Heft 
(1898) 06
Seite
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Ueber Land und Meer.

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vor, als dächtest du selber auch so was. Du sitzt so märchenhaft da."

Ach, du denkst immer nur an Märchen und glaubst, weil du Melusine heißt, du hast so was wie eine Verpflichtung dazu."

Kann sein. Aber vor allem glaub' ich, daß ich es getroffen habe. Weißt du, was?"

Nun?"

Ich kann es so laut nicht sagen. Du sitzt zu weit ab."

Dann komm und sag es mir ins Ohr."

Das ist zu viel verlangt. Denn erstens bin ich die ältere, und zweitens bist du's, die was von mir will. Aber ich will es so genau nicht nehmen."

Und dabei ging Melusine vom Balkon her aus die Schwester zu, nahm ihr das Fangspiel sort und sagte, während sie ihr die Hand aus die Stirn legte:Du bist verliebt."

Aber Melusine, was das nun wieder soll! Und wenn man so klug ist wie du .. . Verliebt. Das ist ja gar nichts; etwas verliebt ist man immer."

Gewiß. Aber in wen? Da beginnen die Fragen und Finessen."

In diesem Augenblicke ging die Klingel draußen, und Armgard horchte.

Wie du dich verrätst," lachte Melusine.Du horchst und willst wissen, wer kommt."

Melusine wollte noch weiter sprechen, aber die Thür ging bereits auf, und Lizzi, die Kammerjungfer der beiden Schwestern, trat ein, unmittelbar hinter ihr ein Gersonscher Livreediener mit einem in einen Riemen geschnallten Karton. Er bringt die Hüte," sagte die Kammerjungfer.

Ah, die Hüte. Ja, Armgard, da müssen wir freilich unsre Frage vertagen. Was doch wohl auch deine Meinung ist. Bitte, stellen Sie hin. Aber Lizzi, du, du bleibst und mußt uns Helsen; du hast einen guten Geschmack. Uebrigens ist kein Steh­spiegel da?"

Soll ich ihn holen?"

Nein, nein, laß. Unsre Köpfe, worauf es doch bloß ankommt, können wir schließlich auch in diesem Spiegel sehen ... Ich denke, Armgard, du läßt mir die Vorhand; dieser hier mit dem Heliotrop und den Stiefmütterchen, der ist natürlich für mich; er hat den richtigen Frauencharakter, fast schon Witwe."

Unter diesen Worten setzte sie sich den Hut ans und trat an den Spiegel.Nun, Lizzi, sprich."

Ich weiß nicht recht, Frau Gräfin, er scheint nur nicht modern genug. Der, den Comtesse Arm­gard eben aussetzt, würde wohl auch für Frau Gräfin besser passen; die hohen Straußsedern, wie ein Nitterhelm, und auch die Hutsorm selbst. Hier ist noch einer, fast ebenso und beinah' noch hübscher."

Beide Damen stellten sich vor den Spiegel; Armgard, hinter der Schwester stehend und größer als diese, sah über deren linke Schulter fort. Beide gefielen sich, ungemein, und schließlich lachten sie, weil jede der andern ansah, wie hübsch sie sich fand.

Ich möchte doch beinah' glauben..." sagte Melusine, kam aber nicht weiter, denn in eben diesem Augenblicke trat ein in schwarzen Frack und Escarpins gekleideter alter Diener ein und meldete: Rittmeister von Stechlin."

Unmittelbar darauf erschien denn auch Woldemar selbst und verbeugte sich gegen die Damen.Ich fürchte, daß ich zu sehr ungelegener Stunde komme."

Ganz im Gegenteil, lieber Stechlin. Um wessent- willen quälen wir uns denn überhaupt mit solchen Sachen? Doch bloß um unsrer Gebieter willen, die man ja (vielleicht leider) auch noch hat, wenn man sie nicht mehr hat."

Immer die liebenswürdige Frau."

Keine Schmeicheleien. Und dann, diese Hüte sind wichtig. Ich nehm' es als eine Fügung, daß Sie da geradehinzukommen; Sie sollen entscheiden. Wir haben freilich schon Lizzis Meinung angerufen, aber Lizzi ist zu diplomatisch; Sie sind Soldat und müssen mehr Mut haben. Armgard, sprich auch; du bist nicht mehr jung genug, um noch ewig die Verlegene zu spielen. Ich bin sonst gegen alle Gutachten, namentlich in Prozeßsachen (ich weiß ein Lied davon zu singen), aber ein Gutachten von Ihnen, da lass' ich all meine Bedenken fallen. Außer­dem bin ich für Autoritäten, und wenn es überhaupt Autoritäten in Sachen von Geschmack und Mode

giebt, wo wären sie besser zu finden als im Regi­ment Ihrer Kaiserlich Königlichen Majestät von Großbritannien und Indien? Irland lass' ich ab­sichtlich fallen und nehme lieber Indien, woher aller gute Geschmack kommt, alle alte Kultur, alle Shawls und Teppiche, Buddha und die weißen Elefanten. Also antreten, Armgard; du natürlich an den rechten Flügel, denn du bist größer. Und nun, lieber Stechlin, wie finden Sie uns?"

Aber meine Damen..."

Keine Feigheiten. Wie finden Sie uns?"

Unendlich nett."

Nett? Verzeihen Sie, Stechlin, nett ist kein Wort. Wenigstens kein nettes Wort. Oder wenigstens ungenügend."

Also schlankweg entzückend."

Das ist gut. Und zur Belohnung die Frage: wer ist entzückender?"

Aber Frau Gräfin, das ist ja die reine Geschichte mit dem seligen Paris. Bloß, er hatte es viel leichter, weil es drei waren. Aber zwei. Und noch dazu Schwestern."

Wer? wer?"

Nun, wenn es denn durchaus sein muß, Sie, gnädigste Frau."

Schändlicher Lügner. Aber wir behalten diese zwei Hüte. Lizzi, gieb all das andre Zurück. Und Jeserich soll die Lampen bringen; draußen ein Streifen Abendrot und hier drinnen ein verglimmen- des Feuer, das ist denn doch zu wenig oder, > wenn man will, zu gemütlich." I

Die Lampen hatten draußen schon gebrannt, so daß sie gleich da waren. ^

Und nun schließen Sie die Balkonthür, Jeserich, und sagen Sie's Papa, daß der Herr Rittmeister gekommen. Papa ist nicht gut bei Wege, wieder die neuralgischen Schmerzen; aber wenn er hört, daß Sie da sind, so thut er ein übriges. Sie wissen, Sie sind sein Verzug. Man weiß immer, wenn man Verzug ist. Ich wenigstens Hab' es immer gewußt."

Das glaub' ich."

Das glaub' ich? Wie wollen Sie das erklären?"

Einfach genug, gnädigste Gräfin. Jede Sache will gelernt sein. Alles ist schließlich Erfahrung. Und ich glaube, daß Ihnen reichlich Gelegenheit gegeben wurde, der Frage ,Verzug oder Nichtverzug' praktisch näherzutreten."

Gut herausgeredet. Aber nun, Armgard, sage dem Herrn von Stechlin (ich persönlich getraue mich's nicht), daß wir in einer halben Stunde fort müssen, Opernhaus, ,Tristan und Isolde'. Was sagen Sie dazu? Nicht zu Tristan und Isolde, nein, zu der heikleren Frage, daß wir eben gehen, im selben Augenblick, wo Sie kommen. Denn ich seh' es Ihnen an, Sie kamen nicht so bloß um ,tivs o'eloek !

willen, Sie hatten es besser mit uns vor. Sie wollten bleiben..."

Ich bekenne. .."

Also getroffen. Und zum Zeichen, daß Sie großmütig sind und Verzeihung üben, versprechen Sie, daß wir Sie bald Wiedersehen, recht, recht ! bald. Ihr Wort darauf. Und dem Papa, der > Sie vielleicht erwartet, wenn es Jeserich für gut ! befunden hat, die Meldung auszurichten, dem ^ Papa werd' ich sagen, Sie hätten nicht bleiben können, eine Verabredung, Klub oder sonst was."

Während Woldemar nach diesem abschließenden Gespräch mit Melusine die Treppe Hinabstieg und auf den nächsten Droschkenstand znschritt, saß der alte Graf in seinem Zimmer und sah, den rechten Fuß auf einen Stuhl gelehnt, durch das Balkon­fenster auf den Abendhimmel. Er liebte diese Dämmerstunde, drin er sich nicht gerne stören ließ (am wenigsten gern durch vorzeitig gebrachtes Licht), und als Jeserich. der das alles wußte, jetzt eintrat, war es nicht, um dem alten Grafen die Lampe zu bringen, sondern nur um ein paar Kohlen aufzu­schütten.

Wer war denn da, Jeserich?"

Der Herr Rittmeister."

So, so. Schade, daß er nicht geblieben ist. Aber freilich, was soll er mit mir? Und der Fuß und die Schmerzen, dadurch wird man auch nicht interessanter. Armgard und nun gar erst Melusine, ja, da geht es, da redet sich's schon besser, und das

wird der Rittmeister wohl auch finden. Aber so viel ist richtig, ich spreche gern mit ihm; er hat so was Ruhiges und Gesetztes und immer schlicht und natürlich. Meinst du nicht auch?"

Jeserich nickte.

Und glaubst du nicht auch (denn warum käme er sonst so oft), daß er was vorhat?"

Glaub' ich auch, Herr Graf."

Na, was glaubst du?"

Gott, Herr Graf..."

Ja, Jeserich, du willst nicht 'raus mit der Sprache. Das hilft dir aber nichts. Wie denkst du dir die Sache?"

Jeserich schmunzelte, schwieg aber weiter, weshalb dem alten Grafen nichts übrig blieb, als seinerseits fortzufahren.Natürlich paßt Armgard besser, weil sie jung ist; es ist so mehr das richtige Verhältnis, und überhaupt, Armgard ist sozusagen dran. Aber, weiß der Teufel, Melusine..."

Freilich, Herr Graf."

Also du hast doch auch so was gesehen. Alles dreht sich immer um die. Wie denkst du dir nun den Rittmeister? Und wie denkst du dir die Damen? Und wie steht es überhaupt? Ist es die oder ist es die?"

Ja, Herr Gras, wie soll ich darüber denken? Mit Damen weiß man ja nie vornehm und nicht vornehm, klein und groß, arm und reich, das is all eins. Mit unsrer Lizzi is es gerad' ebenso wie mit Gräfin Melusine. Wenn man denkt, es is so, denn is es so, und wenn man denkt, es is so, denn is es wieder so. Wie meine Frau noch lebte, Gott habe sie selig, die sagte auch immer: ,Ja, Jeserich, was du dir bloß denkst; wir sind eben ein Rätsel? Ach Gott, sie war ja man einfach, aber das können Sie mir glauben, Herr Graf, so sind sie alle."

Hast ganz recht, Jeserich. Und deshalb können wir auch nicht gegen an. Und ich freue mich, daß du das auch so scharf aufgefaßt hast. Du bist überhaupt ein Menschenkenner. Wo du's bloß her hast? Du hast so was von 'nem Philosophen. Hast du schon mal einen gesehen?"

Nein, Herr Graf. Wenn man so viel Zu thun hat und immer Silber putzen muß."

Ja, Jeserich, das hilft doch nn nich, davon kann ich dich nicht frei machen..."

Nein, so mein' ich es ja auch nich, Herr Graf, und bin ja auch fürs Alte. Gute Herrschaft und immer denken, ,man gehört so halb wie mit dazu', dafür bin ich. Und manche sollen ja auch halb mit dazu gehören. . . Aber ein bißchen anstrengend is es doch mitunter, und man is doch am Ende auch ein Mensch..."

Na höre, Jeserich, das Hab' ich dir doch noch nicht abgesprochen."

Nein, nein, Herr Graf. Gott, man sagt so was bloß. Aber ein bißchen is es doch damit..."

XII.

Woldemar wie Rex seinem Freunde Czako, als beide über den Cremmer Damm ritten, ganz richtig mitgeteilt hatte verkehrte seit Ansgang des Winters im Barbyschen Hause, das er sehr bald vor andern Häusern seiner Bekanntschaft bevor­zugte. Vieles war es, was ihn da fesselte, voran die beiden Damen; aber auch der alte Graf. Er fand Aehnlichkeiten, selbst in der äußern Erscheinung, zwischen Graf Barby und seinem Papa, und in seinem Tagebuche, das er, trotz sonstiger Modernität, in altmodischer Weise von jung an sühne, hatte er sich gleich am ersten Abend über die Verwandtschaft zwischen beiden geäußert. Es hieß da unterm achtzehnten April:Ich kann Wedel nicht dankbar genug sein, mich bei den Barbys eingeführt zu haben; alles, was er von dem Hause gesagt, fand ich bestätigt. Diese Gräfin, wie scharmant, und die Schwester ebenso, trotzdem größere Gegensätze kaum denkbar sind. An der einen alles Temperament und Anmut, an der andern alles Charakter oder, wenn das zu viel gesagt sein sollte, Schlichtheit, Festig­keit. Es bleibt mit den Namen doch eine eigne Sache; die Gräfin ist ganz Melusine und die Com­tesse ganz Armgard. Ich habe bis jetzt freilich nur eine dieses Namens kennen gelernt, noch dazu bloß als Bühnenfigur, und ich mußte beständig an diese denken, wie sie da so stark und mutig dein Landvogt in den Zügel fällt. Ganz so wirkt Comtesse Armgard!