Aus dem Uapierüoröe des Daheim
Won eurem Bazar auf den andern Bazar.
Geschichte eines gestickten Soghakissens, zur Warnung für junge Wittwen erzählt
vom Vierzehnten.
Die Baronin war damals schön, jung und —> Witwe, was sie jedoch nicht lange mehr bleiben wollte. Abends hielt sie aus diesem Grunde offenes Haus und versammelte einen Kreis edler Männer um sich. Besonders gern sah sie den Professor, dessen drei hervorragendste Tugenden in ihren Augen der Reihe nach eine Steigerung enthielten; denn er war geistreich, wohlhabend und unverheirathet.
Wurde es dunkel, so ließ die Baronin die Lampen anzünden und Feuer im Kamine machen; sie zupfte vor dem Spiegel ihre Kravatte zurecht, strich die Haare glatt, seufzte, holte ihren Arbeitskorb und setzte sich in Positur. Dann griff sie zur permanenten Stickerei, an der sie stickte, seit ihr Trauerjahr vorüber war. Es sollte ein Sophakissen werden mit einem türkischen Muster und einem Palmblatt in der Mitte. Sie stickte jeden Abend daran, d. h. an der Füllung, und ließ das Gestickte am Morgen von ihrer Zofe wieder auflösen, um Wolle zu sparen. Außerdem konnte sie nicht weiter, sobald sie an das Palmblatt kam, und sie mußte sich ja dennoch jeden Abend als tugendhafte und fleißige Hausfrau produziren, weil sie keinen scmr lixo hatte und an einem jeden Besuch erwarten konnte. Niemand aber stickt ungestraft an Palmen, namentlich, wenn er es nicht versteht.
Die Baronin hoffte immer stärker auf den Professor; denn er kam schließlich jeden Abend und blieb länger als die andern, ja er blieb oft sehr lange, was sie sich nicht anders, als durch die Aufrichtigkeit seiner Neigung zu erklären vermochte. Dann bemerkte sie, daß er ihr fortwährend mit zärtlichen und gespannten Blicken auf die Hände sah, und ihre Hände waren besonders schön. Ebenso günstig deutete sie es, daß er, der sonst so gesprächig war, ihr gegenüber meist andächtig verstummte. Oft saß er übrigens so beharrlich, daß die Baronin in die tödtlichste Verlegenheit gerieth; denn die Füllung wurde fertig, und sie näherte sich bedrohlich dem Palmblntt. Aber glücklich fand sie immer noch eine Stelle, wo ein paar Stiche Untergrund fehlten.
Die Zeit verstrich; Monate, Jahre gingen hin. Die Entscheidung wurde immer dringender, ja endlich unaufschiebbar; denn morgen sollte die Baronin dreißig werden, und leider stand ihr Geburtstag im „Gothaischen genealogischen Taschenbuch der freiherrlichen Häuser von Deutschland." Sie Hatte einmal im Druckfehlerverzeichnis; fünf Jahre später angeben lassen, aber es war zu ihrem Kummer unbeachtet geblieben.
Der Professor sagte immer noch nichts, wenigstens nichts von seiner Liebe und vom Heirathen. Aber man hat ja Beispiele, daß gerade die bedeutendsten Männer unbehülslich wie die Kinder werden, wenn die Interessen ihres Herzens zur Sprache kommen.
Am heutigen Abend blieb der Professor länger als je, und er war mit der Baronin allein. Diese seufzte mehrmals vernehmlich; denn der Erklärung stand ja nichts mehr im Wege. Der Professor seufzte auch. Sie schraubte an der Lampe; der Professor sah ihr zu. Die Füllung des Sophakissens ging zu Ende; sie suchte die letzten Stiche heraus. Der Professor begrub seine Blicke förmlich in der Stickerei und rückte ganz nahe an sie heran. Jetzt war sie fertig, nur die Palme in der Mitte blieb noch übrig. Ihre Pulse flogen, ihr Athem stockte, ihre Spannung und Verlegenheit tödteten sie fast. Sie blickte auf, lehnte in ihren Sessel zurück, ließ den Kopf mit Grazie ein wenig auf die Seite sinken und lächelte. Der Professor lächelte auch und
— schwieg. Da schoß ihr ein genialer Gedanke durch den Kopf. Ich brauche die Stickerei ja doch nicht mehr, dachte sie; Muth also! Mit einer heftigen Bewegung, der man deutlich den Sturm ansah, welcher in ihrem Innern tobte, griff sie zur Nadel und that den ersten, gewaltigen, verzweiflungsvollen Stich an dem Palmblatt.
Da sprang der Professor empor. „Gott sei Dank!" rief er unwillkürlich. „Auf ewig Dein" hauchte sie; denn sie glaubte ihres Glückes gewiß zu sein, und machte Anstalten, ihm in die Arme zu sinken. Aber sie wäre fast gefallen; denn der Schändliche trat einen Schritt zurück und stotterte mit sichtlicher Verlegenheit: „Verzeihung meine Gnädigste; Sie mißverstehen mich vollständig. Ich hatte es mir nur in den Kopf gesetzt, abzuwarten, wann Sie endlich das Palmblatt anfangen würden. Sie sticken ja schon seit sieben Jahren an der Füllung."
Ein Schrei der Entrüstung löste sich von den Lippen der Baronin. Sie schellte nach ihrer Zofe, um sich ins Schlafzimmer führen zu lassen, in welchem sie sodann hörbar in Ohnmacht siel. Sie hoffte, daß dieser discrete Ausdruck ihres Schmerzes den Heuchler reuig umkehren und sein Unrecht werde wieder gut machen lassen.
Allein auch das half nichts. Er ging — und kam nicht wieder. —
Als die Zofe am nächsten Abend den Arbeitskorb der Baronin auf den gewohnten Platz stellte und jene hineingrisf, war es ihr, als würde sie von einer Natter gestochen; denn sie hielt ihr Sophakissen mit dem angefcmgenen Palmblatt in der Hand. Der ungewöhnliche Fortschritt, den die Stickerei gestern Abend gemacht, hatte das Mädchen so überrascht, daß sie es nicht wagte, die Fäden wie sonst wieder auszuziehen.
Die Selbstbeherrschung — ausgenommen dem Dienstpersonal gegenüber
— ist die Tugend aller edlen Frauen. Auch die Baronin bezwang sich. „Jetzt gilt es, Seelengröße zu zeigen," sprach sie zu sich selbst, biß dis Lippen zusammen, setzte sich auf ihren Platz und stickte an dem Palmblatt weiter. Ja, sie stickte es sogar fertig, aber schief. Als sie ihr vollendetes Werk besah, war sie ehrlich genug, sich einzugestehen, daß es ganz und gar unbrauchbar wäre.
„Ich kann es nur auf einen Bazar geben" rief sie entschlossen und griff nach dem Tageblatt. Sie suchte nach einem Unglück: einer Ueber- schwemmung, einem Bergrutsch, oder nach irgend einem anderen gemeinnützigen Zweck, bei dem sie ihren Wohlthätigkeitssinn bethätigen konnte, und sie "suchte nicht lange. Ein Comits forderte Beisteuer für einen Bazar „zur Förderung der Aesthetik unter den Seifensiedergesellen" und noch an demselben Abende trug ihr Bedienter das wohlverwahrte Kissen dorthin.
Wenigs Tage darauf prangte es unter seines Gleichen d. h. unter lauter aerzeichneten oder falsch gestickten Mustern, und das schiefe Palmblatt nahm
sich in solcher Gesellschaft ganz wohlgerathen aus. Ein halbblinder Archäologe, der eine blaue Brille trug, sah es für eine aethiopische Hieroglpphen- tafel an und kaufte es um zwei Goldstücke.
Als seine Gattin ihn daheim auf den Jrrthum aufmerksam machte, sagte er indessen ruhig: „Es schadet ja nichts, liebe Cuphrosine; wir müssen so wie so etwas auf den Bazar für das Botokudenasyl geben. Dazu ist es sehr passend; denn ich wüßte wirklich keinen Platz dafür."
Auf dem Botokudenbazar fand das Kissen keinen Käufer mehr und es kam daher in die Verlosung. Aus dieser gewann es ein Weichensteller der Anhalter Bahn, der ein Freiloos hatte, und dem es die Frau eines Verwaltungsraths abkaufte, um den nächsten Bazar „zum Besten schuldlos entgleister Reisender" damit zu beglücken. Von dort ging es auf dem nämlichen Wege wie zuvor in den Besitz eines Studenten über, dessen Ameublement in Bettstelle und Stiefelknecht bestand, dem also schon ein Sopha fehlte, um es passend zu verwerthen.
Dann haben wir es eine Zeit lang aus den Augen verloren.
Jahre waren vergangen und aus der jungen Baronin eine ältliche Baronin geworden, weil ihr Geburtstag noch immer im genealogischen Taschenbuche stand. Doppelt traurig war dies Verhältnis; für sie, weil die Abnahme ihrer Einkünfte mit der Zunahme ihrer Jahre gleichen Schritt hielt. Ich merkte diese Veränderung am empfindlichsten; denn die Diners, welche unter niemer Assistenz stattfanden, wurden immer seltener.
Da klagte sie eines Tages ihre Finanznoth einer Freundin, der es ebenso erging; denn damals hatten alle vornehmen Damen in Quistorp und Plessner spekulirt. Der Freundin kam ein prächtiger Einfall. Sie rieth der Baronin, ein Loos zu der Lotterie zu kaufen, welche der Bazar „zur Begründung eines lchnologischcn Vereins in Konstantinopel" veranstaltete. Es waren viel Gründer und reiche Sportsmen daran betheiligt, und es sollten mehrere höchst werthvolle Silberservise zu gewinnen sein. Von großen Lotterie- gewinnsten hatte die Baronin zufällig auch geträumt. Sie nahm also nicht nur ein, sondern ein ganzes Dutzend Loose und wartete von da ab mit höchster Spannung der Dinge, die da kommen sollten. Im Geiste sah sie ihren Salon schon in ein Silberwaarenmagazin verwandelt.
Endlich hörte sie den Postwagen vor ihre Thür rollen. Ein Paket wurde ihr gebracht — das Ergebniß ihrer 12 Lotterieloose. Mit zitternden Händen öffnete sie die Kiste, die verdächtig leicht war. Himmel! — was sah sie vor sich? Ihr eigenes Sophakissen mit dem schiefen Palmblatt in der Mitte.
Grausamer Hohn des Schicksals! Halbohnmächtig sank sie in ihren Sessel. Aber sie war, wie ich schon gesagt, eine entschlossene Frau. Das oorpus clölioti mußte ihr aus den Augen, sonst erstickte sie vor Zorn. Keinen Moment zögerte sie. Zu ihren Füßen stand der Korb, in welchem sie die Geschenke für den nächsten Bazar sammelte, dessen Comitsdame sie war. Unwillig ergriff sie das Kissen, hüllte es in einen großen Bogen Packpapier, und schrieb mit kräftigen Lettern darauf:
„Feiert sein fünfundzwanzigjähriges Bazarjubiläum."
Dann schleuderte sie es in jenen Korb zu dem "klebrigen.
Aber auch dieses Sophakissen sollte endlich seine Ruhe finden. Auf dem bald erösfneten Bazar sahen nur einen alten Bekannten wieder — den Professor, an dessen Arm eins schöne und liebenswürdige Dame hing. Er mußte hell auflnchen, als er das Kissen mit dem schiefen Palmblatt erblickte und fragte sofort nach dem Preise. Das Comteßchen, welches an dein betreffenden Tische verkaufte, bemerkte sogleich, daß der Käufer ein außergewöhnliches Interesse habe, und daß sich aus ihm etwas herausschlagen lasse.
„Das Kissen ist nicht mehr verkäuflich," flötete sie.
„Ich muß es aber wir jeden Preis haben."
„Das ist freilich etivas anderes. Es kostet hundertfünfzig Mark."
„Hier sind sie."
„Aber lieber Theodor!" siel die Professorin erschrocken ein.
Er lächelte.
„Mein Schatz", sagte er dann, „warum soll ich diesem Kissen zu Liebe nicht einen dummen Streich machen? Es hat mich einst vor einem noch viel dümmeren bewahrt."
Und daheim erzählte er ihr von seinem Erlebnis; mit der Baronin. „Wäre das Kissen nicht gewesen, so säßest Du nicht hier" schloß er vergnügt; „denn ich war ernstlich verliebt in ihr hübsches Gesicht. Als ich aber bemerkte, daß sie immer wieder, und nur zum Schein nach derselben Stickerei griff, da mußte ich mir sagen, daß eine Frau, die so gedankenlos und so unwahr in ihrem Wesen sei, mich nimmermehr dauernd beglücken werde."
Dies Urtheil war allerdings hart, aber es dürste viele Männer geben, die es thesten, darum habe ich diese Geschichte zur Warnung für unsere Damenwelt "zählt.
Gewiß ist die Geschicklichkeit in nützlichen Handarbeiten eine Zierde für jede Frau. Ganz mit Unrecht wird ferner so oft gegen das weibliche Künstlerthum geeifert. Aber zwischen den Grenzen der Kunst und denen des praktisch Nützlichen in den Fertigkeiten unserer Frauen, liegt noch das ungeheure Gebiet jener augenschüdlichen Sticheleien, die lediglich Selbstzweck sind, und mit denen "die zarten Hände sich nur betrügen, weil sie sich vorspiegeln, sie thäten etwas. Da finden wir die gestickten Kopfbürsten, deren Perlen uns das Futter der Hosentaschen zerscheuern, die Serviettenringe mit bunten Knöpfchen, welche unsere Kinder gelegentlich verschlucken, die Tragbänder, welche wir nicht tragen können, weil sie drücken; die Lampenteller, auf denen die Petroleumlampen Umstürzen, die Handtuchhalter, die bald zu Staubmagazinen we^en. Da liegt all der unnütze Tand, der — wirklich nur für den nächsten Wohlthätigkeitsbazar zu brauchen ist. Ein Buch zu lesen, ohne die Aufmerksau "eit gleichzeitig durch eine Handarbeit zu stören, scheint unseren Damen mel,,. ein entsetzliches Vergehen. Und doch wird sich jeder verständige Mann darüber freuen. Denn, wer den Geist mit ernstem Eifer stählt, der fördert auch seine praktische Tüchtigkeit.