Heft 
(1889) 12
Seite
193
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und ist in dcr Post-Zcitungspreisliste unter Nr. I694e eingetragen.

Berlin, den 2^. Dezember.

Aliomiementspreis

bei der Post oder im Buchhandel vierteljährlich 3 Mark.

Inhalt : Das Nachtlager. Ein Bild aus dein Osten. Von Hermann Snderinann (Fortsetzung). Tie österreichische Jndenfrage und der Panslawismus. Von B. M. ---Ein Rückvlick auf die französische Revolution. Von Arthur Klcinschmidt. Kvsmvgonie. Bon Marie von Ebner-Eschenbach. Hcroiea. Von Carl Blcibtren (Fortsetzung!. Tie Grenzen der menschlichen Erkenntnis. Studie von l>r. Liinan. Die Charakterzügc dcr französisch-schlveizerischen Littcratnr. Von Carl Spitteler. Tie Mvdekraukheit Influenza. Von l>r. Carl Lange. Ludwig Anzengruber. Ein neues Totengespräch. Von F. M. Kleine Kritik.

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E i n B ild a tl s d e m O st e n.

Von

Hermann Sudermann.

(Fortsetzung.^

:lso erzählt!"

Und er erzählte, leise, den Kopf zn nns her- iibergeueigt, damit jene ihn nicht verständen. Vier­zehn Tage seien es her, da sei des Abends eine titanische Magd in das Schankzimmer gekommen, bleich und krank lind elend nnd säst znsammenbrechend unter der Last des Bändels, das sie ans der Schulter trug, nnd einer anderen Last, welche sie noch schwerer niederdräckte. Sie habe um Nachtlager gebeten, nnd er, obgleich er wohl sah, was ihr fehlte, habe sie nicht von der Schwelle weisen wollen um des eigenen Weibes willen, das ja auch seiner schweren Stunde entgegenginge. Und - wie stets, wenn von seiner Frau die Rede war sprach er die letzten Worte scheu und beklommen, als mässe er mit Gewalt ein Geständnis von seiner Brust loswinden.

Aber in der Schenke, so fuhr er fort, hätten ein paar Kätner aus dem Dorfe gesessen, die wären auf das arme, er­schöpfte Wesen, das ganz still hinter dem Ofen kauerte, auf­merksam geworden nnd Hütten gefragt:Ist das nicht die Mare Anduszis, die weggelaufene Tochter von dem verstorbenen An- dnszis?" Und dann hätten sie ihr die Frage ins Gesicht wie­derholt. Sie aber habe zu weinen angefangen und erzählt, sie sei drüben ans dem Russischen per Schub über die Grenze ge­bracht worden, um des Kindes willen, das sie unter dem Her­zen träge, nnd nun sei sie in die Heimat, gekommen, damit das Kind in der Heimat geboren würde!

Da seien die Kätner wütend geworden, daß sie Mutter und Kind als ortsarm auf Dorfes Kosten zu pflegen gehalten sein würden, und Hütten die arme Magd mit Knütteln über die Feldmark gejagt, damit das Kind auf einem andern Ge­

biete geboren würde. Seine Rachel er zuckte zusammen habe mit erhobenen Armen gefleht, sie zn schonen, nnd hinter­her seien ihr die Thränen nur so über die Backen geflossen: denn sie habe ein gutes Herz, seine Rachel.

Aber die Grausamkeit sei den Kätnern von wenig Nutzen gewesen: denn als er am nächsten Morgen zu seinem .Heu­schober gegangen sei, habe er daselbst, in rotbunte Lappen ge­hüllt, das kleine Gekribbel liegen gesunden, dasselbe, das wir im Backtrog gesehen.

Die Mutter aber sei fortan verschwunden gewesen.

Die Wut im Dorfe sei nun erst recht losgebrochen. Zu­erst habe mau dem kleinen Dinge einfach den Hals nmdrehen wollen; das habe aber seine die Rachel nicht zugelassen. Dann habe man beschlossen, es zur Nacht ins nächste Dorf zu tragen und dort dem Schulzen auf die Schwelle zu setzen: aber auch das sei nicht gelungen, weil die Träger sich schon vorher sinnlos betrunken Hütten.

Und nun läge es hier, nnd keiner wüßte, was mit ihm anfangen.

Wer ihm denn Nahrung gegeben hätte?

Die Rachel so gut mau mit Fenchel ein Kind eben nähren könne: denn Milch gäbe es nicht im Hause nnd auch weit und breit nicht.

Und wißt Ihr denn nicht, daß das Kind am Verhun­gern ist?"

Er zuckte die Achseln.Solauge die Rachel uoeh" er hielt plötzlich iuue und versuchte ein unbefangenes Gesicht zn machen, wobei er mit seinen kranken Augen vor sich nieder­zwinkerte, wie ein struppiger Dachs, der das Licht nicht ver­tragen kann.

Zum Teufel, was habt Ihr mit Eurer Rachel?" fuhr mein Freund ihn an,Ihr macht ja, als träte man Euch auf die Hühneraugen, sobald Euch ihr Name in den Mund kommt."

Was soll ich haben mit meine Rachel?" beteuerte Rvsen- zweig, beide Hände auf die Brust legend, -nichts soll ich