Heft 
(1898) 19
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Ueber Land und Meer.

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in der ernstesten Stimmung der allerunwürdigste Gedanke aufdrängt; aber wirklich ernsthafte Naturen schämen sich dessen und halten den Gegensatz des Banalen zum Er­habenen nicht für geistreich. Auch wie schön sich Hermione von Preuschen geschmückt haben würde, wenn ihr die Trauer nicht dazwischen gekommen wäre, erfahren wir, und damit diese Toilettenpracht in dem Requiem Unterkunft finden kann, wird zum Schluß der Logik ein Schnippchen geschlagen: u - - ß W lt

Drauf eine Silberspitze, breit im Todesthal gepflückt."

Warum denn im Todesthal gepflückt? Als Konrad

nur, wenn die Empfängerin der Silberspitze plötzlich verblichen wäre. Aber Hermione von Preuschen lebt, und der Leser ihrer Gedichte gewinnt die feste Ueberzeugung aus ihnen, daß sie dieorange Seide in Empire" mit schwarzem Pelzbesatz und Silberspitzen sogar noch einmal tragen wird, wenn Empire nämlich nicht ganz aus der Mode kommen sollte. Aber dann wird das Kleid umgeändert; das bietet gerade beiEmpire" keine unüberwindlichen Schwierigkeiten.

Vielleicht glaubt Hermione von Preuschen, daß der Schmerz nur zu künstlerischer Wirkung gelangen könne, wenn er in möglichster Uebertreibung zum Ausdruck kommt.

in Todeswunden mein Herz sich bäumt-"

oder auch:

und kinderthöril^t sehnt und träumt-"

Wenn man das Alter eines Herzens an seinen Er­fahrungen mißt, und gewiß geben die den einzigen Maßstab, unterschätzt sich Hermione von Preuschen ganz sicher, wenn sie das ihrigekinderjung" nennt. Die citierten Uebertreibungen aber wirken wie eine Blasphemie, wenn man dicht daneben den Operettenrefrain liest:

Es wäre besser um das Andenken Konrad Telmanns bestellt gewesen, wenn Hermione von Preuschen ihm nicht das Requiem gesungen, wenn sie nicht diese geschmacklosen Ausbrüche ihres Schmerzes in die Welt hinausgeschrieen hätte, von denen sie in unbegreiflicher Verblendung selber

sagt: ^ ^ it^^^ b^Ee^ ^ i

(LLlenachs Richard Wagner-Aluferrm.

Matter Uaetorv.

(Siehe die Abbildungen Seite 30S.)

art am Fuße der Wartburg hat sich vor mehr als dreißig Jahren Fritz Reuter ein Heim gegründet. Nach den Stürmen des Lebens wollte er hier Ruhe und Frieden finden. Und wer jetzt aus den Gassen der alten Stadt Eisenach hinauswandert und dann wie mit einem Schlage am Ende der Wartburgchaussee in ein herr­liches deutsches Waldmärchenreich sich versetzt sieht, der wird gern an Fritz Reuters Villa Halt machen. Der Blick schweift hier ringsum, und wo er gefesselt bleibt, trifft er auf Wälder und Höhen; hieraus wendet er sich zu dem beherrschenden Mittelpunkt des Eisenacher Landschaftsbildes, der schönsten deutschen Burg, der trotzigen und doch so holden Wartburg; an den Villen und kleinen Häuschen im Thal bleibt er haften; zur Natur und zur Erinnerung an köstlichste Kunst wird er geführt. Hier rasten, heißt ein Stück ewigen Lebens genießen.

Fritz Reuter hat sich nicht allzulange der Gunst eines herrlichen Winkelchens Erde erfreuen dürfen; 1863 zog er nach Eisenach, am 1. April 1868 konnte er seine eigne Villa dort, hart am Fuße der Wartburg, zur Heimstätte seines Lebensabends weihen, und schon 1874 schied er aus dem Leben. Dann hat seine Frau Luise des Erbes treulich gewaltet, und oft genug wurde die Frage aufgeworfen, was nach ihrem Tode aus dieser in ihrer äußerlichen Architektonik sehr gefälligen, ihrer inneren Einrichtung nach nicht ganz einwandsfreien, aber durch ihren ersten Besitzer jedem Deutschen wert gewordenen Wartburgvilla werden würde. Reuters Witwe fand aus diese Frage eine Antwort, die allseitig freudig begrüßt ward: sie setzte die Deutsche Schillerstiftung zur Erbin

des Hauses, des Inventars und des ganzen Grund­stücks ein. Diese hochherzige letztwillige Verfügung mag sie wohl in dem Gedanken getroffen haben, daß das Gut ihres Heimgegangenen Gatten, der so viele böse Stunden hatte über sich ergehen lassen müssen, nirgends besser auf­gehoben sein könne als bei einer Stiftung, die nur den einen Zweck kennt, Elend und Not zu lindern und Schrift­steller ihrer Sorgen zu entheben; und so lag für die Erbin der Gedanke nahe, in diesem Sinne das Reuter-Haus in ein Schriftstellerasyl umzuwandeln. Dazu sollte es aber nicht kommen. In Eisenach war der Plan aufgetaucht, ein Richard Wagner-Museum zu errichten, und fiir dieses benötigte die Stadt eines geeigneten Heims. In der Renter-Villa glaubte man es gefunden zu haben; es wurden Verhandlungen mit der Schillerstistung wegen Erwerbs der Villa angeknüpft, und das Ergebnis war, daß die Villa zum Kaufpreise von 32 000 Mark in den Besitz der Stadt überging. All das vollzog sich schnell. Am 9. Juni 1894 verschied Frau Luise Reuter; im Herbst desselben Jahres schon wurden die Verhandlungen mit Nachdruck betrieben und dann zu einem verhältnismäßig raschen Ende geführt; die Einrichtung des Richard Wagner-Museums in den Räumen der Reuter-Villa, soweit diese nicht dem An­denken des Dichters selbst gehören, wurde von 1895 an betrieben, und im Sommer 1897 ist das Museum der Öffentlichkeit übergeben worden.

Ein eigentlich Neues hat Eisenach, respektive das Komitee der Stadt, mit dem Museum nicht geschaffen; es ist zu­nächst nur ein Vorhandenes erhalten und verwertet worden. In Wien hatte Herr Nikolaus Oesterlein eine Privatsamm­lung gegründet, in der er, soviel er irgend konnte, alles zusammenbrachte, was in Beziehung zu Richard Wagner zu setzen war. Er speicherte Photographien, Theaterzettel, Billetcoupons, Porträts von Wagner, dessen Freunden, den Künstlern, die seine Gestalten verkörperten, in Hunderten und Tausenden von Exemplaren auf und schuf sich so eine Sammlung von Wagner-Kuriositäten, die des Interessanten eine Fülle bot, wenn sie auch zunächst wohl für ihren Besitzer selbst am meisten zu sagen hatte. Da Oesterlein nicht bei einer Nummertausend" oder irgend an einer andern Grenze Halt machte, wuchs diese Sammlung im Laufe der Jahre ganz außerordentlich an, so daß er sich außer stände fühlte, selbst das begonnene Werk fortzusetzen. Aus einer Sammlung war ein Museum geworden, das zur Er­haltung und Nutzbarmachung vor allem eines eignen Heims bedurfte. Er entschloß sich, seinen mühsam zusammen­gebrachten Besitz zu veräußern, und hatte dabei natürlich zunächst das Ziel im Auge, ihn als Ganzes durch einen Staat oder eine Stadt Zusammenhalten zu lassen. Ver­handlungen, die er führte, kamen aber erst nach geraumer Zeit zum Abschluß, als sich ein Komitee zur Erwerbung des Richard Wagner-Museums formell konstituiert hatte. Die für diesen Zweck erforderliche große Summe von 90 000 Mark durch Privatbeiträge aufzubringen, fiel nicht leicht; es fanden sich jedoch begeisterte Verehrer Richard Wagners, die es wenigstens ermöglichten, die Unterhand­lungen mit Aussicht auf Erfolg in die Wege zu leiten. Es wurden schließlich sogar von einer einzigen Seite, einein Berliner Großindustriellen, nicht weniger als 40 000 Mark zur Verfügung gestellt. Jedoch bestanden in der Beschaffung der Geldmittel nicht die einzigen Schwierigkeiten, um zu einem Abschluß zu gelangen. Gewichtig trat die Frage an das Komitee heran, in welcher Stadt das Museum Unterkunft finden sollte. Weimar und Eisenach strebten zugleich nach dem Besitz; erst nach mancherlei Hin und Her blieb Eisenach Siegerin in diesem Wettstreit, über den im einzelnen der für diese Ausführungen als Quelle benutzte Katalog des Richard Wagner-Museums genaue Mitteilungen bringt.

So ist das Richard Wagner-Museum in die Eisenacher Fritz Reuter-Villa gelangt, und der reiche Besitz von Herrn Nikolaus Oesterlein hat seine eignen Schatzkammern erhalten. In emsiger Arbeit haben ihn die Eisenacher Kuratoren ge­sichtet und gruppiert und in die Räume der Villa über- gesührt. Es dürften Zweifel laut werden, ob der Ertrag dieser emsigen Arbeit ganz ihrem Werte entspricht; der Besucher des Museums wird sich eines ungetrübten, reinen Eindrucks nicht immer erfreuen. Die Ueberfülle in diesem Museum ist wahrhaft erdrückend; zum Einzelgenuß wird nur derjenige gelangen, der wieder und wieder die Räume durchwandelt. Nach der Entstehungsgeschichte des Museums ließ sich freilich kaum etwas andres erwarten; es gehört eben nicht nur der Persönlichkeit Richard Wagners, sondern ich möchte sagen: demBegriff" Richard Wagner. Nicht so sehr des Meisters Individualität tritt uns ent­gegen als eine Fülle von Kleinigkeiten, die nur indirekt mit ihm in Verbindung stehen. Kein Richard Wagner- Museum schlechthin thut sich auf, sondern ein ganzer Kom­plex kleiner Museen, die in einem ebenso äußerlichen wie oft losen Zusammenhang mit jenem stehen. Man hat hier ein Liszt-, ein König Ludwig-, ein Sänger-Museum alles das gewiß nicht ohne Beziehungen zu einem Richard Wagner-Museum, wie man es erwartet, aber immerhin zersplitternde Eindrücke hinterlassend. Allzu gewissenhaft haben die Ordner des Museums diesem Charakter der Sammlungen Rechnung getragen; sie haben einzelnen Per­sönlichkeiten, einzelnen Städten und so weiter besondere Zimmer geschaffen. So entstand hier eine Liszt-Abteilung,

ein König Ludwig-Zimmer, ein Bayreuther Kabinett, von deren allgemeinem Eindruck einige unsrer Abbildungen eine anschauliche Vorstellung geben.

Richard Wagner selbst gehört das erste Zimmer, in das der Beschauer gelangt. Es birgt eine Reihe von Porträts des Meisters, eine Fülle von Bildern solcher Künstler, die als erste die Gestalten seiner Werke verkörperten, daneben Ansichten von Städten, in denen er lebte, weiter aber auch eine Reihe von Gegenständen, die alsWagner-Eigentum" ihren Wert besitzen. Das Klavier befindet sich hier, an dem Richard Wagner Unterricht genoß; ein Taktstock, dessen er sich in Wien 1875 bediente, ist hier aufbewahrt, und als bedeutungsvolle Schätze des Hauses sind handschrift­liche Aufzeichnungen des Meisters ausgestellt, an denen das Museum sonst nicht gerade überreich ist, unter anderm die Korrekturen Richard Wagners in einer Rienzi-Partitur. Mehr als einen Kuriositätswert hat auch der Steck­brief, der in der Zeit der Dresdener Revolution hinter Richard Wagner erlassen ward, und auch die Vermählungs­anzeige mit Frau Cosima möchte man in diesem Raume nicht missen. Die reichsten Wagner-Erinnerungen enthält neben diesem Hauptraume das Bayreuther Zimmer, insofern es den Gedanken an Wagners letztes großes Lebenswerk wieder und wieder weckt. Aufbewahrt ist hier der Feder­halter, mit dem der Meister den ,Ring des Nibelungen' niederschrieb; als künstlerisch hervorragender wiewagnerisch" wertvoller Besitz ist an der Decke die Originalzeichnung zu Professor Robert Krauses Sgraffitogemälde augebracht, das über dem Eingang der Villa Wahnfried sich befindet.

Von den unzähligen Kleinigkeiten, aus die das Auge hier und in den andern Räumen trifft, wird man auch sonst das eine und das andre Stück mit Interesse betrachten, etwa die Theaterzettel für die ersten Ausführungen in Bay­reuth, die Totenmaske Richard Wagners, Cypressen von seinein Grab oder Blüten der BayreutherFremdenindustrie", die Wagner-Papierservietten und ähnliche neuzeitliche Er­zeugnisse. Aber zu einem Richard Wagner-Gesamtbilde schließen sich alle diese Tausende von Kuriositäten doch nicht recht zusammen. In die Sammlung ist allzuviel hinein­bezogen, was ebensogut in jeder andern als einer Richard Wagner-Sammlung Platz finden könnte. Weil Franz Liszts Name unzertrennlich mit dem Lebenswerke Richard Wagners verknüpft ist, hat der Begründer des Museums geglaubt, auch für Liszt im kleinen das leisten zu müssen, was er für Wagner im großen leisten wollte. Nicht nur Por­träts von Liszt aus allen Lebensaltern sieht man, sondern auch Abbildungen seines Geburtshauses, seiner Grabkapelle und eine Fülle von verschiedentlichsten Bildern, die mit Franz Liszt zu thun haben. Und weil der Name König Ludwigs II. von Bayern unzertrennlich mit dem Lebens­werke Richard Wagners verknüpft ist, glaubte der Begründer der Sammlung nun auch für König Ludwig das leisten zn müssen, was er für Richard Wagner leisten wollte. Er verschaffte sich seltene Porträts des Königs, Autographen von ihm, Münzen mit seinem Bildnis, sogar ein Fremden­buch von Hohenschwangau mit der Einzeichuung des Königs, ja noch mehr: er verleibte seiner Sammlung auch Porträts von Persönlichkeiten aus seiner Umgebung ein, wie das des Hoflakaien Mayer -- um von andernKostbarkeiten" ganz zu schweigen. Und wie mit jenen beiden hervor­ragendsten Gestalten, denen man auf Richard Wagners Lebensweg begegnet, verfuhr er auch mit minder wichtigen nach derselben Methode; er sammelte Bilder über Bilder, von Sängern und Kritikern, von Persönlichkeiten Bayreuths, von Werken, in denen Wagnersche Werke künstlerisch be­handelt sind.

Alles das füllt jetzt die Wände und die Glaskasten in den einzelnen Zimmern des Richard Wagner-Museums. Nicht Mappen liegen aus, nicht Konvolute, sondern Stück für Stück ist einzeln ausgestellt, so daß der Besucher am Schluffe seiner Wanderung, bei der ihm ein Bibliothek­zimmer mit Richard Wagner-Schriften genau zu betrachten erspart bleibt, eine schier unendliche Fülle der Gesichte mit­nimmt. Durch das Vestibül schreitet man, sieht eine Wotan­statue und eine Büste Fritz Reuters und weiß, wenn man wieder ins Freie gelangt, nicht recht, warum der Schöpfer der Nibelungen und der Meister norddeutschen Humors zusammenkommen mußten. Da schweift der Blick in die Höhe empor: von der Villa Fritz Reuters, hart am Fuße der Wartburg, strebt man in die Höhe zu der Sängerhalle, die uns jetzt wiederklingt von Richard Wagners Weisen. Und von verschwimmenden Augenblicksbildern wendet sich die Seele zur ewigen Herrlichkeit der Natur, die hier zu ihr spricht aus einen: deutschen Märchenwaldreich.

Sprüche.

Jeder im eigenen Herzen hält

Sein eigen Verständnis für diese Welt;

Für das, was ihm Leben und Sterben gilt,

Und von Erde und Himmel sein eigen Bild.

Nicht hänge mit müßiger Klage Entschwundenen Zeiten nach!

Genieße der Gegenwart Tage

Bewußt und wach! A. Stier.