht und Ueppigkeit ausgestattet, deren sich kein Prälat oder Burggraf zu schämen brauchte. Die Zugänge jedoch zu diesen innern Gemächern waren dem unberechtigten Auge entzogen, sie waren dicht verschlossen und mit allerlei Gerümpel verlegt. Hierher zog sich der Jude an Sabbaten und hohen Festtagen zurück, um, wenn auch nur für kurze Zeit, von den Mühen und Drangsalen, der Schmach und den Beleidigungen, denen er die ganze Woche über sich aussetzen mußte, auszuruhen und im Kreise der Seinigen ungestörtes Familienglück zu genießen, dem er sich um so voller hingab, da er wußte, wie gar bald er wieder hinaus müsse in das für ihn im vollsten Sinne des Wortes feindliche Leben, um nicht allein im Schweiße seines Angesichts, sondern in Spott und Hohn unter den Füßen seiner Peiniger sich krümmend, sein Brot zu erwerben. Hier brach er das Brot und segnete den Kelch und fühlte sich ein Patriarch unter den Seinigen. Doch wozu noch eine längere Beschreibung dessen, was schon so oft beschrieben worden — des jüdischen Ghetto.
Aus einem der Hofräume dieses Stadttheils führt uns ein schmaler Gang in das Innere eines dieser Häuser. Hier, in einem einfachen jedoch reinlichen Gemach, dessen Einrichtung auf Wohlstand schließen läßt, finden wir einen zwar noch nicht sehr alten, aber ehrwürdig aussehenden Mann, an einem Tische sitzend, eifrig mit einer Pergamentrolle beschäftigt. Um ihn herum liegen andere Rollen, anscheinend von hohem Alter und seltenem Wertste. Der Raum an den Wänden ist zumeist mit Fächern ausgefüllt, welche auch Bücher enthalten, vornehmlich biblischen, talmudischen und kabbalistischen Inhalts, aus denen der Besitzer nicht nur sein bedeutendes Wissen geschöpft, sondern durch die er auch, wie die Sage wissen will, in den Stand gesetzt wurde, über die bestehenden Naturkräfte zu gebieten und sie nach Belieben zu lenken.
Dieser Mann ist Rabbi Simeon, genannt der Große, Verfasser mehrerer wohlbekannter Synagogalgebete und Hymnen, die noch heutigen Tages in den meisten Judengemeinden an hohen Festtagen gebräuchlich sind. Sie tragen beinah durchgängig das Akrostichon seines Namens. Jetzt, wo wir ihn in der Erinnerung vor uns haben, ist er noch in den besten Jahren, aber sein Antlitz ist bleich und gefurcht, es trägt die Spuren rastloser Geistesarbeit und beständigen Verweilens in der Zimmerluft, so wie des Fastens und der Kasteiungen, die von frommen Juden als unerläßliche Vorbereitung und Begleitung der Geheimstudien, der sogenannten „praktischen Kabbala" erachtet werden. Aber die asketische Lebensweise des Mannes hat seine große Seele nicht zu verengen und sein edles und liebevolles Gemüth nicht zu verhärten vermocht. Durch die von freiwilligen Entbehrungen angegriffenen Züge leuchtet eine freundliche Milde und gibt ihnen, trotz des hohen majestätischen Ernstes, eine vertrauenerweckende herzgewinnende Anziehungskraft.
Der Rabbi ist eben in der Abfassung eines jener meisterhaften Synagogalgedichte begriffen, welche durch ihren kunstvollen rhythmischen Bau fast noch mehr als durch ihren Inhalt ergötzen. Die Lippen des Rabbi bewegen sich, indem er eine Strophe leise vor sich hinmurmelt, als ein kleiner Knabe zu ihm hereintritt. Vertieft in seine dichterische Arbeit bemerkt er es anfangs nicht, bis der Kleine sich ihm nähert und durch seine Liebkosungen die Aufmerksamkeit des geliebten Vaters auf sich zu lenken sucht. Weit entfernt, ihn von sich zu weisen, unterbricht er vielmehr seine Betrachtungen und fängt an, sich mit dem Lieblinge zu beschäftigen. An diesem Kinde, dem einzigen, das ihm von vielengeblieben, an seinein Elchanau, hing er mit größter Zärtlichkeit. Er verwendete einen großen Theil seiner Zeit darauf, ihn in allen Kenntnissen, sowohl talmudischen als auch weltlichen, zu unterrichten; sogar für die Spiele des Knaben trug er Sorge, indem er ihnen eine sinnreiche Richtung zu geben bemüht war. Schon früh machte er ihn mit dem edelsten aller Spiele — dem Schachspiel vertraut, worin er selbst es zu einer gewissen Meisterschaft gebracht hatte, und manche Stunde, die er sich von seinen Studien abbrach, brachte er mit dem Knaben beim Schachbret zu. Jetzt aber bewegten viel wichtigere Gedanken seine Seele. Rabbi Simeon sah die nahen Trübsale, die seinem Volke von den Kreuzfahrern drohten, im Geiste voraus und wußte wohl, daß viele in der Zeit der bitteren Noth nicht standhalten, sondern feige von ihrem Glauben abfallen würden. Angesichts dieser Zukunft wollte er jetzt seinen Sohn in väterlicher Weise zur Treue und Festigkeit ermahnen.
Er sprach daher zuerst von den großen Vorrechten und Gnadenerweisungen, die der Heilige —gebenedeit sei Er — der Nation Israels von jeher habe angedeihen lassen; wie wunderbar Er sie geleitet und regieret, ihnen mannichfache Wunder erwiesen und sie auch später in allen Stürmen und Bedrückungen und Verfolgungen eines nun über tausend Jahre dauernden Exils dennoch als Volk erhalten habe. Er sprach ferner im prophetischen Geiste von der bevorstehenden Zeit der Noth und Drangsale, die bald nach seinem Hinscheiden über die Gemeinden in Deutschland und besonders über die Gemeinde zu Mainz Hereinbrechen würde, und ermahnte ihn treu und standhaft im Glauben zu beharren, bei den Seinigen zu stehen und, wenn es dahin kommen sollte, den Namen Gottes durch seinen Tod zu verherrlichen.
„Mein Sohn, mein geliebter Sohn," sprach der Rabbi, „bedenke, die Augen unseres Volkes sind nach meinem Heimgange auf Dich gerichtet, die ganze Exulautenschaft sieht zu Dir als zu ihrem künftigen Führer auf. Laß Dein Leben und Wandel ihnen als Muster voranleuchten; bewahre treu und unerschütterlich das unter Donner und Blitz von Gott selbst gegebene Gesetz Mosis, wie auch die Satzungen, die uns unsere Weisen überliefert haben; lies sie fleißig und sauge ihre Lehren tief in die Seele ein, und was auch die schwarze Nacht der Trübsal bringen mag, weiche keinen Finger breit von ihnen ab."
„Ach!" fuhr der Rabbi wie in einer Verzückung fort: „Der Himmel Israels wird immer dunkler, bald wird eine grausenvolle Nacht hereinbrechen. Schon sehe ich gewitterschwangere Wolken sich über unfern Häuptern zusammenballen, schon höre ich den fernen Donner grollen; nicht lange mehr währt es, so bricht der Sturm mit seiner ganzen Wuth über unser Volk los. Doch ich werde vorher zu meinen Vätern in Frieden eingehen und werde das Unheil nicht mit leiblichen Augen schauen. O, dies ist mir von oben verheißen worden, Du aber wirst bleiben und mit Deinen Brüdern leiden, und wie der Geist mir sagt, bist Du zu großen Dingen ausersehen. Ich darf nicht gegen des Allmächtigen weisen Rathschluß murren, sondern muß seinen gebenedeieten Namen Preisen, daß Er Dich zu Großem auserkoren und Dir ein glorreiches Ende bestimmt hat. Heil Dir, mein Sohn, Du wirst in Siegesslammen scheiden und gleich Elia mit feurigen Rossen gen Himmel fahren. Dein Ende steht klar vor meiner Seele," fuhr der Rabbi wie mit sich selbst redend fort, „aber die Zwischenzeit ist mir verborgen; eine undurchdringliche Wolke entzieht Dich für lange Zeit meinem Seherblicke, jedoch auch das ist im Rathschlusse des