Heft 
(1878) 45
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war so hätte er voraussichtlich auf dem Gebiete der Orga­nisation Bedeutendes geleistet, so aber verfiel er jenemFische fangen und Vogel stellen", das dem auf dem Lande Aufgewach- ^ senen so leicht die Thatkraft raubt. Er hat zwar in den kleinen ! thüringischen Städten, in denen er nach einander lebte, noch allerlei herausgegeben:Nene Runenblätter",Merke zum deutschen Volksthum",Die Denknisse eines Deut­schen", aber seine Zeit war vorüber.

Friedrich Wilhelm IV hob die Beschränkungen in der Wahl des Aufenthaltes auf und verlieh Jahn nachträglich das eiserne Kreuz (1840). Es mag den Alten hoch erfreut haben, aber er blieb nach wie vor in Thüringen, wo er in angeblich altdeutschem Kleid die Wälder durchschweifte und den Besuch der Turner empfing. Im Jahre 1838 brannte ihm das Haus, das er sich in Freiburg a./U. erbaut hatte, nieder. Um ihn für den Verlust an Büchern und Handschriften zu entschädigen, wurde für ihn in ganz Deutschland gesammelt.

In diesem Jahrzehnt gerieth der persönlich durchaus fromme und trotz alledem und alledem stockpreußisch gesinnte alte Mann gelegentlich wohl unter die Lichtfreunde und andere Dunkelmänner. Das war ja das unsäglich Traurige an den sogenannten Demagogenverfolgungen, daß sie bewirkten, daß so kernige, durchaus loyale, im besten Sinne konservative Naturen wie die unseres Priegnitzers, nicht nur für Demokraten galten, sondern sich auch selbst für solche hielten.

So wurde denn auch Jahn infolge eines tollen Mißver­ständnisses in die Frankfurter Paulskirche gesendet. Sein Prenßenherz lehnte sich bald auf gegen die zuchtlosen Banden, die dort die Turnerfahne in ihrer Art schwenkten.

Verschworene des Lasters," ruft er den Führern der Radikalen zu, Verschworene des Verbrechens, jeder Tugend bar und blos, aller Sitte und Sittlichkeit Feind, Verletzer jeglichen Anstandes Euere Stärke besteht in Frechheit und Unverschämtheit, Euere Macht in der Garde der Katzenjnngen und Steckenschwinger von der Pfingstweide.... Um den Himmel auf Erden zu erobern", wie die stehende Redensart der Wiegler und Wühler ist, soll erst die ganze Hölle losgelassen werden. Eine Sündflut soll kommen, die alles im Wogensturze begräbt, alles, was Jahrtausende geschaffen, mit einem Male hinwegnimmt. Aber die Arche ist nicht gezimmert, so die Anserwählten aufnimmt, kein Noah gefunden, der sie steuern könnte, und keine Taube vorhanden, die das Oelblatt des gesellschaftlichen Friedens bringt. Blos die Raben

und Geier sind da, die Sturmvögel der Zeit, die dem Raube und Aase nachfliegen, die Leichenfelder wittern und die Wahlstatt des deutschen Vaterlandes."

Das war wenig nach dem Geschmack dessouveränen Volkes", das ihn dafür im September gern todtgeschlagen hätte. Aber der Preuße Jahn paßte überhaupt nicht in jene Ver­sammlung, von der er selbst sagte, daß sie Bedingungen stellte (Preußens König nämlich),als wären ihre Mitglieder alle Tollhäusler."

Dies Ungeziefer eines langen Friedens," schreibt er damals,dies Ungezücht eines durch und durch verderbten Zustandes will auf Un­glauben, Unsitte und Unsittlichkeit ein neues Staatswesen gründen. Wenn aber den Menschen erst Gott, Gewissen und Glaube an den selbst­eigenen Fortschritt geraubt worden, wenn Frechhans sich selbst nur für ein selbstbewegliches Kothgestell hält, wo das Gehirn Gedanken ab­sondert wie die Leber Galle und die Nieren Harn, so kann er nichts leisten, wohl zerstören, aber nicht bauen. So bleibt er bei Wissen und Witz nur ein Bettelvogt."

Nach der Frankfurter Zeit hielt sich der Alte still zu Hause.

Am 15. Oktober 1852 starb er in seinem Hause zu Frei­burg a./U.

Jahn war keine harmonische Persönlichkeit, seine Bedeu­tung liegt daher weniger in dem, was er schuf, als vielmehr in dem, was er anregte. Angeregt aber hat er nach allen Seiten. Wie vieles von dem, was er als erstrebenswert!) hin­stellte, ist seitdem errungen, wie vieles, was er vorhersagte, ist seitdem eingetroffen! Der Mensch Jahn läßt uns nicht selten unbefriedigt, aber der Patriot Jahn wird uns immer als leuchtendes Vorbild vor Augen stehen. Unverbrüchlich hielt er an Preußen, als an dem Kern und Stern Deutschlands fest, unzerstörbar war seine Loyalität gegen das deutsche Herrscher­haus, unerschütterlich war seine Ueberzeugung, daß die erste Tugend des Deutschen die Frömmigkeit sei. In den Einzel­heiten hat er mehr geschwankt als billig, in den Hauptsachen standen Sinn und Herz ihm allezeit auf dem rechten Fleck. Durch alle Verirrungen einer nicht selten zuchtlosen Jugend, durch alles Gewirr der Agitationsjahre, durch alle Possen und Verirrungen des Mannes- und Greisenalters tönt laut und vernehmlich doch das ältpreußische:Mit Gott für König und Vaterland!"

Lassen wir dem Menschen allezeit den Patrioten zu Gute kommen. Th. H. PanteniU's.

Wor dem Sturm.

Historischer Roman von Theodor Fontane.

(Fortsetzung.)

Nachdruck verboten. Ges. v. 11./VI. 70.

Der Justizrath empfing sie herzlich und stellte Othegraven vor, der unruhiger noch als Turgany der Ankunft der Hohen- Vietzer Gäste entgegengesehen hatte. In der Nähe des Fensters war ein Frühstückstisch servirt, an dem man Platz nahm.

Ein delikater Rauenthaler," sagte Bamme,werde mir seinerzeit die Adresse der Handlung ausbitten. Hoffentlich kein Geheimniß. Aber nun zu den Geschäften, meine Herren. 6nrps ckiom. Staunen Sie nicht, Vitzewitz, mich schon wieder auf den Schleichwegen der Klassicität zu betreffen. Umgang bildet, und man ist seiner Gesellschaft etwas schuldig. Aber nun Ihren Plan, Othegraven."

Othegraven verbeugte sich etwas steif und sagte dann: Es wird sich, nachdem unser Freund Turgany bereits die Ehre gehabt hat, Ihnen unseren Ueberfallsplan vorlegen zu dürfen, im wesentlichen nur noch um Kenntnisnahme der Lokalität, wie um Festsetzungen hinsichtlich der Zeit handeln, immer voraus- ansgesetzt, daß nicht Ihrerseits, Herr General, Aenderungen oder neue Vorschläge beliebt werden. Unterbleiben diese Bamme nickte so werd' ich Altes mehr zu recapitnliren, als dem Ihnen schon Bekannten erheblich Neues hinzuzufügen haben."

Desto besser. Viele Strähnen verwirren nur. Also repe- tiren wir unser Exercitium.

So bitte ich Sie denn, Herr General, an dies Erker­fenster herantreten zu wollen. Auch die anderen Herren. Wir haben dann unser Aktionsfeld vor uns, und das wenige, was

überhaupt noch zu sagen bleibt, läßt sich wie auf einer auf­geschlagenen Karte demonstriren."

Alle hatten sich erhoben und waren in den Erker ein­getreten. Othegraven zeigte nach links hin.Herr General wollen das dritte Haus am Platz bemerken, das größte, scharf an der Kirche vorbei."

Ich sehe; das mit den verschnittenen Linden, und das Schilderhaus davor. Es sieht aus wie ein Gasthof."

Sehr richtig. In diesem Gasthofe wohnen General Gi- rard und sein Stab. Auch drei oder vier Ordonnanzen. In demselben Augenblick, in dem der erste Schuß fällt, brechen wir von der Kirche hervor. Es sind keine zwanzig Schritt. Ehe der General noch den Schlaf abgeschüttelt hat, ist er gefangen. Stab und Ordonnanzen mit ihm."

Und dann?"

Fünf Minuten später müssen auch die Mannschaften in unseren Händen sein, die hier in der Altstadt herum einzeln oder zu zweien und dreien in Bürgerquartier liegen. Wir kennen die Häuser und werden sie vorher umstellen. Für die prompte Durchführung dieser Dinge hoff' ich mich verbürgen und Ihnen unmittelbar nach Ihrem Eintreffen auf diesem Platze Meldung von dem Vollzogenen machen zu können. Das ist der erste Akt."

Und dann?" wiederholte Bamme seine Frage.

Und dann," antwortete der Conrector etwas spitz,be­ginnt eben der zweite, Ihr Akt, Herr General. Denn unsere