Heft 
(1878) 34
Seite
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Gottes unserer Väter bestimmt, und auch das muß zum Besten dienen. So empfange denn, mein Sohn, vor dem hochheiligen Feste meinen Segen." Er legte beide Hände auf das Haupt des Knaben, segnete ihn mit feierlicher Stimme in tiefempfun­denen Worten und schloß mit demHöre Israel, der Herr, unser Gott, ist ein einiger Gott!"

Alsdann führte der Rabbi seinen Sohn zurück zu seiner Pflegerin, denn die Zeit nahte, wo er sich zur Synagoge be­geben mußte, um allda das feierlichste Gebet des ganzen Jahres zu verrichten. Denn was wir erzählt haben, geschah am Vorabend des Versöhnungstages, an welchem das Volk Israel noch immer Vergebung der Sünden und Versöhnung mit Gott zu erlangen meint, ohne die in Christo geschehene wahre Versöhnung anzuerkennen. Der Rabbi verbrachte seiner Ge­wohnheit gemäß die ganze Nacht mit Gebet und Psalmsagen, ohne von der Stelle zu weichen, und dieses sollte auch den ganzen darauf folgenden Tag fortgesetzt werden. Sogar die täglichen Waschungen blieben ausgesetzt. Der andämmernde Morgen fand den Rabbi am Gebetpult; das Gotteshaus füllte sich wieder mit andächtigen Betern. Das Morgengebet währte mehrere Stunden, denn die Gemeinde, die nie ihrer Güter, zu Zeiten nicht einmal ihres Lebens sicher war, ergoß sich in tiefen Klagen und in heißem Flehen um das Ende des nun schon so lange dauernden Exils und um die Ankunft des so sehnlichst erwarteten Messias, der das Reich Israels wieder Herstellen und den Tempel neu gründen und ihre Unterdrücker ihnen zu Füßen legen werde.

Als das erste und zweite Morgengebet vorüber war, be­stieg Rabbi Simeon die Kanzel (den sogenannten Almemar). Wie ein Strom ergoß sich seine Rede, indem er der Gemeinde die Länge des Exils als Folge ihrer Sünden vor die Seele führte und sie zur Buße und Bekehrung mahnte, damit der gnädige Wille Gottes, der immer bereit ist, das Ende zu be­schleunigen, nicht aufgehalten werde. Er ergoß sich darauf in heißen sehnsuchtsvollen Bitten um Erbarmen für sie und um das Ende der Leiden seines Volkes, in welches Gebet die Ver­sammlung mit vollem Herzen und überströmenden Augen ein­stimmte.

Nach dem Vortrage herabgestiegen, fand der Rabbi, daß ! Elchanan, der früh nach der Synogoge gebracht worden war und mit gespannter Aufmerksamkeit zngehört hatte, vor Er­müdung dem Umsinken nah war. Er schickte den Knaben daher nach Hause, damit er sich bei seiner Wärterin erhole.

Während aber der Rabbi in obiger Weise mit dem Ver­kläger seiner Brüder in der Synagoge rang, bereitete derselbe ihm in seinem eignen Hanse unabsehbares Weh.

Die Wärterin des Knaben war eine Christin, mit Namen Margareta, die Wittwe eines Mannes, welcher der Kriegs- ! sahne Kaiser Heinrichs gefolgt und in einem Treffen gefallen

^ war. Der Rabbi hatte sie einst aus großer Roth errettet.

Wegen der Schulden ihres Mannes wurde ihre letzte geringe Habe gepfändet und sollte eben um einen Spottpreis verkauft werden, als es sich fügte, daß der Rabbi vorbeiging und ge­rührt von den Klagen der Frau, die mit ihrem todtkranken Kinde von allen Hilfsmitteln entblößt dastand, die auf ihren Sachen haftende Schuld bezahlte und sie so vor der äußersten Noth errettete. Auch hatte die Frau des Rabbi ihr später

^ Geld und Erfrischung für ihr krankes Kind gebracht. Und als

sie in des Rabbi Haus kam und ihre Bereitwilligkeit ans­sprach, für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten, da nahm die Frau des Rabbi, von ihrer einfachen anspruchslosen Frömmig­keit emgenommen, sie als Kindeswärterin undSchabbesgoje" für die den Juden am Sabbat unerlaubten Verrichtungen, als Feuer anzünden re., in ihren Dienst.

( Frau Margareta rechtfertigte auch das in sie gesetzte Ver­

trauen, sie erwies sich als treu und zuverlässig und hing mit besonderer Ergebenheit an ihrer Herrschaft, so daß sich diese glücklich schätzte, eine solche Dienerin gefunden zu haben, und sie nach Belieben im Hause schalten und walten ließ.

So vergingen mehrere Jahre. In ihrer christlichen Fröm­migkeit von ihrer Herrschaft nicht behindert, hatte sie als gute Katholikin ihren Beichtvater. Es war der Dominikaner Pater

Ambrosius, ein eifrigst ergebener Diener seiner Kirche. Als er von ihr hörte, daß sie im Hause eines Juden diene, machte er zwar anfangs ein stutziges Gesicht; als sie ihm aber die Umstände, unter denen sie in des Rabbis Haus gekommen, erzählte, verbot er ihr nicht, dazubleiben, faßte aber sogleich den Entschluß, ihr Verhältniß zu ihrer Brotherrschaft gelegent­lich zum Frommen der Kirche zu benutzen. Im Beichtstuhl fragte er sie über alles aus. Die arglose Frau berichtete treu­herzig. Sie sprach mit vielem Lob von der Güte der Herr­schaft, von des Rabbi großer Gelehrsamkeit und seinem An­sehen unter den Juden. Sie rühmte dabei auch die frühzeitige hohe Begabung seines einzigen, großentheils ihrer Obhut und Pflege überlassenen Sohnes. Da stieg dem Mönche der Ge­danke auf, diesen seltenen Knaben der Kirche zuznführen, zumal als er vernahm, daß er einen großen Theil des Tages seiner Wärterin überlassen blieb, und er suchte nun die der Kirche von Herzen ergebenen Frau für seinen Plan zu gewinnen. Ihr schlichtes treues Gemüth schrak zwar zurück, aber der Pater wußte ihr die Sache immer dringender und einschmeichelnder als ein frommes und höchst verdienstliches Werk vor die Seele zu malen, so daß das arme verblendete Weib, von seinen Sophistereien bestrickt, in ihrem Widerstande immer schwächer wurde, bis er ihr endlich das Versprechen abdrang, bei einer günstigen Gelegenheit ihm den Knaben zuzuführen, damit er, wie er listiger Weise vorgab, sich von dessen Talenten über­zeuge, ob es sich auch wirklich der Mühe eines solchen Unter­nehmens verlohne.

Eine Zeit lang suchte die in ihrem Gewissen geängstigte Frau die Ausführung durch allerlei Ausflüchte zu Hintertreiben. Aber der Mönch wurde immer dringender und suchte ihr die Hölle recht heiß zu machen, ja als auch dies nicht verfangen wollte, drohte er ihr mit dem Bann der Kirche und Ver­weigerung der Absolution; und als Frau Margareta sagte, daß sich keine Gelegenheit zur Ausführung seines Planes finden wolle, rief er ungeduldig und drohend ans:Dann muß man die Gelegenheit machen! Wer sich den Himmel verdienen will, muß nicht die Hände in den Schoß, sondern Hand ans Werk legen. Um eine Seele vom Höllenfeuer zu retten," fuhr er fort,muß man keine Mühe scheuen und vor keiner Gefahr znrückbeben."

Nach langem Entgegenringen verstand sich endlich das arme hartbedrängte Weib dazu, die Sache ernstlich zu betreiben, indem sie ihr Gewissen damit beschwichtigte, daß sie ja nur die Befehle ihres Beichtvaters und also Gottes ausführe.

Als daher am Versöhnungstage der Sohn des Rabbi Simeon, wie wir erzählt haben, ermattet aus der Synagoge zu seiner Wärterin heimgebracht wurde, glaubte diese hierin einen Wink des Himmels zu erblicken. Nachdem sie noch einen kurzen aber harten inneren Kampf bestanden hatte, führte sie den nichts Arges ahnenden Knaben, unter dem Vorwände, daß er der frischen Luft bedürfe, vor die Stadt in die Nähe des Klosters hinaus. Als Pater Ambrosius sie aus der Ferne kommen sah, ging er ihnen einige Schritte entgegen, und nach­dem er sich in eine freundliche Unterhaltung mit dem Knaben ein­gelassen, lud er ihn ein, in ein Zimmer des Klosters zu treten, wo er das Gespräch fortsetzte. Er fand bald, daß Frau Margareta ihm über die Begabung des Kindes nicht zu viel berichtet hatte. Auf seinen Wink mußte sie sich unbemerkt entfernen, was sie mit schwerem Herzen that. Der Pater wußte den Knaben mit allerlei Fragen und Geschichtchen eine Zeit lang zu be­schäftigen, und als er endlich nach seiner Wärterin fragte, wurde er eine Zeit lang noch mit Ausflüchten hingehalten, bis er endlich ungeduldig wurde und immer ungestümer nach ihr begehrte; da wurde ihm denn bedeutet, daß sie fortgegangen sei und daß er vorläufig im Kloster bleiben müsse. Man brachte ihm allerlei Leckerbissen und Spielzeug, und als das alles nichts fruchtete, nahm der Pater ihn bei der Hand und führte ihn zur Thür hinaus, aber anstatt, wie der Kleine hoffte, ihn seiner Pflegerin zuzuführen, übergab er ihn einigen Nonnen, die nicht minder vergeblich ihn zu beschwichtigen suchten.

Als Elchanan endlich die Fruchtlosigkeit seiner Bitten einsah, brach er in ein heftiges Weinen aus, das bald in ein