Heft 
(1889) 12
Seite
194
Einzelbild herunterladen

Seite 194.

Deutschland.

^ 12.

haben mit meine Rachel, will ich verkrümmen nnd der- ! schwarzen, wenn ich soll haben was mit ineine Rachel!"

lind er wand sich wie ein Gewürm unter den Blicken, ^ mit denen mein Freund ihn fixierte.

Schließlich winkten wir ihm, sich zu entfernen, und so schnell seine kleinen, krummen Beine ihn trugen, schlüpfte er zur Thür hinaus.

Mit müßigem Appetite würgten wir die Speisen herunter, ! die durch das ranzige Gänseschmalz einen widerwärtigen Bei- ! geschmack erhalten hatten.

Dann traten wir ins Freie, um unter dem Purpur flam- ! menden Abendhimmel, beim Gezirpe der Heimchen, schweigend nnd nachdenklich unsere Cigarren zu rauchen.

Das arme, elende Geschöpfchen in dem Backtrog drinnen, zwischen dem Branntwein und den Pflaumen, wich mir nicht ans dem Kopfe.

Wie konnte Natur so grausam sein, einem Menschen­wesen zum Dasein zu helfen, wenn sie ihm nicht einmal soviel mitgeben wollte, wie ein räudiger Hund sein eigen nennt? Jede hungrige Bestie findet, wenn sie zur Welt kommt, ein warm­gepolstertes Lager und einen nährenden Mutterbusen, und die­sem Menschenkinde sollte kein Anrecht darauf gegeben sein?

Und schließlich was kann aus diesem Menschenkinde, wenn es sich durchhungert, mehr werden, wie eine hungrige Bestie?

Ich wühlte in meiner Phantasie, denn ich wollte schauen das, was kommen mußte; aber dick und bleiern wie die Nebel, welche die Heide braute uud mit feuchtem Hauche dichter und dichter um uus zusammentrieb, lag ein Vorhang vor meinem Blicke.

Was starrst Du vor Dich hin?" sagte mein Freund, wir können an dem Schicksal des armen Wurmes uichts mehr änderu. Du hast wohl manchmal einen nackten, jungen Spatz gesehen, der aus dem Nest gefallen war und nun im Sande elendig verenden mußte, ohne daß die werkthätige Liebe sämt­licher Kleinkinderbewahranstalten im stände gewesen wäre, ihm Hilfe zu briugeu. Solch eiu armer, nackter Spatz ist jener Backtrogbewohner."

Und giebt es keine Hilfe mehr?"

Er zuckte die Achseln.Rasch müßte sie kommen, diese Hilfe, Muttermilch müßte geschafft werden; aber diese saubere Dorfgenossenschnft will ja das Kind mit Absicht ver­hungern lassen!"

Du glaubst?"

Ich glaube nichts, ich weiß. Und schließlich ist es nicht am besten so? Was meinst Du wohl, was dieses Kindes Schicksal sein würde, wenn es am Leben bleibt?"

Und wenn Rosenzweig sich seiner annimmt! Er und sein Weib haben ja bisher ein Herz dafür gehabt, warum sollten sie nicht auch ferner Mitleid walten lassen?"

Das wäre ein Gedanke," sagte mein Freund;aber die Leute sind so arm, so arm! Du glaubst nicht, wie hart die Armut macht."

Aber wir könnten ja sammeln, den Frauenverein inter­essieren, den Leuten mit Geld unter die Arme greifen."

Das versteht sich," sagte mein Freund;aber vor allein ist Milch von nöten, Muttermilch."

Als wir wieder in den Hausflur traten, sahen wir beim

Scheine des Herdfeuers uusern Wirt, der in größter Erregung hin und her lief, sich in den zottigen Haaren wühlte und he­bräische Worte dazu babbelte.

Es scheint fast, als ist der vornehme Besuch ihm in die Krone gefahren," raunte ich meinem Freunde zu.

Kann wohl sein," ineinte er,obwohl noch irgend etwas im Hintergründe steckt." Dann rief er:Rosenzweig!"

Rosenzweig fuhr zusammen wie vom Blitze getroffen, dann sah er sich wild nach allen Seiten um, als wollte er wieder einmal Reißaus nehmen; da aber die Küche keinen anderen Ausgang bot, als die Thür, in welcher wir standen, so ergab er sich in sein Schicksal nnd trat - oder kroch vielmehr zu uns heran.

Rosenzweig," sagte mein Freund,uns interessiert das , kleine Ding da drinnen. Ihr habt es ausgenommen, Ihr wer­det es nicht nmkommen lassen. Wißt Ihr vielleicht eine Frau hier oder im Dorfe, die im stnude wäre, ihm noch diese Nacht Nahrung zu geben?"

Rosenzweig starrte ihn mit seinen roten Augen geüngstigt an, dann goß er einen Schwall von Schwüren und Beteue­rungen über uns aus: er wisse niemanden Gras solle wachsen vor seiner Thür, wenn er nicht spräche die reine Wahr­heit; die Rachel würde vielleicht wissen, aber die Rachel, Gott, der Gerechte nnd Ewige soll es bezeugen, die Rachel sei über Land.

Wie kommen aber die vielen Weiber in Euer Haus, Rosenzweig?"

Weiber, Gott, welche Weiber?"

Deren Stimmen wir vorhin in der Küche hörten, leugnet doch nicht unnötigerweise!"

Ja, nebbich, das wären das Veilchen, und die Esther und die Sarah, Verwandte von seiner Rachel, die wären gekommen, nach der Wirtschaft zu scheu, hätten aber längst wieder das Haus verlassen.

Um ihn auf der Stelle Lügeu zu strafeu, erhob sich in diesem Augenblick von den Hinterrüumen des Gebäudes her ein Gewirr von mauschelnden Frauenstimmen.

Rosenzweig wand sich wie ein Aal unter dein Messer, und dann schoß er plötzlich an uns vorüber nnd verschwand.

Lachend und kopfschüttelnd sahen wir ihm nach. Ich konnte den Gedanken an einen Verbrecher, der vor der Ent­deckung zittert, nicht los werden, und sagte es dem Freunde.

Aber was sollte der Jammerlappen wohl verbrochen haben?" erwiderte er.Seine Augst kommt jedesmal zum Durchbruch, wenn von seiner Rachel die Rede ist. Wahr­scheinlich hat sie sich, mit ein paar Ellen Spitzen um den Leib gewickelt, über die Grenze geschlichen in der Voraus­sicht, daß man sie, wie sie sich augenblicklich präsentiert, nicht visitieren werde. Aber wozu uus über Diuge den Kopf zer­brechen, die uns nichts angehen. Laß uns lieber nach unserem nackten Sperling sehen."

Als wir den Schenkraum betraten, fanden wir den Hin­teren Teil desselben von der Flamme eines Talglichts, das auf dem Boden eines umgestülpten Branntweinmaßes festgeklebt war, matt nnd schläfrig erhellt. Der vordere Teil, dort, wo die Thür und der riesenhafte Ziegelofen sich befanden, lag im Dunkel vergraben, denn der Schein der Kerze war nicht stark genug, bis hierher vorzudringen.