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Ueöer Land und Meer.
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Kastanienallee mit ihrem kahlen und übereisten Gezweigs hinein.
Lorenzen war noch im Schlosse zurückgeblieben und setzte sich, um wieder warm zu werden, — auf der Rampe war's kalt und zugig gewesen — in die Nähe des Kamins, dem alten Dubslav gegenüber. Dieser hatte seinen Meerschaum angezündet und sah behaglich in die Flamme, blieb aber ganz gegen seine Gewohnheit schweigsam, weil eben noch eine dritte Person da war, die von den liebenswürdigen Damen, über die zu sprechen es ihn in seiner Seele drängte, ganz augenscheinlich nichts hören wollte. Diese dritte Person war natürlich Tante Adelheid. Andrerseits mußte schon um Lorenzens willen wenigstens der Versuch einer Konversation gemacht werden, und so griff denn Dubslav zu den Gundermanns hinüber, um in ein paar Worten sein Bedauern darüber auszusprechen, daß er die Sieben- mühlner nicht habe mit heranziehn können. „Engelke sei so sehr dagegen gewesen." All dies Bedauern kam, wie's der ganzen Sachlage nach nicht anders sein konnte, stau genug heraus, aber die Domina war so hochgradig verstimmt, daß ihr selbst Nüchternheitsworte, die das Verbindliche nur eben noch streiften, schon gründlich zuwider waren. „Ach, diese geborne Helfrich," sagte sie, „diese Tochter von dem alten Hauptmann, der die Schlacht bei Leipzig gewonnen haben soll. So wenigstens hat sie mir's ein dutzendmal selber erzählt. Eine schreckliche Frau, die gar nicht in unsre Gesellschaft paßt. Und dabei so laut. Ich kann es nicht leiden, wenn wir so mit Gewalt nach oben blicken sollen, aber diese Helfrich, das muß ich sagen, ist auch nicht mein Geschmack. Ich halte das Unter-sich-bleiben für das einzig Richtige. Bescheidene Verhältnisse, aber bestimmt gezogene Grenzen."
Lorenzen hütete sich zu widersprechen, versuchte vielmehr umgekehrt durch ein halbes Eingehn aus Adelheid und ihren Ton, eine bessere Laune wieder herzustellen. Als er aber sah, daß er damit scheiterte, brach er aus.
Und nun waren die beiden alten Geschwister allein.
Dubslav ging im Zimmer unruhig aus und ab und trat nur dann und wann alt den Tisch heran, auf dem noch vom Kaffee her die Liqueurflaschen standen. Er wollte was sagen, traute sich's aber nicht recht, und erst als er zu zwei Curaqaos auch noch einen Benediktiner hinzugefügt hatte, wandte er sich an die Schwester, die, schweigsam wie er selbst, ihre kleine goldene Kette hin und her zog.
„Ja," sagte er „jetzt sind sie nun wohl schon in Wollersdorf."
„Ich vermute drüber 'raus. Woldemar wird die Pferde natürlich ordentlich ausholen lassen. Es sind, glaub' ich, Damen, die nicht gerne langsam fahren."
„Du sagst das so, Adelheid, als ob du's tadeln wolltest, überhaupt als ob dir die Damen nicht sonderlich gefallen hätten. Das sollte mir
leid thun. Ich bin sehr glücklich über die Partie. Gewiß, sowohl die Gräfin wie die Comtesse sind verwöhnt; das merkt man. Aber ich möchte sagen, je verwöhnter sie sind..."
„Desto besser gefallen sie dir. Das sieht dir ähnlich. Ich liebe mehr unsre Leute. Beide sind doch beinah' wie Fremde."
„Nun, das ist nicht schlimm."
„Doch. Mir widersteht das Fremde. Laß dir erzählen. Da war ich vorigen Sommer mit der Schmargendorfs in Berlin und ging zu Josty, weil die Schmargendorfs, die so was liebt, gern eine Tasse Schokolade trinken wollte."
„Du hoffentlich auch."
„Allerdings. Ich auch. Aber ich kam nicht recht dazu, nippte bloß, weil ich mich über die Maßen ärgern mußte. Denn an dem Tische neben mir saß ein Herr und eine Dame, wenn es überhaupt eine Dame war. Aber Engländer waren es. Er steckte ganz in Flanell und hatte die Beinkleider um- gekrempelt, und die Dame trug einen Rock und eine Bluse und einen Matrosenhut. Und der Herr hatte ein Windspiel, das immer zitterte, trotzdem fünfundzwanzig Grad Wärme waren."
„Ja, warum nicht?"
„Und zwischen ihnen stand eine Tablette mit Wasser und Cognac, und die Dame hielt außerdem
noch eine Zigarette zwischen den Fingern und sah in die Ringelwölkchen hinein, die sie blies."
„Scharmant. Das muß ja reizend ausgesehn haben. Und ich verwette mich, diese Melusine raucht auch."
„Ja, warum soll sie nicht? Du schlachtest Gänse. Warum soll Melusine nicht rauchen?"
„Weil rauchen männlich ist."
„Und schlachten weiblich. . . Ach, Adelheid, wir können uns über so was nicht einigen. Ich gelte schon für leidlich altmodisch, aber du, du bist ja geradezu petresakt."
„Ich verstehe das Wort nicht und wünsche nur, daß es nicht etwas ist, dessen du dich zu schämen hast. Es klingt sonderbar genug. Aber ich weiß, du liebst dergleichen und liebst gewiß auch und hast so deine Vorstellungen dabei, den Namen Melusine."
„Kann ich beinah' sagen."
„Ich dacht' es mir."
„Ja, Schwester, du hast gut reden. So sicher wie du wohnt eben nicht jeder. Adelheid! das ist ein Name, der paßt immer. Und im Kirchenbuche, wie mir Lorenzen erst neulich gezeigt hat, steht sogar Adelheide. Das Schluß-,e' ist bei der schlechten Wirtschaft in unserm Hause so mit drauf gegangen. Die Stechline haben immer alles verurscht."
„Ich bitte dich, wähle doch andre Worte."
„Warum? Verurscht ist ein ganz gutes Wort. Und außerdem, schon der alte Kortschädel sagte mir mal, man müsse gegen Wörter nicht so streng sein und gegen Namen erst recht nicht, da sitze manch einer in einem Glashause. Hältst du Rentmeister Fix für einen schönen Namen? Und als ich noch bei den Kürassieren in Brandenburg war, in meinem letzten Dienstjahr, da hatten wir dicht bei uns einen kleinen Mann von der Feuerversicherung, der hieß Briefbeschwerer. Ja, Adelheid, wenn ich dem gegenüber so verfahren wäre, wie du jetzt mit Gräfin Melusine, so hätt' ich mir den Mann als eine halbe Bombe vorstellen müssen oder als einen Kugelmann. Denn damals, es war Anno vierundsechzig, waren alle,Briefbeschwerer' bloß,Kugelmänner': 'neFlinten- kngel oben und zwei Flintenkugeln unten. Und eine Kartätschkugel als Bauch. Das Feuerversicherungsmännchen aber, das zufällig so sonderbar hieß, das war so dünn wie 'n Strich."
„Ja, Dubslav, was soll das nun alles wieder? Du giebst da deinem Zeisig mal wieder ein gut Stück Zucker. Ich sage Zeisig, weil ich nicht verletzlich werden will."
„Küss' die Hand..."
„Und was ich dir zur Sache daraus zu sagen habe, das ist das. Ich habe nichts dagegen, daß jemand Briefbeschwerer heißt, und überlass' es ihm, ob er ein Strich oder ein Kugelmann sein will. Aber ich habe sehr viel gegen Melusine. Briefbeschwerer, das ist bloß ein Zufall, Melusine aber ist kein Zufall, und ich kann dir bloß sagen, diese Melusine ist eben eine richtige Melusine. Alles an dieser Person..."
„Ich bitte dich, Adelheid. ."
„Alles an dieser Dame, wenn sie durchaus so etwas sein soll, ist verführerisch. Ich habe so was von Koketterie noch nie gesehn. Und wenn ich mir dann unsern armen Woldemar daneben denke! Der is ja solcher Eva gegenüber von Anfang an verloren. Eh' er noch weiß, was los ist, ist er schon umstrickt, trotzdem er doch bloß ihr Schwager ist. Oder vielleicht auch grade deshalb. Und dazu das ewige Sich-biegen und -wiegen in den Hüften. Alles wie zum Beweise, daß es mit der Schlange doch etwas auf sich hat. Und wie sie nun gar erst mit dem Lorenzen umsprang. Aber freilich, der ist wo möglich noch leichter zu sangen, als Woldemar. Er sah sie immer an wie 'ne Offenbarung. Und sie ist auch so was. Darüber is kein Zweifel. Aber wovon?"
XXXII.
Zu guter Zeit waren die Reisenden wieder in Berlin zurück. Woldemar hatte Braut und Schwägerin bis an das Kronprinzen-Ufer begleitet, mußte jedoch auf Verbleib im Barbyschen Hause verzichten, weil im Kasino eine kleine Festlichkeit stattfand, der er beiwohnen wollte.
Der alte Gras ging, als unten die Droschke hielt, auf seinem Zimmerteppich aus und ab, müh-
samlich genug, weil ihn sein Fuß, wie stets wenn das Wetter umschlug, wieder mit einer ziemlich heftigen Neuralgie quälte.
„Nun da seid ihr ja wieder. Der Zug muß Verspätung gehabt haben. Und wo ist Woldemar?"
Man gab ihm Auskunft und daß Woldemar wegen seines Nichterscheinens um Entschuldigung bäte. „Gut, gut. Und nun setzt euch und erzählt. Mit dem Conte, das ließ damals zu wünschen. .. verzeih Melusine... Da möcht' ich denn begreiflicherweise, daß es uns diesmal besser ginge. Woldemar macht mir natürlich kein Kopfzerbrechen, aber die Familie, der alte Stechlin. Armgard braucht selbstverständlich auf eine so delikate Frage nicht zu antworten, wenn sie nicht will, wiewohl ersahrungs- mäßig ein Unterschied ist zwischen Schwiegermüttern und Schwiegervätern. Diese sind mitunter verbindlicher als der Sohn."
Armgard lachte. „Mir Papa, passiert so was Nettes nicht. Aber mit Melusine war es wieder das Herkömmliche. Der alte Stechlin sing an, und der Pastor folgte. Wenigstens schien es mir so."
„Dann bin ich beruhigt, vorausgesetzt, daß Melusine über den neuen Schwiegervater ihren richtigen alten Vater nicht vergißt."
Sie ging auf ihn zu und küßte ihm die Hand.
„Dann bin ich beruhigt," wiederholte der Alte. „Melusine gefällt fast immer. Aber manchem gefällt sie freilich auch nicht. Es giebt so viele Menschen, die haben einen natürlichen Haß gegen alles, was liebenswürdig ist, weil sie selber unliebenswürdig sind. Alle beschränkten und aufgesteiften Individuen, alle, die eine bornierte Vorstellung vom Christentum haben — das richtige sieht ganz anders aus — alle Pharisäer und Gernegroß, alle Selbstgerechten und Eiteln fühlen sich durch Personen wie Melusine gekränkt und verletzt, und wenn sich der alte Stechlin in Melusine verliebt hat, dann lieb' ich ihn schon darum, denn er ist dann eben ein guter Mensch. Mehr brauch' ich von ihm gar nicht zu wissen. Uebrigens könnt' es kaum anders sein. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Das ist richtig. Aber umgekehrt, wenn ich den Apfel kenne, kenn' ich auch den Stamm . > . Und wer war denn noch da? Ich meine von Verwandtschaft?"
„Nur noch Tante Adelheid von Kloster Wutz," sagte Armgard.
„Das ist die Schwester des Alten?"
„Ja, Papa. Aeltere Schwester. Wohl um zehn Jahr älter und auch nur Halbschwester. Und eine Domina."
„Sehr fromm?"
„Das wohl eigentlich nicht."
„Du bist so einsilbig. Sie scheint dir nicht recht gefallen zu haben."
Armgard schwieg.
„Nun, Melusine, dann sprich du. Nicht fromm also; das ist gut. Aber vielleicht vrmtoE?"
„Fast könnte man's sagen," antwortete Melusine. „Doch paßt es auch wieder nicht recht, schon deshalb nicht, weil es ein französisches Wort ist. Tante Adelheid ist eminent unsranzösisch."
„Ah, ich versteh'. Also komische Figur."
„Auch das nicht so recht, Papa. Sagen wir einfach, zurückgeblieben, vorweltlich."
Der alte Graf lachte. „Ja, das ist in allen alten Familien so, vor allem bei reichen und vornehmen Juden. Kenne das noch von Wien her, wo man überhaupt solche Fragen studieren kann. Ich verkehrte da viel in einem großen Banquierhause, drin alles nicht blos voll Glanz, sondern auch voll Orden und Uniformen war. Fast zuviel davon. Aber mit einem Male traf ich in einer Ecke, ganz einsam und doch beinah' vergnüglich, einen merkwürdigen Urgreis, der wie der alte Gobbo aussah — der in dem Stück von Shakespeare heißt, glaub' ich, so — und als ich mich später bei einem Tischnachbar erkundigte, sagte mir der: ,Ach, das ist Onkel Manasse'. Solche Onkel Manasses giebt es überall, und sie können unter Umständen auch ,Tante Adelheid' heißen."
Daß der alte Graf das so leicht nahm, erfreute die Töchter sichtlich, und als Jeserich bald danach das Theezeug brachte, wurd' auch Armgard mitteilsamer und erzählte Zunächst von Superintendent Koseleger und Pastor Lorenzen, danach vom Stechlin- see (der ganz überfroren gewesen sei, so daß