M 17. Deutschland. Seite 299.
ßern Wesen ausgeprägt und vvn seinen intimsten Äympathieen widergespiegelt, eine Ähnlichkeit mit den italienischen Renaissaueetypeu.
2. Herman Bang: Tine.
Herman Bang ist Skandinaviens extravagantester Mann. Sein exotisches Äußere ist eine Legende über den ganzen Nvrden. Als Vorleser hat er auf seinen Tourneen volle Häuser und interessierte Zuhörer gehabt; was er zu sagen hatte, war wohl dann und wann gemischtes Kompott von halbrohem Obst und halbfaulem Obst, aber das riesige Bouquet im Knopfloch seines Fracks und die Schwermut seiner Attitüden waren immer gleich unwiderstehlich. — Kokett und sentimental — er ist es auch als Schriftsteller, als Novellist und Feuilletonist. Er hat seine Persönlichkeit ungeniert und in bedeutendem Grade als Reklame benutzt, und der Zufall ist ihm dabei zu Hilfe gekommen: sein erstes großes Buch wurde von der Polizei beschlagnahmt, was ja eine ganz gute Reklame für ein Bruch ist, und als er einige Jahre später nach Deutschland auswauderte, wurde er als „mißliebig" ausgewieseu, was sein An- tinous-Antlitz in eine noch romantischere Beleuchtung setzte. Seine guten Eigenschaften als Schriftsteller waren ein intensives Verständnis der gleichzeitigen jungen Generation und eine Stimmungsinnerlichkeit, die doch oft übrig blieb, wenn der Zucker und Sirup der Sentimentalität sich ansgesondert hatten. Sein Hauptwerk: „Hoffnungslose Geschlechter," eine Schilderung der dänischen Jugend, deren erste Kindheitseindrücke die Schläge von 1864 waren — eine überreflektierte, hoffnungs- und mutlose, lebensunfähige Jugend — enthielt viel erlebte, persönliche Erfahrung und übte eine tiefe Wirkung auf die damals Jungen.
Herman Baugs neuer Roman „Tine" ist eine Episode aus dem Kriege von 1864. Das Thema ist eine Liebesverbindung zwischen einer Schullehrertochter und einem Förster. Tine liebt ihren Förster, darüber ist der Leser gleich im klaren; die Gefühle des Försters sind dagegen ein trüberes Wasser. Nachdem man hundert Seiten gelesen, reduzieren sie sich bei ihm plötzlich zu dem Wunsch, das Mädchen eine Nacht zu besitzen, ein leider allzu menschliches Phänomen, das nicht dazu ange- than ist, weiteres Interesse zu erwecken, da der eine Kontrahent der flachste aller Förster, der andere die bescheidenste aller Schulmeistertöchter ist. Zu dieser trivialsten aller Liebesgeschichten läßt Herr Bang den Kanonendonner das Accompaguement bilden. Schlägt man das Buch zu, so hat mau zwei Empfindungen: von dem Kanonenlärm, der einen ganz wüst im Kopf gemacht, und von dem zitternden Stilgelee, in dem man hat herumwaten müssen.
3. Viggo Stuckenberg: Messias.
Herr Stuckenberg gehört dem allerjüngsteu litterüren Dänemark an, dem, das noch ans der Schwelle seines Daseins steht. Er hat früher eine Sammlung Gedichte und einen kleinen Roman „Im Übergang" geschrieben.
Ebenso wie in den beiden früheren Arbeiten verrät sich in der eben erschienenen Erzählung ein Künstlertemperameut, das ausgeprägt dänisch ist, so typisch dänisch, daß die individuellen Ergänzungslinien und Vertonungen fast ganz zu fehlen scheinen. Er hat so gut wie nichts zu sagen, aber das Nichts, das er zu sagen hat, bringt er ganz fein und reizend vor. Er hat keinen Fond vvn Erfahrung, keinen gesichteten Gedankenvorrat, — aber er hat die echt dänische Gabe, aus dem Wenigen, das er hat, ein ästhetisch feinschmeckendes Gericht zu bereiten. Das Gepräge seiner Produktion erinnert au einen dänischen Buchenwald im allerersten Blätterspringen, dünnes, ängstlich zartes, schwachgefärbtes Laub; und an denselben Wald im Spätherbst, wenn er alle seine Blätter verloren und wie ein leichter, violetter Rauch in der linienfeinen Zeichnung seines Geästes dasteht. Und dieses Gepräge ist mehr als individuell; es ist volkstypisch: es ist der Ausdruck des träumenden Seelenlebens, das erst von einer Zukunft träumt und später von diesem Zukunftstraum träumt, der so hastig entschwand und nie zu mehr als einer schönen Erinnerung wurde.
Demnächst ist Herrn Stnckenbergs kleines Buch dänisch durch das Leben und die Menschen, die es schildert. Sein Thema ist die Generation, die sich in diesen Tagen hervordrängt im öffentlichen Leben als „das jüngste Dänemark." Alle diese jungen Leute sind Träumer ohne Erfahrung, ohne Erlebnisse, ohne eine Basis von Bildung, ohne ein ins Auge gefaßtes Ziel; im besten Fall besitzen sie einen wohlmeinend ehrlichen Enthusiasmus, im allgemeinen sind sie Labane, die in Radikalismus machen, weil sie keine Lust zu ihrem Nniversitätsexameu haben.
Der beste dieser Jünglinge verläßt die Koterie, weil ihm vor dem leeren, rohen Geschwätz ekelt, und als er bei dieser Gelegenheit im Lager der gesellschaftsverbessernden Sozialdemokraten landet, entdeckt er, daß er gar nichts weiter als ein Schuljunge ist, der am besten thäte, sich in die vortreffliche Erziehungsanstalt des Lebens und der Selbsterziehung zu begeben. Durch diesen Abschluß eröffnet das Buch eine Perspektive von Möglichkeiten und Zukunft, die dasselbe über das enge Milien erhebt, ans dem es hervorgegangen und das es schildern will — das typische Milien des gedrückten dänischen Studentenlebens. 01a ttlumson.
Henrik Ibsen 1828—1888. Ein litterarisches Lebensbild von Henrik Jäger. Deutsch von Heinrich Zscheilig. (Dresden und Leipzig, Verlag vvn Heinrich Minden, 1890.)
Die gewaltige Erscheinung Ibsens ist so Plötzlich in unserer litte- rarischen Stille nnfgetaucht, daß sich bei Freund und Feind recht ver kehrte Auffassungen über sein eigentliches Wesen gebildet hatten. Daran war vor allem schuld die unchronologische Ordnung der Werke, wie sie uns rasch hintereinander bekannt wurden; oft konnte man Zweifeln be gegnen, ob dies oder jenes Drama wohl ein-alter oder ein neuer Ibsen sei. So sind auch heute noch besonders die Gegner Ibsens recht wenig vertraut mit seinem sehr interessanten Eutwickelungsgaug von: revolutionären Apothekerlehrliug zum Romantiker, und von da zum ersten Dra matiker unserer Zeit, zum erklärten Individualisten in psychologischer und ethischer Hinsicht. Diese Entwickelung Ibsens lernen wir recht anschaulich aus dem Jägerschen Buche kennen, das sich besonders auszeichnet durch möglichst ruhig-objektive Darstellung, wenn auch die Begeisterung des Verfassers für Ibsen nicht zu verkennen ist. l.
Es war einmal. . . Moderne Märchen von Lndwig Ganghofer. (Stuttgart, Verlag von Adolf Bonz L Cie., 1890.)
Meist recht hübsche kleine Erzählungen bietet uns Gaughofer hier, die als Kalendergeschichten vorzüglich wären, aber doch fast zu dürftig für den Prächtig ausgestatteten Band, der uns vorliegt. Märchen in dessen sind es keine, auch nicht moderne. Unsere Zeit ist immer noch jung und frisch genug, um sich im echten, klaren Märchenquell zu baden, der dem Lande der Phantasie entströmt. Gaughofers Geschichten aber haben sich in einer Maskenverleihanstalt einigen Flitter geliehen und sind nur maskierte Märchen. Fast alles Wunderbare, was sich in den Märchen ereignet, stellt sich heraus als ein Traun: oder eine Fieberphantasie, oder es besteht in einer bösen oder guten Vorbedeutung: Ein Mädchen stolpert, wie es den Berg besteigt, später stürzt es eine Felswand herab; ein Gelehrter übersetzt seiner jungen Frau zu Weihnachten das „Verlorene Paradies" — und die Frau stirbt, und dergleichen. Der Zufall und das elementare Unglück spielen überhaupt in den Geschichten eine etwas zu große Rolle, und doch sollte gerade das Märchen, das alles in der Natur personifiziert und alles ins Gebiet des Moralische«: hiuüberspielt, damit an: wenigsten zu thun haben. - So sind dem: gerade die Geschichten, die auf alle«: märchenhaften Ausputz verzichten, die besten in den: Bande; das sind: „Thür an Thüre," „In: Hölleukobel," „Der Glücksncher" und noch einige andere. >.
Gesänge und Balladen von Johann Friedrich Lahmnnn.
(Bremen, Verlag voll M. Heinsins Nachfolger, 1890.) Abnoba. Lieder nnd Bilder vom Schwarzwald von H. Robert. (Stuttgart, Verlag von Adolf Bonz Cie., 1890.)
Die Anthologie ist das charakteristische Buch für die Lyrik unserer Zeit. An eine Auswahl auch aus ganz modernen Lyriker:: wird mau immer mit der begründeten Hoffnung hcrautreteu können, Gutes und Treffliches zu finden. Wer aber nähme heutzutage ein Buch ohne Miß trauen in die Hände, das nur Gedichte eines ihn: unbekannten Autors enthält? lind dieses Vorurteil ist nicht unberechtigt; die Erfahrung lehrt, daß mau durch solche Bücher fast stets in dem Verfasser einen trefflichen, warmherzigen Menschen kennen lernt, der auch oft formell Tüchtiges leistet, und doch — es fehlt das kleine Etwas, das die Verse znm Ge dicht und das Gedicht zum Lied macht.
Und wem: der Mensch in seiner Qual verstummt,
Gab mir ein Gott, zu sagen, was ich leide.