310
Weber Land und Meer.
.M 19
war sie nur? Was war geschehen? Was hatte sie verbrochen, daß ihr diese tödliche Angst wie ein Alp ans dem Herzen saß und drückte und würgte?
Sie lag ganz regungslos und besann sich. Und allmählich kam ihr Stück um Stück die Erinnerung des Traumes.
Sie hatte im Garten ihres Vaters gestanden und Rosen geschnitten für Hubert, Rosen und wieder Rosen, rote, rosa, gelbe. Sie türmten sich um sie ans, sie quollen über den Rand des Korbes hinweg; aber die Stöcke wurden nicht leerer — ihre Arbeit nahm kein Ende.
Auf einmal fühlte sie, daß ein Blick sie traf. Sie wandte den Kopf. Da stand auf der Straße vor dem Gitter die junge, blasse Frau im schwarzen Kleide und sah ihr zu.
Und der Blick dieses sanften, traurigen Gesichts hatte ihr so ins Herz geschnitten, daß sie hingelausen war und alle ihre Rosen über sie ausgeschüttet hatte.
Da aber war die Frau hocherhobenen Hauptes znrückgetreten. „Wohlthaten?" hatte sie in flammendem Zorn gerufen. „Räuberin! Gieb mir mein Recht!"
Diesen Traum wurde Lotte gar nicht wieder los. Sein Zusammenhang mit dem Briefe ihres Vaters lag ja auf der Hand. Und ob die junge Frau nun wirklich „Johanna" war, wie Lotte einen Augenblick gedacht hatte, oder eine gleichgültige kleine Schneiderin oder Putzmacherin — Lottes Phantasie bemächtigte sich ihrer. Bisher hatte sie nur ins Blaue hinein gehaßt und gefürchtet. Jetzt nahm der drohende Schatten Gestalt an, wurde Fleisch und Blut.
Hubert bemerkte zuweilen eine leise, nervöse Unruhe an seiner Frau.
Er selber, dem alles, was er sah und erlebte, zum Studienobjekt diente, war vollauf mit Einheimsen beschäftigt. Dies scheinbare Genießen war für ihn strenge, zielbewußte Arbeit. An jedem Abend ging er an der Hand von Reisebuch und Karte die Eindrücke des Tages durch, buchte den Gewinn und machte seinen Plan für die Aufgabe des nächsten Tages. Und immer war er mit voller Spannkraft bei der Sache; ja, je mehr er sich zumutete, desto frischer, heiterer, glücklicher schien er zu sein.
Lotte aber kam nicht auf ihre Kosten. Kaum fand sie Zeit, ein Skizzchen aufzunehmen; denn Hubert drängte rastlos weiter. Lange bedachte sie sich, ihm die Freude zu stören. Aber die Sehnsucht nach Arbeit, nach Pflichten, nach ihrem eignen Nest wurde zuletzt unbezwinglich.
Endlich wagte sie's, ihm ihren Wunsch mitzuteilen. Und wie erlöst atmete sie auf, als sie nach sechs Wochen zu Hause anlangten.
Es ging nun schon in den Winter.
Sie waren fast ein halbes Jahr verheiratet, und Charlotte hatte Gelegenheit gehabt, ihre Hcmsfrauen- talente zu erproben.
Sie hatte sich schon als Braut davor gefürchtet, aber es nahm sie doch alles noch viel mehr in Anspruch, als sie sich je hatte vorstellen können.
Ach — und es war so anders — so, als wenn sie förmlich ganz von neuem angefangen hätte zu leben und nun dumm und kindisch herumtappte in einer ihr unbekannten Welt.
Bisher hatte sie fast nur mit Gehirn und Nerven gearbeitet. Jetzt hieß es, vorzugsweise Muskeln und Gedächtnis anzuspannen. Sie konnte des Abends oft kaum mehr auf den Füßen stehen vor Müdigkeit. Die Augen fielen ihr zu. Der Kopf summte ihr, und sie war nicht im stände, die Gedanken festzuhalten.
Das vornehmste Gebot bei ihrem künstlerischen Schaffen war gewesen: sich sammeln, das ganze Wesen konzentrieren auf einen Punkt. Und wenn sie sich dann so recht hineingegraben hatte in ihre Aufgabe, fo war eine weltabgeschiedene Feierstimmnng über sie gekommen. Sie fühlte sich wachsen. Es dehnte sich etwas in ihr, reckte die Flügel — empor!
Und wenn sie endlich in süßer Abspannung sich auf ihrer Chaiselongue hinstreckte — ach, so wußte sie doch, warum sie sich heute gequält hatte. Es war doch etwas auf dem Papier, der Leinwand oder auch bloß in ihrem Kopf. . . ein Verfehltes vielleicht, das sie am nächsten Tag wieder umstoßen, besser machen würde. Aber der innere Gewinn,
der kleine Fortschritt, das Bewußtsein, gerade an ihren Fehlern gelernt zu haben, das blieb.
Dann sah sie wohl müde dem „sterbenden Sklaven" ins Gesicht. Und etwas von dem Erlösungsfrieden, von dem seligen Ausruhen nach schwerem Tagwerk — der tiefste Zauber dieses Jünglingskopfes — kam leise über sie.
Sie träumte dann weiter, still in die Zukunft hinein. Das Höchste sollte es sein. Nichts, was dem Geschmack der Menge schmeichelt, Ruhm und Geld bringt.
Sie wunderte sich selbst wohl, daß ihr so jeder Ehrgeiz fehlte. Nur vor ihrem eignen künstlerischen Gewissen sollte es bestehen. Nur echt sollte es fein, nur tief, nur Natur. So echt und tief wie die Gedichte von Hubert Schwarz, an denen ihr eignes dunkles Streben ihr erst deutlich geworden war.
Sie hatte sich ihr Zimmer möglichst ähnlich dem in Dresden einrichten lassen. Das Sofa mit den weichen Atlaskissen, das Eisbärenfell, der kleine vernickelte Ofen, durch dessen Glasscheiben jetzt so gemütlich die rote Glut schien, die Marmorbüste, ihre Lieblingsbilder — alles war da, in fast gleicher Aufstellung. Nur war das Zimmer höher, größer, dunkler und die Aussicht — auf einen eleganten Renaissancebau mit grünen Jalousien — nicht zu vergleichen mit dem freien Blick ans ihrem breiten, blumengeschmückten Erkerfenster.
In der Dämmerstunde überdachte sie jetzt auch oft ihr Tagewerk, das ihr bleischwer in den Gliedern lag. Dann war's ihr, als habe sie Wasser in einem Sieb geschöpft. Gearbeitet von früh bis spät — ohne Nutzen.
Sie wußte genau, woran das lag. Die Wohnung, mit ihren unendlich langen Korridoren nach Berliner Art, war weitläufig und unbequem. Um überall nach dem Rechten zu sehen, mußte sie von früh bis spät auf den Füßen sein. Und wie es staubte in dieser großen Stadt! Und Lotte hatte es niemals ausgehalten in einem Raum, der nicht blitzsauber war bis zum letzten Winkel.
Dazu die Ansprüche der beiden stattlichen Mädchen, die die Vermieterin ihr als wahre Prachtexemplare angepriesen hatte, die a eonto ihrer Vortrefflichkeit einen ungewöhnlich hohen Lohn bekamen und es mehr mit Putzen, Schwatzen, Spazierengehen hielten als mit der Arbeit.
Und endlich — die Magenfrage! Die gleichgültigste, nebensächlichste, brutalste Notwendigkeit trat jetzt, seit sie Frau war, mit der Prätension auf, die Hauptsache im Leben zu sein.
Allmählich erschien Lotten ihr Wirken wie ein ewiger, fruchtloser Kampf gegen Hunger, Staub, Schmutz, Rost und Motten. War der Hydra ein Kopf glücklich abgeschlagen, gleich wuchsen ihr zehn neue. Mit jedem Morgen ging alles von vorn an, das Zimmerreinigen, Staubwischen, das Besorgen des Frühstückstisches — und riß nicht ab bis spät abends.
Und beim Einschlafen dachte sie dann noch an allerlei, was morgen, aus die Gefahr peinlichster Verlegenheiten hin, nicht vergessen werden dürfe. Oder ein kleiner Aerger mit den Mädchen, die bei aller äußeren Manierlichkeit doch das bekannte Berliner „Mundwerk" hatten, spukte in ihr nach.
Sie hatte manchmal das Gefühl, als stecke sie in einem unsichtbar feinen, doch dichten und unzerreißbaren Netz. Als sei ihre schöne Freiheit, zu denken, zu thun, sich zu regen nach ihrem Gefallen, auf immer dahin.
Also das ist das vielgerühmte deutsche Frauenleben! dachte sie oft verwundert. Das ist das Ideal der Männer, die Sehnsucht der jungen Mädchen? Darin finden so viele Tausende von Frauen volle Befriedigung? Wo blieb denn in all diesem zersplitternden, winzigen, kleinlichen Thun die Zeit, ja die Möglichkeit, sich einmal zu erheben über sich selbst, über .den ewigen.Alltag, über das ewige Kleine hinaus?
Und wenn alle diese Dinge mit Schweiß,
Sorgen, Angst geschafft waren — was war dann erreicht? Nur eben der Boden bestellt, aus dem das Leben herauswachsen, sich entfalten, blühen und Frucht tragen sollte! Und damit waren sie zufrieden! Weil sie's nicht anders kannten. Sie aber wußte, was leben heißt.
Und doch hatte sie sich resigniert.
Aber das war eine lange Geschichte voll schwerer Kämpfe, voll heimlicher, bitterer Auflehnung, voll stillen Grolls — endlicher Ergebung.
Ganz harmlos unschuldig hatte sie im Anfang versucht, zu malen, wie sie's von Hause gewöhnt war. In einem neben dem Schlafzimmer gelegenen kleinen Raum, der eigentlich zum Schrank- oder Ankleidezimmer bestimmt war, hatte sie ihre Geräte aufgebaut und eine von der Reise mitgebrachte Skizze auszuführen begonnen. Sie war besonders zeitig aufgestanden, hatte die Morgenarbeit überwacht und es dann in köstlichem Künstlerleichtsinn darauf ankommen lassen, wie es gehen wollte.
Und sie hatte leidlich Glück gehabt. Das Mittagbrot war genießbar gewesen, Hubert hatte sich über ihren Eifer gefreut und sie ermuntert, fortzufahren. Zwar war das Mädchen alle Augenblicke zu ihr hereingeplatzt mit Fragen und Meldungen, aber das wollte sie ihr schon abgewöhnen.
Allmählich aber waren doch die Dämonen über sie gekommen. Sie hatte strengen Befehl gegeben, sie auf keinen Fall zu stören. Und dann hatte sie nichts mehr gesehen als ihr Bild, hatte keine Ohren für alles, was sonst noch im Hause geschehen mochte.
Daß drüben im andern Seitenflügel ein junger Tagedieb aufgetaucht war und um jeden Preis die Aufmerksamkeit der jungen, hübschen Frau auf sich zu lenken suchte, daß manchmal seltsam brenzliche Gerüche sich aus der Küche herüberstahlen, daß Scherben klirrten, die Flurglocke mehrfach ertönte und fremde Stimmen auf dem Korridor zu hören waren — was kümmerte sie das!
Hubert hatte noch immer leidlich gute Miene gemacht. Er sah, wie glücklich sie war, und gönnte ihr's mit liebevollem Verständnis.
Eines Tages aber war's doch zum Klappen gekommen.
Wie in halbem Traum hatte sie empfunden, daß es heut außerhalb ihrer Klause besonders unruhig zugegangen sein mußte. Des Hausmädchens „Gnädige Frau, das Essen ist aufgetragen," hatte ihr auch anders als sonst geklungen.
Hubert saß schon, die Serviette auf den Knieen, am Tisch, als sie, noch voll von ihren Ideen wie von süßem Wein, zu ihm eintrat. O weh! Da stand ein Gewitter über seinen dichtgefalteten Brauen. Und die Auguste hatte heiße Backen und trug die Miene einer beleidigten Königin zur Schau, als sie die Suppe auf den Tisch setzte.
Als sie hinaus war, strich Lotte Hubert über das dunkle Haar und küßte ihn auf die Stirn. „Du hast warten müssen, Schatz? Entschuldige nur! Ach Gott, war ich im Zuge! Und es wird, Schatz! Ich bin so froh!"
Sie that ihm aus und war in ihrer innerlichen Befriedigung so liebenswürdig, daß er sich die größte Mühe gab, ihr seine Verstimmung zu verbergen. Doch war's schon der höchste Grad von Selbstbeherrschung, daß er schwieg und mit der dünnen und versalzenen Suppe zugleich den Tadel über dies mißratene Kochprodukt hinunterschluckte.
„Mein Gott!" rief Lotte nach dem ersten Löffel erschrocken, „was ist denn da wieder passiert? Wie konntest du das hinunterbringeu, Hubert?"
Er zuckte die Achseln. „Du weißt, über so geringfügige Dinge spreche ich prinzipiell nicht."
„Du mußt ein Fell auf der Zunge haben, Schatz. Na, hoffentlich ist der nächste Gang besser. Und dann machst du wieder dein gutes Frätzel, Schatz, nicht wahr?"
Sie legte ihm zierlich vor mit den Weißen Händen, innerlich bedrückt durch seine Schweigsamkeit, aber voll Hoffnung, ihn durch ihr munteres Plaudern wieder heiter zu stimmen. Zu ihrem Schrecken schob er jedoch plötzlich den Teller von sich und legte die Serviette zusammen. Und jetzt sah sie erst, wie tief erregt, verärgert und blaß er war.
„Was Haft du, Hubert? Bist du mir böse?"
Er versuchte zu lächeln. „Dir nicht, Kind. Aber noch einen solchen Vormittag halt' ich nicht aus."
Er fuhr sich in Heller Verzweiflung mit der Hand durchs Haar. Es war also, wie es manchmal geht, allerlei zusammengekommen. Störung aus Störung. Erst der Ofenreiniger, dann der Briefträger, dem etwas quittiert werden mußte. Darauf ein Weinreisender, der mit dickfelliger Zähigkeit seine Ware angepriesen hatte und erst durch die