Zn unserem Mchertlsch.
Wir leben im Zeitalter der Zeitschriften und ein großer Theil der gemeinverständlichen Abhandlungen verdankt ihnen seine Entstehung. Es ist aber nur natürlich, wenn die Verfasser sich nicht damit begnügen, diese Aufsätze in den Journalen veröffentlicht zu haben, sondern sie sammeln und dann auch als Buch erscheinen lassen. Dadurch wird manche sehr beachtenswerthe Arbeit, die sonst unter einem Wust von nur den Tagesinteressen dienenden Artikeln begraben läge, auch einem weiteren Kreise und vor allem dem Forscher erhalten. Monographien von berufener Hand sind ja die Bausteine, deren jeder bedarf, der ein Haus errichten will.
Vor uns liegen drei solcher Sammlungen. Den Reigen eröffnet Altmeister Julian Schmidt mit seinen „Portraits aus dem neunzehnten Jahrhundert". (Berlin, Wilhelm Hertz 1878.) Der mit Recht von allen, denen unsere Literatur am Herzen liegt, hochgeschätzte Mann bespricht hier Byron, Carlyle, Dickens, Thackeray, Kingsley von den Engländern; G. Sand, Flaubert, Zola, Daudet, Erkmann von den Franzosen; Fürst Pückler, Feuerbach, Richard Wagner, I. Wolf, Alwina von M., Reichenau von den Deutschen. Der Name Julian Schmidt ist gleichbedeutend mit männlicher Kraft, kerniger Gesundheit der sittlichen Empfindung und einem feinen Verständniß für alles Epische. Da hier das Lyrische, dem Schmidt nicht immer gerecht wird, nicht in Frage kommt, so ist er ganz in seinem Element. Es ist bekannt, daß man die kritischen Essays von Julian Schmidt auch dann mit Interesse lesen kann, wenn man die Gegenstände der Kritik nicht kennt, denn er gibt ausführliche Analysen der besprochenen Werke. Zum Schluß eine Bemerkung: Wir haben bei Kingsley ungern einen Vergleich mit G. Ebers vermißt. Ein solcher wäre höchst belehrend gewesen.
„Aus alter und neuer Zeit" von Friedrich von Weech (Leipzig, Duncker u. Humblot 1878) enthält eine Reihe von Aufsätzen zur deutschen Geschichte, die mit Ludwig dem Baiern beginnen und mit der Eröffnung der Universität Straßburg schließen. Sie sind aus dem Vollen heraus und doch gemeinverständlich geschrieben und werden allen Freunden populärer Geschichtschreibung willkommen sein.
Meist nach Italien führen uns „Biographische Denkblätter" von Alfred von Reumont". (Leipzig, Duncker u. Humblot 1878.) Dieselben find für die Freunde Italiens gewiß höchst interessant, da sie meist nach persönlichen Erinnerungen gearbeitet sind. Warum der Verfasser sich aber veranlaßt gesehen hat, dem Bande auch Artikel über Königin Elisabeth von Preußen, einen unbekannten mecklenburgischen Edelmann von Normann und einen um das Plattdeutsche verdienten Dr. Joseph Müller einzuverleiben, läßt sich schlechterdings nicht sagen. Wer sich über italienische Zustände belehren will, wird es nicht ohne Unwillen sehen, wenn ihm zugleich ein Aufsatz über einen gründlichen Kenner — der Aachener Mundart mit auf den Weg gegeben wird. Wenn man Aprikosen feil hält, darf man nicht ohne Weiteres Aepfel mit in das Maß thun.
Ebenfalls Monographien, wenn auch in feuilletonistischer Form, enthält ein sehr pikantes Buch „Aus Halb-Asien" von Karl Emil Franzos. (Leipzig, Duncker «.Humblot. 2)Ausl. 1878.) Der Verfasser, wol ein österreichischer Reformjude, entwirft darin sehr lebhaft gehaltene Culturbilder aus der Bukowina, Galizien, Südrußland und Rumänien. Da der Autor seine Lehrjahre in der Wiener Preßküche durchgemacht hat und unsere Volksgenossen an der Donau starke Gewürze lieben, so sind diese auch hier nicht gespart worden. Der natürliche Hautgout rumänischer Gerichte ist dadurch mitunter bis in's unerträgliche gesteigert worden. Franzos versichert, streng bei der Wahrheit geblieben zu sein. Wir glauben ihm gern, daß er davon überzeugt ist, müssen aber doch betonen, daß man auch ohne zu lügen sehr unwahr sein kann. Wenn man nur das Unerfreuliche sieht und schildert und das Erfreuliche nicht hervorhebt, so schildert man wahr und unwahr zu gleicher Zeit. Franzos hat ein so hübsches Erzählertalent, daß er es gar nicht nöthig hätte, auf den Krücken der Verneinung einherzuhinken; wir würden ihm auch dann mit Interesse folgen, wenn er uns Gestalten und Zustände vorführen würde, welche die Träger der Kultur, bezüglich die Anfänge derselben vorstellen. Er hat sein Buch „Aus Halb-Asien" genannt, uns aber nur Ganz- Asien vorgeführt. Warum hat er Halb-Europa unterdrückt? U. A. w. g.
Aus dem Gebiet der bis- und monographischen Artikel konimen wir nun zu einer ordentlichen, ausführlichen Biographie. Wir meinen „Ernst Wilhelm Arnoldi" von A. Emminghaus. (Weimar, Hermann Bühlau 1878.) Es ist ein wackeres Buch, das von einem wackeren Manne handelt. Am 21. Mai d. I. waren 100 Jahre vergangen, seit Arnoldi geboren wurde, wir haben es daher gewissermaßen mit einer Festschrift zu thun.
Arnoldi war einer der bedeutendsten deutschen Kaufleute, der seit dem Niedergange des deutschen Handels im 17. Jahrhundert gelebt hat. Als eine kraftvolle Persönlichkeit, ein tüchtiger Kaufmann und ein Mann voll Bildung und Gemeinsinn Hütte er es auch rein persönlich verdient, daß sein Bild auch für künftige Generationen festgehalten wurde, er hat aber auch Werke geschaffen, die noch jetzt fortleben und sowohl durch sich selbst, als auch durch die Anregung, die sie geben, der Nation zum Segen und zur Ehre gereichen. Er ist der Begründer der ersten auf Gegenseitigkeit beruhenden Gesellschaft zur Versicherung gegen Feuersgefahr, bezüglich zur Lebensversicherung. Er war es ferner, der den Bau der Zuckerrübe in Norddeutschland einbürgerte und damit den Nationalwohlstand in hohem Grade vermehrte.
Es gewährt eine lang anhaltende Anregung, wenn man aus dieser Biographie ersieht, wie der aus kleinen Anfängen hervorgegangene und ziemlich planlos erzogene Mann sich allmählich aus sich selbst entwickelt; wie er erst dein väterlichen Geschäft einen Aufschwung gibt; wie er dann für eine bessere Bildung der Berufsgenossen thätig ist; wie er endlich im Interesse seines Standes sowohl wie der ganzen Nation die Beseitigung der inneren Zollschranken anstrebt und energisch dem Zollverein vorarbeitet. An dieser Agitation erstarkt seine Kraft zu größeren Unternehmungen, bis dann endlich die fruchtbringenden Gedanken in ihn: entstehen, deren Verwirklichung seinen Namen denen der besten Deutschen zugesellt hat.
Die Biographie ist ihres Gegenstandes würdig: sie ist im besten Sinne des Wortes schlicht und doch vom Geiste warmer Zuneigung zu Arnoldi durchweht.
Auch drei Selbstbiographien weist unser Büchertisch auf: zwei aus alter und eine aus unserer Zeit. Die beiden elfteren: „Thomas und Felix Platter" (Leipzig, Hirzel, 1878) führen uns in ihrer alten, traulichen Sprache nach Basel und vorübergehend nach Deutschland und in das südliche Frankreich. Die Selbstbiographie des Vaters beginnt mit dem Jahre 1499,
die des Sohnes 1536. Aus beiden gewinnen wir ein treffliches Bild zumal des Volkslebens jener Tage. So wandert z. B. der in Wallis geborene Thomas erst im Gefolge eines fahrenden Schülers und dann als solcher selbst bis Breslau und Wien, immer in der Absicht etwas Tüchtiges zu lernen und doch immer wieder gezwungen, die Zeit mit der Beschaffung der noth- wendigsten Bedürfnisse hinzubringen. Trotzdem erwirbt er sich endlich eine gelehrte Bildung. Diese Wanderjahre sind ungemein anziehend geschildert. Auch das Tagebuch Felix Plätters ist besonders interessant, wo es die auf der Reise nach Montpellier empfangenen Eindrücke schildert. Die Erzählung von seiner Verlobung und Hochzeit hat Gustav Freytag in seinen „Bildern aus der deutschen Vergangenheit" Wiedergegeben.
Das Buch ist von dem Herausgeber, Herrn Or. H. Boos, mit allem wünschenswerthen Apparat, d. h. mit einem Personen- und Ortsregister, einem kurzen Lexicon veralteter Worte und einer Familientafel ausgerüstet. Es sei allen Freunden der Culturgeschichte bestens empfohlen.
Die dritte Selbstbiographie: „Jugenderinnerungen eines alten Berliners" von Felix Eberty. (Berlin, Wilhelm Hertz 1878) führt uns in das vormärzliche Berlin, wobei man diese Bezeichnung freilich bis auf das Jahr 1812 ausdehnen muß. Es ist ein prächtig frisch geschriebenes Buch. Der Verfasser geht nicht gerade in die Tiefe und von seiner inneren Entwickelung erfahren wir so gut wie nichts, aber er erzählt vortrefflich. Da wird uns erst ein Berliner Bürgerhaus aus der guten alten Zeit, da es noch wirkliche Berliner gab, vorgeführt. Urgroßmutter, Großeltern und Eltern umgeben den Knaben, und verziehen ihn wol auch, wenigstens wechseln die Hauslehrer bedenklich rasch. In Folge dessen wird derselbe der Kauer- schen Erziehungsanstalt übergeben, ein Umstand, der uns zu einer interessanten Schilderung eines höchst originellen pädagogischen Unternehmens verhilft. Von dort geht es nach Bonn auf die Hochschule, wo wir einige sehr ergötzliche Professoren kennen lernen und dann zurück nach Berlin, wo das scharfe Auge des Selbstbiographen eine ganze Anzahl von Originalen als solche erkennt. Pfarrer Lehmann, von dem Eberty sich in die höhere Mathematik einführen läßt, verdient allein der Held eines humoristischen Epos zu sein. Was für ein seltsamer Kauz! Einer seiner Einfälle besteht darin, daß er der Ueberzeugung lebt, die Menschheit könne einmal in solche Barbarei verfallen, daß sie die christlichen Feste nicht mehr zu berechnen im Stande sei. In Folge dessen berechnete Lehmann dieselben bis zum Jahre 22,000 nach Christi Geburt. Bis dahin würde sich die Menschheit — so hoffte er — aus ihrem tiefen Fall wieder aufgcrafft haben. Erzherzog Johann sprach in Folge dessen auf der Naturforscherversammlung in Graz in einem Toast den Wunsch aus, daß der I)r. Lehmann noch 22,000 Jahre leben möge.
Auch ein zweiter Aufenthalt in Bonn und die Referendarperiode in Berlin werfen eine Anzahl sehr lustiger Geschichten ab. Gehet hin, kaufet das Buch und leset sie selbst!
Rein kulturgeschichtlich gehalten ist: Die gute alte Zeit von Moritz Busch (Leipzig, Fr. Will). Grunow 1878) Der Verfasser wandelt auf den von G. Freytag gewiesenen Bahnen. Er schildert uns das vorige Jahrhundert möglichst mit seinen eigenen Worten d. h. in Stellen, die damaligen Aufzeichnungen entnommen sind. Wir lernen auf diese Weise das Leben an den Höfen kennen und lassen uns in einen Geheimbund aufnehmen; wir besuchen die Hochschulen und kehren mit Bruder Studio im Auditorium und in der Kneipe ein; wir machen die Bekanntschaft des Bruder Straubinger und lassen uns von ihm erzählen, wie er Gesell wurde, wie er Meister zu werden hofft. Wir betreten den Hof des Landmannes; wir schweifen mit dem Jäger durch den Wald; wir werfen einen Blick in die Kaserne. Es
sind 13 Bilder, die uns da aufgerollt werden.
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Zum Schluß noch eins Gabe in gebundener Rede. Sie stammt von einem jungen Russen, Herrn Andreas Ascharin, der die Mußestunden, welche die Dorpater Universitätsstudien ihm ließen, dazu benutzt hat, Dichtungen seiner großen Landsleute Puschkin und Lermontow ins Deutsche zu übertragen. Dichtungen von Puschkin und Lermontow in deutscher Ueber- tragung von Andreas Ascharin (Dorpat, K. Mattiesen 18781. Es erregt die höchste Bewunderung, daß ein Fremder und noch dazu ein so junger Mann sich das Deutsche so vollkommen hat aneignen können wie Ascharin. Er handhabt es vollständig wie seine Muttersprache und er hat wahrhaft vortreffliches geleistet. Nur wer mit den fast unüberwindlichen Schwierigkeiten, welche sich dem Uebersetzer aus dem Russischen ins Deutsche entgegenstellen, bekannt ist, wird das Talent, das diese Arbeit bekundet, ganz zu würdigen wissen. Das nachfolgende herrliche Gedicht, von Lermontow, das nebenbei gesagt, den ritterlichen Geist des Kofakenthums trefflich wiedergibt, liest sich durchaus wie ein Original.
Wiegenlied einer Kosakennurttcr.
SchlummresanftundsüßmeinLiebchen, Draußen weht der Wind,
Und der Mond, er lugt ins Stübchen, Lugt nach meinem Kind.
Will zu meines Lieblings Freude Singen Märchen lind —
Drücke zu die Aeuglein beide,
Schlaf, mein süßes Kind!
Brausend schäumt des Terecks Welle An die Uferwand;
Der Tschetschen, der Mordgeselle, Schwimmt versteckt ans Land.
Doch Dein Vater ist ein Krieger, Stark, wie wen'ge sind.
Schon in manchem Kampfe Sieger — Schlaf, mein süßes Kind!
Kommen wird die*Zeit und bringen, Blut'ge Kampfesmür,
Du auch wirst aufs Roß Dich schwingen, Greifen zu der Wehr.
Zaum und Sattel, bunt in Seide
Näh ich stolz gesinnt.
Schlaf, Du «reine Augenweide, Schlaf, mein süßes Kind!
Von Gestalt wirst Du ein Ritter, Ein Kosak von Herz,
Und Du scheidest — Gott, wie bitter Ist der Trennung Schmerz!
Klagen voll von tiefem Harme,
Sie verweht der Wind.
Schlafe noch in Mutterarme Schlaf, mein süßes Kind!
Bei der Tage kurzem Scheine Werd' ich harren Dein,
Und die lange Nacht durchweinen, Mutterherz, allein!
Denkst auch mein im fremden Lands Und die Thräne rinnt,
Süß sind, ach, der Heimath Bande! — Schlaf, mein süßes Kind!
Noch das Heil'genbild, das schlichte. Nimm ins fremde Land,
Fromm zu ihm die Blicke richte, Betend unverwandt.
Wenn du Dich zum Kampf bereitet, Denk der Mutter, Kmd,
Und ihr Segen Dich begleitet! — Schlaf, mein süßes Kind.