7g. Band, vierzigster Jahrgang. Oktober M7—
Preis vierteljährlich 3 M. so. Mt postaufjchlag 3 M. 75.
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S t e <H L i n.
Roman von
Kßeodor Montane.
XXX.
^E^orenzen that, wie gewünscht, und auf dem Wege ^um Schloß plauderten beide weiter, wenn auch über sehr andre Dinge.
„Was ist es eigentlich mit diesem ,Museum'? fragte Melusine; „kann ich mir doch kaum was Rechtes darunter vorstellen. Eine alte Papptasel mit Inschrift hängt da schräg über der Saalthür; alles dicht neben meinem Schlafzimmer.
Und ich habe mich etwas davor geängstigt."
„Sehr mit Unrecht, gnädigste Gräfin. Die primitive Papptafel, die freilich verwunderlich genug aussieht, sollte wohl .
nur andeuten, daß es sich bei der ganzen Sache mehr um einen Scherz als um etwas Ernsthaftes handelt. Etwa wie HD
bei Sammlung von Meerschaum- H
pfeifen und Tabaksdosen. Und '
Sie werden auch vorwiegend ,
solchen Seltsamkeiten begegnen.
Andrerseits aber ist es auch wieder ein richtiges historisches Museum, trotzdem es nur halb das geworden ist, worauf Herr von Stechlin anfänglich ans war." Z,
„Und das war?"
„Das war mehr etwas .-MH
Groteskes. Es mögen nun Wohl schon zwanzig Jahre sein, da las er eines Tages in der Zeitung von einem Engländer, der historische Thüren sammle und neuerdings sogar für eine enorme Summe, ich glaube es waren tausend Pfund, die Gefängnisthür erstanden habe, durch die Ludwig XVI. und dann später Danton und Robespierre zur Guillotinierung abgeführt worden seien. Und diese Notiz machte solchen Eindruck ans unfern liebenswürdigen Stechliner Schloßherrn, daß er auch solche historische Thürensammlung anznlegen beschloß. Er ist aber nicht weit damit gekommen und hat sich mit dem Küstriner Schloßfenster begnügen müssen, an dem Kronprinz Friedrich stand, als Katte
i m a r's e r Ä'i U) e lm s - K a n a N - "Schacht - Rätsel.^- NoNzbNitter!
zur Enthauptung vorüber geführt wurde. Doch auch das ist unsicher, ja, die meisten wollen nichts davon wissen. Nur Krippenstapel hält noch dran fest."
„Krippenstapel?"
„Ja. Der Name frappiert Sie. Das ist nämlich unser Lehrer hier, Liebling des alten Herrn und sein Berater in derlei Dingen. Ter hat ihm denn auch das gegenwärtige ,Museum', das man als Abschlagszahlung auf die ,historischen Thüren'- ansehen kann, zusammengestellt. Außer dem ange- zweifelten Fenster werden Frau Gräfin noch ein paar phantastische Regentraufen finden und vor allem
Alxhonje Daudet.
vtele Wetterhahne, die von alten märkischen Dorfkirchtürmen herabgenommen wurden. Einige sollen ganz interessant sein. Ich habe keinen Sinn dafür. Aber Krippenstapel hat einen Katalog angefertigt."
Unter diesen Worten waren beide bis an die Rampe gekommen, auf der Engelke schon stand und auf die Gräfin wartete. Lorenzen empfahl sich. Aber auch Melusine wollte nicht gleich ins Museum hinauf, Zog es vielmehr vor, erst unten in das große Gesellschaftszimmer einzutreten und sich da zu wärmen.
Engelke machte sich auch sofort am Kamin zu schaffen, was der Gräfin gut paßte, weil sie noch manches fragen wollte.
„Das ist recht, Engelke, daß Sie Kohlen aufschütten und auch .Kienäpfel. Ich freue mich immer, wenn es so lustig brennt. Und oben im .Museum' wird es wohl noch kalt sein."
„Ja, kalt ist es, Frau Gräfin. Aber mit der Kälte, na, das ging' am Ende noch, und der viele Staub, der oben liegt, das ginge vielleicht auch noch; Staub wärmt. Und die Dachtraufen und Wetterhähne thun keinem Menschen was..."
„Aber was ist denn sonst noch?"
„Ach, ich meine bloß die verdammten Dinger,die Spinnen..."
„Um Gottes willen, Spinnen?" erschrak Melusine.
„Ja, Spinnen, Frau Gräfin. Aber so ganz schlimme sind nich dabei. Solche mit 'm Kreuz oben Hab' ich bei uns noch nich gesehn. Bloß solche, die Schneider heißen."
„Ach, das sind die, die die langen Beine haben."
„Ja, lange Beine haben sie. Aber sie thun einem nichts. Und eigentlich sind es sehr ängstliche Tiere und verkriechen sich, wenn sie hören, daß aufgeschlossen wird, und bloß wenn Krippenstapel kommt, dann kommen sie alle 'raus un kucken sich um. Krippenstapeln, den kennen sie ganz gut, und ich Hab' auch mal gesehn, daß er ihnen Fliegen mitbringt. Und machen sich dann gleich drüber her."
„Aber das is ja grausam. Ist es denn ein guter Mensch?"
1898 (Bd. 79).
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