Heft 
(1878) 38
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samkeit, wenn Sie mir jetzt verschweigen wollten, was Ihre Güte halb verrieth, oder meine Indiskretion, wenn ich um Ihre weitere Mittheilung bäte."

Sie haben Recht, Signore; keine Macht der Welt zwar hätte mir heute vor zwölf Jahren entlockt, was Sie so eben er­fragen, aber Gras und Blumen sind darüber gewachsen; mein Wort verhallt im Abendwind, und Sie, der allein es auffängt und vielleicht im Geiste bewahrt, Sie kehren binnen wenig Tagen in jenes Land zurück, das eine andere Sprache spricht und für unsdie Fremde" ist. Auch schuldet Ihnen das Schicksal eine Gunst Sie haben meine Nelke in der Hand.

So hören Sie denn:

Ich habe, wie Ihnen bekannt, meine Jugendzeit in Ales- sandria verlebt, wo meine Mutter einen Palazzo*) zu eigen hat, an dessen alte Räume und Treppenhallen sich fast alle Er­innerungen meiner Kindheit knüpfen. Nur für drei Jahre sandte man mich in ein College nach Milano (Mailand), und als ich von dort zurückkehrte, war das Kind zum erwachsenen Mädchen gereift. Ich glaube fast, daß diese Thatsache nieman­den so überraschte als mich selber. In unserem Colldge war mit Spiegeln kein Luxus getrieben worden, und wenn ich mich beim Ordnen meines langen Haares in dem verrätherischen Glas beschaute, so hatte ich wenig Zeit, dem blinden kleinen Dinge allerhand überflüssige Fragen vorzulegen; die kurzen, uns für die Toilette zugemessenen Minuten hielten mich stets in Sorge, in möglichst knapper Frist die Ueberlast meiner blonden Mähne in vorschriftsmäßige Flechten zu zwingen. Wie groß war nun mein Erstaunen, als die hohen venetianischen Spiegel im heimatlichen Salon mir ein erwachsenes schlankes Mädchen zurückstrahlten und die Kammerjungser meiner Mutter nicht genug Rühmens machen konnte von der Veränderung, die wäh­rend meiner langen Abwesenheit mit mir vorgegangen!

Aber nicht nur Kammerjungfern und Spiegelgläser ließen mein armes kleines Herz in Eitelkeit schwellen. Es ist in mei­nem Baterlande, wie Sie bemerkt haben werden, ständiger Ge­brauch des Volkes, wenn eine Dame vorübergeht, in lautem Worte Urtheil und Bewunderung abzugeben, und so wie ich aus­ging, schlugen Ruse an mein Ohr wie: Welch schönes Fräu­lein! LsHissiins.! Die schönste Dame von Alessandria! u. dgl. Natürlich sprachen die Augen derjenigen, die solche laute Aeuße- rungen nicht nach ihrem Geschmack fanden, oft noch deutlicher als die schmeichelndste Rede, und ich hörte und merkte mit einer Schnelligkeit, die meiner Fassungsgabe alle Ehre machte.

Ganz unabhängig von der angenehmen Thatsache fand ich es auch äußerst bequem, Bewunderung zu ernten, nur weil man eben gut aussah; wie anders als im College, wo, wie es schien, niemand meine körperlichen Vorzüge bemerkt hatte, die Fehler im Exerzitium aber stets genaueste Censur passirten.

Unter den Herren, die in unserm Hause Zutritt hatten, befand sich auch ein Capitano; ein Mann von einigen dreißig Jahren, der sich zwar nicht durch auffallende Schönheit aus­zeichnete, aber immerhin als ein sehr stattlicher Offizier gelten durfte. Er hatte ein ernstes, ruhiges Wesen, konnte jedoch von wirklich gewinnender Liebenswürdigkeit sein, und Wunder über Wunder selbst die alternde Kammerjungser meiner Mutter (was etwa so viel bedeutete als die konzentrirte Fama der Stadt Alessandria), selbst sie konnte dem Signor Capitano kein Liebesabenteuer, ja nicht einmal einen leichtsinnigen Streich nachsagen.

Sein Soldat hatte, wie Giovanna mir berichtete, unserm alten Carlo erzählt, der Capitano hielte auf Ordnung und Nettigkeit in seinem Zimmer wie eine junge Französin, und auf seinem Schreibtisch er sollte in der That einen wirk­lichen und wahrhaftigen Schreibtisch besitzen lägen allezeit Bücher und Karten die Masse, in denen er häufig und lange studirte.

Was mich betraf, so hörte ich dies alles mit ungläubigem Staunen, ja vielleicht mit etwas verächtlichem Lächeln an. Wußte ich ja nur zu gut, daß das Herz des Signor Capitano

Z Größeres italienisches Wohnhaus.

nicht von Stein war; gehörte er doch zu meinen eifrigsten Ver­ehrern, und so verschieden seine Weise, mir seine Huldigungen darzubringen, von der der übrigen Herren auch sein mochte, ich schwor mit unumstößlicher Gewißheit darauf, daß meine hübsche kleine Person das ganze Herz unter der blau-silbernen Uniform einnahin, und daß die für gewöhnlich so ernsthaften dunklen Augen glückselig strahlten, sobald ich in den Sa­lon trat.

Ja, ich wußte, daß mich der Capitano liebtewie das Licht seiner Augen"; ich wußte, daß er kaum etwas anderes dachte, plante und träumte als mich und eine Zukunft mit mir, und doch fragte ich mich kaum einmal ernstlich, ob ich seine Neigung erwidere.

Ein Offizier, der Karten und Bücher studirt, niemals Fensterpromenaden macht und keine Liebesabenteuer und Tri­umphe zu verzeichnen hat! Ein Offizier endlich, der der Ge­liebten seines Herzens, dem hübschesten Mädchen von Alessan­dria, kein einziges Schmeichelwort zu sagen weiß!"

Allerdings, es war Thatsache; der Capitano hatte sich noch nie zu einem Ausdruck der Bewunderung in Bezug auf meine Schönheit verstiegen; und war auch jeder Blick der warm­herzigen braunen Augen ein Geständniß seiner Zuneigung, lag in dem Ton seiner Stimme, wenn er sich erzählend und plau­dernd mir widmete, auch etwas so Weiches, eine solche Innig­keit, daß ich über den Zustand seines Herzens mir gegenüber nicht im Zweifel sein konnte ich wollte nun einmal einen Anbeter, der mich bewunderte und mir dies möglichst oft und enthusiastisch sagte. So sonderbar es sein mag, mein Verhalten zu dem Capitano faßte sich in die wenigen Worte zusammen: ich scherzte über ihn"; und was noch wunderbarer: Er ließ es sich gefallen.

Einstmals war ich wenige Tage leidend gewesen. Bei einem Ball, den ich mit der Mutter besucht, hatte ich mich er­kältet und eine leichte Halsentzündung davon getragen. Der Arzt verordnete ein Tränkchen und schickte mich zu Bett. Um die Wahrheit zu gestehen, ich war nicht gerade böse darüber. Der Schmerz im Halse hinderte mich am Plaudern, ich bedurfte nach der für mich zu anstrengenden Ballnacht der Ruhe kurz, ich ließ mir von der Mama amüsante Lektüre geben und las den langen, wenn ich nicht irre, fünsbändigen Roman Seite für Seite durch. Als ich bis ans Ende ge­kommen und das Liebespaar sich glücklich über allerlei Fähr- lichkeiten hinweg in die Arme gesunken war, bemerkte ich zu meinem Vergnügen, daß Ruhe, Wärme und Schweigen ihre Schuldigkeit gethan und mich kurirt hatten. Ich ließ meine Mutter zu mir bitten, ersuchte sie um die Erlaubniß aufstehen zu dürfen und trällerte ihr, zur Unterstützung meiner Bitte, so kräftig und klar die Barcarola vor, daß sie aus Angst, ich könne mir schaden, in alles willigte und nur große Vorsicht empfahl.

Ich erhob mich, ließ mich ankleiden und begab mich in den vorderen Salon, wo ich meinen Platz vor der offenen Fensterthür einnahm, die eine Aussicht auf die Straße und gegenüber auf hübsche Anlagen in den Festungswerken gewährte.

Aber ich muß, ehe ich fortfahre zu erzählen, auf eine meiner kleinen Eigenheiten zurückkommen, die genugsam in diese Erzählung eingreist, um einer Erwähnung zu bedürfen.

So oft ich nämlich den Aberglauben bei meinen Lands­leuten auch verspottete, hat sich bei mir selbst doch eine Idee festgesetzt, die man kaum mit einem nachsichtigeren Namen be­zeichnen kann. Es ist dies meine Passion für rothe Nelken, die Ihnen und meinem übrigen Freundeskreise so wohl bekannt ist. Nicht nur, daß Form, Farbe und Duft derselben meine Sinne in wirklich wohlthuender Weise berühren; es ist mir fast immer auch das Zeichen eines glücklichen Tages oder einer frohen Stunde gewesen, wenn ich beim Hinaustreten auf den Balkon rothe Nelken vorbeitragen sah oder mir diese Blume durch sonst einen Zufall in den Weg kam.

Während meiner kleinen Krankheit nun waren täglich freundliche Anfragen von verschiedenen unserer Freunde ge­kommen; unter andern auch von dem Capitano, und neben