Heft 
(1898) 16
Seite
256
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Weber Land und Weer.

M 16

Europas. Der erste köstliche Frühlingstag, da die Sonne heiß herniederbrannte und alles duftete, blühte, glühte in der Natur, hatte alles hinausgelockt nach dem herrlichen Platz an den süßen Wässern, jenem mit so verschwenderischem Liebreiz geschmückten Thal am Ende des Goldenen Horns.

Der Wasserstreifen selbst, der das alte Stambul von dem Frankenstadtteile trennt, war wie besät mit Fahrzeugen aller Art, mit Kaiks, Mouchen und großen Booten, die demselben Ziele zustrebten wie die Equipagen und Wagen jeder Gattung von der andern Seite auf dem Landwege.

Freitag war's, derSonntag" der Muselmanen. An den süßen Wassern traf und sah sich alles, das sich frei machen konnte vom Stadtleben; alles, was zumSelamlik", dem Sultanritt zur Moschee, gekommen war, zog zu Pferde, zu Boot oder zu Wagen hinab ins schattige Thal, wo die Wiesen so hellgrün schimmerten, die Sonne so hell leuchtete.

Seit Menschengedenken haben sich an den süßen Wässern Tausende von kleinen Romanen abgespielt. Mancher Effendi, der gleichgültig heruntergeritten war, hatte doch hinter den Gardinen ihres Coupes in die schönen Augen einer Türkin zu schauen vermocht, und Begehren nach dem Besitz der seltenen Menschenblume zog in sein Herz ein. Auch Zoes verlangende Blicke flogen hin und her; sie hoffte hier auf Erfüllung ihrer Wünsche, sie wollte nicht zurück auf ihre Insel zu Arbeit und Zwang; hinaus wollte sie flattern in die schöne Gotteswelt, und dazu mußte und wollte sie auch heiraten, dann allein blühte, wie sie meinte, ihr voll­ständige Freiheit.

So saß sie denn in einem schmalen, nur zwei Personen fassenden Kaik. Das Fahrzeug schaukelte sich auf den hell schimmernden Wogen; doch sie hatte keine Augen für diese strahlende Farbenpracht des Elements, dem sie sich anvertraut hatte, noch für die Schönheiten der Ufer, die, mit Platanen besetzt, tiefe Schatten auf das Wasser warfen; sie war ver- funken in das leise Geflüster eines jungen Mannes, der neben ihr auf den niedrigen Polstern ruhte, in der halb liegenden Stellung, die durch die Bauart jener kleinen Fahr­zeuge bedingt wird. Ihre biegsame, zierliche Gestalt nahm sich in dem eng anschließenden schwarzen Seidenkleide be­sonders vorteilhaft aus, die Spitze ihres Pariser Schuhes lugte ebenso kokett darunter hervor, wie hinter dem Ohr die rote Nelke, mit der die Spitzenmantille malerisch auf dem Kopf drapiert war.

Unter all den tief verschleierten Haremsdamen, die in weite Seidenmäntel von bunten Farben gehüllt und mit Gold und Schmucksachen übersät waren, fiel die gesuchte Einfachheit der Toilette und das frei und keck umherschauende Gesicht unsrer Zoe doppelt ans. Heute hatte sie denJasch- mack" verschmäht; Bartolo, der junge Italiener, der seit kurzem Portier im Gesandtschastshotel war, und der sie zu der Fahrt eingeladen hatte, sollte bezaubert werden, ganz gefangen genommen und nicht eher den Kaik verlassen, als bis er ihr seine Hand angeboten! Ob mit oder ohne sein Herz, darauf kam es der kleinen Kokette nicht an.

Bartolo hatte bisher seine Schuldigkeit gethan. Die Bonbonniere mit Süßigkeiten, die fast in keinem der Fahr­zeuge ringsum fehlte, war besonders groß und kostbar, als er sie dem Mädchen überreichte, das im eifrigen Naschen es den Türkinnen ringsum zuvorthat. Seine Augen waren nur selten umhergeschweift, sondern hatten die Worte unter­stützt, die er ohne Rücksicht auf den stumm und ernst mit seinem roten Fez dasitzenden Muselman, der das Boot lenkte, ihr zugeflüstert. Während sie nachlässig den großen Fächer auf und zu klappte, wie sie es den Damen im Salon der Herrin abgelauscht, ließ er die Manschettenknöpse, deren Ähnlichkeit mit denen des Gemahls ihrer Gebieterin sie spöttisch lächelnd beobachtete, in den Strahlen der unter­gehenden Sonne funkeln; beide waren mit sich selbst be­schäftigt, beide, im Vollbewußtsein ihrer auffallenden Er­scheinung , verfolgten eigne Zwecke, und suchten einander zu überlisten in der Hoffnung, daß einer die Pläne des andern fördere, ohne es selbst zu ahnen.

Die Sonne neigte sich zum Untergange; rot schimmerten Himmel und Wasser. Die meisten Boote waren verschwun­den, denn keine Türkin darf nach Sonnenuntergang noch außerhalb ihres Harems sein. Leiser Abendwind fächelte Zoes glühende Wangen und trieb ihr schlankes Fahrzeug in den Schatten der tief herabhängenden Zweige am Ufer, durch deren Laub der Mond hindnrchblinkte. Die weiche Stimme des jungen Italieners erzählte von den kleinen Trattorien, die in seiner Heimat das Glück so manchen jungen Paares begründen halfen.Wie würden die Forestiers in Scharen kommen, wenn solche bella Padrona ihnen den süßen Falerner Wein kredenzte!" flüsterte er, und Zoe ließ das Köpfchen sinken, um ihre Befriedigung nicht zu früh durch das Leuchten ihrer Augen zu verraten.

Als dann die Nacht sich aus das Goldene Horn herab­senkte und das junge Paar am Quai von Pera ausstieg, um Ärm in Arm durch die stillen Straßen zurückzukehren, war Zoe die Braut Bartolos.

Ein triumphierendes Lächeln umspielte die Lippen beider; sie sprachen von Liebe aber Zoö dachte an das gute Geschäft, das sie gemacht zu haben meinte, und Bartolo berechnete im stillen, wie er die Leichtgläubigkeit des Mäd­chens am besten ausnutzen könne.

Wenige Wochen später treffen wir Zoö vor der Thür des Gesandtschaftshotels, wo sie ihrer zu einem Feste sich begebenden Herrin half, die schweren, schleppenden Gewänder in der Portechaise unterzubringen, die sie wenige Augen­blicke später davontrug, begleitet von den Kawassen des Gesandten. Lautlos huschte dann die schlanke Gestalt der Griechin die mit Teppichen belegten Marmorstufen hinauf, nachdem sie eine leise geflüsterte Verabredung mit Bartolo an der Thür der Portierloge getroffen hatte. Oben glitt ihr prüfender Blick über das leer stehende Boudoir der Ge­bieterin, rasch entzündete sie die Gaskandelaber darin und verschwand dann in dem daranstoßenden Toilettenzimmer, wo bereits die kleine, unter ihrem Befehl stehende türkische Dienerin ihrer harrte.

Schnell, Selina," lauteten die ungeduldig ihr zu- gerusenen Worte,hole den Karton aus meinem Zimmer, der dort bereit steht!"

Und nun begann das putzsüchtige Dämchen Toilette zu machen.

Heut oder nie," murmelte sie vor sich hin, während sie alle kleinen Toilettenkünste, die sie der Herrin abgelauscht hatte, an sich selbst erprobte.Wenn es sein Herz nicht unwiderstehlich bezaubert, wenn er mich in dem reizenden Hochzeitsgewande vor sich sieht, das mich die ganzen Er­sparnisse und so viel Fleiß der letzten Wochen gekostet, so erreiche ich nie mein Ziel bei ihm! Noch heute muß er den Hochzeitstag festsetzen, noch heute versprechen, daß unsre Verlobung öffentlich wird."

Dann brachte sie mit dem erhitzten Brenneisen leichte Wellen in dem dicht auf der Stirn aufliegenden, kurzen Haar hervor, griff nach dem gelblichen Puder, den die Lady selbst nur gebrauchte, wenn der Eindruck, den sie zu machen gedachte, ein ganz bezaubernder sein sollte, und wußte mit den kleinen Elfenbeinutensilien, die sie dem blauen Plüsch­etui entnahm, auch die geringsten Unregelmäßigkeiten an den gepflegten Nägeln der kleinen Hand zu entfernen.

Und nun legte sie das nach der neuesten Mode ge­arbeitete Kleid von weißer Bruffa-Seide an, das Selina bewundernd dem Karton entnommen, und betrat nach einem selbstzufriedenen Blick in den großen Spiegel das Boudoir.

Hier saß bereits in bequemster Stellung Bartolo auf dem niedrigen kleinen Diwan, in bläuliche Rauchwolken gehüllt, die den für die Gäste seiner Herrschaft bestimmten Zigaretten entströmten.

Ein Laut der Bewunderung entfuhr seinen Lippen beim Eintritt der strahlend schönen Braut, und die nächsten Stunden konnte Zoä zufrieden sein mit den glühenden Ver­sicherungen seiner Verehrung. Aber selbst nicht der zungen­lösende griechische Wein, den sie ihm aus dem Büffett der Herrschaft reichte, brachte den schlauen Italiener zu der er­hofften festen Bestimmung ihres Hochzeitstages; glatt wie ein Aal wußte er allen Andeutungen zu entgehen.

Leise die Falten des bräutlichen Gewandes der Geliebten streichend, flüsterte er nur in bedauerndem Ton:

Armer Fratello! Arme Bionda! Was würden beide darum geben, wenn solch köstliches Kleid, von solch künst­lerischer Hand gefertigt, nur für kurze Zeit in ihren Händen wäre! Wie dankbar würde ich selbst sein und keine Bitte versagen können derjenigen, die hochherzig genug wäre, ihr eignes Hochzeitskleid erst einer andern, weniger vom Glück Begünstigten zu borgen!"

Fragend blickte Zoö dem Geliebten in die Augen, deren lauernder Ausdruck durch die halb geschlossenen Lider ver­borgen war.

Das Kleid ist schön, nicht wahr, inon ami?" fragte Zoö.Es ist von Seide und kostet die Gage von drei Monaten! Aber ich habe es gern gezahlt, damit du dich meiner nicht zu schämen brauchst, wenn endlich der Tag bestimmt..."

Eine Flut von Beteuerungen unterbrach die Anspielung. Ich weiß, welches Glück für mich in der Zukunft liegt, eura mia!" schloß Bartolo.Es ist nur eine unbequeme Eigen­schaft meines Herzens, daß es sich nie voll und ganz des eignen Glückes erfreuen kann, solange es noch unbefriedigte Wünsche, traurige Gesichter um sich weiß!" Und dann folgte eine rührende Erzählung von dem geliebten einzigen Bruder, der, als Dragoman angestellt, seit Jahren die Tochter eines unbemittelten Landsmannes liebe, der in Pera einen kleinen Laden eröffnet habe.

Jetzt sind die Hindernisse überwunden, morgen soll die Hochzeit sein, aber wie ärmlich, so ganz ohne den Chic und die unnachahmliche Grazie dieses Gewandes ist das schmucklose Kleidchen des Mädchens, das mein Bruder heim­führen will! Wie würde meine, ganze Familie daheim in Sorrento, wie würde meine stolze/Mutter, in deren Adern sogar edles venetianisches Blut fließt, entsetzt sein über das einfache Leinwandkleidchen Biondas, die meinen Bruder und sich morgen dem Gespött der Leute preisgeben wird!" seufzte Bartolo mit kläglichem Tone.

Zoö hatte mit halbgeöffnetem Munde und lebhaftem Mienenspiel gelauscht.

Wie weich, wie gut ist Bartolo," dachte sie,wie leicht wird er zu leiten sein, wenn ich nur erst seine Frau bin!" Ob es dem Kleide wohl etwas schaden würde, wenn Bionda sich morgen darin trauen ließe mit dem Bruder Bartolos, von dem sie übrigens bis jetzt noch nie gehört hatte? Würde diese Bereitwilligkeit, sich der Familie gefällig zu zeigen,

nicht ihre eignen Pläne fördern, ihre Großmut nicht endlich die ersehnte Festsetzung des eignen Hochzeitstages herbei­führen?

Als Bartolo sich spät am Abend verabschiedete, den Karton mit dem wohlverpackten Kleide mit sich nehmend, blickte Zoö ihm triumphierend nach:Wenn er mir mein Eigentum zurückbringt, hat er gesagt, wird er eine große Bitte an mich richten! Eine Bitte, bei der er an meine Herzens­güte und meinen Edelmut appellieren will! Was kann das andres sein als das längst von mir erwartete Wort? Worauf sollte sich seine Bitte beziehen, wenn nicht auf unfern eignen Hochzeitstag?"

Es war um die Mittagsstunde des nächsten Tages. Zoö, die wie fast alle Orientalinnen ihren Putz und Schmuck nur anlegte, wenn sie sicher war, gesehen und bewundert zu werden, stand in tiefem Neglige in ihrem Zimmer, hie und da eine leichte Arbeit ausnehmend, meistenteils aber in träumerischer Ruhe vor sich hinblickend; höchstens einmal erhob sie die Hand, um die unordentlich in die Stirn fallenden Haarsträhnen zurückzustreichen.

Eine lose Bluse von blauer Leinwand fiel über das unsaubere weiße Unterkleid; an den Füßen, die auf der Straße nur hohe Pariser Hackenschuhe zeigten, steckten heute ein Paar niedergetretene Pantoffeln, mit denen sie nachlässig zur Thür schlurfte, als sich dort ein leises Klopfen vernehmen ließ.

Ein verschmitztes, listiges Gesicht, umrahmt von krausen, abstehenden Haaren, blickte ihr halb verlegen, halb trotzig beim Oeffnen entgegen.

Du, Marmiton!" rief Zoö erstaunt,was willst du hier zu dieser Stunde? Giebt's nicht in der Küche Arbeit für dich, mon Zartzon? Ich muß wirklich den Ollek äs euisina oder Signor Bartolo bitten, dich mehr zu be­schäftigen, damit du nicht Zeit hast, im Hause umherzuschleichen und die Damen zu belästigen!"

Der Küchenjunge oder Marmiton, wie er in größeren Haushaltungen genannt wird, warf einen lebhaften Blick in Zoös hochmütiges Gesicht und zuckte geringschätzig die Achseln. Die Griechin hatte ihn oft gekränkt und beleidigt, indem sie seine kindischen Huldigungen vor dem übrigen Hauspersonal lächerlich gemacht. Jetzt war die Stunde der Rache ge­kommen.

Signor Bartolo?" fragte er mit erkünsteltem Staunen, der wird heute schwerlich Zeit haben, auf Mad'mzells Klagen zu hören. Ich wollte eben Mad'mzelle Zoö an­bieten, in mein bescheidenes Zimmerchen zu kommen, dessen Fenster aus den Munizipalitätsgarten gehen, damit sie von dort wenigstens das glückliche Brautpaar auf dem Rückwege zu sehen bekommt. Schade," fuhr er grinsend fort, während die kleinen Augen boshaft leuchteten,schade, daß Mad'mzelle den Zug nicht eben gesehen, wie er zur Trauung ging: Signor Bartolo so fein und schön, und seine Braut, das schönste Mädchen Konstantinopels, mit einem kostbaren Kleid von weißer Bruffa-Seide, wie für eine Prinzeß gearbeitet!"

Auf Zoös Stirn lagerte eine Zorneswolke, und plötzlich unterbrach sie die Beredsamkeit des Marmitons mit höhnischem Lachen.

Die Braut von Signor Bartolos Bruder meinst du, mon Zartzon; ein andermal sperre die Augen aus, wenn du Bericht erstatten willst, wer der Bräutigam gewesen!"

Damit machte sie den Versuch, die Thür zu schließen, ungeduldig rufend:Jetzt würde ich dir im Ernst raten, zu deinen Kochtöpfen zurückzukehren, damit dich der Chef nicht an den Ohren zaust!"

Aber noch hatte der Marmiton seinen Vorrat von Bos­heiten nicht erschöpft. Dunkles Rot flog über seine Züge, als er, den Fuß zwischen die Thür klemmend und so das Schließen derselben verhindernd, schnell ein Blatt Papier aus der Tasche zog und, es Zoö dicht vor die Augen haltend, mit fast überstürzender Rede herauspolterte:

Der Chef kommt vor der Dienststunde heut abend nicht zurück; hier ist seine Einladung zur Hochzeit des Signor Bartolo mit seiner Cousine, der schönen Bionda. Ich fand sie soeben in seinem Zimmer, wohin ich die Reste vom heutigen Dejeuner der Herrschaft tragen mußte; er scheint auf keine große Bewirtung zu rechnen im Hause des Schwieger­vaters unsers Herrn Portiers. Sollte denn Mad'mzell Zoö wirklich nichts davon wissen?" fuhr er mit verstellter Un­schuld fort, als er die Augen der Griechin wie versteinert auf dem Blatte ruhen sah.Signor Bartolo hat doch heut dem ganzen Hause davon erzählt, wie großmütig Mad'mzell ihr schönes Kleid seiner Braut geborgt hätte; er hat mich morgen früh zu sich bestellt, um es zurückzuholen, denn er hat heut seine Stelle hier gekündigt,*) um künftig dem Schwiegervater in dem kleinen Geschäft zu helfen, und ich hoffe, von den Süßigkeiten des Hochzeitsschmauses wird..."

Weiter kam der geschwätzige Knabe nicht. Die Lähmung, die Zoö erfaßt zu haben schien, war plötzlich gewichen; mit kräftigem Stoß drängte sie den Unglücksboten zurück, und die Thür fiel hinter ihin ins Schloß.

Sie war allein mit ihrer Enttäuschung, ihrer Be­schämung, ihrem Zorn. Lassen wir einen Schleier darüber fallen.