Heft 
(1898) 19
Seite
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Hleöer Land und Meer.

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M 19

Is leider so," sagte Molchow,und ich werde Wohl auch mit 'ner Kopfkolik abschließen. Und mit­unter stirbt man dran. Aber wenn man in Berlin is (und ich habe da neulich auch so was mitgemacht), da is es doch noch schlimmer. Da haben sie was, was sie 'ne Leichenhalle nennen, 'ne Art Kapelle mit Bibelspruch und Lorbeerbäumen, und dahinter ver­stecken sich ein paar Gesangsmenschen. Wenn man sie nachher sieht, sehen sie freilich sehr gesrühstückt ans."

Kenn' ich, kenn' ich," sagte Nonne.

Nu der Gesang," fuhr Molchow fort,das ginge noch, den kann man schließlich aushalten. Aber der Fußboden und der Zug durch die offenstehende Thür. Und wenn man noch bloß den kriegte. Wer aber Pech hat, der kommt, wenn's Winter is, dicht neben einen Kanonenofen zu stehn, und wenn ich sage, ,der pustetß so sag' ich noch wenig. Und der Geistliche kann einem auch leid thun. Wer kann denn bei solchem Zug und solchem Osenpusten ordent­lich zuhörend Und bloß das weiß ich, daß ich immer an die drei Männer im feurigen Ofen gedacht habe. So halb Eisklumpen, halb Bratapfel is nich mein Fall."

Ja, die Berliner," sagte Nonne. . .Nich zu glauben."

Nich zu glauben. Und dabei bilden sie sich ein, sie hätten eigentlich alles am besten. Und mancher von ihnen glaubt es auch wirklich. Aber die Hölle lacht."

Ich bitte Sie, Molchow, menagieren Sie sich! Das über Berlin, na, das ging' am Ende noch. Aber so gleich von Hölle hier, hier mitten auf 'nem christlichen Kirchhof..."

Bald danach hatte sich der Kirchhof geleert, und alles, was in der Grafschaft wohnte, war auf dem Heimwege. Nur die von Berlin her erschienenen Gäste, die den nächsten, an Gransee vorüberkommen­den Zug abzuwarten hatten, waren in das Herren­haus zurückgekehrt, wo mittlerweile für einen Imbiß Sorge getragen war. Nex und Czako, desgleichen auch die Berchtesgadens, nahmen erst ein Glas Wein und dann eine Tasse Kaffee. Zwischen dem alten Grafen und Adelheid knüpfte sich ein mäßig belebtes Gespräch an, wobei der Graf der Borzüge des Verstorbenen gedachte. Da Schwester Adelheid indes, wie so viele Schwestern, allerlei Zweifel und Bedenken hinsichtlich des Thuns ihres Bruders hegte, so ging man bald zu den Kindern über und beklagte, daß sie bei einer so schönen Feier nicht hätten zugegen sein können. Dazwischen wurde dann freilich das fast entgegengesetzt klingende Bedauern laut, daß das junge Paar seinen Aufenthalt im Süden wohl werde abbrechen müssen. Der alte Graf in seiner Güte fand alles, was Adelheid sagte, sehr verständig, während sich Adelheids Ge­fühle mit der Anerkennung begnügten, daß sie sich den Alten eigentlich schlimmer gedacht habe.

XIUV.

Melusine war aus der Kirche mit in das Herren­haus Zurückgekehrt und widmete sich hier auf eine kurze Weile zunächst ihren Freunden, den Berchtes­gadens, dann Rex und Czako. Danach ging sie in die Pfarre hinüber, um Lorenzen Zn danken und noch ein kurzes Gespräch mit ihm über Woldemar und Arm- gard zu haben, im wesentlichen eine Wiederholung alles dessen, was sie schon während ihres Weihnachts­besuches mit ihm durchgesprochen hatte. Sie ver­plauderte sich dabei wider Wunsch und Willen, und als sie schließlich nach dem Herrenhause zurückkehrte, begegnete sie bereits jener Aufbruchsunruhe, die kein ernstes Eingehen auf irgend ein Thema mehr zu­läßt. Sie beschränkte sich deshalb auf ein paar Worte mit Tante Adelheid. Daß inan sich gegen­seitig nicht mochte, war der einen so gewiß wie der andern. Sie waren eben Antipoden: Stiftsdame und Weltdame, Wutz und Windsor, vor allem enge und weite Seele.

Welch ein Mann, Ihr Pastor Lorenzen," sagte Melusine.Und zum Glück auch noch unverheiratet."

Ich möchte das nicht so betonen und noch weniger es beloben. Es widerspricht dem Beispiele, das unser Gottesmann gegeben, und widerspricht auch wohl der Natur. ^

Ja, der Durchschnittsnatur. Es giebt aber,

Gott sei Dank, Ausnahmen. Und das sind die eigentlich Berufenen. Eine Frau nehmen, ist all­täglich ..."

Und keine Frau nehmen, ist ein Wagnis. Und die Nachrede der Leute hat man noch obenein."

Diese Nachrede hat man immer. Es ist das erste, wogegen man gleichgültig werden muß. Nicht in Stolz, aber in Liebe."

Das will ich gelten lassen. Aber die Liebe des natürlichen Menschen bezeigt sich am besten in der Familie."

Ja, die des natürlichen Menschen..."

Was ja klingt, Frau Gräfin, als ob Sie dem Unnatürlichen das Wort reden wollten."

In gewissem Sinne ,jaß Frau Domina. Was entscheidet, ist, ob man dabei nach oben oder nach unten rechnet."

Das Leben rechnet nach unten."

Oder nach oben; je nachdem."

Es klang alles ziemlich gereizt. Denn so leicht­lebig und heiter Melusine war, einen Ton konnte sie nicht ertragen, den sittlicher Überheblichkeit. Und so war eine Gefahr da, sich die Schraubereien fort­setzen zu sehen. Aber die Meldung, daß die Wagen vorgefahren seien, machte dieser Gefahr ein Ende. Melusine brach ab und teilte nur noch in Kürze mit, daß sie vorhabe, morgen mit dem frühesten von Berlin ans einen Brief zu schreiben, der mut­maßlich gleichzeitig mit dem jungen Paar in Capri eintreffeu werde. Adelheid war damit einverstanden, und Melusine nahm Baron Berchtesgadens Arm, während der alte Graf die Baronin führte.

Das Verdeck des vor dem- Portal haltenden Wagens war zurückgeschlagen, und alsbald hatten die Baronin und Melusine im Fond, die beiden Herren aber auf dem Rücksitz Platz genommen. So ging es eine schon in Kätzchen stehende Weidenallee hinunter, die beinahe geradlinig auf Gransee zu­führte. Das Wetter war wunderschön; von der Kälte, die noch am Vormittag geherrscht hatte, zeigte sich nichts mehr; der Himmel war gleichmäßig grau, nur hier und da eine blaue Stelle. Der Rauch stand in der stillen Luft, die Spatzen quirilierten auf den Telegraphendrähten und aus dem Saaten­grün stiegen die Lerchen auf.Wie schön," sagte Baron Berchtesgaden,und dabei spricht man immer von der Dürftigkeit und Prosa dieser Gegenden." Alles stimmte zu, zumeist der alte Graf, der die Frühliugsluft einsog und immer wieder aussprach, wie glücklich ihn diese Stunde mache. Sein Be- wegtseiu fiel auf.

Ich dachte, lieber Barby," sagte der Baron, in meinen Huldigungen gegen Ihre Frühlingsland­schaft ein Aeußerstes gethan zu haben. Aber Sie schlagen mich doch noch aus dem Felde."

Ja," sagte der alte Graf,mir kommt es Wohl auch zu. Denn ich bin der erste, davon Abschied nehmen zu müssen."

Rex und Czako folgten in einem leichten Jagd- wageu. Die beiden Schecken, kleine Shetländer, warfen ihre Mähnen. Daß man von einem Be­gräbnis kam, war dem Gefährt nicht recht anzusehen.

Rex," sagte Czako,Sie könnten nun wieder ein ander Gesicht aufsetzen. Oder wollen Sie mich glauben machen, daß Sie wirklich betrübten Herzens sind?"

Nein, Czako, so gröblich inscenier' ich mich nicht. Und käme mir so was in den Sinn, so jedenfalls nicht vor einem Publikum, das Czako heißt. Uebrigens wollen Sie bloß etwas von sich auf mich abwälzen. Sie sind betrübt, und wenn ich mir alles überlege, so steht es so, daß Sie bei dein Chateau Lafitte nicht auf Ihre Rechnung gekommen sind. Er wirkte denn des Alten ,Bocksbentell Hab' ich noch in dankbarer Erinne­rung wie wenn ihn Tante Adelheid aus ihrem Kloster mitgebracht hätte."

Rex, Sie sind ja wie vertauscht und reden beinah' in meinem Stil. Es ist doch merkwürdig, sowie die Menschen dies Nest, dies Berlin, hinter sich haben, fängt Vernunft wieder an zu sprechen."

Sehr verbunden. Aber eskamotieren Sie nicht die Hauptsache. Meine Frage bleibt, ,warum so belegt, Czakod- Denn daß Sie das sind, ist außer Zweifel. Wenn nicht der Lafitte, so kann es nur Melusine sein."

Czako seufzte.

Da haben wir's. Thatsache festgestellt, obwohl ich Ihren Seufzer nicht recht verstehe. Sie haben nämlich nicht den geringsten Grund dazu."

Die Gräfin ist sehr reich."

Das erschwert nicht, das erleichtert bloß."

Und ist außerdem grundgescheit."

Das sind Sie mitunter auch."

Und dann ist die Gräfin eine Gräfin, ja, sogar eine Doppelgräfin, erst durch Geburt und dann durch Heirat noch mal. Und dazu diese ver­teufelt vornehmen Namen: Barby, Ghiberti. Was soll da Czako d Teuerster Rex, man muß den Mut haben, den Thatsachen ins Auge zu sehn. Ich mache mir kein Hehl draus, Czako hat was merk­würdig Kommißmäßiges, etwa wie Landwehrmann Schnitze. Kennen Sie das reizende Ballett Icker­märker und Picarde'd Da haben Sie die ganze Geschichte. Melusine ist die reine Picarde."

Zugegeben. Aber was schadet das? Jtalie- nisieren Sie sich und schreiben Sie sich von morgen ab Ciacco. Dann sind Sie dem Ghiberti trotz seiner Grafenschaft dicht auf den Hacken."

Sapristi, Nex, e'sst uns läse."

XU

Das junge Paar war, nach geplantem kurzen Aufenthalt erst in Amalfi und dann in Sorrent, in Capri angekommen. Woldemar fragte nach Briefen, erfuhr aber, daß nichts eingegangen.

Armgard schien verstimmt.Melusine läßt sonst nie warten."

Das hat dich verwöhnt. Sie verwöhnt dich überhaupt."

Vielleicht. Aber, so dir's recht ist, darüber später einmal; für solche Geständnisse sind wir doch eigentlich noch nicht lange genug verheiratet. Wir sind ja noch in den Flitterwochen."

Woldemar beschwichtigte.Morgen wird ein Brief da sein. Schließen wir also Frieden, und steigen wir, wenn dir's paßt, nach Anaeapri hinauf. Oder wenn du nicht steigen magst, bleiben wir, wo wir find, und suchen uns eine gute Aussichtsstelle."

Es war auf dem Frontbalkon ihres am mittleren Abhang gelegenen Albergo, daß sie dies Gespräch führten, und weil die Mühen und Anstrengungen der letzten Tage Ziemlich groß gewesen waren, war Armgard willens, für heute wenigstens auf Ana- capri zu verzichten. Sie begnügte sich, mit Woldemar auf das Flachdach hinaufzusteigen, und verlebte da, angesichts der vor ihnen ausgebreiteten Schönheit, eine glückliche Stunde. Von Sorrent kamen Fischer­boote herüber, und der Himmel war klar und blau; nur drüben aus dem Kegel des Vesuvs stieg ein dünner Ranch auf, und von Zeit Zu Zeit war es, als vernähmen sie ein dumpfes Rollen und Grollen.

Hörst du's?" fragte Armgard.

Gewiß. Und ich weiß auch, daß man einen Ausbruch erwartet. Vielleicht erleben wir's noch."

Das wäre herrlich."

Und dabei", fuhr Woldemar fort,komm' ich von der eiteln Vorstellung nicht los, daß, wenn's da drüben ernstlich anfängt, aus unserm Stechlin der Wasserstrahl aufsteigt. Es ist doch eine vor­nehme Verwandtschaft."

Armgard nickte, und von der Uferstelle her, wo die Sorrentiner Fischer eben anlegten, klang es herauf:

Am andern Tage, wie vorausgesagt, kam ein Brief von Melusine, diesmal aber- nicht an die Schwester, sondern an Woldemar adressiert.

Was ist?" fragte Armgard, der die Bewegung nicht entging, die Woldemar, während er las, zu bekämpfen suchte.

Lies selbst."

Und damit gab. er ihr den Brief.

An ein Eintreffen in Stechlin, um noch der Beisetzung beiwohnen zu können, war längst nicht mehr Zu denken; der Begräbnistag lag zurück. So kam man denn überein, die Rückreise langsam, in Etappen über Nom, Mailand und München zu machen, aber an jedem Orte (denn beide sehnten sich heim) nicht länger als einen Tag verweilen zu wollen. Von Capri nahm Woldemar ein einziges Andenken mit, einen