Heft 
(1898) 19
Seite
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Ueöer Land und Weer.

M 19

Kranz von Lorbeer und Oliven.Den hat er sich verdient."

Die letzte Station war Dresden, und von hier aus war es denn auch, daß Woldemar ein paar kurze Zeilen an Lorenzen richtete.

Lieber Lorenzen. Seit einer halben Stunde sind wir in Dresden, und ich schreibe diese Zeilen angesichts des immer wieder schönen Bildes von der Terrasse aus, das auch aus den Verwöhntesten noch wirkt. Wir wollen morgen in aller Frühe von hier sort, sind um zehn in Berlin und um zwölf in Gransee. Denn ich will zunächst unser altes Stechlin Wiedersehen und einen Kranz am Sarge niederlegen. Bitte, sorgen Sie, daß mich ein Wagen auf der Station erwartet. Wenn ich auch Sie persönlich träfe, so wäre mir das das Erwünschteste. Es plaudert sich unterwegs so gut. Und von wem könnt' ich mehr und zugleich Zuverlässigeres erfahren, als von Ihnen, der Sie die letzten Tage mit durchlebt haben werden. Meine Frau grüßt herzlichst. Wie immer Ihr alter, treu und dankbar ergebenster Woldemar v. St."

Um zwölf hielt der Zug auf Bahnhof Gransee. Woldemar sah schon vom Coupe aus den Wagen; aber statt Lorenzen war Krippenstapel da. Das war ihn: zunächst nicht angenehm, aber er nahm es bald von der guten Seite.Krippenstapel ist am Ende noch besser, weil er unbefangener ist und mit manchem weniger zurückhält. Lorenzen, wenn er dies Wort auch belächeln würde, hat einen diplo­matischen Zug."

In diesem Augenblick erfolgte die Begrüßung mit dem inzwischen herangetretenenBienenvater", und alle drei bestiegen den Wagen, dessen Verdeck zurückgeschlagen war. Krippenstapel entschuldigte Lorenzen,er habe eine Trauung", und so wäre denn alles vorzüglich gewesen, wenn unser treff­licher alter Museumsdirektor nur vor Antritt seiner Fahrt nach Bahnhof Gransee von einer Heraus- besserung seines äußeren Menschen Abstand genommen hätte. Das war ihm aber unzulässig erschienen, und so saß er denn jetzt dem jungen Paare gegenüber, an- gethan mit einem Schlipsstreifen und einem großen Chemisettevorbau. Der Schlips war so schmal, daß nicht bloß der zur Befestigung der Vatermörder dienende Hemdkragen in seiner ganzen Höhe sicht­bar wurde, sondern leider auch der aus einem keilartigen Ausschnitt hervorlugende Adamsapfel, der sich, wie ein Ding für sich, beständig hin und her bewegte. Die Verlegenheit Armgards, deren Blick sich, sehr gegen ihren Willen, unausgesetzt aus dies Naturspiel richten mußte, wäre denn sicherlich auch höchst bedrohlich gewachsen, wenn nicht Krippen­stapels unbefangene Haltung schließlich über alles wieder hinweggeholsen hätte.

Dazu kam noch, daß seiner Unbefangenheit seine Mitteilsamkeit entsprach. Er erzählte von dem Be­gräbnis und wer vom Grasschaftsadel alles dagewesen sei. Dann kam Thormeyer an die Reihe, dann Katzen­stein und die Domina und zuletzt auchlütt Agnes."

Des Kindes müssen wir uns annehmen," sagte Armgard.

Wenn du daraus dringst, gewiß. Aber es liegt schwieriger damit, als du denkst. Solche Kinder, ganz im Gegensatz zur Pädagogenschablone, muß man sich selbst überlassen. Der gefährlichere Weg, wenn überhaupt was Gutes in ihnen steckt, ist jedesmal der bessere für sie. Dann bekehren sie sich aus sich selbst heraus. Wenn aber irgend ein Zwang diese Bekehrung schaffen will, so wird meist nichts draus. Da werden nur Heuchelei und Ziererei geboren. Eigner freier Entschluß wiegt hundert Erziehungsmaximen auf."

Armgard stimmte zu. Krippenstapel aber fuhr in seinem Berichte fort und erzählte von Kluckhuhn, von Uncke, von Elfriede; Sponholz werde in der nächsten Woche zurückerwartet, Koseleger und die Prinzessin seien ein Herz und eine Seele, besonders und das sei das neueste seit man für ein Rettnngshaus sammle. Seitens des Adels werde fleißig dazu beigesteuert; nur Molchow habe sich ge­weigert:so was schaffe nur Konfusion".

Um zwei traf man in Schloß Stechlin ein. Woldemar durchschritt die verödeten Räume, verweilte kurze Zeit in dem Sterbezimmer und ging dann in die Kirchengruft, um da den Kranz an des Vaters Sarge niederzulegen.

Au: späten Nachmittag erschien auch Lorenzen

und sprach Zunächst sein Bedauern aus, daß er einer Amtshandlung halber (Kossäth Rohrbeck habe sich wieder verheiratet) nicht habe kommen können. Er blieb dann noch den Abend über und erzählte vielerlei, zuletzt auch von dem, was er dem Alten feierlich habe versprechen müssen.

Woldemar lächelte. Die Zukunft liegt also bei d i r."

Und dabei reichte er Armgard die Hand.

XI. VI.

Armgard hatte sich von der im Stechliner Hause herrschenden Weltabgewandtheit angeheimelt gefühlt. Aber der Gedanke, hier ihre Tage zu verbringen, lag ihr vorderhand doch noch fern, und so kehrte sie denn, kurz nach Ablauf einer Woche, nach Berlin zurück, wo mittlerweile Melusine für alles gesorgt und eine ganz in Nähe von Woldemars Kaserne ge­legene Wohnung gemietet und eingerichtet hatte.

Das war am Belle-Allianceplatz. Als das junge Paar diese Wohnung bezog, ging die Saison bereits auf die Neige. Die Frühjahrsparaden nahmen ihren Anfang und gleich danach die Wettrennen, an denen Armgard voller Interesse teilnahm. Aber ihre Freude daran war doch geringer als sie geglaubt hatte. Weder das Großstädtische noch das Militärische, weder Sport noch Kunst behauptete dauernd den Reiz, den sie sich anfänglich davon versprochen, und ehe der Hochsommer heran war, sagte sie:Laßmich's dir gestehn, Woldemar, ich sehne mich einigermaßen nach Schloß Stechlin."

Er hätte nichts Lieberes hören können. Was Armgard da sagte, war ihm aus der eignen Seele gesprochen. Liebenswürdig und bescheiden wie er war, stand ihm längst fest, daß er nicht berufen sei, jemals eine Generalstabsgröße zu werden, während das alte märkische Junkertum, von dem frei zu sein er sich eingebildet hatte, sich mehr und mehr in ihm zu regen begann. Jeder neue Tag rief ihm zu:Die Scholle daheim, die dir Freiheit giebt, ist doch das beste." So reichte er denn feine Demission ein. Man sah ihn ungern scheiden, denn er war nicht bloß wohlgelitten an der Stelle, wo er stand, sondern überhaupt beliebt. Man gab ihm, als sein Scheiden unmittelbar bevorstand, ein Abschiedsfest, und der ihm besonders wohlwollende Kommandeur des Regiments sprach in seiner Rede von denschönen, gemeinschaftlich durchlebten Tagen in London und Windsor".

All die Zeit über waren natürlich auch die von solcher Uebersiedlung unzertrennlichen kleinen Mühen und Sorgen an das junge Paar herangetreten. Unter diesen Sorgen Lizzi hatte abgelehnt, weil sie die große Stadt und dieBildung" nicht missen mochte war das Ausfindigmachen einer Kammer- jnngfer mit in erster Reihe gewesen. Es traf sich aber so glücklich, daß Portier Hartwigs hübsche Nichte mal wieder außer Stellung war, und so wurde diese denn engagiert. Melusine leitete die Verhandlungen mit ihr.Ich weiß freilich nicht, Hedwig, ob es Ihnen da draußen gefallen wird. Ich hoff' es aber. Und Sie werden jedenfalls zweierlei nicht haben: keinen Hängeboden und keinen ,Ankratz', wie die Leute hier sagen. Oder doch nicht mehr davon, als Ihnen vielleicht lieb ist."

Ach, das ist nicht viel," versicherte Hedwig halb schäm-, halb schalkhaft.

Am 21. September wollte das junge Paar in Stechlin einziehen und alle Vorbereitungen dazu waren getroffen: Schulze Kluckhuhn trommelte sämt­liche Kriegervereine zusammen (die Düppelstürmer natürlich am rechten Flügel), während Krippenstapel sich mit Tucheband über ein Begrüßungsgedicht einigte, das von Rolf Krakes ältester Tochter gesprochen werden sollte. Die Globsower gingen noch einen Schritt weiter und bereiteten eine Rede vor, darin der neue junge Herr als einer derIhrigen" be­grüßt werden sollte.

Das alles galt dem Einundzwanzigsten.

Am Tage vorher aber traf ein Brief Melusinens bei Lorenzen ein, an dessen Schluß es hieß:

Und nun, lieber Pastor, noch einmal das eine. Morgen früh zieht das junge Paar in das alte Herrenhaus ein, meine Schwester und mein Schwager. Erinnern Sie sich bei der Gelegenheit unsers in den Weihnachtstagen geschloffenen Paktes: es ist nicht nötig, daß die Stechline weiterleben, aber es lebe der Stechlin.

Luftschlösser.

Bis es in Luft zerfloß.

Die Kungersteine.

Roman

Gertrud Aranke-Schievetöein.

(Fortsetzung.)

^arum machst du denn plötzlich so ein ver- ^ schlagenes Gesicht?" unterbrach Lotte ihre

Rede.

Ich ahne o ihr Frauen! Es läuft auf ein Heiratsprojekt hinaus, was?"

Ach, Schatz, das wäre leider ganz aussichtslos. Jip ist noch immer alleiniger Favorit."

Ein Favorit in Duodez"

Ja, siehst du, unser guter Wedekind ist neben unsrer Kläre-Germania eben auch ein bißchen Duodez. Und ich fürchte, über den halben Kopf, den er weniger hat als sie, kommt sie niemals weg."

Da Hab' ich doch eine bessere Meinung von ihr."

Du kennst uns nicht, Schatz. Und besonders in dem Alter! Da kann ein Leberfleck am Kinn, oder eine etwas zu kühne Locke, oder eine lispelnde Aussprache uns einen Engel verleiden. Später ändert sich das freilich. Da setzen wir uns über alles mögliche fort."

Er verneigte sich mit ironischem Lachen.Danke!"

Sie verstand nicht gleich, lachte aber dann mit und schlug ihm leicht mit der Postkarte auf die Hand. Du bist nicht gemeint. Uebrigens warum zer­brechen wir uns den Kopf um den armen Wede­kind? Der wird von den Berghauers nichts mehr wissen wollen."

Hubert schwieg, und Lotte fragte nach einer Pause:

Hast du nichts von ihm gehört seit unsrer Ver­lobung?"

Er hat mir geschrieben," sagte Hubert kurz.

Gratuliert?"

Na das weniger."

Hubert," meinte sie zaghaft,nicht wahr, er hat sich über mich beklagt?"

Ueber dich?" fragte er ganz erstaunt.

Sie errötete.Siehst du, Schatz, ich hab's ja wohl gemerkt. . . seine Briefe! Und schon immer, ehe ich dich kannte. . . Und da ich dich aufgegeben hatte und ruhig geworden war, da hatte ich mir ge­dacht: ein guter Mensch ist er ja. An seiner Seite wirst du dich ruhig weiterentwickeln können in deiner Kunst. Er stört ja keinen, macht keine Ansprüche, läßt jeden auf seine Fa^on selig werden. Und da­mals war mir's um weiter nichts zu thun. . . Bis wir dann auf der Rückreise dich trafen und alles anders kam."

Sie wunderte sich, daß Hubert dies kleine Be­kenntnis so ernst aufnahm. Sie kannte ihn nun schon genug, um zu wissen, daß er etwas in sich verarbeite, wenn er so an seiner Lippe nagte.

Endlich legte sie ihre kleine, warme Hand fest auf seine zusammengeballte Faust. Da sah er auf, in ihr junges, Helles Gesicht.Was grübelst du?" fragte sie.

Er strich sich über die Stirn.Ich dachte einen Augenblick: besser, du hättest sie nie wiedergesehn!" Hubert!"