Heft 
(1878) 43
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Erläuterungen zu unserer Karte.

In der Berlage zu Nr 27 des Daheim gaben wir eine kartographische Uebersicht der Territorialentwicklung der Balkanhalbinsel vom Einbrüche der Türken in Europa herab bis zum Frieden von San Stefano, der am

з. März 1878 unterzeichnet wurde. Seitdem sind vier bange Monate über Europa dahingegangen. Der Einspruch Englands gegen den' zwischen Russen und Türken abgeschlossenen Frieden schien zu einem neuen Kriege führen zu wollen, der in einen Weltbrand ausarten konnte. Da waren es die Be­mühungen des neutralen Deutschland, dessen Kanzler, alsehrlicher Makler" auftrat, welche zum Kongresse in Berlin führten, auf dem die streitenden Parteien unter Beisitz der europäischen Großmächte sich zu einer Neugestal­tung der Balkanhalbinsel einigten, die in unserer heutigen Karte dar­gestellt ist.

Freilich erscheint auch diese Neugestaltung vom 13. Juli uns noch als eine provisorische, denn eine große Anzahl berechtigter nationaler Wünsche ist dabei unberücksichtigt geblieben; vor allem sind die Griechen leer ausgegangen und rein griechische Länder, wie Thessalien, Epirus und die Insel Kreta seufzen fort unter dem Joche der Mohammedaner. Unter den gegebenen Umständen aber bietet der Berliner Frieden das beste, was geschaffen werden konnte und für eine Reihe von Jahren werden die Karten die Eintheilung der Balkanhalbinsel zeigen, wie wir sie heute, (unter Benutzung der amtlichen Karte Professor Heinrich Kieperts) darstellen.

Seit dem Wiener Congreß im Jahre 1818 hat kein europäischer Staaten- areopag so umgestaltend auf die Karte unsres Erdtheils eingewirkt wie der jetzt in Berlin geschlossene. So viel auch England für die Türkei thun mochte, dieser verrottete Staat mußte es sich dennoch gefallen lassen, daß aus seinem Leibe große Stücke herausgeschnitten wurden, welche doch nur als Abschlagszahlungen zu betrachten sind; denn der unheilbare Krebsschaden, an dem das mohammedanische Reich leidet, wird weiter fressen und neue Amputationen werden dereinst von Nöthen sein.

Serbien und Rumänien, die auf Kosten der Türkei jetzt vergrößert wurden, waren schon vor dem Kriege so gut wie unabhängig von der Pforte, doch ist die vollständige Selbständigkeit dieser beiden Staaten nun vom Kon­gresse ausgesprochen worden und die letzten Zeichen ihrer Abhängigkeit, die Tributzahlung nach Konstantinovel und die Bestätigung ihrer Fürsten durch den Sultan, fällt jetzt fort. Rumänien hat an Rußland den Theil Bessarabiens zurückgegeben, welcher ihn im Pariser Frieden 1856 zuge­sprochen wurde, um damals Rußland ganz von der Donaumündung abzu­schließen. Dieser ganz von Rumänen bewohnte Landstricy umfaßt 154 Qua­dratmeilen mit 136,600 Bewohnern. Dafür empfängt es aber als Entschä­digung die Dobrudscha, etwa 250 Quadratmeilen mit 175,000 Einwohnern, letztere allerdings sehr gemischter Nationalität: Türken, Bulgaren, Deutsche

и. s. w. Das neue unabhängige Rumänien wird nach diesen Zu- und Ab­rechnungen 2800 Quadratmeilen mit 5,112,000 Einwohnern umfassen.

Auch Serbien wird vergrößert, wenn auch nicht in ganz so großem Umfange wie durch den Frieden von San Stefano stipulirt worden war. Das Gebiet, welches ihm zuwächst, liegt im Südosten seiner bisherigen Be­sitzungen und hat keineswegs eine gleichmäßig serbische Bevölkerung, im Gegentheil Albanesen und Bulgaren machen in demselben die Mehrzahl aus und da nun Serbien in seinem alten Lande auch rumänische Einwohner zählt, so wird das neue selbständige Fürstenthum fürderhin zu den national gemischten Ländern zu rechnen sein. Serbien umfaßte 1876 783 Quadrat­meilen mit 1,367,000 Einwohnern. Durch den ihm in Berlin zugesprochenen Landstrich wird es auf 930 Quadratmeilen mit 1,550,000 Einwohnern ver­größert. Es ist hierbei, wie bei den vorigen und den nachfolgenden Zahlen zu bemerken, daß dieselben nur annähernd richtig sein können; denn die Statistik liegt, wie alles, in der Türkei im Argen und selbst die Behörden in Konstantinopel werden schwerlich angeben können, wie groß der Verlust ist, den ihr Land erleidet.

Auch Montenegro, das so brav gegen die Türkei gejochten, wird im Norden sowohl als im Süden vergrößert, wenn auch nicht in dem Maße, wie die Russen es im Frieden von San Stefano vorschlugen, da Oesterreich im eigenen Interesse einer zu weit gehenden Vergrößerung Montenegros widerstrebte. Der kleine tapfere Staat widerstand Jahrhunderte lang mit zäher Ausdauer den unterjochenden Bestrebungen der Türken, die wohl unter großen Menschenverlusten mehr als einmal in die schwarzen Berge vor­drangen, niemals aber dauernd die Tschernagorzen zu unterwerfen vermoch­ten. Jetzt ist von der Pforte auch die Unabhängigkeit dieses dritten Staates anerkannt und derselbe, bisher 78 Quadratmeilen mit nur 170,000 Bewoh­nern zählend, wächst auf etwa 200 mit 280,000 Seelen an, darunter, im Süden, zahlreiche Albanesen. Vor allem ist für Montenegro von großer Wichtigkeit, daß ihm Antivari und seine Seeküste zugesprochen wurden, wenn auch unter einschränkenden Bedingungen. Es darf dort kein Kriegsschiff be­sitzen, die See- und Hafenpolizei übt Oesterreich aus, welches auch den Han­delsschiffen Montenegros konsularischen Schutz gewährt. Montenegro über­nimmt außerdem einen Theil der türkischen Staatsschuld, welcher dem Ge­biete entspricht, das ihm durch den Berliner Frieden zugesprochen wurde. Eine gleiche Bedingung ist Serbien auferlegt worden, während Rumänien davon frei blieb, weil es Bessarabien an Rußland abtrat.

Da Rumänien, Serbien und Montenegro mehr oder minder halbcivili- sirte Staaten sind, so wurden ihnen noch einige Vorschriften über die innere Verwaltung, über die Freiheit des Kultus aller Religionen u. s. w. auferlegt. Das konnte natürlich nicht der Fall sein bei den beiden Provinzen der Türkei, welche in Besitz und Verwaltung einer großen civilisirten euro­päischen Macht übergingen. Oesterreich-Ungarn erhält nämlich und dies war ein überraschendes, nicht vorgesehenes Ergebniß des Berliner Congresses

Bosnien und die Herzegowina (das 'Sandschack Novi-Bazar ausge­nommen). Diese durchweg von Menschen serbischer Nationalität bewohnten Provinzen sind 1100 Quadratmeilen groß und haben 1 >/., Millionen Ein­wohner, die, trotz der Einheit der Sprache und Abstammung, religiös stark geschieden sind, indem hier die Begs, die obere grundbesitzende Classe, den Mohammedanismus angenommen haben, während die übrigen Bewohner theils dem griechisch-orthodoxen, theils dem römisch-katholischen Glauben an- hängen. Ist auch noch nicht die Absicht ausgesprochen, daß Oesterreich für ewige Zeiten" Bosnien und die Hertzegowina sein eigen nennen will, so wird es doch im Interesse seiner Politik hierzu gedrängt. Die Einrichtung und Verwaltung des unter der Türkenherrschaft ganz und gar verlotterten Landes wird ihm schwere Kosten verursachen und Jahrzehnte dürften ver­gehen, ehe dort ein Gleichgewicht zwischen Einnahmen und Ausgaben ge­schaffen ist.

Das große Bulgarien, welches der Frieden von San Stefano dekre- tirt hatte und das den ganzen Nordosten und ein gutes Stück der Mitte der alten Türkei umfaßte, sollte 3090 Quadratmeilen groß werden, auf denen über vier Millionen Einwohner lebten. Davon ist freilich nur ein kleiner Theil übrig gelassen worden. Das jetzt geschaffene Bulgarien nimmt der Türkei gegenüber die Stellung ein, welche ehedem Serbien dieser gegenüber besaß. Es ist aus dem größten Theil der ehemaligen Donauprovinz gebildet, zwischen Balkan und Donau, mit Ausnahme der an Rumänien gefallenen Dobrudscha. Sein Umfang mag 1200 Quadratmeilen mit Ist? Millionen Ein­wohnern zählen, unter denen sich etwa V4 Mill. Türken befinden, während der Rest aus Bulgaren besteht. Diesesautonome und tributpflichtige" Fürstenthum steht unter der Suzeränetät des Sultans. Es erhält eine christ­liche Regierung und nationale Miliz. Sein Fürst wird in der alten bul­garischen Zarenstadt Tirnowa vom Volke erwählt, darf indessen keiner der großen europäischen Dynastien angehören. Es wird ein constitutionelles Regiment eingeführt, alle Religionen sind geduldet und das Fürstenthum zahlt der Pforte Tribut, übernimmt auch einen, der Größe seines Gebietes entsprechenden Theil der türkischen Staatsschuld.

Zu diesem unabhängigen und halbabhängigen Staatenschöpfungen auf dem Boden der alten Türkei tritt nun noch eine Neuschöpfung hinzu, ein eigenthümliches Zwitterding, das vom Kongresse auf den Namen Ost-Ru­melien getauft wurde, ein staatliches Gebilde, das zwischen der Türkei und Bulgarien schwankt, wie es denn auch der geographischen Lage und den ethnographischen Verhältnissen nach zwischen beiden die Mitte hält. Ostru- melien hat den Balkan zur Nordgrenze, stößt im Osten ans schwarze Meer, und geht im Westen bis ins Quellgebiet der Maritza und zum nördlichen Despoto-Gebirge. Seine Hauptstadt ist Philippopel. Der christliche Gouver­neur dieses Landes wird unter Zustimmung der Mächte auf fünf Jahre er­nannt; einheimische Gendarmerie und Locnlmiliz erhalten die innere Ordnung aufrecht; türkische Truppen dürfen das Land nur durchziehen, irreguläre Baschibozuks und Tscherkessen aber nicht einmal an den Grenzen stationirt werden; die Religionsfreiheit und Gleichheit ist Gesetz und auch das Budget ist nach Art der tributären Staaten geordnet. Nach ungefährer Schätzung umfaßt Ostrumelien 900 Quadratmeilen mit etwa einer Million Einwohner. Die europäische Türkei umfaßte ohne Kreta an unmittelbaren Besitzungen

also auch ohne Serbien und Rumänien vor dem Berliner Frieden im Ganzen 6483 Quadratmeilen mit 9,100,000 Einwohnern. Diese Summen ergeben wenigstens die besten Berechnungen und Schätzungen, welche unter den gegenwärtigen Verhältnissen immer noch fehlerhaft genug sind. Die neuen Staatenbildungen umfassen gegenwärtig:

Rumänien 2300 Q.-Meilen 5,112,000 Einw.

Serbien 980 - 1,550,000 -

Montenegro 200 - 280,000

Bulgarien 1200 - 1,500,000 -

Ost-Rumelien 900 - 1,000,000 -

Die Verluste, welche die Türkei erleidet betragen:

an Rumänien 154 Q.-Meilen mit 186,600 Einw.

an Serbien 147 - - 183,000 -

an Montenegro 122 - - 110,000 -

an Bulgarien 1200 - - 1,500,000 -

an Ost-Rumelien 900 - - 1,000,000 -

an Oesterreich 1100 - - 1,500,000 -

Verlust "3628 H29chOÖ -

Somit ist die alte Türkei jetzt auf 2860 Quadratmeilen mit 4,670,400 Einwohnern oder auf die Hälfte reducirt worden. Spätere genaue Berech­nungen werden diese nur annähernden, vorläufigen Zahlen noch wesentlich ändern.

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Daheim-Anzeiger.

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(XIV, No. 43. Beilage zur Wochenausgabe. Ausgegeben am 27. Juli 1878, geschlossen am 20. Juli 1878.)

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