Heft 
(1898) 06
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Ueber Land und Meer.

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Schmargendorf angeht, so kann ich nur sagen: Von meiner Martha lass' ich nicht."

Czako, Sie münden wieder ins Frivole."

Gut, gut, Rex, Sie werden unwirsch, und Sie sollen recht haben. Lassen wir also die Schmargen­dorf. Aber über die Domina ließe sich vielleicht sprechen, und sind wir erst bei der Tante, so sind wir auch bei dem Neffen. Ich fürchte, unser Freund Woldemar befindet sich in diesem Augenblick in einer scharfen Zwickmühle. Die Domina liegt ihm seit Jahr und Tag (er hat mir selber Andeutungen darüber gemacht) mit Heiratsplänen in den Ohren, mutmaß­lich weil ihr die Vorstellung einer Stechlinlosen Welt einfach ein Schrecknis ist. Solche alten Jungfern mit einer Granatbrosche haben immer eine merk­würdig hohe Meinung von ihrer Familie. Freilich auch andre, die klüger sein sollten. Unsre Leute ge­fallen sich überhaupt in der Idee, sie hingen mit dem Fortbestände der göttlichen Weltordnung aufs engste zusammen. In Wahrheit liegt es so, daß wir sämtlich abkommen können. Ohne die Czakos geht es nun schon gewiß, wofür sozusagen historisch-sym­bolisch der Beweis erbracht ist."

Und die Rex?"

Vor diesem Namen mach' ich Halt."

Wer's Ihnen glaubt. Aber lassen wir die Rex und lassen wir die Czakos, und bleiben wir bei den Stechlins, will sagen bei unserm Freunde Woldemar. Die Tante will ihn verheiraten, darin haben Sie recht."

Und ich habe Wohl auch recht, wenn ich das eine heikle Lage nenne. Denn ich glaube, daß er sich seine Freiheit wahren will und mit Bewußtsein aus den Celibataire lossteuert."

Ein Glauben, in dem Sie sich, lieber Czako, wie sedesmal, wenn Sie zu glauben anfangen, in einem großen Irrtum befinden."

Das kann nicht sein."

Es kann nicht bloß sein, es ist. Und ich wundre mich nur, daß gerade Sie, der Sie doch sonst das Gras wachsen hören und allen Gesellschasts- klatsch kennen wie kaum ein zweiter, daß gerade Sie von dem allem kein Sterbenswörtchen vernommen haben sollen. Sie verkehren doch auch bei den Xylanders, ja, ich glaube, Sie da kämpfend am Büffett im Laufe des letzten Winters gesehn zu haben."

Gewiß."

Und da waren an jenem Abend auch die Berchtes­gadens, Baron und Frau, und in lebhaftestem Ge­spräche mit dem bayrischen Baron ein distinguierter alter Herr und zwei Damen. Und diese drei, das waren die Barbys."

Die Barbys," wiederholte Czako,Botschafts­rat oder dergleichen. Ja, ich habe davon gehört; aber ich kann mich nicht erinnern, ihn und die Damen gesehen zu haben. Und sicherlich nicht an jenem Abend, wo von Vorstellen keine Rede war, die reine Völker­schlacht. Aber Sie wollten mir, glaube ich, von eben diesen Barbys erzählen."

Ja, das wollt' ich. Ich wollte Sie nämlich wissen lassen, daß Ihr Celibataire seit Ausgang vorigen Winters in eben diesem Hause verkehrt."

Er wird wohl in vielen Häusern verkehren."

Möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich, da das eine Haus ihn ganz in Anspruch nimmt."

Nun gut, so lassen wir ihn bei den Barbys. Aber was bedeutet das?"

Das bedeutet, daß in einem solchen Hause ver­kehren und sich mit einer Tochter verloben, so ziemlich ein und dasselbe ist. Bloß eine Frage der Zeit. Und die Tante wird sich damit aussöhnen müssen, auch wenn sie, wie sehr wahrscheinlich, über ihr Herzblatt bereits anders verfügt haben sollte. Solche Dinge begleichen sich schließlich immer. Aber unser Woldemar wird sich vor andre Schwierigkeiten ge­stellt sehen."

Und die wären? Ist er nicht vornehm genug? Oder mankiert vielleicht Gegenliebe?"

Nein, Czako, von ,mankierender Gegenliebe', wie Sie sich auszudrücken belieben, kann keine Rede sein. Die Schwierigkeiten liegen in was andern:. Es sind da nämlich, wie ich mir schon anzudeuten erlaubte, zwei Comtessen im Hause. Nun, die jüngere wird es wohl werden, schon weil sie eben die jüngere ist. Aber so ganz sicher ist es doch keineswegs. Denn auch die ältere, wiewohl schon über dreißig,

ist sehr reizend und zum Ueberstuß auch noch Witwe

das heißt eigentlich nicht Witwe, sondern eine gleich nach der Ehe geschiedene Frau. Sie war nur ein halbes Jahr verheiratet, oder vielleicht auch nicht verheiratet."

Verheiratet, oder vielleicht auch nicht verheiratet," wiederholte Czako, während er unwillkürlich sein Pferd anhielt.Aber Rex, das ist ja hochpikant. Und daß ich erst heute davon höre und durch Sie, der Sie sich doch eigentlich von solchen Dingen entsetzt abwenden müßten. Aber so seid ihr Konventikler. Schließlich ist all dergleichen doch euer eigentlichstes Feld. Und nun erzählen Sie weiter, ich bin neugierig wie ein Backfisch. Wer war denn nun eigentlich der unglücklich Glückliche?"

Sie meinen, wenn ich Sie recht verstehe, wer es war, der diese ältere Comtesse heiratete. Nun, dieser glücklich Unglückliche oder umgekehrt war auch ein Graf, sogar ein italienischer Graf (vorausgesetzt, daß Sie dies als eine Steigerung ansehn), und hatte natürlich auch einen echt italieni­schen Namen: Conte Ghiberti, derselbe Name wie der des slorentinischen Bildhauers, von dem die be­rühmten Thüren herrühren."

Welche Thüren?"

Nun, die berühmten Baptisteriumthüren in Florenz, von denen Michelangelo gesagt haben soll, ,sie wären wert, den Eingang zum Paradiese zu bilden'. Und diese Thüren heißen denn auch, ihrem großen Künstler zu Ehren, die Ghibertischen Thüren. Uebrigens eine Sache, von der ein Mann wie Sie was wissen müßte."

Ja, Rex, Sie haben gut reden von ,wissen müssen'. Sie sind aus einem großen Hause, haben mutmaßlich einen frommen Kandidaten als Lehrer gehabt und sind dann auf Reisen gegangen, wo man so seine Dinge wegkriegt. Aber ich! Ich bin aus Ostrowo."

Das ändert nichts."

Doch, doch, Rex. Italienische Kunst! Ich bitte Sie, wo soll dergleichen bei mir Herkommen? Was Hänschen nicht lernt, dabei bleibt es nun mal. Ich erinnere mich noch ganz deutlich einer Auktion in Ostrowo, bei der es war in einem kommerzien- rätlichen Hause schließlich ein roter Kasten zur Versteigerung kam, ein Kasten mit Doppelbildern und einem Opernkucker dazu, der aber keiner war. Und all das kaufte sich meine Mutter. Und an diesem Stereoskopenkasten, ein Wort, das ich damals noch nicht kannte, habe ich meine italienische Kunst ge­lernt. Die ,Thüren^ waren aber nicht dabei. Was können Sie da groß verlangen? Ich habe, wenn Sie das Wort gelten lassen wollen, 'ne Panoptikum­bildung. "

Rex lachte.Nun, gleichviel. Also der Graf, der die ältere Comtesse Barby heiratete, hieß Ghiberti. Seiner Ehe fehlten aber durchaus die Himmelsthüren,

so viel läßt sich mit aller Bestimmtheit sagen. Und deshalb kam es zur Scheidung. Ja, die schar­mante Frau ,scharmant^ ist übrigens ein viel zu plebejes und minderwertiges Wort hat denn auch bald danach in ihrer Empörung den Namen Ghiberti wieder abgethan, und alle Welt nennt sie jetzt nur noch bei ihrem Vornamen."

Und der ist?"

Melusine."

Melusine? Hören Sie, Rex, das läßt aber tief blicken."

Unter diesem Gespräch waren sie bis an den Cremmer Damm herangekommen. Es dunkelte schon stark, und ein Gewölk, das am Himmel hinzog, verbarg die Mondsichel. Ein paarmal aber trat diese doch hervor, und dann sahen sie bei halber Beleuchtung das Hohenlohedenkmal, das unten im Luche schimmerte. Hinunterzureiten, was noch einmal flüchtig in Erwägung gezogen wurde, verbot sich, und so setzten sie sich in einen munteren Trab und hielten erst wieder in Cremmen selbst und zwar vor dem GasthauseMarkgraf Otto". Es schlug eben neun von der Nikolaikirche.

Drinnen war man bald in einem lebhaften Ge­spräch, in dem sich Rex über die in der Stadt herrschende Gesinnung und Kirchlichkeit zu unter­richten suchte. Der Wirt stellte der einen wie der andern ein gleich gutes Zeugnis aus und hatte die Genugthuung, daß ihm Rex freundlich zunickte. Czako aber sagte:Sagen Sie, Herr Wirt, Sie

haben da ein so schönes Billard; ich habe mir jüngsthin sagen lassen, wenn es flott gehe, so könne man's bis auf dreitausend Mark bringen. Natürlich bei zwölfstündigem Arbeitstag. Wie steht es damit? Für möglich halt' ich es."

XI.

Die Barbys, der alte Gras und seine zwei Töchter, lebten seit einer Reihe von Jahren in Berlin und zwar am Kronprinzenufer, zwischen Alsen- und Moltkebrücke. Das Haus, dessen erste Etage sie bewohnten, unterschied sich, ohne sonst irgendwie hervorragend zu sein (Berlin ist nicht reich an Privat­häusern, die Schönheit und Eigenart in sich vereinigen), immerhin vorteilhaft von seinen Nachbarhäusern, von denen es durch zwei Terrainstreifen getrennt wurde; der eine davon, ein kleiner Baumgarten mit allerlei Buschwerk dazwischen, der andre ein Hofraum mit einem zierlichen und malerisch wirkenden Stallgebäude, deffeu obere Fenster hinter denen sich die Kutscher­wohnung befand von wildem Wein umwachsen waren. Schon diese Lage des Hauses hätte für ein bestimmtes Maß von Aufmerksamkeit genügt, aber auch seine Fassade mit ihren zwei Loggien links und rechts ließ die des Weges Kommenden unwill­kürlich ihr Auge darauf richten. Hier, in eben diesen Loggien, verbrachte die Familie mit Vorliebe die Früh- und Nachmittagsstunden und bevorzugte dabei, je nach der Jahreszeit, mal den zum Zimmer des alten Grasen gehörigen, in pompejischem Rot gehaltenen Einbau, mal die gleichartige Loggia, die zum Zimmer der beiden jungen Damen gehörte. Dazwischen lag ein dritter großer Raum, der als Repräsentations­und zugleich als Eßzimmer diente. Das war, mit Ausnahme der Schlaf- und Wirtschastsräume, das Ganze, worüber man Verfügung hatte; man wohnte mithin ziemlich beschränkt, hing aber sehr an dem Hause, so daß ein Wohnungswechsel oder auch nur der Gedanke daran, so gut wie ausgeschlossen war. Einmal hatte die liebenswürdige, besonders mit Gräfin Melusine befreundete Baronin Berchtesgaden einen solchen Wohnungswechsel in Vorschlag gebracht, aber nur um sofort einem lebhaften Widerspruche zu begegnen.Ich sehe schon, Baronin, Sie führen den ganzen Lennostraßenstolz gegen uns ins Gefecht. Ihre Lennestraße! Nun ja, wenn's sein muß. Aber was haben Sie da groß? Sie haben den Lessing ganz und den Goethe halb. Und um beides will ich Sie beneiden und Ihnen auch die Spreewalds- ammen in Rechnung stellen. Aber die Lennestraßen­welt ist geschloffen, ist zu, sie hat keinen Blick ins Weite, kein Wasser, das fließt, kein Verkehr, der flutet. Wenn ich in unsrer Nische sitze, die lange Reihe der heran­kommenden Stadtbahnwaggons vor mir, nicht zu nah und nicht zu weit, und sehe dabei, wie das Abend­rot den Lokomotivenrauch durchglüht und in dem Filigranwerk der Ausstellungsparktürmchen schimmert, was will Ihre grüne Tiergartenwand dagegen?" Und dabei wies die Gräfin aus einen gerade vor­überdampfenden Zug, und die Baronin gab sich zu­frieden.

Ein solcher Abend war auch heute; die Balkon­thür stand auf, und ein kleines Feuer im Kamin warf seine Lichter auf den schweren Teppich, der durch das ganze Zimmer hin lag. Es mochte die sechste Stunde sein, oder doch beinah' und die Fenster drüben an den Häusern der andern Seite standen wie in roter Glut. Ganz in Nähe des Kamins saß Armgard, in ihren Stuhl zurückgelehnt, die linke Fußspitze leicht aus den Ständer gestemmt. Die Stickerei, daran sie bis dahin gearbeitet, hatte sie, seit es zu dunkeln begann, aus der Hand gelegt und spielte statt dessen mit einem Ballbecher, zu dem sie regelmäßig griff, wenn es galt, leere Minuten auszufüllen. Sie spielte das Spiel sehr geschickt, und es gab immer einen kleinen Hellen Schlag, wenn der Ball in den Becher fiel. Melusine stand draußen auf dem Balkon, die Hand an die Stirn gelegt, um sich gegen die Blendung der untergehenden Sonne zu schützen.

Armgard," ries sie in das Zimmer hinein, komm; die Sonne geht eben unter!"

Laß. Ich sehe hier lieber in den Kamin. Und ich habe auch schon zwölfmal gefangen."

Wen?"

Nun natürlich den Ball."

Ich glaube, du fingst lieber wen anders. Und wenn ich dich so dasitzen sehe, so kommt es mir fast