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Ueber <Land und Weer.
M 17
Die Kungerlteine.
Koman
Gertrud Iranke-Schievekvein.
(Fortsetzung.)
ls Karl Wedekind die Hand mit den eng NAH) beschriebenen Bogen sinken ließ, hatte sich in ihm eine seltsame Wandlung vollzogen. Er war überzeugt, daß Hubert nicht anders habe handeln können — ja dürfen.
Dieser glänzende Geist — und das bescheidene, gute Geschöpf! Die Eiche ist auch einmal ein Strauch gewesen, wie die Wildrose neben ihr. — Er dachte schon wieder mit Huberts Gedanken. Sein Verstand, seine Weltkenntnis, die gewöhnlichste Lebensklugheit mußten diesem recht geben.
Aber etwas in ihm empörte sich doch wild dagegen. Unbestechlich forderte es Unmögliches als sein gutes Recht. Und cs war nicht totzukriegen.
Karl lief in fieberhafter Unruhe durch das kleine mollige Zimmer und überhörte ganz, daß an der Thür feines Bureaus mehrmals geklopft wurde, und daß allerlei Geräusche aus dem Vorzimmer drangen.
Endlich wurde er auf eine Frauenstimme aufmerksam.
Eine Klientin, dachte er. Aber er war jetzt nicht in der Verfassung, jemand seinen Rechtsbeistand zu leihen.
Da klopfte es noch einmal, und nun rief es dicht an der Thür: „Herr Doktor! Ich muß Sie sprechen!"
Johanna!
Mit drei Schritten war er da und schloß auf. Und Johanna trat ein, ohne ihn zu grüßen. Mit wankenden Schritten ging sie bis zum nächsten Stuhl. Sie sank darauf nieder wie in halber Ohnmacht, schloß die Augen und saß so eine ganze Weile stumm, ohne sich zu regen, nur schwer und erstickt atmend.
Karl brachte ihr ein Glas Wasser und setzte es ihr an die Lippen. Sie trank hastig, wie verschmachtet. Dann legte sie den Rücken gegen die Stuhllehne und sah mit vergehenden Augen zu ihm auf.
„Sie wissen — ?" murmelte sie.
Er nickte. „Eben," sagte er. Dann fiel ihm ein, daß der Brief noch auf dem Tisch lag. Er steckte ihn möglichst unauffällig in die Tasche. Johanna durfte ihn nicht lesen.
„Ich Hab' schon heut früh..." stammelte sie, den Kopf kraftlos hintenüber gelegt, während ihre Augäpfel unter den halb geschlossenen Lidern unheimlich hin und her gingen. „Aber ich war wie zunichte . . . Hab' gelegen. . . mich nicht gerührt. . . es war, als wenn mir einer mit einem Beil vor den Kopf —"
Sie strich mit der blutlosen Hand über die Stirn.
„Der Verstand ganz weg. . . Und das Kind schrie. Ich konnte mich nicht regen... Bis endlich die Nachbarn. . . Und da Hab' ich mich zu Ihnen geschleppt..."
Sie war ganz fassungslos und duselte in halber Betäubung vor sich hin, ohne Kraft, ohne Halt, ohne im Grunde zu wissen, was sie eigentlich wollte bei Karl Wedekind. Helfen konnte der ihr ja auch nicht.
Das sagte er ihr jetzt, so ruhig und gefaßt, als es seine eigne Ergriffenheit zuließ.
„Und sehen Sie, liebe Johanna," schloß er, „die Thatsache steht nun mal fest. Das beste ist, sich mit ihr abzufinden."
Sie sah mit irren Augen auf und strich sich wieder über die Stirn. „Ich weiß nicht," murmelte sie, „ist denn die Welt verrückt geworden oder bin ich's? Er hat ja doch eine Frau... Er hat ein Kind ... Er kann uns doch nicht so ohne weiteres beiseite schieben. Wir leben ja doch!"
Und die tiefe Verwirrung des armen Kopfes, der gar nicht begreifen konnte, daß das recht fein sollte vor der Welt, was ihm als ein so ungeheuerliches Unrecht erschien, sah ihr so erschütternd aus den Augen, daß Karl Wedekind sich an seinen Büchern zu schaffen machte, um ruhiger zu werden.
„Vor dem Gesetz —" sagte er und blickte in
grimmig drein. Als er aber merkte, daß sie gar nicht im stände war, ihn zu hören, gab er den Versuch auf, ihr ihre Rechtlosigkeit zu beweisen.
„Damals Hab' ich's Ihnen ja gesagt," verfolgte sie ihre Gedanken weiter, „mir wär's als die schwerste Sünde erschienen, wenn ich ihm Mißtrauen gezeigt hätte . . . Und als er fortging. . . und die kleine Marie kam, als Ersatz für den Felix . .. und er schrieb immer gut und herzlich, und so ernst — und nie von einer andern Frau, wie früher wohl — mein Gott. . . aber nein —" sie hob die gefalteten Hände gegen ihn auf — „sagen Sie mir, daß ich verrückt bin, daß ich einen furchtbaren Traum habe... Gott! Das kann ja nicht wahr sein!"
„Liebe Johanna!" war alles, was er herausbrachte. Aber bei diesem Ausbruch des Jammers regte sich in seinem guten Herzen etwas, das ihm nie zuvor in den Sinn gekommen war.
Sie war seit der Geburt des kleinen Mädchens voller und blühender geworden. Ihre sanfte Madonnenschönheit hatte das Mntterglück noch mehr entwickelt. In ihrem schwarzen Kleide, mit den Schmerzlinien um Mund und Augen, erschien sie ihm wie eine junge Witwe, unendlich lieblich und rührend. Und diesen Eindruck verstärkten noch die Worte, die ihr unbewußt und ungewollt von den Lippen quollen.
„Wir waren nicht getraut," flüsterte sie kopfschüttelnd. „Nein. Aber die Viertelstunde in der Kirche und die Unterschrift auf dem Standesamt — macht denn das die Ehe? Wie viele, die sich vor hundert Zeugen Treue gelobt haben, halten denn zusammen, wie wir all die Jahre? Ich Hab' mich als seine Frau gefühlt, keinen andern Gedanken gehabt als ihn. Ja, ich bin stolz gewesen auf seine Liebe, wie das Klärchen in dem Stück von Goethe. Und wenn mich einer über die Achsel ansah — da Hab' ich lachen können mit einem reinen Gewissen. Mein Gott! Mein Gott!" schrie sie plötzlich laut auf, „was bin ich denn nun? Was ist mein Kind? Was soll ich ihm sagen, wenn es groß wird und nach seinem Vater fragt?"
Ihre dumpfe Apathie war plötzlich in ein klares, unbarmherziges Bewußtsein nmgeschlagen. Sie sprang auf und ging ein paarmal händeringend durchs Zimmer. Jetzt glühten ihr die Wangen, in ihren sanften Augen brannte ein wildes Feuer. Ihre Brust wogte von leidenschaftlichen Gefühlen... In Schande und Selbstverachtung gestürzt aus ihrem stillen, kargen Glück, mit dem sie doch zufrieden gewesen war! —
Karl Wedekind rang mit einem Entschluß, der ihm immer gebieterischer, immer unentrinnbarer aus den Hals rückte.
Nein, nein, sagte er sich, du thust's nicht. Es wäre ein dummer Streich, den du vielleicht, wer weiß wie oft, bereuen würdest. Aber das Mitgefühl, das immer die Oberstimme bei ihm hatte, rief dazwischen: Du mußt's!
Und nun brach Johanna in Vorwürfe aus, gegen Hubert, gegen das Mädchen, das alles hatte, Reichtum und Kunst und Schönheit — und sich doch nicht entblödete, ihr, der Armen, das einzige Glück zu stehlen. Leidenschaftliche Verwünschungen, wilde Flüche und Drohungen stieß das unselige Geschöpf in seiner Verzweiflung aus — ein Wesen, das nie ein böses Wort über die Lippen gebracht hatte, auch gegen seine Feinde nicht!
Jetzt erst hatte sie ihre Frauenehre verloren, und ihres Kindes Dasein war Sünde geworden!
Karl Wedekind liefen die Schauer des Entsetzens über den Rücken. Sie thut sich ein Leid an, dachte er in heißer Angst. Und als sie nun wie eine Rasende ihr Kind und sich beschimpfte, mit Ausdrücken, wie sie nie aus diesem sanften Munde gekommen waren — da hielt er sich nicht länger. „Johanna!" rief er, „liebe, teure Johanna!"
Er trat ihr in den Weg, als sie an ihm vorbeistürmen wollte in dem fieberhaften Drang ihrer Rastlosigkeit, und hielt sie mit beiden Armen fest. „Johanna! Hören Sie mich!"
Sie stierte ihm ins Gesicht, wie halb erwacht und zur Besinnung gekommen. Aber sie suchte sich von ihm loszureißen. „Was wollen Sie von mir?" rief sie. „Rühren Sie mich nicht an! Ich bin giftig, unrein, bin ehrlos!"
Aber seine Hände umspannten ihren Oberarm. Wie sie sich wand, sie kam nicht frei.
Endlich zwang er sie aus einen Stuhl, und als sie wie gebrochen niedersank, zog er einen zweiten Sessel neben den ihren und setzte sich, wie zu einem ruhigen Gespräch.
Sie sah vor sich hin in ihren Schoß, beschämt, wie es schien, über ihre Maßlosigkeit. „Was wollen Sie?" murmelte sie, jetzt wieder totenblaß und zitternd vor Scheu. Sie schlug die Hände vor die Augen.
„Mein Gott, was Hab' ich denn — ? Was müssen Sie von mir denken?" stammelte sie.
Er nahm ihr die Hände vom Gesicht. „Gute Johanna," sagte er so mild und weich, daß sie mit Erstaunen in seine Augen blickte, „was haben Sie nur für thörichtes Zeug geredet?"
Sie nickte und versuchte ihm ihre Hände zu entziehen. In ihrer Brust zitterten noch die Stürme und stiegen als Seufzer auf. Doch wurde sie ruhiger und wunderte sich augenscheinlich über sein rätselhaftes Wesen.
„Wissen Sie eigentlich, daß ich Ihnen einmal gut gewesen bin?" fragte er.
Sie errötete. „O — bitte," flüsterte sie und zog die Stirn kraus.
„In Göttingen. Sie sollten aber nichts davon wissen. Denn Sie zogen den Hubert mir vor. Wie natürlich. Ich Hab' ihn aber arg beneidet."
„O bitte, bitte!" rief sie noch einmal flehend. „Quälen Sie mich nicht!"
„Gott bewahre, liebe Johanna. Ich dachte nur, da Sie nun. . . doch wieder frei sind ..."
Sie bohrte ihre glühenden Augen in die seinen. Verhöhnte er sie? — Oder . .. Gott im Himmel! War sie etwa in seinen Augen schon vogelfrei . .. eine Straßendirne, von der jeder Gefälligkeiten . . .
Als erwarte sie Tod oder Leben aus seinem Munde, so sog ihr Blick sich fest an seinem Gesicht. Aber nein, dies rundliche, sonst so frisch rosige, jetzt ein wenig blaß gewordene Gesicht sah nicht nach all den schrecklichen Dingen aus, die ihr durch den Kopf spukten.
„Liebe Johanna," begann er wieder, „Sie sind mir auch als Huberts Frau . .. und jetzt... da Sie gleichsam seine Witwe sind . . . weinen Sie nicht, Johanna! Oder ja, weinen Sie sich ordentlich aus! Sie haben einen Freund, Johanna, der Sie hochachtet... so hoch, daß er Sie bittet —" Er hatte ihre beiden Hände in die seinen genommen und sah sie treuherzig an: „Werden Sie meine Frau, Johanna!"
Johanna hatte bei seinen sanften Worten zu weinen angefangen. Jetzt brach sie in ein so gewaltiges, unstillbares Schluchzen aus, daß er erschrocken ihre Hände losließ.
„ Mein Gott, was Hab' ich . . . Hab' ich Sie... Reden Sie doch, Johanna!"
Aber sie schluchzte nur immer mehr. Endlich stammelte sie kaum vernehmlich: „Sie guter, guter Mensch!"
„Na, na," murmelte er gerührt und schluckte selber verräterisch.
„Daß es noch solche Menschen giebt," stieß sie abgebrochen heraus. „Unter all den Egoisten einen . . . der . . . der . . ."
„Na, na," brummte er, „einen, der gern eine nette Frau haben möchte. Das ist doch wahrhaftig . . . was machen Sie denn für Geschichten darum? Sagen Sie Ja, und wir schreiben heut noch dem Hubert..."
Ihre Thränen waren plötzlich versiegt. Sie stand auf einmal vor ihm, würdevoll und gefaßt, und streckte ihm ihre Hand entgegen.
„Ich danke Ihnen," sagte sie stark und ruhig. „Sie haben mir. . . nun kann ich wieder leben. Nicht wahr, es ist Ihr Ernst? Sie können mich noch achten?"
„Hab' ich Ihnen nicht den zwingendsten Beweis gegeben, den ein Mann..."
„Ich werde es Ihnen nie vergessen!" rief sie, und ihre Augen leuchteten auf. „Der liebe Gott gab mir's ein, zu Ihnen zu gehen. Sehen Sie, mir ist's, als wär' mir ein Felsblock von der Brust, unter dem ich schon halb erstickt war. Ich kann doch wieder atmen." Und sie dehnte die Brust in einem tiefen, lebenschöpfenden Seufzer.