Heft 
(1898) 06
Seite
99
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Ueber Land und Meer.

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Kim MMffM nach Kalk-Aßen.

Humoristische Erzählung

Krrr^L Gckberrg.

XI.

ie nächsten zwei Stunden füllten wir durch einen Erholungsschlummer aus. Nur die Spatz hatte der Gedanke an ihre neue meer­grüne Konzerttoilette nicht lange schlafen lassen.

Als ich erwachte, knisterte sie schon im Meer­grünen herum und stellte sich den unzureichenden Gasthosspiegel mittels Stuhl, Fußbank und Tisch für alle Breitengrade ihres Körpers zurecht. Ich mußte lächeln, als ich sie so sah, glatt und schillernd wie ein bronzener Fontänenfisch. Ein üppiger Rosenstrauß prunkte ihr am Ausschnitt. Vor­läufig saß er noch etwas schief, aber er wirkte doch so gewaltig, daß man von der kleinen Erscheinung nicht zuerst den Kopf, sondern die Busendekoration bestaunte. Natürlich machte das Meergrüne sie etwas bleich; dem half aber der Friseur, der Mecerino Haar und Schnurrbart brannte, mit einer lebhaften Theaterfarbe ab.

Wie sie da stand, mußte ich sie mir unwillkür­lich am Flügel malen. Ob sie in dem enganliegenden grünen Atlasdarm überhaupt sitzen konnte, erschien mir fraglich. Und dann ja wo war denn bei dieser Engigkeit die Tasche für die folgerichtige Manipulation? Das Taschentuch in der Hand ver­gißt sich, verliert sich; es muß in der Tasche stecken, um da zu sein.

Ich fragte. Sie schlug mit der flachen Hand gegen die Lende.Im Unterrock Hab' ich's."

Stecken Sie's doch lieber in den Taillenansschnitt hinter den Nosentufs; da haben Sie's besser zur Hand."

Ei gar! Das könnte Anstoß erregen! Ich werd's schon beizeiten Hervorkriegen."

Ich hatte gegen den Gemüsebeutel in: Unter­rock eine ahnungsvolle Abneigung.

Das thät' ich nicht," riet ich ab.Wenn Sie nun nicht rechtzeitig daran denken..."

Ei gar! Sie thun gerade, als wär' ich 'ne Faselliese!"

Wie ein kleiner Wallfahrtszug bewegte sich die Einwohnerschaft Nempens nach der Konzerthalle, wo der unbemitteltere Teil sich in das Lager Levisons schlug, während die, die etwas galten und gelten wollten, in die Kouzerthalle strömten. Auch die Straßengaffer fehlten nicht.

Wir durchquerten im offenen Landauer die Menge, die uns anstaunte, als hielte der König von Honolulu seinen Einzug. Allerdings machte sich Spätzchen sehr funkelnagelneu, und Mecerino man konnte allerdings keinen befriedigenderen Augen­schmaus haben, als diesen nachlässig in die Polster gelehnten schönen Mann, der mit blasiertem Lächeln über die allgemeine Aufmerksamkeit quittierte.

Die Fenster des Hauses Levison waren dicht besetzt. Levison selber, ein kleiner, untersetzter Mann mit dicker Nase, dickem schwarzen Schnurrbart und einem eingesunkenen Auge, machte sehr beflissen die Honneurs bei seinem Publikum, das lebhaft schwatzte und viel von den belegten Butterschnitten vertilgte, die ein kleiner Junge auf einem verzinnten Brett herumreichte. Die Damen waren auffallend geputzt; es blitzte manch schönes schwarzes Auge aus jugend­lichen Zügen.

Wir fuhren in das weitgeöffnete Hofthor ein, das sich hinter uns schloß.

Jeremias, der uns gefahren, kletterte vom Bock und band die Pferde an den Pumpenschwengel, der einen quietschenden Ton von sich gab. Der Hof sah aus wie eine grüne Wiese, umgrenzt von ver­fallenen Stallungen und einem halb eingesunkenen Bretterzaun.

Durch ein kleines Labyrinth von Gängen gelangten wir endlich zu der mir bekannten Wendeltreppe.

Cohn hatte mehrere Lichtstümpfchen in der Tasche, die er anzündete und auf dem backsteingepflasterten Fußboden ansstellte, so daß man sich an diesem leuchtenden Ariadnefaden leicht aus dem Gewirr von Gängen ins Freie finden konnte.

Wozu machen Sie denn das?" orientierte sich natürlich die Spatz.

Im Fall einem schlecht wird," versetzte er prompt.

Aus der Bühne empfing uns im Schmuck einer Blumengnirlande der mit Oel behandelte Gold- steinsche Flügel. Ein stummes Opferlamm! Nur noch Hörner und ein Bein mehr, und die Ochsen hätten ihn für einen Preisgekrönten von ihresgleichen gehalten. Ich hatte schon so manches Bekränzte in meinem Leben gesehen: eine Braut, eine Torte, eine Bowle, einen Jubilar aber einen Flügel.. . Ganz was Neues.

Meine Idee!" sagte Cohn stolz, meinen Ge­sichtsausdruck verkennend.Das Hab' ich gemacht, um der Goldstein zu schmeicheln."

Er ist ja aber noch immer verschlossen!" rief die Spatz erschrocken.

Kann ich dafür?" erwiderte Cohn und setzte ironisch hinzu:Er hat doch selber beinah' erdrosselt die Goldstein und hat 'n Schlüssel nicht gekriegt."

Mecerino, der sich, seitdem er im Frack steckte, unaufhörlich an die Kehle faßte, wie um sich zu überzeugen, ob alle seine Töne auch noch da wären, wechselte die Farbe.

Teurer Freund," sagte er drohend,erinnern Sie mich nicht an jene Stunde, sonst kommt die Reihe, erdrosselt zu werden, an Sie."

Cohn drückte sich, ohne etwas zu erwidern.

Da trat aus dem Dunkel des Theaterraumes ein jüngerer Mann hervor, der sich verbindlich gegen uns verneigte.

Sofort erkannte ich jenenCousin", den Jere­mias am Mittag durch den Cohnschen Eßsaal geführt hatte. Er war von elegantem Wuchs und sicheren Bewegungen, die verrieten, daß er oft und gewandt das Parkett der höheren Gesellschaft beschritten. Die innere Plumpheit, die unabstreifbar durch Mecerinos Wesen brach, wurde bei jenem durch eine gewisse Gefälligkeit der äußeren Formen an­genehm ersetzt. Aus seinem ovalen, bräunlich ge­tönten Gesicht blitzte ein Paar lebhafte Augen, die wohl ein großes Selbstbewnßtsein sprühten, aber von Eitelkeit nichts verrieten. Wenn er die Wimpern leicht senkte, schimmerten seine Augen tief und me­lancholisch, echte Künstleraugen, leidenschaftlich und voll südlicher Poesie. Seine Hände fielen mir auf. Sie waren weiblich Zart und sorgfältig gepflegt. Mir erschienen sie fast durchsichtig, so daß ich die Nerven in den Fingerspitzen vibrieren zu sehen ver­meinte.

Ich wollte mich Ihnen vorstellen," sagte er in gebrochenem Deutsch, mit fremdartig rollendemN", und murmelte seinen Namen:

Selmar Stenscewicz."

Mir bot der Name keine Ueberraschung.

Mecerino verbeugte sich.

Ich bin Künstler," fuhr jener fort,und wollte bei meiner kurzen Anwesenheit in meiner Vaterstadt nicht versäumen, einem so berühmten Sänger meine Huldigung darzubringen."

Mir schien es, als habe Isidor diesen Künstler­gruß veranlaßt.

Mecerino durchdrang die kräftige Schmeichelei wie Honigseim. Räuspernd faßte er sich an die Kehle und erwiderte mit Gönnermiene:

Haben Sie schon konzertiert?"

Mehrfach."

Wo denn?" Es klang, als wenn ein Schulrat einen Sextaner verhört.

Stenscewicz lächelte überlegen.In Warschau, Dorpat, Paris, Philadelphia, Chicago"

Mecerino machte ein Gesicht, als ob jener schnurrte.

Ueberseeisch sogar? Mit Erfolg?"

Ich schmeichle mir ja."

Warum kommen Sie nicht zu uns nach Bres­lau-Berlin -"

Eine kurze Pause.Ich bin Pole; Sie werden verstehen"

Hm Pianist?"

Ganz recht."

Mecerino hatte genug. Er wußte nichts weiter zu sagen. Zudem war er seit unsrer Ankunft in der Konzerthalle merkwürdig nervös.

Er klemmte das Moncle ins Auge und strich den Schnurrbart.

Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft gemacht 'zu haben." Gnädig streckte er dem jungen Mann die Hand hin.

Verzeihen Sie" sagte dieser halblaut,eine unbescheidene Bitte. Erlauben Sie und die Damen wohl" er wandte sich mit halber Verbeugung gegen uns,daß ich aus der Bühne bleibe oder geniert Sie das?"

O bitte, bitte," machte Mecerino, als Künstler"

Selmar Stenscewicz dankte und schleuderte lang­sam und bescheiden bis hinter die erste Coulisse zu­nächst der Lampen.

Ein reizender Mensch!" flüsterte die Spatz hör­bar.Zum Verlieben! Sehen Sie doch nur, Hagemännchen, wie er geht, wie er sich da anlehnt wie 'n Märchenprinz!"

Da saß ihr Mecerinos Hand im Nacken.

Au! Sie Grobian!"

Er schüttelte sie ein wenig und vergaß das Räuspern:Ich werde Sie lehren, sich in dunkle Größen zu verlieben!"

Sie schlug mit der Hand nach ihm.

Ich kann machen, was ich will. Ich bin frei und habe niemand anders zu lieben. Also be­kümmern Sie sich gefälligst nicht um meine Gefühle für diesen Märchenprinzen! Zweimal sag' ich's, da­mit Sie sich daran gewöhnen: Er ist zum Verlieben! Zum Verlieben ist er!"

Er zog ein saures Gesicht und ging ver­stimmt ab.

Daß sie ihm nicht gleichgültig war, das lag offen aus der Hand, daß seine Zuneigung aber schon den Höhegrad verstimmter Eifersucht erreicht, das war ein gutes Omen für Spätzchens Znkunstsglück.

Sie war an eines der Gucklöcher im Vorhang geeilt und winkte mich zu sich. Wir guckten, ich allerdings mehr ins Publikum und sie meistenteils über die Schultern nach Mecerino.

Der Saal hatte sich so ziemlich gefüllt. Es herrschte die andachtsvoll erwartende Stille eines musikalischen Publikums, die uns angenehm be­einflußte.

Jetzt aber rauschte eine Bewegung durch den Saal. Sämtliche Köpfe drehten sich nach der Thür. Der allerwärts geflüsterte Ausruf tönte zu uns herauf:Die Goldstein! Die Goldstein und die Glasphyra!"

Wie ein römischer Triumphator segelte sie herein. Ihr üppiger Wuchs kam allseitig voll zur Geltung in dem rubinfarbenen Velvetkleid, dessen Taille sie fest umschloß, und dessen Nock außer der Schleppe kaum eine Falte warf. Damen nennen so etwas: eingeknallt. Neu sah das Ganze gerade nicht aus. Ihren schwarzen unechten Scheitel umwallten Straußenfedern.

Glasphyra erschien gegen die aufgeputzte Frau, der sie folgte, ausfallend einfach in ihrem Weißen Nesselkleide, das frisch ausgebügelt war. Ihre Haltung war von einer idealen Ruhe, die keine Er­ziehung verleiht, sondern die sich bei tiefen Naturen selbständig entwickelt. Aber ihre Augen huschten unruhig über die dichtbesetzten Stuhlreihen, als irrten sie nach einem ersehnten oder bestimmt erwarteten Gegenstände umher.

Plötzlich ein tiefdunkles Erröten. Aus der vordersten Coulisse war erscheinungsgleich Stensce­wicz vor den Vorhang getreten und wieder ver­schwunden. Glasphyra lächelte selig und schlug die Augen nieder.

Die Goldstein hatte diesen Vorgang nicht be­merkt. Sie steuerte nach der vordersten Reihe und erreichte sie soeben, als Cohn ihr aus der Seiten­thür entgegenstürmte.

Frau Goldstein, geben Sie 'n Schlüssel, es ist die höchste Zeit." Ihr Haupt hob sich hochmütig in den Nacken. Dann zog sie mit einem stechenden Blick auf den Bühnenvorhang, hinter dem sie Mece­rino wußte, den sehnsüchtig begehrten Schlüssel aus der Tasche. Cohn, der gierigen Auges ihrer Be­wegung gefolgt war, haschte danach.

Hoho," sagte sie und wich seinem Griffe ans. Sie hatten mir versprochen einen Ehrenplatz auf der Bühne"

Soll'n Sie haben, soll'n Sie haben, nur geben Sie"

Erst den Ehrenplatz, dann den Schlüssel. Hat doch der Mecerino heut mittag gesagt," ihre Stimme klang laut und schneidendder Platz auf der Bühne wär' nichts für mich. Da könnt' ich die Akkustik mit der Lupe suchen. Nun was brauch' ich