Heft 
(1898) 16
Seite
258
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Weber Land und Meer.

M 16

Die Kungersteine.

Roman

Gertrud Aranke-Schievetöein.

(Fortsetzung.)

us jedem Lobe, das Hubert gespendet wurde, waren ihm, wie aus Drachensaat, eine Hand- voll Feinde erwachsen. In der Presse zer­schlugen sie sich die Köpfe um ihn. Aber was kümmerte ihn das? Es waren Begleiterscheinungen, Kreise im Wasser, wenn man einen Stein hineingeworsen hat.

Ueberall wurden Veilchen angeboten. Die bei­den Mädchen hatten sich ein paar Sträuße vor die Brust gesteckt. Es duftete, als wenn der Frühling mit ihnen ginge.

Jedem war's, als sei heut ein ganz besondrer Glückstag. Wer noch etwas zu hoffen hat, besorgt es gewiß an so einem weichen, verheißungsvollen Frühlingstag am eifrigsten. Alten und Kranken schleichen sich längst vergessene Träume in die Brust. Und nun junge Menschen!

Dazu das phantastische Getier, das nach der langen Winterklausur sich draußen freute und allerlei tolle Sprünge machte! Sogar über die vorslutlichen Kolosse schien eine beweglichere Heiterkeit gekommen. Kakadus und Papageien schaukelten sich schwatzend und kreischend in ihren Ringen, und die Affen, diese Harlekins der Natur, gaben die wildesten Purzel­bäume und Grimassen zum besten.

Kläre war in Hellem Entzücken. Sie lief von einem Käfig zum andern und ließ niemand zu Atem kommen. Keine Spur von Sentimentalität war in diesem kraftstrotzenden, frischen Geschöpf. Aber sie schien feinere Sinne zu haben für die Tierwelt, ein tieferes, mitfühlenderes, warmherzigeres Verständnis als andre.Das ist mein einziges Talent, Papa," sagte sie, als Berghauer sie darum neckte.

Und dann entdeckte sie plötzlich in einem riesigen Pavian, der würdevoll auf der Erde kauerte und blinzelnd, mit tiefstem, feierlichstem Ernst an einer Rübe knabberte, eine Ähnlichkeit, die sie ihrem Vater ins Ohr flüsterte.

Gott sei Dank!" rief er lachend,daß wir den Tappert nicht mit haben."

Niemand bemerkte, oder wollte es bemerken, daß Charlotte ernster und stiller war, als gewöhnlich. Es schien ein Druck über ihr zu liegen, aus dem sie sich manchmal gewaltsam herausriß. Aber die künstlich emporgeschraubte Stimmung hielt nicht vor. Und so war ein ewiges Auf und Ab in ihrem Wesen, das den stärksten Gegensatz zu Huberts gleich­mäßig guter Laune bildete.

Er wandte sich auch immer wieder an Charlotte und machte gar kein Hehl daraus, daß sie für ihn die Hauptperson sei. Und dies geschah nicht mit der Absichtlichkeit des Courmachers, der Galanterie des Liebhabers, der zwischen Furcht und Hoffnung schwebt. Nein, in seinem ruhigen, zielbewnßten Ernst lag eine so hohe Achtung, eine so kameradschaftliche, zartsinnige Liebe, wie sie ihr noch kein Mann ent­gegengebracht hatte.

Und so war er gleich am ersten Tag gewesen, nachdem sie sich Zwei Jahre nicht gesehn hatten. Es hatte Charlotte sehr überrascht, ja ihren Stolz heftig gekränkt.

Als wenn es gar nichts gäbe in seinem Leben, das sie nach ihren strengen Begriffen auf immer trennte!

Er ahnte ja nicht, was sie damals in aller Stille mit sich selbst abgemacht hatte. Ein Mensch, zu dem sie emporgesehn hatte, der ihr geistig so nahe stand, war eben auch nur ein Mensch.

In ihrer kühlen Höhe gab es nicht den leisesten Schauer eines sinnlichen Triebes. Ihr von der Liebe noch nicht berührtes Mädchenempfinden schreckte vor den dunkeln Mysterien zurück, die überall so geheimnisvoll durchs Leben spuken und deren Macht sie grausend empfand.

Damals schien's ihr, als hätte ihr ganzes Dasein einen Stoß bekommen, aus seiner stolzen, Hellen, heitern Bahn heraus in dunkle, häßliche Nebenwege. Und wie alle Geschöpfe, die mehr mit Geist und Nerven leben als mit den Sinnen, wurde sie auch

in ihrem Körperlichen viel tiefer getroffen, als die treibende Lebenskraft erlahmte. Sie hatte alle erschreckt durch ihren plötzlichen Verfall, Aber Berg­hauer hatte das beste Mittel gefunden, sie aus ihren heimlichen Grübeleien herauszureißen.

,Gott sei Dankst dachte er, als er sah, wie sie mit ganzer Seele bei der Kunst war, ,das hat sie untergekriegt.' Er war stolz über ihre Fortschritte. Die Veranlassung zu der Reise trat allmählich bei ihm so ganz in den Hintergrund, daß er, leichtherzig und optimistisch wie immer, auf der Rückreise un­bedenklich seinen berühmt gewordenen Schützling wieder aufsuchte.

Charlotte hatte mit keinem Wort dagegen ge­sprochen, ihn ganz sicher gemacht. Erst als Hubert anfing, Charlotte auszuzeichnen, ja unzweifelhaft als Berverber" auftrat, wurde ihm die Sache fatal. Er begann die Liebesgeschichte als eine Art Patience anzusehn, bei der kein Mensch im voraus wissen konnte, ob sie aufgehn würde.

Es wurde schon um sieben Uhr dunkel, und daran merkte man, daß man noch nicht wirklich im Mai war. Auch machte sich die Weiche, ermüdende Wir­kung der Frühlingsluft allmählich bemerkbar. Jeder sehute sich nach einem Nuheplätzchen und nach einer Stärkung. Die Wege wurden leer, die Terrasse füllte sich.

Die kleine Berghauersche Gesellschaft hatte aber nicht Lust, sich unter die Menge zu mischen, wo man kein Wort reden konnte, das nicht von neugierigen Ohren aufgefangen wurde. Auch war's noch so milde, daß sie ganz gut im Freien bleiben konnten.

Die Musik drang gedämpft bis herüber. Vor ihnen lag der See, um den phantastische Wasservögel stolzierten oder, den Kopf unter die Flügel gesteckt, in sonderbaren Stellungen schliefen. Schwarze und weiße Schwäne zogen langsam ihre Kreise. Die Laternen spiegelten sich, und lange Lichtstreifen zit­terten über die leichtgekräuselte dunkle Oberfläche hin.

Charlotte war jetzt ganz verstummt. Ihre Schweigsamkeit, die keiner von der kleinen Gesellschaft auf die Dauer ignorieren konnte, schien auch Hubert allmählich um seine gute Laune zu bringen. Vorüber­gehend machte er ein ernstes Gesicht. Aber Kläres Munterkeit, die in demselben Grade wuchs, als die ihrer Schwester abnahm, hielt die allgemeine Stim­mung auf dex Höhe.

Lolo," sagte Berghauer endlich,ich weiß nicht, ist das von den Laternen, oder friert dich? Du siehst so blaß aus."

Lolo schauderte heftig zusammen.Es wird doch ein bißchen kühl," sagte sie und drehte den Kopf, daß ihr Gesicht in den Schatten kam.

Gehn wir hinein," rief Kläre, der es hier nun doch einsam wurde.

Nein, dann lieber nach Hause."

O!" rief Kläre langgedehnt, und auch Berghauer sagte bedauernd:Es ist noch so schön draußen, Kinder."

Hubert beugte sich zu Charlotte hinüber. Wenn sie bis jetzt noch bezweifelt hätte, daß Hubert Schwarz sie schlecht und recht liebte, nach diesem vollen warmen Blick, mit dem er ihre Augen suchte, konnte sie's nicht mehr.

Darf ich Ihnen meinen Mantel anbieten, gnä­diges Fräulein?" fragte er. So weich und zärtlich, als hätt' er sie in Watte wickeln mögen, damit kein rauhes Lüftchen sie träfe. Und dabei legte er auch schon mit sorgsamer Hand seinen Ueberzieher um ihre Schultern.

Aber Charlotte zuckte unter der Berührung so heftig zusammen, daß Hubert betroffen innehielt.

Nein, ich danke," stammelte sie verwirrt. Sie war wie mit Blut übergossen. Berghauer und Kläre, die ein solches Wesen gar nicht an ihr kannten, sahen sie erstaunt uud mißbilligend an.

Hubert Schwarz aber nahm mit finstrer Miene das verschmähte Kleidungsstück wieder an sich und legte es hinter sich auf die Stuhllehne.

Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein," sagte er kalt,ich wußte gar nicht, daß Sie die Abhärtungs­theorie so auf die Spitze treiben."

Sie treibt alles auf die Spitze," bruinmte Berg­hauer unzufrieden. Diese Launen waren ihm greulich.

Und hat morgen womöglich was weg," meinte Kläre.Und dann können wir alle zu Hause sitzen

und ihr Kamillenthee kochen. Oder kalte Umschläge machen. Papa ist ja immer für Eis."

Lotte war aufgestanden. Es war Hubert, als hätte er Thränen in ihren Augen gesehn.Ich laufe ein bißchen herum," sagte sie schnell.Kalte Füße. Aber mir ist gleich wieder warm."

Als sie ein Stückchen hineingerannt war in einen dunkeln Weg, hörte sie ihres Vaters Stimme hinter sich:Warte, ich geh' mit."

Sie stand still. Es war gut, daß es hier fast ganz dunkel war. Sie fuhr sich rasch mit dein Taschentuch über die Augen uud schluckte ein paarmal.

Kann dich doch nicht allein laufen lassen, Mädel," sagte er, als er sie erreicht hatte. Und er legte ihren Arm in den seinen.Nun sag mal, was sind denn das für Geschichten?" fragte er dann.

Ihr Herz schlug heftig gegen seinen Arm. An ihrem Atmen hörte er, daß sie geweint hatte. Sie, seine kluge, tapfere, selbständige Lotte, die immer so stolz und fest auf ihren Füßen gestanden und alle fremde Hilfe verschmäht hatte. Und jetzt legte sie auch noch ihren Kopf gegen seine Schulter, wie ein ratloses, dummes Kind.Ach, Papa," sagte sie mit schwerer Stimme. Und wieder schauderte sie vom Kopf bis zu den Füßen.

Kind, das sind nimm mir's nicht übel Dummheiten. Oder vielleicht Launen? Das würde mich bei dir wundern."

Nein, Launen nicht. Es fitzt viel, viel tiefer."

Na, dann sag's."

Das kann ich nicht, Papa. Aber seit wir wieder in Berlin sind, Hab' ich keine Nacht ordentlich geschlafen. . darum ... Ich kann es einfach nicht begreifen und wenn ich hundert Jahr alt werde."

Was denn? Meinst du die alte Liebesgeschichte von dem Schwarz?"

Sie nickte. Dann atmete sie plötzlich wieder so laut, als verbisse sie von neuem die Thränen.

Gott, Kind die laß begraben sein."

Begraben?" Sie wurde leidenschaftlich.Und wenn sie noch lebt? Und dabei... nicht wahr, Papa, ich irre mich doch nicht? . . . Dabei macht er mir den Hof, als wenn's ihm heiliger Ernst wäre."

Kind," sagte Berghauer beinah' feierlich,es ist ihm heiliger Ernst. Verlaß dich drauf."

Sie flammte auf.Aber wie kann er! Was denkt er von mir!" Und sie blieb stehn und suchte ihrem Vater ins Gesicht zu sehn. Das war ganz ruhig. Gar nicht, als wenn sich's umfürchterliche" Dinge handle. Sogar ein Lächeln lag ihm auf den Lippen.

Vielleicht denkt er, daß du groß genug bist, ihm eine Jugendthorheit nicht nachzutragen."

Sie blieb eine ganze Weile stumm und starr. Du nimmst es ja sehr leicht," sagte sie endlich, ungläubig und bitter.

Kind," meinte er beschwichtigend,es über­rascht mich einigermaßen, daß du so hart, so spieß­bürgerlich moralisch ... du als Künstlerin ... und bist so weit herumgekommen in der Welt"

Was hat das damit zu thun?" rief sie glühend.

Sie dauerte ihn in innerster Seele. An ihrer tiefen Verstörung merkte er, wie viel Hubert Schwarz ihr war und wie sie litt bei dem Gedanken, ihn verachten zu müssen.

Was wußte dies Mädchen von den Versuchungen des Mannes, von den herrschenden Anschauungen, von der weitherzigen Toleranz, die sich und andern lächelnd verzeiht! Und schonend und zartfühlend, aber voll Offenheit, schilderte er ihr diese dunkle Seite unsers Kulturlebens. Er konnte es ihr nicht ersparen. Sie mußte sich damit abfinden, wie mit vielen andern häßlichen Dingen, über die wir hinweg­kommen müssen.

Ich glaube, Kind, wenn du dir unsre Männer so genau unters Mikroskop nimmst in dem Punkt wirst du nicht viel Rühmliches zu Tage bringen," schloß er.Der alte abgedroschene Satz von der ,Episode', die die Liebe im Leben des Mannes sein soll, hat in gewissem Sinne aber versteh mich recht, Kind, nur in diesem noch immer seine Bedeutung."

Nenn es nicht Liebe, Vater!" rief sie. Und wie ein Verzweiflungsschrei kam es aus ihrer Brust. Nicht Liebe, Vater! Entweihe das Wort nicht!"

Nein," sagte Berghauer gütig, voll Ernst und tröstend,ich thu's auch nicht. Ich will bloß sagen: ein Mensch, wie der Schwarz, der wirft so eine