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füllte und an ihrer Person haftete. Sie kannte das Leben der großen Welt von früher her und gab mir oft weise Lehren und Rathschläge, die sie aus dem reichen Schatz ihrer Erfahrungen schöpfte, aber mir erschienen ihre Erzählungen so wun- derbar und merkwürdig, so wenig vereinbar mit dem wirklichen Leben der Gegenwart, daß ich sie wie die Sagen aus einer märchenhaften Vergangenheit betrachtete, und sie nur dazu beitrugen, mich zu verwirren und meinen phantastischen Träumen Nahrung zu geben. Uebrigens war die Pathe eine stille verschlossene Person, die mit dem äußeren Zeichen ihrer Zuneigung kargte und mit pedantischer Strenge sich und andere jeglichem Gebote der Pflicht unterordnete, wenn man auch selten ein hartes Wort oder eine heftige Aeußerung von ihr hörte und ihre Augen immer gleich freundlich blickten.
Aus Gründen, die sie mir nicht mittheilte, erschien ihr h der öffentliche Unterricht für mich nicht wünschenswerth, ich erhielt Privatunterricht von den ausgezeichnetsten Lehrern der Stadt, die in unser Haus kamen, und wurde nach und nach auch in viele Zweige des Wissens eingeführt, die sonst nur in dem Bildungskreise eines Knaben liegen. Aber das Lernen war meine größte Freude und ersetzte mir alles, was ich sonst entbehrte. Meine Studien füllten meine Zeit aus, und dem Treiben der Welt blieb ich so fern, als wenn ich hinter Klostermauern ausgewachsen wäre.
So schwanden die Jahre dahin wie ein Traum. Ich wurde immer größer und älter, Tante Juliane immer tauber und schweigsamer, und nach wie vor saß ich mit meiner Arbeit aus dem Fenstertritt hinter den rothblühenden Geranien, oder las in einem interessanten Buche, das unser alter Freund und Nachbar, der Professor Herbert, mir geliehen. Die wenigen Bekannten, die wir hatten, waren alle alt wie Jungfer Juliane und starben einer nach dem andern dahin, bis zuletzt niemand mehr übrig blieb, als sie und der Professor.
An den schönen Sommerabenden gingen wir oft hinaus auf den grünen Friedhof vor dem Thor, die Hände voll Blumen, um die Gräber zu schmücken.
Seit Jahren hatte die Pathe sich ihre eigene Ruhestätte gekauft; wenn wir daran vorübergingen, begrüßte sie das kleine Fleckchen Erde stets mit einem freundlichen Lächeln.
Nicht lange währte es, so wurde sie dort niedergelegt zum letzten Schlummer! An einem schönen Junimorgen starb sie nach kurzer Krankheit, still und so friedlich wie sie gelebt, und mit den schönsten Rosen aus unserem Garten schmückte ich das neue Grab.
Wieder war ich verwaist.
Ich vermißte ihre Gegenwart, ihre freundliche Fürsorge, die Nähe des Todes, dem ich zum ersten Mal ins Angesicht gesehen, ängstigte und erschreckte mich, das kleine Haus erschien mir öde und leer, aber einen großen gewaltigen Schmerz empfand ich nicht.
Ich haßte mich selbst deshalb. Das Gefühl blieb dasselbe. Es schien, als wäre es mir versagt, Freude und Schmerz zu empfinden, als wäre mein Herz todt in der Brust, während alles andere lebte.
Die Pathe hatte mich zu sich genommen, als ich ein kleines hilfloses Kind war, aber sie hatte es gethan aus Freundschaft für meine Eltern. Meine Gesellschaft, die Mühe, welche ich ihr machte, waren ihr zur lieben Gewohnheit geworden, die freiwillig gewählte Pflicht kein Opfer mehr. Ich war stets dankbar gewesen und fügsam, nie hatte ein Mißtou die Harmonie unseres Zusammenlebens gestört. Das war aber auch alles. Güte und Freundlichkeit waren mir geboten worden, zärtliche Liebe und Verständniß nie! Der Same war nicht gelegt worden in dem Herzen des Kindes; kein Wunder, daß die Trauerblume nicht blühen wollte in meiner Seele.
Jungfer Juliane hatte mich zu ihrer Erbin eingesetzt — meinem eigenen kleinen Vermögen das ihre beigesellt. Haus und Garten, in denen ich so lange gelebt, waren mein.
Damals wie jetzt legte ich wenig Werth auf Geld und Besitz, wohl deshalb, weil ich den Mangel desselben nie schmerzlich empfinden durfte und wenig Bedürfnisse habe; in
sofern waren sie mir aber angenehm, als ich glaubte, nun allein fortleben zu können in gewohnter Weise, und mein Schicksal nach Gefallen zu gestalten.
Ich kannte die Welt nicht und die Satzungen der guten Gesellschaft, ich wußte nicht, daß ein junges Mädchen von zwanzig Jahren sich ihrer Selbständigkeit nicht freuen kann, daß sie eines Schutzes bedarf.
Der Professor sagte mir das. Er war mein Vormund und hatte ein Recht dazu. Er frug mich nach meinen Wünschen für die nächste Zukunft; ich hatte keine, eben so wenig als Freunde und Verwandte, und als er mit schlichten Worten mir sein Haus als neue Heimat anbot, willigte ich gern ein.
Meine kleine Besitzung wurde verpachtet, und ich zog hinüber zu ihm und seiner alten Haushälterin Frau Brigitte, die mir schon früher, als ich noch ein Kind war, sehr gewogen gewesen war und mir manchen Apfel und manche Düte Kirschen vom Markte mitgebracht hatte.
Sie, eine ehrbare gebildete Frau, die Wittwe eines Subalternbeamten, stand dem Hauswesen des Professors vor; ich wurde sein Schüler und Studiengenofse. Ich liebte die Wissenschaft um ihrer selbst willen, und hatte eine gute Vorbildung erhalten zu dem ernsten Studium, das nun meine Tage ausfüllte. Es war Arbeit, wirkliche Arbeit, und ich fühlte mich befriedigt.
Der Professor schrieb an einem größeren Werke, ich wurde sein Sekretär. Von früh bis spät saß ich an dem großen bücherbeladenen Schreibtische, meine Hilfe wurde immer unentbehrlicher für den greisen Gelehrten. Dabei lebten wir wie die Einsiedler. Der Abend brachte mir die einzige Erholung: einen Spaziergang durch die Felder und die Straßen der Vorstadt, oder eine Partie Schach am warmen Kaminfeuer, wo Frau Brigitte saß und spann, und das Schnurren ihres Rades allein die tiefe Stille unterbrach.
Ich vergaß, daß ich jung war, vergaß, woran ich eigentlich noch nie gedacht, daß das Leben noch etwas anderes bieten könne. — Tag um Tag verging so, Jahr um Jahr.
Der Professor wurde krank. Es genügte nicht mehr, daß ich Theil nahm an seinen geistigen Bestrebungen, er bedurfte auch der körperlichen Pflege, und die Kräfte der alten Haushälterin reichten dazu nicht aus. Ich that was nöthig war, und suchte die sinkenden Lebensgeister aufrecht zu erhalten. Mein Leben erhielt dadurch eine andere Färbung, aber es war nur eine dunklere Schattirung in Grau, düsterer, einförmiger. Das Halbdunkel und die tiefe Stille des Krankenzimmers bildeten keinen großen Kontrast gegen das Studirzimmer mit seiner ernsten Arbeit.
Endlich nach monatelangen Leiden erfolgte der Tod des Professors. Drei Tage vorher, kurze Zeit ehe er das Bewußtsein verlor, ließ er sich mit mir trauen. Sein Notar, der alte Hausarzt Doktor Röder und Frau Brigitte mit ihrer Schwester waren die Zeugen. Die Ceremonie wurde in aller Kürze vollzogen, und ehe ich mir noch Rechenschaft darüber geben konnte, wie das so schnell gekommen, war ich dem Gesetze nach die Frau des sterbenden Mannes. Ich entsetzte mich vor der Ungeheuerlichkeit der Idee; aber mehr noch als die sachgemäßen Erklärungen des Notars und der tröstende Zuspruch des Doktors beruhigte mich der Gedanke, daß es ja unter den obwaltenden Umständen nichts sei als eine Form, und ich nur meine Pflicht gethan habe, als ich den letzten Wunsch meines alten Freundes erfüllte.
Der Professor hatte seine guten Gründe, er war ein edler Mann. Er wußte, daß ich allein und schutzlos Zurückbleiben würde, wenn auch er mich verlassen; seine Dankbarkeit, die durch Worte nie zum Ausdruck gelangt war, hatte er durch die That bewiesen, und mir Rang und Namen einer Frau gegeben, um mir in der menschlichen Gesellschaft eine geehrte und gesicherte Stellung zu schaffen und alle Steine des Anstoßes fortzuräumen, die ein alleinstehendes Mädchen auf ihrem Wege findet. Meine Freiheit war nicht beschränkt worden durch den außergewöhnlichen Schritt, nur erhöht und befestigt, und doch, und doch!
Er war mein Freund gewesen seit meiner Kindheit, mein