Heft 
(1878) 45
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Bürgerschaften sind gewillt, sich Ihrem Commando von dem Augenblick Ihres Eintreffens an in allen Punkten zu unter­stellen. Der Ruf eines entschlossenen Mannes geht Ihnen vor­aus, und Entschlossenheit ist alles."

Bamme verbeugte sich. Er war nicht unempfindlich gegen solche Huldigungen, am wenigsten, wenn sie von Gesellschafts­kreisen ausgingen, denen gegenüber er das Gefühl hatte, sich ans diesem oder jenen: Grunde wiederherstellen zu müssen. Denn er wußte sehr wohl, was ihm fehlte.

Othegraven fuhr fort:Es wird sich in diesem zweiten Akte darum handeln, ob wir, will sagen, Ihre Landsturm- männer und unsere Bürgerschaften, in gemeinschaftlicher Aktion im Stande sein werden, uns der zweitausend Mann Voltigeurs und Grenadiers zu erwehren, die sammt ihren Regiments- und Bataillonschefs drüben in der Dammvorstadt liegen, und un­zweifelhaft von Beginn des Kampfes an eifrig bemüht sein werden, den Uebergang in die Altstadt zu forciren. Ein Leichtes soll es ihnen nicht werden. Die Brücke opfern wir, und für Aufeisnng des Stromes ist gesorgt. Unsere Kietzer Fischer haben es au gutem Willen nicht fehlen lassen; Tag und Nacht in den Kleidern; Seine Majestät der König soll davon erfahren. Nichtsdestoweniger, ohne besserem Urtheil vorgreifen zu wollen, scheint mir der Ausgang dessen, was wir Vorhaben, von dem rechtzeitigen Eintreffen oder Nichteintreffen der Russen abzu­hängen. Halten sie Wort, so haben wir übermorgen früh eine französische Brigade gefangen genommen, fünfzig Kanonen er­beutet und, was die Hauptsache ist, der ganzen Provinz ein Zeichen gegeben. Lassen uns umgekehrt die Russen im Stich, so können wir uns gegen zweitausend Mann nicht auf die Dauer halten. Denn es sind ausgernhte Soldaten, Reserven, die nicht mit in Rußland waren. Ich bedaure das Nicht- zugegensein des Herrn Grafen, getroste mich indessen, daß er uns nur fehlt, nur sich durch einen zweiten Besuch in: Haupt­quartiere Tschernitscheffs der russischen Mitwirkung abermals zu versichern."

Sehr gut, Othegraven," sagte Bamme.Das nenn' ich den geborenen Geueral-Quartiermeister, Schule Prinz Engen oder doch wenigstens Montecuculi. Nicht wahr, Hirschfeldt? Und alles knapp und kurz. Also bestens acceptirt. Es fehlt nur noch eine Kleinigkeit: die Ausführung. Aber Tschernitscheff oder nicht, es muß glücken; znm mindesten dürfen wir keinen andern Gedanken mehr aufkommen lassen. Wir haben A ge­sagt und müssen B sagen. Alles Kriegsspiel ist Würfelspiel. Und wir knöcheln für eine gute Sache, ^.leu juetu 68t. Ich habe mein Latein wieder und meine gute Laune."

Dabei waren sie vom Fenster au den Tisch zurückgetreten und nahmen wieder Platz. Aber keiner war in der Stimmung, das Frühstück fortzusetzen. Turgany traf es deshalb, als er sagte:Brechen wir auf, wertste Herren und Freunde. Mein Programm lautet: erst Jnspizirung des diesseitigen Oderquai, dann Brückenpassage, Dammvorstadt, Herzog Leopold-Denkmal und französischer Geschützpark. Soweit gediehen, betracht' ich unsere fußgängerischen Aufgaben als gelöst und stelle meinen Wagen für alles weitere zur Verfügung. Er wird uns am Geschützpark oder doch in der Nähe desselben erwarten. Dann Repassirung der Brücke, Kleist-Denkmal, und Rückkehr in meine Wohnung oder aber in die Lebuser Vorstadt, wohin Sie, wenn ich recht gehört, Ihren eigenen Wagen dirigirt haben."

Und damit brachen alle auf, um ihre Rekognoszirung zu Fuß zu beginnen.

Von Turganys Wohnung bis an den Fluß waren kaum hundert Schritt. Eine sonntägliche Stille herrschte den Quai entlang, der in großen Abständen mit uralten Pappelweideu besetzt war. Eingefroren im Eise lagen Oderkähne und größere Kielboote, die nach Stettin hin gehörten und hier vor der Zeit vom Winter überrascht worden waren. Nach rechts hin lief die Brücke über den Fluß, zwanzig Joche oder mehr, zwischen denen unsere Freunde des großen znm Brückenschutz errichteten Eisbrechers ansichtig wurden. Alle Arbeit ruhte; die Glocken, der Oberkirche gingen, und einzelne geputzte Frauen, die zur Nachmittagspredigt wollten, eilten an ihnen vorüber.

Bamme musterte den Quai und die Pappelweiden bis

rechts an die Brückenjoche hinauf und sagte dann zu Berndt: VoilL, Vitzewitz, unser muthmaßliches elmmp äs butaillo." Dieser nickte zustimmend und in beinahe heiterer Laune. Er war viel ruhiger als der Alte, weil er das, was sie vorhatten, nicht als Abenteuer, sondern als Pflicht und Aufgabe nahm.

So kamen sie bis an die Brücke und gingen in die Damm­vorstadt hinüber. Die Welt hier schien nur noch aus Fran­zosen zu bestehen; einige, als ob draußen die Junisonne schiene, balancirten auf den Querhölzern der offenstehenden Fenster, während sich andere mit Bockspringen vergnügten, oder sich auf Flur und Diele mit Kindern und jnngen Mädchen unterhielten. So namentlich auch vor dem großen GasthofeZum goldenen Löwen", hart an der Brücke, der in eine Kaserne umgewandelt war. An der Ecke dieses Gasthofes vorbei bogen jetzt unsere Freunde nach links hin ein und wandten sich dem großen Herzog Leopold-Denkmale zu, das sie schon vorher, als sie von Turganys Wohnung aus auf den Fluß zugeschritten waren, in aller Deutlichkeit gesehen hatten. Es lag jener Stelle gerade gegenüber; nur der breite Fluß dazwischen.

Nun standen sie vor diesem Denkmal, zu dessen beiden Seiten, und zwar zwischen dem hochaufgestapelten Klafter- und Bretterholz eines hier befindlichen Holzhofes vierzig bronzene Geschütze zusammengefahren waren. Der Anblick, der sich ihnen bot, weckte sehr verschiedene Gedanken. Othegraven sah miß­trauisch auf die Bretter und Bohlen und sann nach, wie sie wegzuschaffen wären, während Berndt und Bamme mit Be­friedigung wahrnahmen, daß die Munitionskarren fehlten. So war man wenigstens vor einem Mitspielen der Artillerie gesichert.

Von der Brücke her kam ihnen jetzt das Turgany'sche Fuhrwerk entgegen. Sie stiegen ein, behalfen sich, so gut es ging, und erledigten ihr Programm auch bei dem Ewald von Kleist-Denkmal einige Minuten verweilend in der vor­her festgesetzten Reihenfolge. Darnach trennte man sich, um Krist und die Ponies in der Lebuser Vorstadt aufzusuchen. Ihre letzte Abmachung war dahin gegangen, daß die Land­sturmbrigade nicht später als ein Uhr nachts von Montag auf Dienstag am Spitzkrug eintreffen solle. Ein Vertrauensmann Othegravens werde sie daselbst erwarten.

Um die achte Stunde Berndt und seine Hohen-Vietzer Gäste waren noch nicht zurück saßen Renate, Tubal und Lewin in dem uns wohlbekannten Eckzimmer. Seidentopf, der zugesagt hatte zu kommen, war ausgeblieben; Lewin schien zer­streut, Tubal, befangener noch als am Tage seiner Ankunft, vermied es, dem Auge Renatens zu begegnen. So scheiterten alle Bemühungen dieser letzteren, das sich hinschleppende Ge­spräch in einen etwas lebhafteren Gang zu bringen, und jeder, wenn ein Wagen vorüberfuhr, athmete auf, in der Hoffnung, daß es die Ponies fein möchten.

Wo sie nur bleiben?" sagte jetzt Renate.Den ganzen Tag über bin ich ein Gefühl der Sorge nicht los geworden; ich hatte es in der Kirche schon, und dann, als ich bemerkte, daß Ihr eingeschlossen wäret, Du und Marie. Ich sagte es auch der Schorlemmer. Willst Du glauben, Tubal, daß ich mich an Maries Stelle geängstigt hätte. Die Mittagsstunde hat ihren Spuk so gut wie Mitternacht."

Tubal, den jedes Wort traf, bückte sich, um ein paar Tannäpfel in den Kamin zu werfen, und sagte verlegen vor sich:Die Zeit verging uns rasch. Wir haben die Grabsteine gelesen."

Die Grabsteine," wiederholte Renate.Das hätte mir den Muth auch nicht gehoben."

Die Pendule schlug jetzt acht, und Renatens Besorgnisse wurden immer größer.Haltet ihr es für möglich," sagte sie, während sie sich erhob und voll Unruhe auf das Fenster zu- fchritt,daß die Franzosen von unserem Vorhaben erfahren haben könnten? Unser Landsturm ist seit drei Tagen auf allen Straßen, und es gibt immer feile Kreaturen, die für Lohn oder Vortheil den Spion machen."

Gewiß," sagte Lewin.Aber diese Spione können nicht mehr verrathen, als sie selber wissen. Und was sie wissen,