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Ueber Land und Weer.
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„Deinetwegen, Liebste. Karl Wedekind ist der rechte Mann, eine Frau glücklich zu machen. Ich —"
„Du Abscheulicher!" ries sie mit Zärtlichem Vorwurf, und die warme, innige Liebe sah ihr so deutlich ans den Angen, daß er erleichtert sagte: „Na, nun hast du mich einmal erwischt. Nun muß ,das Verhängnis seinen Gang gehn', wie unser alter Klassenlehrer immer sagte, wenn er einen von uns beim Ablesen ertappt hatte."
Sie lachte herzlich. „Das mag es. Und was es auch bringt, ich werde ihm dankbar sein."
In Bonn, das sie bald darauf erreichten, fanden sie postlagernd Briefe von Berghauer und Kläre vor.
Der letztere war ein langer Herzenserguß, der unter übermütiger Lustigkeit, medisantem und alltäglichem Geschwätz eine schmerzliche Sehnsucht verbarg.
Sie fand es „schändlich", daß sie jetzt da oben in ihrem Erker allein Hausen müsse. Die erste Zeit habe sie sich sogar tüchtig gegrault. Das sei jetzt besser. Aber das Erwachen sei noch immer „einfach scheußlich". Denn jedesmal müsse sie sich erst besinnen, daß die Lotte über alle Berge sei, und nicht etwa bloß auf kurze Zeit — nein, für immer. Und sie hätte schon manchmal gedacht, das hielte sie gar nicht aus. Und dann immer allein in die Stadt gehn, und alle Bekannten wären außer sich, daß Lotte sich so „auf französisch" empfohlen habe. Und Tante Sophie wäre jetzt obenauf und „päpstlicher" als je, so daß sich Kläre sehr zu ärgern habe.
„Daß Du ihr den Gefallen gethan hast und ,wirtschaftlich' geworden bist — Tante Sophie nennt es: ,daß das Weib in Dir zum Durchbruch gekommen ist' —, das muß ich jetzt büßen, liebe Lotte. Ich soll nun womöglich den ganzen Tag nach den Leuten sehn, oder kochen, oder Staub wischen. Tante meint, ich würd's ihr noch mal auf den Knieen danken.
„Lieber Gott, warum denn? Ich heirate ja doch nicht. Nein, nie! Ich denke nicht dran. Denn so wie Du, Lotte, auf einmal unterwürfig' werden und mich abhaspeln, nur um's dem Herrn und Gebieter recht zu machen, — nein, Lotte, ich kann noch immer nicht begreifen, daß Du das alles wirklich gesagt und gethan haben sollst. Uebrigens — das verunglückte Monogramm habe ich ausgetrennt und neu gestickt und schicke Dir das Handtuch mit der übrigen Wäsche.
„Du fragst auch nach Doktor Wedekiud. Ja, er war neulich bei uns in Geschäften. Wegen einer Abfindungsgeschichte — was weiß ich! Papa wird Deinem Mann (wie das klingt!) wohl darüber schreiben.
„Er, der Doktor, ist entsetzlich mager geworden. Es steht ihm aber besser als das Fett. Er sieht viel größer ans. Und ernst, Lotte! Und so was im Blick. Ich kann ihn gar nicht mehr komisch finden, was mir manchmal leid thut. Es war unmer so nett, wenn wir uns auszogen. So wird das Leben immer ernster. Manchmal wünsch' ich mir, ich läge im Grabe. Und dann kann's mal wieder ganz lustig sein.
„So zum Beispiel gestern. Ich merk' es: dem Papa thut der Doktor auch leid. Er war so gut zu ihm und hat ihn so dringend eingeladen; der Wedekind konnte nicht anders (schon weil er keinem Menschen was abschlagen kann) — er mußte Zusagen. Und da waren wir also alle drei gestern auf der Bastei.
„Stolz zu Rosse, notadeuo! Er sitzt übrigens famos zu Pferde und hat sich außerdem sehr hübsch benommen. Ritterlich! Laus xeur ek saus roxroelle.'
„Nämlich im Uttewalder Grund, gerade an der Stelle, wo die Felsen so schrecklich dicht zusammentreten, daß man unwillkürlich an Räuberhöhlen und Brigantenübersälle denkt, wie in den Abruzzen — was geschieht?
„Ich war, wie immer, vorausgeritten, der Doktor zehn Schritt hinter mir, Papa nirgends zu erblicken. Da bin ich plötzlich umringt von Zigeunern, ein ganzer Trupp — ich schätzte sie auf hundert Köpfe, der Doktor behauptet, höchstens dreißig. Aber mir wurde doch so himmelangst, als sie mein Pferd anhielten und die Hände ausstreckten und in der Zigeunersprache aus mich einredeten. Und all die roten Lippen und das grelle Weiß in den Augen!
„Ich wollte ihnen schon mein Portemonnaie hinwerfen (gestern hatte ich erst Taschengeld gekriegt), aber da kam der Wedekind herangaloppiert und litt
es nicht — und war ordentlich energisch, wie ich es ihm nie zugetraut hätte, und warf bloß einen Haufen kleiner Münze unter sie.
„Da dankten sie ganz zufrieden und küßten meine Fußspitzen, meine Hände, mein Kleid. Und einer nannte mich zu meinem riesigsten Erstaunen ,Donna Klara'. Es war nämlich der Fritz Vogel. Denn — denk Dir, es stellte sich heraus, daß die Leutchen gar keine echten Zigeuner waren, sondern Akademiker, die ihr Sommerfest feierten. Sie hatten auch eine ,Königin' bei sich, ein wunderschönes, glutäugiges Geschöpf, ganz mit Goldmünzen und seidenen Shawls behängt, das aus einem milchweißen Zelter ritt. Ich war ordentlich froh, daß das Mädchen, von dem der Wedekind ganz entzückt that, auch ein junger Mann war.
„Ich weiß, daß der Doktor meine Feigheit verächtlich findet. So eine ,Germania' — und er ist nur eben Mittelgröße —, und ich glaube, ich habe am ganzen Leibe gezittert. Wenn ich dran denke, werde ich noch rot.
„Nun, liebe Lotte, lebe wohl! Grüß ,Deinen Mann', dem ich eigentlich bitterböse bin, daß er Dich sortgeholt hat. Es ist gar nichts mehr los mit dem Leben. Deine Kläre."
Charlotte saß eine ganze Weile mit dem Brief in der Hand und starrte durch das Fenster des Hotels auf den Rhein. Wie stolz das Bild draußen — der breite, grüne Fluß, die lieblichen User — und doch, alle Herrlichkeit der Welt hätte sie drum gegeben, jetzt mit der Kläre in dem blumigen Erkerstübchen zu sitzen, sich auszuschwatzen nach Herzenslust von all den lieben kleinen, alltäglichen Dingen, die das Leben machen.
Sie fühlte plötzlich, daß die Weite, die fremden Menschen, die fremden Gegenden sie anödeten, kalt und unheimlich. Ja, selbst ihr geliebter Mann: so nah, so vertraut wie ihr Vater, wie die herzige Kläre war er ihr noch nicht, konnte er ihr nicht sein! Und eine Sehnsucht ergriff sie; heiß und gewaltsam zog es sie nach Hause, nach ihrem alten, wohlvertrauten Zuhause. Heimweh! sagte sie sich. Und es waren ein paar harte Minuten, in denen sie es niederkämpfte.
„Was schreibt denn Papa?" fragte sie nach einer Weile.
Auch Hubert schien nachdenklich geworden. Er hielt Berghauers Brief noch immer in der Hand. Er hatte wieder allerlei Dunkles über den Augenbrauen, Zorn, Trotz, Gekränktheit — sie wurde nicht recht klug daraus. Und fast zaghaft nahm sie das Blatt, das Hubert ihr mechanisch reichte.
Aber das war alles so frisch, kräftig, lebensfreudig, was ihr Vater schrieb, daß sie sich förmlich daran aufrichtete. Allerlei heitere Nachrichten, praktische Besprechungen, fröhliche Wiedersehenspläne, wenn das junge Paar in Berlin erst ein bißchen eingelebt wäre.
Sie schalt sich schon beinahe ihrer sentimentalen Anwandlung wegen, da kam ein Satz, bei dem sie doch wieder stutzte und sinnen mußte: „In der bewußten Sache, trotz W.s Vermittlung, keinen Schritt weitergekommen. Man will nichts von -Gnade' oder .Wohlthaten' wissen..."
Was bedeutete das? W. war Wedekind, der Rechtsanwalt. Seine Vermittlung? — Wie? Sollte geklagt werden?
Eine Klage, ein Prozeß! Das war ihrer vornehmen Natur immer so gemein vorgekommen. Sich streiten, pfui! Entweder man hatte recht, nun, so genügte das stille Bewußtsein. Oder man hatte unrecht. Dann war's ja selbstverständlich, daß man nicht auf etwas bestand, was einem nicht zukam.
So kindlich naiv waren ihre Rechtsbegriffe bisher gewesen. Nie war sie in einen Konflikt geraten in ihrem sorgsam behüteten Lebensgang, der eigentlich ein Weg neben oder über dem wirklichen Leben gewesen war.
Nun drängte sich dieses breit und immer breiter vor. Eine kindische, hilflose, verzweifelte Angst ergriff sie plötzlich, daß es sie wie mit Blut übergoß. Häßliche Verwicklungen. . . zwei Weiber, die sich um einen Mann streiten! Um Gottes willen! Und womöglich vor Gericht!
Sie sah verstohlen ans Hubert, der Kläres Brief las. Er lächelte. Sein Gesicht hatte sich ausgehellt.
Es fiel ihr wie ein Stein vom Herzen. Nein,
es konnte nichts Schlimmes sein. Was hatte sie sich eingeredet? Sie war seine Frau vor Gott und der Welt. Was ging sie das an, was hinter ihm lag, das er selbst ausgestoßen hatte aus seinem Leben, wie der Körper einen Krankheitsstoff aus- ! stößt?! Was kümmerte sie das Weib, das sich an ! ihn weggeworsen hatte, wie es sich wohl auch an I einen beliebigen andern weggeworfen hätte!
Sie machten den Ausflug, den sie für den Morgen ? beabsichtigt hatten, und beide waren heut besonders ^ liebenswürdig gegeneinander. Sie meinten deun ^ auch, nie einen glücklicheren Tag als diesen erlebt ! zu haben. Und doch war's nicht mehr reines, naives ^ Genießen wie in der ersten Zeit.
Die Landstraße war mit Apfelbäumen eingefaßt, an denen die grünen Früchte in Massen hingen. Nur ein Apfel, der zum Greifen tief herabbaumelte, war schon goldgelb und rot gefärbt, und Hubert ^ machte sich kein Gewissen daraus, ihn für seine Frau zu pflücken.
Sie drehte ihn in der Hand. „Wie schön! Wie aus Wachs!"
„Ja, aber leider wurmstichig."
„Schade! Die sehen am verlockendsten aus — bis man dahinter kommt — warum —" Und ganz heimlich ging es ihr durch den Kopf: wie dieser Tag — süß und goldig — aber —
Sie wußten beide, daß sie liebenswürdig gegeneinander waren, mit Absicht, nicht mehr aus tiefstem Seelenbedürsnis heraus. Sie verhehlten einander etwas. Ein fremdes Gefühl war ausgetaucht, ein erster, leiser Riß entstanden.
Hubert hatte wohl den stillen Kampf in ihr bemerkt, während sie las. Und zum erstenmal fragte er sich: Hast du ihr auch nicht zu Schweres ausgepackt?
Und wenn er sie aus der Landstraße vor sich hergehen sah, so schlank, zerbrechlich, schmalschulterig und zart, mußte er immer wieder denken: nein, dies unberührte, in seinem tiefsten Denken noch mädchenhafte Geschöpf wird dir die Lebenslast nicht tragen Helsen. Du mußt allein damit fertig werden.
Sie that ihm unsäglich leid. Er hätte ihr die Hände unter die Füße legen, jeden Stein aus ihrem Wege räumen mögen, in einem Gefühl der Schuld auch gegen sie.
Und Charlotte? Ihr ruhevolles, seliges Vertrauen hatte einen Stoß bekommen. Ihr war's, als wäre sie seiner nicht mehr sicher, als müsse sie ihn fesseln, halten.
Hatte nicht schon eine Frau die Rechte besessen, die sie jetzt besaß? Ihr war er der einzige Mann. Aber er — konnte vergleichen. Vielleicht that er es. Vielleicht, wenn sie einmal nicht ihren boau jour hatte, nicht ganz bei Laune, nicht heiter und geistreich war, sagte er sich, daß sie nicht aufkäme gegen ihre Vorgängerin.
Und so stolz und verächtlich sie das fremde Weib aus dem Wege schob, — es blieb doch etwas in ihr wie Neid, wie nagende, heimliche Eifersucht.
Nein, sie durfte ihre Rivalin nie vergessen. Sie mußte sie schlagen in jeder Hinsicht, um sich Huberts Liebe zu erhalten. Und es war ein prickelnder, süßschmerzlicher Reiz in ihr Verhältnis gekommen, seit sie sich dessen bewußt geworden.
Hubert wunderte sich ein wenig, wie viel Wert sie plötzlich auf ihre Kleidung legte, daß sie sich heute mit einer frischen Blume, morgen mit einer Spitze schmückte; wie geweckt, sprühend, zärtlich sie war; wie sie sogar manchmal in unschuldiger Weise mit ihm kokettierte.
An einem kleinen, unbewußten Vorgang aber merkte sie erst, wie tief es ihr eingedrungen war.
Sie erwachte in einer Nacht ganz plötzlich mit einem Gefühl trostlosen Schmerzes. Ihr Kopfkissen war feucht, sie hatte geweint, und der dumpfe Druck eines rätselhaften Kummers lag schwer und verwirrend über ihr.
Der Mond schien hell in die Fenster, deren Läden sie zu schließen vergessen hatte, und das ganze Zimmer war in weiße Dämmerung getaucht. Alles klar und doch unbestimmt, fast gespenstisch, fremd und bekannt zugleich. Und als sie durch die breiten Scheiben blickte, lag auch draußen die Landschaft seltsam hell und farblos, wie eine blasse Zeichnung, vor den Fenstern.
Sie konnte sich gar nicht znrechtfinden. Wo