Heft 
(1898) 19
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Aeöer Land und Meer.

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unverblümtesten Grobheiten zum Rückzug bewegt wer­den konnte. Zum Schluß ein englischer Kollege, mit dem er sich nur schwer hatte verständigen können schmerzlich hatte er Lotte dabei als Dolmetscher ver­mißt, und nun sei er fertig, aus aller Stimmung heraus. Und der Tag, den er mit kühnen Plänen begonnen hätte, sei nun ein verlorener für ihn.

Es geht nicht so weiter, Lotti. Ich muß ab­solute Ruhe haben. Meine Zukunft, deine eigne Zukunft hängt davon ab, daß ich ungestört arbeiten kann. Vergiß das nicht. Sorge dafür! Ich bitte dich!"

Und dabei ging er im Zimmer auf und ab, mit gekreuzten Armen, finsterer Stirn und vorwurfs­voller Miene. Als wenn sie allein die Schuld daran trüge, daß die Leute sich alle diesen Tag ausgesucht hatten mit ihren Anliegen!

Sie bedauerte ihn von Herzen. Aber sie konnte keine so arge Zerknirschung empfinden, wie er zu erwarten schien. Diese selbe Verzweiflung, dies Gefühl, als müßten die mißhandelten Nerven reißen, hatte sie oft genug durchgemacht. Aber sie hatte gedacht: es ist nicht anders. Das Leben hat gute und böse Tage. Und es fiel ihr nicht ein, einen Sündenbock für all die dummen Zufälle zu suchen.

Hubert merkte, was in ihr vorging, und in seiner Gereiztheit verdroß es ihn.

Da hatt' ich's ja früher tausendmal besser in meiner armseligen Bude," sagte er scharf.Da wurde doch peinlichste Sorge getragen, daß es mäuschenstill war um mich."

Das war ihm so im Aerger über die Lippen geschlüpft, in dem Bedürfnis, sie zu strafen für ihre Gleichgültigkeit. Im selben Augenblick aber fühlte er, daß er eine Roheit begangen hatte.

Charlotte war totenblaß geworden und starrte ihn aus großen, entsetzten Augen an. Ihr war's, als stände ihr Herz still vor Schreck.

Das Gespenst, das sie schon halb vergessen hatte in ihren Wirtschaftssorgen, da kam es plötzlich her­vorgesprungen, mitten aus dem glücklichsten, fried­lichsten Alltag heraus, und zeigte ihr sein grinsendes Gesicht.

Sie saß ganz still, den Kopf gesenkt, mit leise zitternden Händen. So angstvoll, so ratlos, so ganz und gar wehrlos saß sie da. Da war's ja, was sie schon früher als das Furchtbare, das Demüti­gende ihrer Stellung empfunden hatte: er verglich die Gegenwart mit der Vergangenheit sie, sein Weib, mit jener Frau! Und was sie nie für möglich gehalten hatte der Vergleich war zu Gunsten jener ausgefallen!

Die Reue packte ihn bei ihrem Anblick.Lotti!" rief er, herzlich in ihre heißen, schmerzumflorten Augen sehend,ich hätt' das ja nicht sagen sollen! Ich hab's auch nicht schlimm gemeint! Aber du solltest mal in meiner Haut stecken! Jeder Nerv fliegt mir vor Erregung. . . Und alles wie weggeblasen... Der ganze Akt stand heut früh fertig vor mir. . . nun . . . nichts!"

Er beugte sich zu ihr hinab und küßte ihre Augen, aus denen jetzt große, schwere Thränen quollen.

Ach, gerade eben, da er ihr weh gethan hatte und selber so unglücklich und gequält aussah und ihr doch weich und abbittend ins Gesicht blickte, schwoll ihre Liebe in nie gefühlter Leidenschaft in ihr auf.

Mit schmerzlicher Wonne betrachtete sie seine männlichen, geistreichen Züge. Es hilft nichts, dachte sie, ich bin ihm ganz und gar verfallen, meinem Einzigen, meinem Dichter, meinem Geliebten. Ihn verlieren wäre der Tod.

Hubert," sagte sie leise,ich habe meine Kunst auch lieb."

Mein Lieb, und ich bin so stolz auf dich."

Es wird nicht allzuviel mehr damit werden."

Er redete ihr's eifrig aus. Wenn sie erst ein bißchen mehr eingearbeitet wäre und bessere Mädchen hätte

Sie schüttelte den Kopf.Wenn!" Und dann nach kurzem Kampf:Aber sei ruhig! Ich will wie ein Cerberus vor deiner Thür Wache liegen. Und wehe dem, der sich erdreistet, dich zu stören!"

Und nun versuchte sie's von neuem, Kunst und Hauswirtschaft zu vereinigen, vor allem aber jedes Geräusch, jede Belästigung von Hubert fernzuhalten. Zu ihr mußte jeder kommen, der eine Frage, eine Mitteilung, eine Botschaft hatte.

Warum sollte es nicht gehn? Sie kannte ein Paar glückliche Künstlerehen in Dresden. Freilich, die Leutchen nahmen beide das Leben ein bißchen aus die leichte Achsel, waren aber doch tüchtig und strebsam in ihrer Kunst und teilten sich redlich in die unvermeidlichen kleinen Lasten und Unbequem­lichkeiten, die nun mal zum Dasein gehören.

koiupe LunLdre.

Mut von Szczepanski.

DMor einem Jahr ungefähr starb in Rom der Schrift- steller Konrad Telmann. Solange er lebte, ist er ein unermüdlicher Arbeiter gewesen, trotzdem ihn schon seit vielen Jahren ein Brustleiden quälte, also Ehre seinem , Angedenken. Auch ein hübsches Talent ging mit ihm zu ! Grabe, ein gewandter Erzähler, mehr freilich nicht. Das I Plötzliche seines Todes er wurde von einem Blutsturz befallen, als er sich anschickte, in fröhliche Gesellschaft zu ! gehen drückte seinem Scheiden vielleicht auch stärker, als ^ ihn der Tod im allgemeinen trägt, den Stempel des Tragi- ! scheu auf. Trotzdem rang seine Witwe, die bekannte Malerin Hermine von Preuschen, sich die Kraft ab, noch in der Todesnacht ein Porträt des Verewigten zu malen. So

stand es damals in allen Zeitungen zu lesen; lassen wir ununtersucht, wer nicht nur die Kraft hatte, angesichts des Todes zu malen, sondern auch angesichts des Todes eine stark nach Reklame ausschauende Zeitungsnotiz zu lancieren.

Vor einigen Monaten wurde mir von nach Deutschland zurückkehrenden Rompilgern erzählt, Hermine von Preuschen treibe einen wunderlichen Kultus mit dem Andenken ihres verstorbenen Gatten. Sie habe seine Totenmaske mit den Farben des Lebens angestrichen, sie auf ein Ruhebett ge­legt, eine Decke darüber gebreitet, so daß es den Eindruck mache, als liege ein menschlicher Körper auf dem Ruhebett, und im künstlich hergestellten Zwielicht lehne sie ihre Wange an die gipserne Totenmaske und halte Zwiesprache mit dem Abgeschiedenen. Ihrem und des Toten Kinde aber sage sie Herzlosigkeit nach, weil das arme Wurm nur mit Widerstreben in diesen dem merkwürdigen Kultus geweihten Raum hineinzuschleppen sei.

Das alles klang ziemlich unglaubwürdig. Wär's aber wirklich wahr gewesen, so hätte es auch die Oesfentlichkeit noch nicht weiter zu beschäftigen brauchen. Höchstens hätten vielleicht einige gute Freunde Konrad Telmanns sich ver­pflichtet fühlen können, einen Versuch zu machen, ob es nicht möglich sei, sein Kind den Einflüssen einer unverständigen Mutter so lange zu entziehen, bis diese zur Vernunft ge­kommen. Daß diese guten Freunde bisher noch keinen Schritt unternommen hatten, des Toten wehrloses Kind gegen einen solchen Ansturm auf seine Nerven zu sichern, war mir eigentlich ein Beweis, daß die ganze an und für sich ja ziemlich unwahrscheinliche Geschichte zum mindesten stark übertrieben sein müsse.

Jetzt aber macht Hermine von Preuschen Anstalten, ihren merkwürdigen Totenkultns aus dem halbverdunkelten Zimmer hinaus in die Oesfentlichkeit zu tragen. Sie, die nicht nur Malerin ist, sondern auch Dichterin zu sein glaubt, hat im Verlag von Karl Reißner, Leipzig, zwei gleich ausgestattete Bändchen erscheinen lassen auf dunkelm Untergrund den buntesten Trauerpomp, deren eines hinterlassene Gedichte Konrad Telmanns, deren andres Her­mine von Preuschens selbstgefertigte Trauergedichte als Requiem für Konrad Telmann" enthält. Ueber die ersteren, unter dem bombastischen TitelVon jenseits des Grabes" erschienenen, ist nur soviel zu sagen, daß sie ganz tüchtige Arbeiten, aber keineswegs geeignet sind, dem Namen des Verstorbenen mehr Klang zu geben, als er bereits vordem hatte. Es ist starke, aber vielleicht verzeihliche Ueberschätzung dieser Gedichte, wenn Hermine von Preuschen in der Vor­rede von ihnen erhofft:Möchten diese letzten Lieder des allzu jung, mitten im Aufstieg, aus Leben und Schaffen fortgerissenen Dichters dazu beitragen, Konrad Telmann auch als Lyriker seinem Volk, das er über alles liebte, Gemein­gut werden zu lassen; daß, nennt man die größten lyri­schen Dichter unsrer Zeit, der Name des Sängers und Sehers ,Von jenseits des Grabes' an erster Stelle mit­genannt werde."

Wenn Hermine von Preuschen ihren Gatten überschätzt, so ist das kein Verbrechen. Wenn sie aber die Trauer um den Dahingeschiedenen in die Form einer die Oesfentlichkeit beleidigenden Geschmacklosigkeit kleidet und die Ueberschätzung ihres Gatten ihr nur als Folie für ihre eigne Selbst­überschätzung dient, dann muß sich die Frau, die Künstlerin, die Dichterin, ja sogar die trauernde Witwe eine energische Zurückweisung gefallen lassen. Das BändchenNoch ein­mal mors Imperator, ein Requiem für Konrad Telmann" ist vom Einband und dem Titel bis zu jedem Vers und jedem Gedanken darin nichts wie eine ungeheuerliche Ge­schmacklosigkeit, die elektrische Beleuchtung einer posierenden und selbst vor Lächerlichkeiten nicht zurückschreckenden Eitel­keit. Man kennt Hermine von Preuschen bereits unter einigen Namen. Als Mädchen nannte sie sich schlichtweg Hermine von Preuschen. Dann heiratete sie zum erstenmal

und hätte sich kurzweg Frau Schmidt nennen können. Aber sie zog es vor, den klangvolleren Namen Hermine Schmidt von Preuschen zu führen. Geschieden, wandelte sie sich in eine Baronin von Preuschen, und wieder verheiratet, setzte sie zur Abwechslung den Namen ihres zweiten Gatten nicht vor, sondern hinter ihren Mädchennamen und nannte sich Baronin von Preuschen-Telmann. Als Witwe hat sie eine neue Namensänderung für nötig gehalten; sie nennt sich nicht mehr schlicht Hermine, sondern klassisch Hermione von Preuschen, und dementsprechend zeigt sie auch in klassischer Haartracht ihr Profil eingangs der dem Andenken ihres Mannes gewidmeten Gedichte.

Dieser Band Gedichte bringt die Bestätigung, daß die eingangs erwähnte Geschichte keine Uebertreibung ist. Her­mine von Preuschen läßt es alle Welt wissen, daß sie in ihrem Totenkultus die Grenze des Geschmacks, der wahren Trauer und der gesunden Vernunft sehr bedenklich über­schritten hat, und indem sie, was krankhaft erscheinen und ihrem Hausarzt zu denken geben müßte, wenn er still be­trieben würde, mit diesem Totenkultus renommiert, ich finde kein milderes Wort, beruhigt sie diejenigen, die sich sonst vielleicht über ihren Zustand beunruhigen würden.

Sie singt:

Und einen Trost noch giebt's, ein einziges Glück!"

Und an die Aufrichtigkeit dieses Schmerzes, an das Vorhandensein dieses Trostes soll man glauben? Wenn Hermine oder vielmehr Hermione von Preuschen sich die dichterische Freiheit nimmt, aus ein paar in der feuchten Gipsmaffe haften gebliebenen Haaren den Bart zu machen, derhold umschmeichelt ihre nassen Wangen", kann man wohl, ohne ihr unrecht zu thun, auch annehmen, daß sie ihrem Schmerz wie ihrem Trost, demEinz'gen", eine künstliche Fülle giebt. Uebrigens muß die Dichterin Nerven haben wie Schiffstaue, daß ihr dieses Spiel mit den arm­seligen Ueberresten eines Toten kein Grauen erregt. Oder- kranke! Aber je mehr man in dem Buche blättert, was in einem Buche mit schlechten Versen, wieAuf ihm all deine Verse schriebst du sie" und andern, immerhin eine Aufgabe ist, um so mehr kommt man zu der Ueberzeugung, daß diese Natur keineswegs aus dem Geleise geraten und deshalb zu bemitleiden ist, sondern daß sie, robust wie nur jemals eine, ein angesichts des Todes doppelt frivoles Spiel mit Empfindungen treibt. Hermione von Preuschen kommt sich interessant vor als trauernde Witwe, und damit sie auch andern interessant erscheine, diese wahnwitzigen Schmerzensschreie und dieser ganze xouixs tuuedre, hohl, äußerlich und flitterhaft. Wäre es anders, so würde die Dichterin nicht so ganz am Aeußerlichen hasten bleiben. So schildert sie die erschütternde Todesstunde ihres Gatten:

Als sie den Toten auf ihr Lager legt, fällt ihr ein, daß dieses Lager seine Vorgeschichte hat, und sie kann nicht umhin, in dem Requiem auf den zweiten Gatten dieser Vorgeschichte zu gedenken:

Mein Eichenbett,

als ich brach mit Gewesenem-"

Aber man darf sich darüber nicht wundern, da in diesemRequiem" von dem Toten überhaupt viel weniger die Rede ist als von der Lebendigen. Nicht nur klagt Hermione von Preuschen:

sondern sie erzählt auch, was sie augenblicklich malt, und versteigt sich dabei zu einem mehr als gewagten Ausdruck schmerzlicher Bitterkeit:

Natürlich mißhandelt auch hier die Dichterin wieder die deutsche Sprache. Aber das erscheint mir nebensächlich. Viel trauriger ist es, daß sie einen so banalen und noch dazu schiefen Gedanken festzuhalten versucht hat. Die That- sache läßt sich ja nicht leugnen, daß sich einem nicht selten