Heft 
(1878) 47
Seite
741
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Ein dentslhes Fannlienblatt mit Illujirntionen.

Erscheint wöchentlich und ist durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 2 Mark zu beziehen.

Kann im Wege des Buchhandels auch in Heften bezogen werden.

XIV.

Ausgrgrbkn am 24. August 1878. Der

vam Gktllkcr 1877 bis dahin 1878. 1878. V/ 47.

Der DMeim-Aalender für 1879r da-

und tritt auch dieses Jahr wieder bereichert und verstärkt in stattlichem Umfange fertig gebunden zum alten Preise von 1H2 Mark vor seine Leser, um freundliche Aufnahme bittend.

Die Redaktion des Daheim und Daheim-Kalenders.

Im Schalten erötüht.

Von Germanis.

Nachdruck verboten. Ges. v. ll./VI. 70.

Den 12. Oktober.

Die Blätter fallen, die Regentropfen rieseln an den Schei­ben hernieder, und der Wind singt sein eintönig Lied. Ich bin müde und traurig, und gedenken muß ich der Vergangen­heit; sie war einförmig wie dieser Herbsttag; kein Sturm, kein Unwetter, aber auch kein Sonnenschein, und die Blätter fallen!

Ich bin gewesen, aber ich habe nicht gelebt! Wenn ich der Zeiten denke, die vergangen sind, dann irrt mein Geist im weiten Raume und weiß nicht, wo er Rast halten soll und umschauen.

Mein Leben war bisher wie ein stiller See; seine Ober­stäche blieb unberührt vom Sturm der Zeit und der Ereig­nisse, seine Tiefe hat niemand zu ergründen gesucht. Ueber dem Wasser schwebt ein Nebel tief, undurchdringl ch, und aus dem Nebel lösen sich Bilder und Gestalten und ziehen grüßend an mir vorüber wie alte Bekannte. Sie sind grau, farblos, undeutlich!

Ich fühle mich einsam und verlassen, ich möchte schlafen und träumen, und im Traume einmal glücklich sein; aber ich muß wachen und denken und bin doch des Denkens so müde! Ich habe nichts zu thun, weder für mich noch für andere. Die eigenen Gedanken sind schlechte Gesellschafter, sie quälen mich! Was soll ich thun, um die langsam schleichenden Stun­den zu kürzen soll ich den weißen Blättern erzählen von Sonst und Jetzt? Ich will es versuchen, vielleicht löst sich der Bann, der auf meinem Herzen ruht schwer und bleiern.

Ich heiße Marie Dorothee und bin erst achtundzwanzig

XIV. Jahrgang. 47. b.

Jahre alt. Dennoch will es mir scheinen, als läge meine Jugend schon weit, weit hinter mir.

Jungfer Juliane hat mir oft von meinen Eltern gespro­chen; ich selbst habe keinerlei Erinnerung von ihnen und meiner ersten Heimat. Mein Vater war ein hoher Beamter in hiesiger Stadt, allgemein geachtet und geehrt, aber wenig geliebt, ein harter stolzer Mann, der viel dachte und wenig sprach; meine Mutter ein zartes liebliches Wesen, schön wie eine Blume und vergänglich wie sie. Nach meiner Geburt im dritten Jahre ihrer Ehe starb sie, und kurz darnach war ich ganz verwaist.

Da meine Eltern ziemlich allein gestanden hatten im Leben und ich keine nähere Verwandten besaß, die für mich hätten sorgen können, so nahm meine Pathe, Jungfer Juliane, sich meiner an und führte mich ein in ihr freundliches Haus in der Vorstadt.

Sie hat mir oft gesagt, meine Erziehung habe ihr wenig Sorge gemacht. Ich war ein stilles ernstes Kind, zufrieden mit der Gesellschaft meiner alten Pathe und wünschte weder Spielgenossen noch Abwechselung. Meine einzige Freundin war eine große Puppe mit Namen Lilli; sie hatte nur einen Arm, himmelblaue Augen und einen welligen Scheitel von Porzellan, aber sie genügte mir vollkommen und hatte den großen Vor­zug, mich immer zu verstehen, wenn ich ihr meine Geheimnisse anvertraute oder schöne Märchen erzählte.

Wir führten ein stilles zurückgezogenes Leben voll Ruhe und Frieden, der von Tante Juliane ebenso unzertrennlich schien wie der zarte Dust von Lawendel, der das ganze Haus er-