»N 6
Ueöer Land und Weer.
103
Von der diesjährigen Lavanna-Ärnte.
Keinrich Lee.
eine schmerzliche Enttäuschung gefußt machen müssen. Während sich der durchschnittliche Ertrag der alljährlichen Cnba-Ernte sonst auf etwa 400 000 Ballen beziffert, der Ballen gleich einem Zentner, erwartet man in diesen! Jahre kaum 40 000 bis 50 000 Ballen. Zum Teil sind an diesem ungünstigen Ergebnis die Witterung, allzulange Trockenheit und Wurmfraß schuld, zum Teil auch die leidigen politischen Zustände, der Aufstand. Die Trockenheit verursacht, daß die Pflanze klein bleibt und sich nicht entwickelt. Ein solcher Wuchs der Pflanze bedeutet aber nicht nur in quantitativer Hinsicht einen Schaden, sondern er setzt auch in Bezug auf die Qualität die Kubaner Produzenten und Exporteure in Verlegenheit. Während nämlich unter normalen Witterungsverhältnissen, das heißt bei einen! auf vierzehn sonnige Tage entfallenden Regentage, die Pflanze gerade eine Höhe erreicht, daß sich der in ihr enthaltene Saft genügend ausdehnen und verteilen kann, wird er bei kleinerem Wüchse dichter, stärker in ihr zusammengedrängt. Je kleiner das Gewächs also ist, um so kräftiger ist es; je höher es ist, um so milder und leichter. Im Gegensatz aber zu den Tropen, den nordamerikanischen Staaten und innerhalb Europas etwa Italien und Spanien, liebt man in allen übrigen Ländern, namentlich in denen, die für den Export ganz besonders in Betracht kommen, nämlich in England, Deutschland, den skandinavischen Ländern, Dänemark und Oesterreich mehr die milden Ernten. Der Cubaner Plantagenbesitzer und Fabrikant faßt es deshalb auch als das kleiuere Nebel aus, wenn des Regens einmal zu viel gewesen ist und die Pflanze also mehr als gut und nötig ausgewachsen ist. Ihr milder Charakter grenzt dann zwar beinahe sozusagen an Ausdruckslosigkeit, sie findet aber unter den überseeischen Konsumenten immer noch willigere Abnehmer als die zu kräftig geratenen Sorten. Was das andre genannte Uebel, das über der diesjährigen Ernte schwebt, den Aufstand, betrifft, so hat er seinen Einfluß nach dieser Richtung in mehr als einer Weise bekundet. Wie das übrige platte Land, so hat er auch die Plantagen verwüstet und zerstampft; er hat die Arbeitskräfte an sich gerissen — wer nicht unter die Insurgenten geht, dem bleibt nichts übrig, als sich, falls nicht seine Lebensjahre und seine Körperkonstitutiou ihn davor bewahren, der Regierung zu stellen und als Freiwilliger die Waffen für sie zu tragen.
Zum Ueberfluß hat die spanische Regierungsvertretung in einigen Landesteilen, die mit Plantagen gerade besonders besetzt gewesen sind, die Kundgebung erlassen, daß jeder, der vor den Festungen und Forts auf dem freien Lande betroffen wird, als Rebell behandelt werden soll. Einige Plantagenbesitzer haben sich deshalb veranlaßt gesehen, ihre Pflanzungen, selbstverständlich unter eingeholter Genehmigung und Beaufsichtigung der Regierung, auf eigne Kosten mit Festungswerken zu umgeben — beiläufig solche der leichtesten und oberflächlichsten Art, damit nur eben dein Buchstaben des Gesetzes Genüge geschieht, und das kostet auf Cuba unter Anwendung der üblichen Bestechungsgelder so wenig Schwierigkeit wie in allen andern Hidalgoländern. Schon jetzt ist man sich in den Kreisen der Tabakhändler darüber einig, daß, wenn der Aufstand noch ein, zwei Jahre anhält, von den Ernten, wenigstens für Europa, nichts mehr übrig bleiben wird. Auch sieht man kein Ende des Aufstandes ab, ehe sich nicht das Schicksal Cubas, nämlich als reife Frucht den nordamerikanischen Staaten in den Schoß zu fallen, nicht schließlich erfüllen wird.
Um aus Raumrücksichten nur einen einzigen Umstand zu erwähnen, der die Notlage der Cubaner Exporteure beleuchtet, sei folgendes hervorgehoben.
Man unterscheidet auf der Insel Cuba hinsichtlich des Tabakbaues zwei Hauptdistrikte, nämlich den südwestlichen Jnselteil, die sogenannte Vuelta Abajo, und den nordöstlichen, genannt Partido. Dort gedeihen die Tabake der feinsten Gattung, die Tabake erster Ordnung; hier diejenigen zweiter Ordnung. Aehnlich wie beim Weinbau kommt es auch beini Tabak auf bestimmte Bodenstriche und Lagen an, die sich, mehr oder minder, von altersher einer Berühmtheit erfreuen. Beiläufig sei bemerkt, daß nicht alle auf Cuba wachsenden Lagen zum Export gelangen, so zun: Beispiel nicht die sonst ganz trefflichen und auf Cuba renommierten Remedios, weil sie ohne Beeinträchtigung ihrer Qualität nicht den Transport vertragen. Nun ist es in den großen Cuba-Häusern ein auf der ganzen Art und Weise des Geschäftsbetriebs notwendig beruhendes Prinzip, sich zu spezialisieren, das heißt, entweder Vuelta Abajo oder Partido, immer aber nur eine dieser beiden Sorten zu „handeln". Die Vuelta Abajo hat nun unter dem Aufstand noch weit mehr als der Partido gelitten, und zwar dermaßen, daß die Vuelta-Häuser von ihren Pflanzern — manche Häuser besitzen aucb ihre eignen Plantagen — überhaupt fast nichts bekommen können. Im Auslande mit den Partido-Häusern plötzlich in eine Konkurrenz zu treten, ist
nicht möglich. Sie sind, wenigstens vorläufig, gezwungen, ihre Rolle als Vuelta-Häuser auch jetzt noch vor der Welt zu behaupten. Unter gewissen deutschen Importeuren ist es aber ein öffentliches Geheimnis, daß die Vueltas, die diese Häuser Heuer wieder verkaufen werden, eigentlich nichts anders als wackere, aber minder hochgeborene Partidos sind.
Diejenigen unter den deutschen Importeuren, die klug in die Zukunft sehen, haben sich deshalb anläßlich der vorjährigen Ernte schon bei Zeiten versorgt, und ihre Lagerräume sind noch mit Millionen 96er Zigarren gefüllt, oder wenigstens mit 96er Blättern, so daß diese allenfalls noch mit den 97ern gemischt werden können. Raucher, deren Wünsche sich nur auf „frische", das heißt in ihrem Sinne diesjährige Ernten erstrecken, werden deshalb dahin zu belehren sein, daß, wenn ihnen der Händler eine Zigarre auch als eine frische verkauft, diese kaum immer ganz eine solche sein wird, die erst in diesem Jahre gewachsen ist. Zum Trost solcher Konsumenten sei indes bemerkt, daß die in Deutschland allgemein verbreitete Vorstellung, nach der „frische", in der qualitativen Bedeutung des Wortes also „nicht vertrocknete" Zigarren und diesjährige als dasselbe gelten, auf einem Irrtum beruht. Nicht der Jahrgang, sondern die Behandlung, sowohl was die Rohtabake, als auch was die Zigarren betrifft, entscheidet darüber, ob sie frisch sind oder nicht. Tabake und Importe können unter gewissen Umständen schon auf dem Schiffstransport ihre Frische einbüßen. Undichter Verschluß, Plazierung an windigen Stellen oder in Räumen, die mit Luftheizung versehen sind, trocknen auch eine diesjährige Zigarre schnell aus. Vermeidung solcher Uebelstände und namentlich die Verpackung der Originalkisten in zugenietete Blechemballagen konservieren hingegen eine Zigarre viele Jahre lang, ja, sie geben ihr erst Zeit, sich genügend zu „entwickeln", das heißt, die verschiedenen Kräuter, aus denen sie der Fabrikant zusammengesetzt hat, sich miteinander bis zum höchsten Maße verbinden zu lassen. Nicht selten geschieht es, daß eine Zigarre, solange sie noch jung ist, dem Reflektanten nicht mundet, während sie nach einer Zeit längeren und zweckentsprechenden Lagerns so sehr sein Wohlgefallen erregt, daß er oft nicht glauben mag, sie für eine und dieselbe Sorte zu halten. Mögen diese Zeilen dazu beitragen, auch im Interesse der deutschen Zigarrenhändler einem alten, unnützen Vorurteil ein Ende zu machen.
Während die 96er Ernte hinsichtlich der Qualität und Milde als vorzüglich zu bezeichuen war — wäre nicht der Aufstand gewesen, so hätte sie auch numerisch eineu Ertrag geliefert, wie seit den letzten zwanzig Jahren keiner erzielt worden war — gilt, wie angedeutet, die 97er nur als knapp mittelgut. In welcher Höhe sich die Schäden bewegen, die der Aufstand angerichtet hat, zeigt sich am deutlichsten an den: sowohl durch die feine Kennerschaft und Vorsicht seines Leiters als auch durch seine Spezialmarke Meridiana berühmt gewordenen Hause Pedro Morias, das selbst Plantagen besitzt und an diesen schon im vorigen Jahr eben durch den Ausstand eine Einbuße von zwei Millionen Mark erlitten haben soll. Das Risiko, das der Besitz von eignen Plantagen in sich schließt, veranlaßt denn auch die meisten Havaunahäuser, auf solche zu verzichten und erst die fertige, mitunter auch noch die auf dem Halme stehende Ernte vom Pflanzer einzukaufen. Die Kunst, richtig einzukaufen, ist eine der Lebensbedingungen der Havannahäuser. Ein guter Käufer sieht vor allem auch schon auf das Aeußere der Pflanze. Das ideale Blatt muß dehnbar, zart und glänzend fein. Die Staude — falls der Käufer schon vor dem Schnitt abschließen will — muß ein frisches, stolzes Ansehen haben. Eine gute, berühmte Lage — mit dem fachmännischen Ausdruck „VeZu" genannt — empfiehlt sich natürlich schon von vornherein. Das Aussehen kann aber auch täuschen, und hat sich der Käufer davon verlocken lassen, so hat er sich eben „verkauft". Eine andre Lebensbedingung dieser Häuser, namentlich der Jmportenhäuser, ist der richtige Geschmacknerv, den der Leiter eines solchen haben muß. Nach den verschiedenen Kompositionen, die er aus den frischen Ernten für sich erst probeweise Herstellen läßt und die er dann durchraucht, hat er die neuen diesjährigen Marken anzugeben. Feinheit und Objektivität seiner Zunge haben über das Schicksal dieser neuen Marken zu entscheiden. Der nicht erfreuliche Ertrag von 1897 wird den Leitern deshalb ihre diesjährige Aufgabe ganz besonders schwer gemacht haben.
Es mag bei dieser Gelegenheit noch auf den merkwürdigen Autoritätenglauben hingewiesen sein, dem sich der deutsche Jmportenraucher hingiebt. Er hängt an einigen bestimmten Fabrikantennamen, läßt deren Produkte als die einzig guten gelten und kauft grundsätzlich keine andern. Zu diesen Namen zählt in der modernen Zeit besonders Bock. Durch ein sehr geschicktes Auftreten hat es diese Firma, die, beiläufig gesagt, neuerdings mit den ziemlich ähnlich renommierten Häusern Henry Clay, Espagnola und Jntimitad unter eine einheitliche Leitung gelangt ist, in der That verstanden, ihr heutiges Renommee sich zu erobern und zu behaupten. Dennoch würde es völlige Unkenntnis verraten, wenn mau den andern altberühmten Häusern, Cabannas, Vellar, Patagas, Karolina, Upinann, und wie sie alle heißen, einen geringeren Rang anweisen wollte. Abhängig von der Ernte ist die eine wie die andre Firma;
das natürliche Erträgnis kann keine besser machen, als es ist, und für den entsprechenden Preis wird eben die entsprechende Zigarre geliefert. Im Gegensatz zu jenem Autoritäteu- glauben taucht vor dem Kenner sogar die Frage auf, ob sich eine berühmte Firma in den Preisen ihrer Zigarren nicht auch ein bißchen nebenbei noch ihren Ruhm bezahlen läßt. Ohnehin gilt der deutsche Raucher in Havanna nicht eben als einer, der alles Gute zu würdigen versteht — schon deshalb nicht, weil er beim Deckblatt die stumpfen, die sogenannten „grauen" oder „toten" Farben bevorzugt, während der Kenner, wie auch der Spanier selbst, die glänzenden Decken, die mit dem sogenannten „drillo", liebt, weil ihm diese, im Gegensatz zu den grausarbigen, ein saft- und ölreiches Blatt verbürgen.
Vielleicht interessiert hier noch die Mitteilung, daß auch Kaiser Wilhelm früher ein ziemlich eifriger Havannaraucher war. Auf ärztlichen Rat raucht er jetzt weniger. In maßgebenden Kreisen gilt er als ein guter Kenner. Mit besonderer Vorliebe raucht er jetzt Holländer Zigarren zum bescheidenen Preise von zwanzig, auch selbst von zehn Pfennig per Stück. Wird ihm bei einem seiner Freunde, zum Beispiel einem berühmten Berliner Bildhauer, eine Zigarre präsentiert, die ihm besonders schmeckt, so erkundigt er sich auch nach dem Lieferanten, und nicht selten wird dieser dann am nächsten Tage von einer kaiserlichen Bestellung überrascht.
Aurghausen an der Sahach.
Kngo Arnold.
Mit Abbildungen (Seite 100 und 101) von R. Püttner.
AMo an der brausenden Salzach die Säulen mit den bayrischen Hoheitszeichen wohl das Deutsche Reich vom befreundeten österreichischen Kaiserstaat scheiden, nicht aber die Grenzen des Bajuwarenstammes und des deutschen Volkstums markieren, da schmiegt sich auf schmaler Thalsohle das schmucke Städtlein Burghausen an einen hochragenden, burggekrönten Berg an. In gar mancher Hinsicht kann es sich kühn mit seinem Gegenfüßler, mit dem weltberühmten Rothenburg ob der Tauber, messen: in Bezug auf landschaftlichen Reiz und den romantischen Zauber mittelalterlicher Architektur. Und doch besteht gerade hierin wiederum ein gewaltiger Unterschied. Während uns im tiefeingerissenen Tauberthale und auf der Höhe des Muschelkalkplateaus die milderen Lüfte der Rebengelände umwehen, hat der rauschende Alpenstrom den frischen Odem des Hochgebirges auf seinen Fluten weit in das Flachland hinausgetragen, bis hierher, wo er den äußersten Moränenwall des Salzachgletschers durchbricht, und während die alte fränkische Reichsstadt uns das Bild bürgerlicher Macht, Wehrhaftigkeit und bürgerlichen Wohlstandes vor Augen führt, bietet uns Burghausen im Ring seiner hochthronenden Mauern und Türme den stolzen Fürstensitz aus jenen Zeiten, da bei wachsender landesherrlicher Macht und blühender Kunst die alte trutzige Burg sich zum glänzenden, wegen der Unruhe der Zeiten aber immer noch stark beschirmten Schlosse wandelte, unter dessen Schutz friedliche und betriebsame Bürger hausten. Allerdings teilt Rothenburg noch eine Gemeinsamkeit mit Burghausen: beiden Städten hat der Gang des Geschickes ihr Hinterland geraubt, Burghausen durch Abtretung des Jnnviertels an Oesterreich vor mehr als einem Jahrhundert, und die Wunden, die diese politische Fügung geschlagen, sind weder bei dem einen noch bei dem andern verharscht.
Steile Felswände schließen das Thal ein, auf dessen enger Sohle die Salzach nordwärts strömt, nicht einmal für die Straße ist hier Platz. Dann macht der Fluß eine leichte Bogenwendung gegen Morgen, und hier springt von Norden gegen Süden eine schmale Bergzunge vor, die mit der Ostseite in die reißenden Wogen der Salzach taucht, indessen der westliche Hang von den leise unterm Windhauch plätschernden Wellen eines lieblichen Sees, des Wöhr, bespült wird. Im Sommer tummeln sich fröhliche Schwimmer im smaragdenen Gewässer, eilige Nachen, von schöner Hand gerudert, huschen über die spiegelnde Fläche, und gewandte Schlittschuhläufer gleiten darüber, wenn winterlicher Frost den See in Banden geschlagen — aber ehedem schirmten die Fluten den Felsenhorst, dessen Kamm nur gegen Norden mit dem Lande zusammenhing.
Vermutlich war schon in grauer Vorzeit auf der un- erklimmbaren Höhe ein fester Zufluchtsort für die Bewohner der Umgebung geschaffen. Doch wissen wir nichts darüber, und das Licht der Geschichte fällt zum erstenmal auf die Stätte, nachdem sich im elften Jahrhundert ein edles, mächtiges Geschlecht hier eine Burg gebaut hatte. Nach seinen Besitzungen trug es den Namen von Burghausen und Schala (dieses im heutigen Oberösterreich). Sein letzter Sprosse starb im Jahre 1164; aber der Sage nach sollen die einstigen „Herren von Bern und Vicenz" (d. i. Verona und Vicenza), die berühmten Herren de la Scala, deren letzte Nachkommen vor 300 Jahren als bayrische Landedelleute starben, ein Zweig der Familie gewesen sein, und auch das vor wenigen Jahren erloschene Geschlecht der Grafen von Burghnuß in Schlesien wollte seinen Ursprung daher ableiteu.