Heft 
(1878) 45
Seite
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Halb zwölf."

Da haben wir noch eine halbe Stunde; wo bleibe ich so lange?"

Der Herr Pastor steht am Fenster. Wollen der Herr General nicht bei ihm eintreten?"

Nein, Kniehase, mir ist nicht nach Seidentopf. Und die Todtentöpfe habe ich gestern erst gesehen. Es ist Schlackerwetter. Und da ist ja hier der Krug, wem gehört er doch?"

Den Scharwenkas."

Richtig, den Scharwenkas, böhmischen Kolonisten."

Ja, Herr General; aber alle Stuben sind voll, von wegen der Revue, Bauern und Knechte. Wenn der Herr General mit in den Schulzenhof kommen wollten?"

Gewiß, Kniehase, mir sehr willkommen. Habe bei den Vitzewitzes allerlei gehört. Sollen eine schöne Tochter haben, einen wahren Ausbund."

Pflegetochter, Herr General."

Macht mir keinen Unterschied. Die alte herrnhutsche Kluke drüben, die aus Furcht vor mir immer drei Sprüche auf der Zunge hat, hat uns gestern von dem Töchterchen er­zählt, so 'was von Hühnerhof und Schwanenei. Ich gebe nicht viel auf altes Weibergeschwätz, aber ich bin doch neugierig, das Mirakel, das junge Schwänchen, kennen zu lernen."

Damit hatten sie den Schulzenhof erreicht und traten nach links hin ein, wo Marie, die das Vorführen und Aussuchen der schönen Pferde mit vielem Interesse beobachtet hatte, am Fenster saß.

Sie stand jetzt auf, um das Zimmer zu verlassen; der alte General aber, während er sie mit listigen Augen musterte, sagte:Bitte, bleiben Sie, Sie sollen mit mir zufrieden sein."

Und Marie blieb. Bamme nahm einen Stuhl und sagte dann zu dem Schulzen:Bitte, Kniehase, melden Sie dem Ritt­meister, daß er mich draußen auf der Chaussee erwartet. Ich will von hier aus reiten, und lassen Sie der Stute draußen noch eine Decke auflegen, sie kommt von Drosselstein, wird also wohl verwöhnt sein. Ihr Töchterchen erzählt mir unterdessen alte Geschichten. Alte Geschichten, die Sie schon kennen."

Kniehase ging.

Marie, die nicht das Beste von dem Alten wußte, blieb ziemlich ruhig, ruhiger als gestern in der Kirche. Sie hörte bald heraus, daß er es gut mit ihr meine, und daß Theil- nahme und selbst Respekt aus seinen Worten sprachen.

Ich bin ein alter Mann," begann er,und plaudere gern. Am liebsten aber habe ich Menschen, die anders sind als andere. Und dabei bin ich neugierig wie eine Nachtigall. Da müssen Sie mir denn schon ein paar Fragen zu gute halten. Nicht wahr, Sie sind kein Hohen-Vietzer Kind, nicht ans dem Bruch?"

Nein, ich bin aus dem Sächsischen," sagte Marie.

Ah, aus Sachsen," fuhr Bamme fort.Ich dachte es beinahe, es hat was auf sich mit dem alten Reim. Und Sie verloren Ihre Eltern früh?"

Ja, meine Mutter habe ich kaum gekannt. Dann zog ich mit meinem Vater über Land; aber er kränkelte viel."

Sie zogen mit ihm, wie darf ich das verstehen?"

Ja, wir zogen umher und gaben Vorstellungen: Tanz und Deklamation und Zauberei. Erst in kleinen Städten, dann in Dörfern; und hier starb er. Er hat sein Grab oben auf dem Kirchhof und der alte Jeserich Knbalke, unser Küster und der Vater von der hübschen Mäline, hat ihm eine Grabschrift geschrieben."Und wie kam es dann?"

Ich weinte herzlich, nicht um meiner Noth willen, denn ich hatte nicht das Gefühl davon, aber weil ich ihn so sehr geliebt hatte. Noch jetzt hänge ich an ihm und träume von ihm. Sie sehen mich an, Herr General, so freundlich, wie ich nicht gedacht hätte, daß Sie jemanden ansehen könnten. Ach, die verachteten Menschen, wenn sie gut sind, sind es die besten. Ich habe früh erfahren, wie wenig der Schein bedeutet. Und wie müssen erst unsere Herzen vor Gott liegen, der alles sieht und alles weiß!"

Sie hatte das mit tiefer Bewegung gesprochen; jetzt schwieg sie und sah ein nervöses Zucken um den Mund des Alten, der seinerseits die Frage wiederholte:Und wie kam es dann?"

Es kam dann, was Sie jetzt sehen; die Kniehases nahmen mich in den Schnlzenhof. Es war vor Weihnachten; er baute mich seiner Frau aus, und ich war ihre Puppe. Ich hatte es gut, zu gut, aber da war die verstorbene gnädige Frau, die sah es, und als sie gewahr wurde, daß ich wild anfwuchs und zu sehr meinen Willen hatte, da sorgte sie für das Rechte. Oder wenn es nicht das Rechte war, doch für das, was sie für das Rechte hielt. Sie nahm mich in das Herrenhaus hin­über und da wurden wir zusammen erzogen, Renate und ich, ich meine das Fräulein und ich. Wir waren in gleichem Alter und immer mit einander."

Und mit Lewin?" fragte Bamme, den wieder die Lust zu necken anwandelte.

Auch mit Lewin, doch nicht auf lange; er kam in die Stadt. Aber wir sind gute Kameraden geblieben."

Und bleiben es auch Wohl?"

Ich hoffe es."

Bei dieser Wendung des Gesprächs war Kniehase wieder eingetreten, um zu melden, daß es Zeit sei; drei von den Ba­taillonen seien schon auf dem Rendezvous am Wäldchen ein­getroffen, das vierte würde gleich antreten. Das war eine willkommene Nachricht. Der alte General empfahl sich, wickelte sich draußen auf dem Flur in seinen Hnsarenmantel und verschwor sich, während er mit unsicherer Hand an seinen Kragenösen herumnestelte, einmal über das andere, daß er sechs Pflege­töchter ins Haus nehmen wolle, wenn nur eine so gcriethe wie diese kleine Fee. Denn eine Fee sei sie, trotzdem die richtigen Feen blaue Augen haben müßten. Darnach hob er sich in den Sattel und warf der am Fenster stehenden Marie Kuß­händchen zu, aber nicht geckenhaft. Gleich daraus ritt er ab. Ein sonderbares Bild, der kleine Mann auf dem hohen brand- rothen Pferde, in Mantel und Pelzmütze und die Steigbügel hoch geschnallt.

Im übrigen war alles, wie Schulze Kniehase gesagt hatte, und als Bamme jetzt in Nähe des zur Revue bestimmten Blach- feldes eintras, sah er, daß drei der Bataillone bereits regelrecht aufmarschirt waren. Sie standen hufeisenförmig oder in einem Quarre, dessen vordere Seite geöffnet war. In diesem Augen­blicke meldeten Drosselstein und Vitzewitz, daß auch Bataillon Lebus im Anmarsch sei. Dasselbe rapportirte Hirschfeldt, und der kleine Mann wuchs ordentlich auf seinem hohen Pferde, als er sich so von den verschiedensten Seiten her begrüßt und zum Mittelpunkt aller dienstlichen Meldungen gemacht sah.

Diese Meldungen waren kaum beendet, als man auch schon vom Dorfe her Trommelschlag hörte und zwischen den Pappeln hin einer lang heranziehenden Kolonne gewahr wurde. Es waren die vier Kompagnien des Bataillons Lebus. Sie mar- schirten in Abständen von hundertundfünfzig Schritt. Und jetzt war die vorderste deutlich erkennbar geworden. Es war Kom­pagnie Lietzen-Dolgelin. Ein Alter mit einer Fahne, deren Stock in einem breiten Gurt steckte, schritt rüstig vorauf, trotz­dem sein rechter Fuß etwas kürzer war als der linke.

Wer ist der Alte?" fragte Bamme den neben ihn: halten­den Bitzewitz.

Rentamtmann Mollhausen von Lietzen. Hat noch unter Markgraf Karl gedient. Bei Kunersdorf Schuß durch die Hüfte."

So, so. Und die Fahne, die der Alte führt? Roth und weiß. Hab' ich all mein Lebtag nicht gesehen."

Das ist die Komthureifahne mit dem achtspitzigen Jo­hanniterkreuz. Lietzen war Ordensgut."

Unter diesem Gespräch warLietzen-Dolgelin" bis dicht herangekommen und schwenkte rechts, um an den einen Flügel des offenen Quarres zu rücken. Dadurch wurde die zunächst kommende Kompagnie sichtbar. Es war die von Hohen-Ziesar. Sie hatte die meiste Musik: zwei Trommler und zwei Pfeifer, und die ganze vorderste Sektion bestand aus lauter berittenen Mannschaften: Verwalter und Meier von den verschiedenen Gütern und Vorwerken des Grafen. Dieser selbst, als er seine Leute herankommen sah, setzte sich an ihre Spitze und führte sie, die Degenspitze neigend, an dem alten Bamme vorüber.

(Fortsetzung folgt.)